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Folge 85 vom 25. Juni 2007

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Bettina stand im Türrahmen. Sie hatte die Jeans gegen eine Leinenhose gewechselt. Hoffentlich steht sie nicht schon länger dort, dachte Stefan.

»Wie sind Sie in das Loch hinein gekommen?« fragte er. Na wie wohl, gab er sich die Antwort, bestimmt ist sie nicht aus Spaß hineingehüpft.

»Ich bin weggerutscht und habe das Gleichgewicht verloren. Ehe ich mich versah, lag ich drei Meter tiefer.«

»Sie waren nicht in Lebensgefahr.«

»Dass Sie mich ein weiteres Mal gerettet haben, ist schon verdammt zwiespältig. Andererseits, wenn Sie mich mit dem Taxi einfach nur nach Hause gefahren hätten … Vorhin, auf dem Weg zur Hütte habe ich gedacht, jetzt holt er gleich den Strick raus, aus ist es mit deiner Bewegungsfreiheit. Und was machen Sie? Kochen Kaffee.«

»Möchten Sie eine Tasse? Bringen Sie die Milch mit, sie steht auf der Kommode.«

Bettina kam mit der Milch und einer emaillierten Blechtasse. »Seit ich denken kann«, sagte sie und betrachtete die großen weißen Punkte auf der blauen Tasse, »gehe ich in kritischen Situationen ins Bett. So wie eben. Ich stelle mich nicht.«

»Jeder Mensch hat seine eigenen Mechanismen in der Bewältigung von Konflikten.«

»Darum geht es nicht. Ich bin Ihren Vorwürfen ausgewichen.«

»Ich sehe keinen Grund, Ihnen Vorhaltungen zu machen.«

»Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Flucht unvernünftig war. Weiter unten am Wasserfall hätte der nächtliche Ausflug tödlich enden können. Seien Sie doch nicht so entsetzlich selbstgefällig. Ihre Rücksicht rechtfertigt nicht die Freiheitsberaubung, derer Sie sich schuldig gemacht haben.«

»Sie sind das Entführungsopfer, ich bin der Entführer. Sie haben das Recht auf Fluchtversuche.« Schrecklich, wie er heuchelte. Auf solche Eigenschaften konnte er im Zusammentragen seines Persönlichkeitsbildes gerne verzichten.

»In Ordnung, wenn Sie es so sehen.« Bettinas Augen verengten sich und ein entschlossener Zug trat um ihren Mund. »Wagen Sie es nur nicht, sich mir auf weniger als fünfzig Zentimeter zu nähern.« Sie stellte die Kaffeetasse auf den Tisch und verließ den Wohnraum.

Es war kein Teller in Reichweite, so wie in der Wohnung. Den hätte er nicht gegen die Wand, sondern auf seinem Kopf zertrümmern müssen. Eine zweite Chance, über einen Friedensschluss zu reden, würde sie ihm nicht so schnell wieder geben.

Eine andere Hälfte, die vorsichtigere in ihm, fragte: Hätte sie dich mit einem blauen Auge davonkommen lassen? Er fand darauf keine schlüssige Antwort.

Bettinas Zubettgehen-Verhalten war ihm nicht fremd. Hatte er nicht das erste Streitgespräch mit ihr auf die gleiche Weise beendet? Zum Holzhacken war er ebenso ausgewichen und schließlich war er davongelaufen, als sie mit ihrer pointierten Frage ein vernichtendes Urteil über seine Phantomgeschichte gefällt hatte. An diesem Punkt der Überlegung stülpte sich eine tiefer greifende Vermutung über die vorhandene Erkenntnis: Ich bin auf der Flucht, doch ich weiß nicht, wovor. Es gibt etwas, dem ich mich nicht stelle.

Stefan lugte zur Enzianflasche im Wandschrank, während er den Kampf mit sich ausfocht.

User generated Goethe

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Warum versieht jemand dieses Video auf YouTube mit dem Schlagwort »literaturcafe.de«?

https://www.youtube.com/watch?v=PjW_JmODi0s

Doch beim zweiten Mal hören kam uns die Roboterstimme dann doch irgendwie bekannt vor

Wolfgang Tischer liest Wilhelm Busch

Max und Moritz
Am Dienstag (26. Juni 2007) liest Wolfgang Tischer, Vorleser und Herausgeber des literaturcafe.de, wieder live vor Publikum in der Schiller Buchhandlung in Stuttgart. Diesmal sind Texte von Wilhelm Busch zu hören, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 175. und dessen Todestag sich im kommenden Jahr zum 100. Mal jährt.

Buschs bekannteste Figuren sind ohne Frage Max und Moritz, und natürlich wird Tischer an diesem Abend die »Bubengeschichte in sieben Streichen« lesen. Aber auch der unbekannte Wilhelm Busch wird vorgestellt. Busch, der insbesondere in seinen Bildergeschichten die Menschen karikierte, zeigt in der autobiografischen Schrift »Von mir über mich«, dass er jedoch darauf bedacht war, dass sich keine Einzelpersonen aus seinem Umkreis wiedererkennen: Lachen ist ein Ausdruck relativer Behaglichkeit. Der Franzl hinterm Ofen freut sich der Wärme um so mehr, wenn er sieht, wie sich draußen der Hansel in die rötlichen Hände pustet. Zum Gebrauch in der Öffentlichkeit habe ich jedoch nur Phantasiehanseln genommen. Man kann sie auch besser herrichten nach Bedarf und sie eher tun und sagen lassen, was man will.

