StartseiteAlmtraumFolge 98 vom 8. Juli 2007

Folge 98 vom 8. Juli 2007

Stefan setzte sich neben sie. »Weder noch. Ich werde mich nach vorne orientieren, lautet die Erkenntnis. Im dauernden Rückblick liegt keine Perspektive. Da ich keine Vergangenheit habe, sollte ich der glücklichste Mensch auf Erden sein, ohne Ballast, der mich in den Abgrund zieht und mein Leben vermiest.«

»Fehlt Ihnen ohne Vergangenheit nichtder Boden unter den Füßen? Vergangenheit muss in der Gegenwart bestellt werden wie ein Acker, damit in der Zukunft etwas wächst.«

»Ist das von Ihnen?« fragte er. »Soviel Weisheit vertrage ich nicht vor dem Frühstück.«

»Kurz abgeblockt«, kommentierte sie. »Sie lassen nur an sich ran, wen oder was Sie wollen. Im Davonlaufen, wenn es kritisch wird, sind Sie ebenso gut wie ich, wenn nicht gar besser.«

»Ich habe mildernde Umstände. Genauer gesagt: Ich bewege mich zur Zeit auf stark schwankendem Boden.«

»Wenn ich eins und eins zusammenzähle, sieht die Sache doch so aus: Die unveröffentlichten Manuskripte haben Sie aus der Bahn geworfen. Trösten Sie sich, wir fliegen alle irgendwann einmal am Ziel vorbei.«

»Gut erkannt. Vielleicht war es ein Fehler, mich allein auf die Bank zu hocken.«

»Zu spät, zurück zu geh’n, zu spät zu jammern und zu klagen«, deklamierte Bettina.

Ein Zitat, dachte er. Die Herkunft war unwichtig, die Aussage entscheidend: Zu spät, zu spät, klang es seinen Ohren. Anstatt sich zurückzuziehen und über drohende Konsequenzen nachzudenken, hätte er an deren Vermeidung arbeiten können. Die Stimmung gestern Abend war günstig gewesen, locker und freundschaftlich.

»Sie überlegen? Das Phantom der Oper. Sie sollten Ihre Quellen besser studieren.«

»Machen Sie sich ruhig lustig über mich.« Stefan verschwand in die Küche und legte Holz nach. Auf dem Rückweg brachte er die Kaffeekanne und eine Stecknadel mit.

»Das ist gut.« Bettina nahm die Stecknadel und piekte in die Fußsohle. »Auh«, sagte sie.

»Wir könnten morgen zum Girpitsch aufsteigen«, sagte Stefan. »Als Wiedergutmachung für das gestern abgewürgte Gespräch ist es nicht zu spät, eher zu früh.«

»Warum nicht heute? Wegen der Rückfahrt?«

»Für die Heimfahrt reicht es, am späten Nachmittag aufzubrechen. Nach der Schneeschmelze ist es heute noch zu nass und zu matschig.«

Bettina drehte sich um und schaute durch das Fenster. »Die Sonne steckt hinter den Wolken«, sagte sie und schnitt dünne Scheiben von einem Stück Käse.

»Der Käse riecht und schmeckt.« Bettina biss in das Brot. »Kein Sorge, ich werde mir nicht angewöhnen, mit vollem Mund zu sprechen«, kaute sie. »Wo bleibt denn Bettina?, werden sie jetzt bei Weigold fragen. Bettina macht blau, ist die Antwort.«

»Lieben Sie Ihren Beruf etwa nicht?«

»Mir geht es nicht um den Beruf, sondern um die Frage, was mir lieber wäre, jetzt ein Manuskript zu lesen oder zum Girpitsch aufzusteigen. Ihnen kann ich diese Frage wohl schlecht stellen.«

»Soll das heißen …«

Sie nickte. »Wir fahren erst morgen Nachmittag. Ich kann das bei Weigold regeln. Sie sind überrascht, nicht wahr?«

»Das kann man wohl sagen.« Weil er auf der Bank saß und nicht auf dem Fußboden stand, konnte er den Freudensprung an die Decke nicht machen. Er war beeindruckt von der unterkühlten Gleichgültigkeit, mit der er reagierte und seine Gefühle unter Kontrolle halten konnte. Unergründlich blieb ihm, warum er bei anderen Gelegenheiten umfiel, so wie gestern Abend, als er sich vor die Hütte gesetzt hatte.

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