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Startseite Almtraum Folge 90 vom 30. Juni 2007

Folge 90 vom 30. Juni 2007

19

Stefan kniete vor der geöffneten Herdklappe und schob zerknülltes Zeitungspapier in den Ofen.

»Darf ich?« fragte Bettina.

»Können Sie denn Feuer machen?«

»Hätte ich sonst gefragt? Sie denken, ich sei eine Frau aus der Wohlstandsgesellschaft, perfekt in der Handhabung des Raumthermostats.«

»Vielleicht waren Sie bei den Pfadfinderinnen. Dann könnten Sie immerhin die Windrichtung bestimmen und einen Knoten schlingen, den niemand ohne Schere öffnen kann.«

Bettina nahm ihm das Papier aus der Hand und steckte es in den Ofen. Er stand unschlüssig und wusste nicht, was er mit der geschenkten Zeit anfangen sollte. Die Betrachtung ihres Rückens und der Bewegungen beim Aufstehen und Niederknien erschien ihm aufdringlich. Für die Vorbereitungen zum Abendessen war es noch zu früh. Er füllte den noch dreiviertelvollen Wasserbehälter im Herd bis zum Rand und die Gießkanne am Wassertrog bis zum Überlaufen auf und setzte sich dann im Wohnraum an den Tisch. Nebenan schloss Bettina die Ofenklappe.

»Wie haben Sie die Luftzufuhr eingestellt?« fragte er, als sie im Türrahmen erschien.

»Offen. Es ist noch nicht genug Glut vorhanden. – Sie sollten Ratgeber schreiben statt Romane.« Bettina setzte sich ihm gegenüber. »Hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Ich bin ganz Ohr.«

»Geschichten von der Alm? Auch wenn Sie einen falschen Eindruck bekommen, ich trinke einen Obstler und ein Bier. Leider habe ich kein Murauer Märzen.«

Bettina zögerte. »Keinen Schnaps«, entschied sie. »Ich nehme ein Bier. Von unserem bayerischen.«

Stefan servierte und prostete sich mit einem Nippen am Obstler zu. »Ich trinke sonst nie Schnaps«, erklärte er, doch klang, was er sagte, eher nach einer Entschuldigung.

»Sie bevorzugen Schenkelspreizer, nicht wahr?« Kaum hatte Bettina den Satz ausgesprochen, saß sie stocksteif und sortierte die Finger an beiden Händen.

»Sie sind vorlaut«, sagte Stefan und verbarg dabei geschickt sein Vergnügen über ihre unbedachte Äußerung.

»Nicht vorlaut.« Bettina legte die Hände auf den Tisch. »Frau darf in einer von Männern beherrschten Welt nicht auf den Mund gefallen sein.«

»Da stimme ich Ihnen aus eigener Erfahrung zu.«

»Sie?« fragte Bettina und machte ein ungläubiges Gesicht. »Erzählen Sie, was Sie als Frau erlebt haben.«

»Ich meine – ganz allgemein«, stotterte er und suchte krampfhaft in der Erinnerung nach einem Beispiel. Sein Kopf blieb leer. Genauso gut hätte er einen Blinden mit verbundenen Augen auf Entdeckungsreise schicken können.

»Kann es sein, dass ich Ihnen in einem früheren Leben als Frau begegnet bin?«

Stefan wurde einen Moment schwarz vor Augen, wie auf der Landsdorfer Straße, gerade lang genug, dass es Bettina auffallen musste.

»Ist Ihnen wieder schlecht?« fragte sie. »Wir bringen uns gegenseitig ganz schön aus der Fassung. Die Anspielung auf die Inkarnation war ein Scherz. Ich glaube nicht an eine Wiederkehr.«

Stefan trank das Stamperl in einem Zug leer.

»Ich frage mich, welcher Mensch Sie sind«, sagte Bettina leise. »Sie entführen eine wildfremde Frau – das Thema drängt sich ja wohl auf«, fügte sie hinzu, weil er die Augen verdrehte, »und fallen bei harmlosen Bemerkungen fast in Ohnmacht.«

»Ich weiß es nicht«, antwortete er.