Außerdem sind am 26. Juni 2007 Gedichte von Wilhelm Busch sowie ein Ausschnitt aus der Erzählung »Der Schmetterling« zu hören. Wolfgang Tischers Lesung wird musikalisch vom Duo SpielART begleitet (Nicole Sturm-Goes, Gitarre und Ekkehard Schobert, Flöte). Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Karten können telefonisch unter der Nummer 0711/7354116 bei der Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen vorbestellt werden.

Folge 84 vom 24. Juni 2007

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Stefan folgte seinen Fußspuren und hielt sich zwischen den Latschen, von denen er im Vorbeigehen den Schnee von den Zweigen gefegt hatte. Im Stall fand er die Leiter nicht dort, wo sie seiner Erinnerung nach liegen sollte. Er durchsuchte das Gerümpel und fand sie schließlich unter einem Haufen verrotteter, noch mit dem rostigen Stacheldraht verbundener Zaunpfähle.

In den Latschen war die Leiter hinderlich. Die Sprossen fädelten sich immer wieder in die Kiefernzweige ein und wehten ihm Schnee ins Gesicht.

»Machen Sie die Taschenlampe an!« rief er und blieb stehen.

Rechts von ihm stieg bewegtes Licht in die Höhe. Mit der Leiter schob er die Zweige zur Seite und bahnte sich den Weg durch das Gestrüpp.

Bettina schaute von unten hoch. »Ich habe schon geglaubt, Sie kommen überhaupt nicht mehr.«

»Ich konnte die Leiter nicht sofort finden«, sagte er und senkte sie in die Vertiefung. »Legen Sie die Leiter nicht zu steil an und achten Sie auf sicheren Stand«, mahnte er. Sie probierten zwei Stellen, bis er zufrieden war.

Als sie oben stand, schickte er sie voraus. Auf der Wiese schloss er bewusst nicht zu ihr auf. Er wollte mit der Erleichterung ebenso allein sein wie vorhin mit der Angst. Seinetwegen sollte sie glauben, er treibe sie vor sich her wie ein Schaf zur Schlachtbank.

In der Hütte hängte Bettina die Jacke an die Garderobe und ging durch in den Schlafraum.

Stefan legte Holz nach und setzte Kaffeewasser auf. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Zum Kaffeekochen wendete er mehr Handgriffe auf als nötig und pendelte unnütz zwischen Herd, Geschirrkommode und Wohnraum. Als er endlich mit einer Tasse im Wohnraum saß, stand er wieder auf und kontrollierte den Herd, brachte die Milch zurück in den Stall, um sie gleich wieder mitzunehmen, weil er mehr als eine Tasse Kaffee trinken wollte.

Nebenan war es ruhig. Kaum vorstellbar, dass die Lektorin schlief, doch nachzusehen traute er sich nicht. In seiner Verfassung würde er den Schein nicht wahren und auftreten können wie jemand, der einen anderen Menschen in seiner Gewalt hält. Wenn die Lektorin nicht auf den Kopf gefallen war, würde sie sich einen Reim darauf machen. Sobald der Schnee geschmolzen war, was nach der Jahreszeit morgen bedeutete, würde sie mit einem Grüß Gott nach Hause aufbrechen. In einer Stunde war sie an der Jausenhütte. Von dort aus gab es für eine attraktive Frau in Schwierigkeiten genügend Möglichkeiten, nach Josephskirch zu kommen.

Wenn dich die ganze Welt verläßt … Stefans Augen glitten über den Wandbehang, ohne wirklich zu lesen.

Bettina sah gut aus und war ihm – noch – ausgeliefert. Über diese Komponente der Entführung hatte er bisher keine Sekunde ernsthaft nachgedacht. Er hatte gedroht, getan als ob, mehr nicht. War er wirklich anständig? Warum spürte er kein Verlangen, wunderte er sich und war andererseits froh, denn die Lage war kompliziert genug. Ob er denn bereue, richtete er die Frage aus der Perspektive einer gerechten Instanz an sich. Nein, warum, antwortete er, sie ist eine Frau und ich stehe auf ihrer Seite; sie hat nichts zu befürchten. Ich stehe auf Ihrer Seite, hatte auch Direktor Ralzinger gesagt. Mit der Perücke und dem pinkfarbenen Kostüm hatte Stefan die Macht. Plötzlich war er sicher, dass Ralzinger ihn niemals anzeigen würde.

Stefan strich sich durch die Haare; die einzige Möglichkeit, in die Nähe seiner verworrenen Gedanken zu kommen, allerdings ohne sie ordnen zu können.

