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Startseite Almtraum Folge 123 vom 2. August 2007

Folge 123 vom 2. August 2007

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Ich starrte auf das unbeschriebene Blatt in der Maschine. Unbefleckt, jungfräulich, schwirrte mir dazu im Kopf; ein Schriftsteller nimmt dem Papier die Unschuld. Solange das Papier weiß ist, ist es nichts, dessen wir uns schämen müssten. Erst die Buchstaben erzeugen die Konflikte, wenn sie sich zu Worten und Sätzen formen.. Wenn ich schreibe, kämpfe ich mit Worten, schreibe ich nicht, kämpfe ich mit mir selbst. Wann hatte ich zu kämpfen aufgehört?

»Simpel«, sagte ich und hob den Zeigefinger zu meiner eigenen Belehrung, »simpel ausgedrückt: Es fällt dir nichts mehr ein.« Die Rolle der Triumph in diesem Spiel war noch nicht geklärt. Hatte sie mich nicht ständig zum Schreiben gedrängt? Im Grunde ging mir ihr silbernes Gegrinse und der melodische Anschlag auf die Nerven und ich hätte sie liebend gern erschlagen, aber so betrunken war ich nicht, dass ich mich nicht an meine blutenden Handgelenke erinnert hätte.

Die Pflaster waren schwarz und an den Rändern aufgerollt. Ich riss sie mit einem Ruck herunter.

Wenn ich mich recht erinnerte, fehlte der Schluss. Ein fulminantes Finale, das alle Fäden der Handlung zu einem Netz verknüpfte, um damit den Leser zu fangen, oder zu einem Strick, an dem sich der Verfasser erhängen könnte?

»Ich bin eine mehrfach erhängte Leiche«, dozierte ich laut. Ich setzte den Zeigefinger erneut zur Unterstützung meiner Aussage ein und fing ihn im zweiten Versuch mit der anderen Hand ein.

Die Triumph lachte.

Na warte, dachte ich, jetzt werde ich dir ein letztes Kapitel auf die Walze hämmern, dass sich die Typenhebel biegen.

Letztes Kapitel

asdfg hjklöä asdfg hjklöä asdfg hjklöä qwert zuiopü qwert zuiopü asdfg asdfg hjklöä asdfg hjklöä asdfg alsk skdjfkjf aeeürtkkkkkkkkkkkkk

Genial, kicherte ich, Generationen von Literaturkritikern und gestandenen Germanisten würden die einschlägigen Periodika mit Deutungsversuchen füllen. Wer auf den trivialen Ansatz verfiel, der Autor habe in einer Phase seelischer und geistiger Ausbrennung Fingerübungen an der Tastatur gemacht, worauf die regelmäßige Anordnung der Buchstaben hindeute, würde geringstenfalls mitleidig belächelt, auf jeden Fall aus der Gemeinde seriös arbeitender Textinterpreten ausgestoßen. Versöhnung und Chaos – ein ketzerischer Ansatz zum neueren Verständnis des Werkes von Stefan Bruhks. Wer würde diese Herausforderung wagen? Mir fiel ein, dass ich in den letzten Jahren keine private Korrespondenz geführt hatte – Fluch der modernen Kommunikationstechnik, die auf das flüchtige, gesprochene Wort abstellte. Damit fehlte den Deutern jegliches Quellenmaterial über die einzelnen Phasen meines Schaffens und der Einfluss der wechselnden Lebensumstände auf mein Werk blieb im Verborgenen und konnte nicht für Querinformationen genutzt werden.

Aus der augenblicklichen Euphorie stieg ich zügig zu einer depressiven Stimmung hinab. Mit Daumen und Zeigefinger zog ich das Blatt aus der Maschine und legte es auf den Stapel der anderen. Fünf Zeilen pro Blatt waren angemessen. Sorgfältig spannte ich ein neues Blatt ein und richtete es aus. Dann hämmerten meine Finger rhythmisch auf der Tastatur. Bei jklöä verhakten sich die Typenhebel regelmäßig, weil ich zu schnell war. Schade, dass es noch keine Methode gab, dem Leser durch Vermittlung der Anschlagfolge beim Schreiben den letzten Rest analytischen Aufschlusses zu geben. Nicht nur das r, auch das ä war inzwischen verbogen und hob von der Grundlinie ab.