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StartseiteAlmtraumFolge 105 vom 15. Juli 2007

Folge 105 vom 15. Juli 2007

»Ich möchte trotzdem gerne wissen, wie Sie auf die Idee gekommen sind, mich zu entführen.«

»Die Absage von Weigold war die letzte und Ihr Name war mir in guter Erinnerung. Zur Hütte wäre ich ohnehin nach der Schicht gefahren, auch ohne Ihren Fahrauftrag.«

»Eine zufällige Kurzschlusshandlung?«

»Vermutlich. Die ganze Woche habe ich mich nicht wohl gefühlt. Höhepunkt war am Dienstag ein Kreislaufkollaps auf der Landsdorfer Straße. Daher das Pflaster hinter dem Ohr. Ich hätte dem ärztlichen Rat folgen sollen.«

Bettina pflückte einen Grashalm und drehte ihn zwischen den Fingern. »Wie lautete der ärztliche Rat?« Sie schaute Stefan an, bis er ihrem Blick auswich. »Ich will Sie nicht bedrängen«, fügte sie leiser hinzu.

»Gründlich durchchecken, die Ursache suchen. Man fällt nicht einfach um, sagte Dr. Römer.«

»Ich gehe nur zum Arzt, wenn es unbedingt nötig ist. Mir reichen die regelmäßigen Untersuchungen, die ich als Frau über mich ergehen lassen muss.«

»Dr. Brinkmann?«

»Woher wissen Sie? Also doch kein Zufall – Sie haben mir nachspioniert!«

Hastig bastelte Stefan an einer Ausrede. Die Namensnennung sei ein Zufall, eine Erinnerung an einen Namen, den er eigentlich nicht einordnen konnte, Dr. Römer musste ihn erwähnt haben, als er wegen der Kopfverletzung im Krankenhaus war. Ansonsten kenne er – wie sollte er auch? – keine Frauenärzte.

»Gut«, sagte Bettina, »ich glaube Ihnen. Dr. Brinkmann ist nämlich eine Ärztin.«

Stefan lehnte sich erleichtert in die Wiese zurück. Der Rucksack behinderte beim Liegen; er zog ihn vom Rücken und holte eine kleine Flasche Mineralwasser heraus.

»Bevor das Wasser warm wird, sollten wir es trinken. Sie zuerst.«

Sie reichte ihm die Flasche halbvoll zurück.

Zu korrekt, wie er fand, und trotzdem verständlich. Die vorbeiziehenden Wolken fesselten seine Aufmerksamkeit und er begann das Alm-Spiel, wie er es nannte, beobachten und dabei nichts tun, den Gedanken freien Lauf lassen, die Einfühlsamkeit schärfen, sich so weit vom Alltag entrücken zu lassen, dass ihm das Leben leicht erschien wie eine vom Wind getragene Feder, wenn er nur anhielt und sich mitnehmen ließ, wie von den Wellen einer starken Strömung. Er schob die Bilder an die Seite, ohne sich von ihrer Bedrohlichkeit vollends lösen zu können. Ein Stapel Papier geriet in Bewegung, schwappte über – tausend Seiten aufeinander lagen schwer auf dem Magen und drückten wie ein zu fett angerichtetes Essen. Nur der Wind konnte Abhilfe schaffen und den Stapel zerlegen und die Wörter zurück lassen, die ohne ihren Zusammenhang keinen Sinn mehr ergeben.

Stefan stützte seinen Oberkörper auf die Ellenbogen und sagte in Bettinas Richtung: »Ihre Bemerkung über den Kraftakt – als hätte es jeder von uns mit zwei Frauen getrieben. Typisch schwarz-weiß: Männer wollen nur das eine, wollen Sie damit sagen.«

»Moment«, hakte Bettina ein, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Frauen klagen über sexuelle Belästigung und machen daraus ein allgemeines Vorurteil gegenüber Männern. Das ist genauso verwerflich wie Ihnen an die Brust oder das Gesäß zu fassen. In jedem Falle wird der andere missachtet.«

»Ausgerechnet Sie müssen von Missachtung sprechen. Wenn Sie Achtung vor mir gehabt hätten, säße ich jetzt …« Sie schaute auf die Armbanduhr. »In der Mittagspause.«

Stefan hob den Kopf. Die Sonne blendete und er musste eine Hand hochhalten, um Bettina ins Gesicht schauen zu können. »Es gibt viele Formen von Missachtung.«

»Sprechen Sie schon wieder von zurückgeschickten Manuskripten?«

»Ach was! Sie haben die Entführung als Totschlagsargument benutzt, und das ist unsachlich. Und Sie haben damit Ihre Person ins Spiel gebracht, und das ist unklug. Oder habe ich Sie etwa nicht geachtet?«

Sie kniete sich neben ihn. »Später«, sagte sie. »Am Anfang waren Sie ein bisschen verrückt. Das hat mir Angst gemacht.«

Stefan ließ die Hand sinken. Für den Blick an ihr vorbei brauchte er keinen Schutz vor der Sonne.