Glückwunsch: Fee Katrin Kanzler ist Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses

Fee Kathrin KanzlerIm Vorfeld des diesjährigen Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis, das am Donnerstag beginnt und wie immer in 3sat übertragen wird, findet auch in diesem Jahr der Klagenfurter Literaturkurs statt. Der Kurs beginnt am heutigen Sonntag und 10 vielversprechende Talente sind zur Teilnahme eingeladen. Wir vom literaturcafe.de freuen uns ganz besonders, dass in diesem Jahr Fee Katrin Kanzler unter den Stipendiaten ist!

Bereits seit einiger Zeit sind vier ihrer wunderschönen Gedichte im Café zu lesen und zu hören – von ihr selbst vorgetragen.

Wir waren und sind fest davon überzeugt, dass von Fee Katrin Kanzler in naher Zukunft noch einiges zu hören und zu lesen sein wird. Im Augenblick schreibt sie an ihrem ersten Roman. Wer im Raum Stuttgart/Tübingen wohnt, sollte sich daher den 16. August schon einmal im Kalender vormerken, denn an diesem Tag liest Fee Katrin erstmals öffentlich im Tübinger Literaturcafé in der Kunsthalle Ausschnitte aus ihrem Roman vor. Und da wir schon einmal in den Anfang des Romans reinlesen durften, ist unser klarer Tipp: Hingehen und zuhören!

Literatin 2007: Bewerbungsschluss vorgezogen

Jetzt bewerben zur Literatin 2007Wer sich in diesem Jahr als »Literatin 2007« bewerben möchte, sollte am besten noch heute ein Digitalfoto von sich raussuchen und sich über unser Formular bewerben. Wir suchen ein weibliches Model, das unsere Literatur-T-Shirts präsentiert und laden zum Foto-Shooting mit der Fotografin Birgit-Cathrin Duval ein.

Normalerweise heißt es bei Wettbewerben ja häufig: »Wegen des großen Erfolges wurde der Einsendeschluss verlängert«. Das ist allerdings Marketing- und PR-Sprache und bedeutet übersetzt: »Mist, wir haben zu wenig Teilnehmer! Lassen wir das noch ein paar Tage länger laufen, vielleicht schickt uns noch jemand etwas halbwegs Brachbares.«

Doch bei uns ist es nicht so: unzählige vielversprechende Bewerbungen zur »Literatin 2007« haben uns bereits erreicht. Dafür danken wir allen Einsenderinnen! Und um es uns bei der Auswahl nicht noch schwerer zu machen und die Bewerberinnen nicht allzulange warten zu lassen, haben wir den Einsendeschluss um einen halben Monat auf den 29. Juni 2007 vorverlegt (kommender Freitag).

Bis zum 29. Juni nehmen wir Ihre Bewerbung sehr gerne noch entgegen! Alles was Sie über die »Literatin 2007« wissen müssen, lesen Sie auf unserer Infoseite, auf der Sie zudem das Bewerbungsformular finden.

Folge 83 vom 23. Juni 2007

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Mit der linken Hand suchte Stefan den Raum über dem Fußboden ab, wo die Taschenlampe stehen musste. Dann erinnerte er sich, dass er die Taschenlampe bereits gestern Abend vermisst hatte. Er stieg aus dem Bett und tastete sich Schritt für Schritt durch das Dunkel bis zur Kerze, die er vor dem Zubettgehen in der Küche neben dem Gaskocher abgestellt hatte.

Manchmal war er nachts zu faul, in den Stall auf die Toilette zu gehen und er stellte sich vor die Tür. Jetzt, wo Schnee lag, machte das keinen guten Eindruck. Unter einfachen Bedingungen neigen Männer dazu, sich ordinär zu verhalten, insbesondere wenn sie sich unbeobachtet fühlen; hier waren es durchaus praktische Überlegungen, denn je öfter der Toiletteneimer voll war, desto häufiger musste er entleert werden. An diesem Punkte geriet er mit der kleinen Engländerin in Streit und sogar Hermann, der auf den Bergtouren als gemeinschaftserprobter Mitwanderer galt, scheute den Eimerwechsel.

Leise kehrte Stefan in den Schlafraum zurück. Mit der Handfläche schirmte er das Kerzenlicht ab, um Bettina nicht zu wecken.

Das rote Innenfutter ihres Schlafsacks lag weit offen. Nur halb wach begriff er nicht sofort, was vorgefallen war: Bettina hatte sich davon gemacht! Deshalb konnte er die Taschenlampe nicht finden! Die Wunde hinter dem Ohr begann schmerzhaft zu pochen.

In der Dunkelheit war es unmöglich, Bettina zu suchen. Ebenso unmöglich war, ruhig im Bett zu bleiben. Wenn dich die ganze Welt verläßt … doch eines halt dir immer fest … Bettina war der einzige Mensch, den er hatte, Berta Böttcher, Ralzinger, Bichler, Moosbauer, Traudl, das waren Begegnungen. Man hat einen Menschen, wenn man sich mit ihm verbunden fühlt, und mit Bettina fühlte er sich verbunden, über Absage und Entführung hinaus. Die Verantwortung für sie lastete doppelt schwer.

Angst kam, sie entstand wie immer oben im Magen und breitete sich schnell bis hoch in den Hals aus. Diesmal würgte sie ihn nicht, sondern trieb ihn in eine lähmende Unruhe. Er zog sich an und machte Feuer im Ofen, verbrachte die zwei Stunden bis zur Morgendämmerung gehend, stehend und sitzend, er räumte auf und ordnete, was bereits geordnet war. Die Weiße Wand mischte sich massiv in seine Gedanken als die Befreiung von aller Schuld.

Als die Nacht in graue Schatten überging und einige Meter Sichtweite zuließ, holte er aus dem Stall die Baustellenlaterne und füllte sie mit Petroleum auf.

Ein leichter Wind trug die spärlich fallenden Schneeflocken sanft zur Erde. Vor der Hütte waren Bettinas Fußabdrücke noch zu erkennen, sie führten in Richtung auf den Lift. Hin und wieder rissen die Spuren ab und wurden nur dort wieder deutlich sichtbar, wo die Grasfläche eben war, am Lift vorbei verloren sie sich. Da sie nur den Weg durch die Latschen und am Wasserfall vorbei nach unten kannte, musste sie zwangsläufig dorthin gegangen sein. Selbst er hatte Mühe, im Halbdunkel die Einmündung des Pfades auf die Alm am Rand der Latschen zu finden.

Gott im Himmel, flehte er und versuchte nicht daran zu denken, dass die Lektorin sich verirrt haben könnte.

Er suchte entlang der Latschen, bis er auf die Priach stieß. Der Bach war an dieser Stelle flach und breit, durchsetzt mit Steinen wie Pickel auf einer glatten Wasserhaut. Da sie von unten kommend den Bach nicht überquert hatten, würde Bettina spätestens hier kehrt gemacht haben, und dass sie aufwärts gegangen war, konnte er ebenfalls ausschließen.

»Bettina!« rief er laut. Kurz entschlossen drang er in die Latschen ein und bahnte sich einen Weg abwärts. Schnee stieb von den Zweigen auf Jacke und Gesicht. Noch einmal rief er: »Bettina!«, während er mit den Zweigen kämpfte und Wassertropfen aus dem Gesicht wischte.

»Hier bin ich!«, hörte er und glaubte, die Antwort zu träumen; er blieb stehen, lauschte und rief er erneut, lauter.

»Hier!« kam die Antwort prompt zurück. Von links.

So gut es ging ruderte Stefan durch die Latschen. Ein zurückschnellender Ast zerschlug das Glas der Petroleumlaterne und löschte die Flamme. Er fluchte und warf die Laterne auf den Boden.

»Wo sind Sie?« rief er.

Keine zehn Meter vor ihm leuchtete eine Taschenlampe auf. Bettina stand in einem Bodentrichter nahe der Priach. Steile Wände hielten sie von drei Seiten gefangen. Im Rücken versperrte ein Felsbrocken mit glatten Kanten den Ausweg über den Bach.

Mit ausgestrecktem Arm ging er auf die Knie. Noch bevor Bettina seine Hand greifen konnte, zog er den Arm zurück. »Wenn ich abrutsche, sitzen wir beide in der Falle«, erklärte er und stand auf. »Ich hole eine Leiter, das ist sicherer. Im Stall liegt eine, die benutzt der Lugleitner, wenn er lose Dachschindeln festnagelt.« Er wusste selbst nicht, warum Dachreparaturen im Augenblick erwähnenswert waren.

»Beeilen Sie sich!«

Die eigentliche Schande der Grimme Online Awards 2007

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Nach 100 Jahren möchte ich gelesen werdenThomas Knüwer schreibt in seinem Weblog »Indiskretion Ehrensache« (Links im Text von uns):

Monika Porrmann betreibt das Weblog »Nach 100 Jahren möchte ich gelesen werden«. Doch nicht sie schreibt, sondern Annette von Droste Hülshoff. Deren Briefe sind die Artikel, die Antworten ihrer Korrespondenzpartner die Kommentare. Dazu stellt sie Fotos und Videos. Ein kleines, wunderschönes Projekt, das ich den »Im Internet ist alles Müll«-Schwadronierern künftig um die Ohren hauen werde.

Porrmanns Projekt aber geht bei all der WutDiskussion unter. Und das ist die eigentliche Schande der Grimme Online Awards 2007.

Und um die Schande etwas abzumildern, sei hier nochmals auf das etwas andere literarische Weblog »Nach 100 Jahren möchte ich gelesen werden« verlinkt. Das literaturcafe.de gratuliert Monika Porrmann zum Gewinn!

Goethe und die Drogen oder: Wie kriegt man Jugendliche zu Goethe?

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Im Spiegel Online findet sich ein aus GEO entnommener, höchst vergnüglicher und auch deswegen lesenswerter Text von Harald Martensteins Vater-Sohn-Reise nach Weimar, in dem der Vater sich bemüht, seinem Sohn aus dem Goethe-Gymnasium ebendessen Namensgeber nahe zu bringen. Der Sohn ist auch nicht auf den Mund gefallen: »Wenn Werther von Goethe eine Selbstmordwelle ausgelöst hat, dann können Bücher genauso gefährlich sein wie Computerspiele. Trotzdem fordert keiner, sie zu verbieten.« Wir fordern das ja schon seit langem!

PS: Den Werther gibt es kostenlos als Hörbuch im Café zum Nachhören der These!

Folge 82 vom 22. Juni 2007

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Stefan holte eine Flasche Rotwein aus dem Stall. Während er die Flasche öffnete und die Gläser füllte, saß Bettina wie unbeteiligt am Tisch. Auch nach dem Eingießen kam kein Gespräch in Gang. Stefan begann, diesen Zustand zu mögen. Sie würde ihm doch nur mit der Entführung in den Ohren hängen, ein Thema, zu dem er heute Abend nichts mehr hören wollte. Er könnte sich mit ihr über das vergebliche Schreiben unterhalten, aber womöglich würde die Lektorin ihm über ihr vergebliches Lesen erzählen, über die Abstumpfung, Manuskript für Manuskript an die Seite zu legen und die Hoffnung nicht aufzugeben, das nächste würde die Erfüllung bringen.

Mitten in seine Betrachtungen zeigte Bettina auf das weiße Tuch an der Wand. Wenn dich die ganze Welt verläßt und eines dir nur bliebe – diese Aussage spannte sich als Schirm von blaugestickten und von Blumen umrankten Buchstaben über die beiden folgenden Zeilen – doch eines halt dir immer fest, das ist die Gottesliebe. Eine zu umständliche Aussage, wie sie fand.

»Bodenständig«, meinte Stefan, »nicht umständlich. Ihr Eindruck ist verständlich, weil bei Ihnen die kritische Einstellung zu allem Geschriebenen berufsbedingt ist.«

Bettina nahm einen Schluck Rotwein. Mit dem Absetzen des Glases fragte sie: »Welches Ihrer Manuskripte habe ich eigentlich abgelehnt?«

Er nannte den Titel.

»Bei der Fülle von Papier, das über meinen Schreibtisch geht … Ich erinnere mich nicht. Um welches Thema ging es denn?«

»Eine sozialkritische Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt.«

»Nicht unbedingt ideal für einen Ersteinstieg bei Weigold. Ein solches Thema braucht einen bekannten Verfasser. Es muss die Leute interessieren, was denn der … Wie war Ihr Name?«

Stefan wischte die Frage mit einer Handbewegung weg.

»Was denn der Dingsda zu dem Thema zu sagen hat,« vollendete Bettina, »dann wird das Buch gekauft. Unbekannter Autor, anspruchsvolles Thema, kleine Auflage, keine Käufer, kein Umsatz, kein Gewinn, vergiss es, pflegt mein Chef zu sagen. – An was hatten Sie denn gedacht, was ich für Sie schreiben soll?«

Stefan verblüffte die ruhig und sachlich gestellte Frage. »Ich habe einen Entwurf, Das Literaturphantom«, rettete er sich. Über den Roman hatte er sich bis jetzt keine wirklichen Gedanken gemacht. »Warten Sie.«

»Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen«, sagte Bettina, als er ihr die zusammengefalteten Seiten reichte. Die kühle Beherrschtheit, die er bisher an ihr nicht kannte, traf ihn schmerzhaft, glaubte er doch seit dem Abendessen, die Lektorin habe eingelenkt und die Dinge würden von nun an einen friedlichen Verlauf nehmen. Statt dessen würde er sich weiter vorsehen müssen, um von ihr nicht eingewickelt zu werden wie beim Essen die Käsestückchen in die Salami.

Bettina verzog keine Miene, während sie las, und das störte ihn zunehmend.

»Was soll das sein?« fragte sie und legte die Blätter auf den Tisch. »Plagiat oder Persiflage? Oder beides – ein persifliertes Plagiat? Die Niederschrift einer Wahnvorstellung über Lektorinnen?«

Stefan nahm die Seiten wortlos vom Tisch und stopfte sie zusammen mit zwei Holzscheiten in den Herd. Aus dem Schlafraum holte er eine Wolldecke, nahm seine Skijacke vom Garderobenhaken und ging vor die Tür und um die Ecke der Hütte. Ein schwacher Lichtschimmer lag auf der Schneedecke vor dem Wohnraumfenster. Außerhalb des Fensterbereichs verschluckte die pechschwarze Nacht den Schnee. Mit der Hand fegte er ein Brett frei, das über zwei kurze Baumstücke genagelt worden war, hockte sich drauf und lehnte sich an die Hüttenwand.

Seine theatralische Reaktion war nicht zu vergleichen mit der bei Berta Böttcher, auf deren Urteil er wahrlich keinen Wert legte. Bei der Lektorin lagen die Dinge anders, sie hatte ihr Urteil in ein überlegenes Wortspiel gekleidet, sie hatte es ihm gezeigt, ihn in Frage gestellt.

In der Hütte war es lange Zeit ruhig, dann hörte er Bettina hantieren. Was sie wohl macht, fragte er sich und knüpfte an das Spiel der Fantasien an, die Interpretation der Geräusche, die ihn über nächtliche Schlaflosigkeit hinweg geholfen hatte. Die ausgetretenen Bohlen des Wohnraumes knarrten in unregelmäßiger Folge; er glaubte, das Schlagen der Ofentür und das Gießen von Wasser zu hören. Einmal öffnete Bettina die Tür nach außen. Er lauschte angestrengt, doch deckte der unermüdliche Fluss des Wassers in den Trog die anderen Geräusche zu. Später flackerte Kerzenlicht durch das Schlafraumfenster und erlosch schließlich.

Als es ihm zu kalt wurde und er hineinging, brannte kein Licht mehr. Er langte nach den Streichhölzern auf dem Ecktisch und zündete eine Kerze an. Bettina lag in dem Bett, das er ihr zugewiesen hatte, den Schlafsack über die Schultern gezogen. Sie atmete ruhig und gleichmäßig.

»Machen Sie bitte die Kerze aus«, sagte sie plötzlich, ohne die Augen zu öffnen.

Zwei Dinge zum Thema Buchpreisbindung

Euro-PreisIn Deutschland und Österreich haben Bücher gebundene Ladenpreise. In der Schweiz jedoch nicht mehr. Ilija Trojanow (»Der Weltensammler«) hat sich in der letzten Woche auf den Buchhändlertagen in einer sehr persönlichen und lesenswerten Rede für die Preisbindung ausgesprochen.

Die Preisbindung ist ein basisdemokratisches Instrument, das den Neoliberalen ein Dorn im Auge ist, gerade weil es so gut funktioniert und weil es ein Solidaritätsnetz zwischen geistig unabhängigen, kritischen Geistern knüpft, das nicht ins Weltbild passt, der Angriff auf die Preisbindung ist wie der Angriff auf die Wasserversorgung anderswo. Zum vollständigen Text beim Börsenblatt.

Hierzu passen auch sehr gut Berichte, dass englische Buchhandlungen an einem Bestseller wie an dem in einem Monat erscheinenden 7. Harry-Potter-Band offensichtlich nichts mehr verdienen. Supermärkte und Online-Buchhandlungen bieten den Roman zum Dumping-Preis an. Der Verkauf eines Bestsellers wird zum Verlustgeschäft.

Folge 81 vom 21. Juni 2007

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Bettina hängte das Trockentuch über dem Ofen auf und ging in den Wohnraum. Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

»Haben Sie die Signatur auf der Tischplatte gesehen? Der Großvater des Walln-Bauern hat sie eingebrannt. Anton. Lugleitner. 1892. Das ist das Jahr, in dem die Hütte erbaut wurde.

»Ist die Schnitzerei eine Sehenswürdigkeit?«

»Eher eine Art von Grundstein. Es lag schon immer im Wesen des Menschen, sich Denkmäler zu setzen«, sagte Stefan.

»Und für Ihr persönliches Denkmal brauchen Sie mich?«

» Ich möchte es anders ausdrücken: Wäre mir nicht der Platz verweigert worden, würde ich mich selbst um die Ausführung kümmern, wie viele Monarchen vor mir.«

»Ich fürchte, das ist tatsächlich Ihre Meinung«, sagte Bettina.

»Glauben Sie, was Sie wollen. Jetzt ist es Zeit, dass wir uns über den Tagesablauf Gedanken machen.«

»Schauen Sie mich an: Ich bin aus dem Stundenplanalter heraus!«

»Führen Sie keinen Terminkalender?« entgegnete Stefan.

Sie schwieg.

»Wenn das Wetter mitspielt, können wir nach dem Frühstück wandern gehen. Es gibt einige lohnenswerte Ziele, zum Beispiel den Girpitschsee. Warmes Essen machen wir uns am Nachmittag, wenn wir zurück sind. Nach dem Essen wird gearbeitet.«

»Das hört sich an wie humaner Strafvollzug.«

»Sie schreiben an meinem Roman«, sagte Stefan, »so wie Sie ihn gern hätten, damit Weigold ihn annehmen kann.«

»Zu welchem Thema?«

»Wir unterhalten uns über das Thema, wenn es soweit ist.«

»Wie viel Zeit habe ich?«

Ihm entging nicht, dass sie eine rhetorische Frage gestellt hatte. »Bis Ende Oktober sollten wir fertig sein. Dann müssen wir spätestens von der Hütte, wenn wir nicht überwintern wollen. Ein reizvoller Gedanke, zugegebenermaßen.«

»Wie wollen Sie verhindern, dass ich vorher gehe?«

Er hatte keine Ahnung. »Solange es schneit, brauche ich Sie nicht anzuketten«, redete er sich heraus. Wenn sie erst einmal dahinter gekommen war, dass er bluffte, war es ohnehin aus. Als Alfred noch zu ihm sprach, konnte er die merkwürdigen Umstände seines Daseins als so unwirklich abtun wie Alfred selbst; ohne Alfred war die Wirklichkeit ein Irrgarten, aus dem er den Ausgang nicht finden konnte. Die Lektorin war momentan seine einzige Bindung an das Leben.

»Ich bin fest entschlossen, Sie nicht gehen zu lassen.«

»Sie sind verrückt!« flüsterte Bettina.

»Ja«, bestätigte er mit belegter Stimme. »Behalten Sie diese Erkenntnis fest im Auge und lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie aus einem anderen Betrachtungswinkel zu einer anderen Einschätzung kommen.«

»Vielleicht sind Sie krank. Sie sollten sich helfen lassen.«

»Ich appelliere an Ihre Unfehlbarkeit«, brauste er auf, »und schon zweifeln Sie, haben Mitleid – das Schlimmste überhaupt! Der arme Kerl! Warum wollen Sie mir absprechen, dass ich verrückt bin? Habe ich Ihnen irgend etwas verweigert außer diesem jämmerlichen Zustand, den Sie Freiheit nennen?«

»N-nein«, stammelte Bettina und lehnte sich zurück, fand im Rücken keinen Halt und musste zur Tischkante greifen.

»Ein Paradies für Ihre Freiheit, das biete ich Ihnen.« Stefan öffnete die Hände. »Ich schenke Ihnen die Chance, Ihre innere Freiheit zu finden. Um den Preis von ein bisschen Einschränkung bei der freien Wahl Ihres Aufenthaltsortes.«

»Verzeihen Sie. Ich bin eine undankbare Frau.«

»Ironie ist keine Antwort.« Er holte sich die Flasche Obstler und ein Stamperl aus dem Wandschrank und stellte beides auf den Tisch.

»Ist das der Weg in die innere Freiheit, den Sie mir zeigen wollen?«

»Ich fühle mich nicht wohl.« Er schob Flasche und Glas mit dem Arm an die Seite. Das Stamperl polterte auf die Tischplatte. Für einen Augenblick erwog er, sich zu offenbaren. Zunehmend verlor er die Kontrolle über die Situation. Eine Lektorin zu klauen war eine absurde Idee. Nun, da er sie hatte, konnte er sie nicht ohne weiteres wieder laufen lassen; das hieße, sich aufzugeben. Dann blieb ihm, Stefan Gibtesnicht, nur die Weiße Wand, der Inbegriff des tiefen Abgrundes.

»Haben Sie vergessen, dass ich nicht freiwillig hier bin?«

»Eben das ist das Verrückte.« Stefan stellte das umgestürzte Stamperl auf, ließ das Glas aber nicht los.Das Bild eines angeschlagenen Boxers tauchte in ihm auf, der wild und unkontrolliert um sich schlägt und damit sein vorzeitiges Ende beschleunigt.

»Trinken Sie«, forderte Bettina ihn auf.

Jetzt marschierte sie wieder nach vorne und er wusste nicht, wie er seine Deckung hoch bekommen konnte. Wo blieb der rettende Gong? Er brauchte die neutrale Ecke.

»Es ist Zeit für das Abendessen«, sagte er.

Während er den Tisch deckte, saß sie nachdenklich auf der Bank. Er servierte eine Käseauswahl und Wurstaufschnitt auf einem Holzbrett. Sie lehnte Bier und Wein ab und bekam Orangensaft.

Beim Essen redeten sie nur belangloses Zeug. Stefan stellte Häppchen aus Brot, Aufschnitt, Käse und Gurkenscheiben zusammen und schmeckte sie mit Pfeffer und Salz, Senf und Tomatenmark ab. Er variierte mit den vorhandenen Möglichkeiten, gab ihr zum Probieren und gemeinsam wählten sie die schmackhafteste Kreation aus.

»Fühlen Sie sich wieder besser?« erkundigte sich Bettina zwischendurch.

Stefan wickelte einen Würfel Edamer in eine Salamischeibe mit Camembertrand. »Ja, sicher«, antwortete er wie auf eine überflüssige Frage. Das Essen hatte seine Stimmung gehoben und die vorhin erlebte Krise war nichts weiter als ein Schwächeanfall.

Bettina half ihm wortlos beim Abräumen und Spülen. Das Schweigen deutete er nicht als den Ausdruck einer tiefen Kluft, allerdings auch nicht als die Selbstverständlichkeit, die Vertrauen voraussetzt und keinen Dialog mehr benötigt. Sie wirkte entspannt, als sie sich nach der Arbeit in den Wohnraum setzte und ihn um ein Glas Wein bat. Wieder kamen Stefan Zweifel, ob er die Entführung noch im Griff hatte, die soeben erst beim Essen wieder gewonnene Festigkeit und sein Vorsatz, Bettina auch mit Einschüchterung auf der Alm zu halten, bröckelten wie trockener Putz von der Fassade. Ihn ärgerte das Wechselbad zwischen Überzeugung und Unsicherheit, das konnte er so gut gebrauchen wie die enttäuschten Hoffnungen bei der Identitätsfindung.

Stammtisch für Autorinnen und Autoren in Second Life

Stammtisch für Autorinnen und Autoren in Second LifeNachdem letzte Woche unsere Lesung in Second Life sehr erfolgreich war, starten wir heute (Donnerstag, 21. Juni 2007) den nächsten Versuch in der digitalen Zweitwelt. Ab sofort wird es jeden Donnerstag um 20 Uhr (MESZ) einen Stammtisch für Autorinnen und Autoren geben. Natürlich sind alle, die sich fürs Schreiben interessieren und auch »Nur-Leser«, herzlich eingeladen! Der Stammtisch befindet sich im digitalen Baden-Württemberg. In Second Life einfach den Suchbegriff »baden-wuerttemberg« (mit Bindestrich und ue!) eingeben oder aber direkt diesem Link folgen: slurl.com/secondlife/Baden-Wuerttemberg/146/36/24

Ggf. steht wieder eine Tonübertragung und die Diskussionsmöglichkeit per Skypecast zur Verfügung. Näheres ist dann kurz vor der Veranstaltung direkt in Second Life zu lesen.  Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Folge 80 vom 20. Juni 2007

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Die dicken Scheiben eines Baumstammes lagen im Stall wie Bauklötze durcheinander. Der Walln-Bauer lieferte sie frei Hütte in der für den Ofen benötigten Länge.

Stefan öffnete die Außentür und holte das Tageslicht herein. Für den Anfang wählte ein Baumstück mit geringerem Durchmesser aus. Mit wuchtigen Hieben teilte er den Stamm und die abfallenden Stücke, bis sie noch armdick waren. Zwischendurch sammelte er die Scheite auf und stapelte sie im Futtertrog entlang der Wand. Die dicken Baumstücke konnte er mit der Axt nicht mehr heben. Um sie zu spalten trieb er Eisenkeile hinein, viel Mühe für die wenigen Stunden Wärme, die ein solcher Baumklotz hergab.

Während des Holzhackens vergaß er die Lektorin. Zufrieden mit der Arbeit hieb er die Axt in den Hauklotz. Ob Schnee oder Dauerregen, er würde dem Wetter viele Tage trotzen und behaglich wohnen können.

Er versperrte die Außentür von innen mit dem Holzpflöckchen. Die kleine Engländerin hatte am ersten Tag auf der Hütte, noch ohne den Abstand vom Alltag, die besorgte Frage gestellt, ob eine Tür ohne Schloss nicht ein Risiko sei. Stefan hatte auf ihren Einwand gelacht und geantwortet, er habe noch nie von einer Kuh gehört, die man von der Alm geklaut hätte. Die kleine Engländerin sprach danach sehr schnell und heftig englisch, so dass er sie nicht verstand.

Die Stalltür schlug krachend hinter ihm zu, weil er die Hand nicht weit genug zurückgestreckt hatte. Bettina stand am Ecktisch und spülte Geschirr. Sie trug ein kariertes Hemd, Jeans und dicke Wollsocken.

»Heh«, sagte Stefan. Noch rechtzeitig konnte er sich in seinem augenblicklichen Hochgefühl bremsen. Sie sah gut aus und die kurzen Haare standen ihr auch ungewaschen. Die verschiedenen Schattierungen des Mittelblond verloren sich im schummrigen Licht der Hütte. »Zünden Sie ruhig eine Kerze an. Bei schlechtem Wetter, wenn man die Tür nicht zusätzlich öffnen kann, ist es doch recht dunkel.«

»Wo finde ich die Abtrockentücher?« fragte Bettina, ohne sich umzudrehen.

»Im Schlafraum, in der vierten Schublade, dort wo die Tischdecken sind.« Er ging selbst und kam mit zwei Abtrockentüchern zurück.

»Sie brauchen mir nicht zu helfen«, sagte sie und nahm ihm den Teller aus der Hand.

Er stand da wie überflüssig. »Der Herd ist ausgegangen«, stellte er fest und überspielte damit die Situation. »Merken Sie sich: Wenn nichts knackt und knistert, muss man nach dem Herd sehen.«

Er öffnete die Luftzufuhr und brachte das Feuer mit Papier und dünnen Holzstückchen unter ständigem Pusten zum Lodern. Zufrieden legte er zwei Holzscheite in die Flammen.

Bettina räumte die Teller in das Wandregal über der Kommode.

»Schütten Sie das Spülwasser einfach vor die Tür«, sagte er. »Und füllen sie den Wasserbehälter im Herd wieder auf.«

Sie riss die Tür auf und ließ das Wasser im hohen Bogen fliegen. Im Schnee bildete sich ein großer grüner Klecks.

»Ist was?«

Sie gab keine Antwort.

»Verstehe«, sagte er, »es herrscht Krieg.«

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 3

Bücher mit eigenen TextenDiesmal: Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien

Freudestrahlend wedelt das junge Mädchen mit der Zeitschrift in ihrer Hand, denn da steht ihr Name drin, schwarz auf weiß, und sogar ein Foto ist neben dem Text abgedruckt. Die Vermittlung über eine wohlmeinende Deutschprofessorin hat diese erste Veröffentlichung in einer Literaturzeitschrift ermöglicht. Die Klassenkollegen meinen, dass sie jetzt berühmt werden würde. Aber das alles ist schon ein paar Jahre her.

Heute stehen in meinem Regal mehr als zehn Anthologien und noch mehr Zeitschriften, in denen man meinen Namen und meine Texte findet, berühmt bin ich trotzdem immer noch nicht und werde es durch diese Veröffentlichungen auch nicht so schnell werden. Reich wird man davon auch nicht, manchmal sogar das Gegenteil.

Für die meisten Veröffentlichungen in Anthologien wird gar nichts oder sehr wenig bezahlt, und bei sehr vielen Zeitschriften ist es ebenso. Man verschenkt sozusagen seine Texte an die Herausgeber, die es vielleicht schaffen, damit Geld zu verdienen. Man macht es, um seinen Namen gedruckt zu sehen und damit andere Leute die eigenen Texte lesen.