Nicht, dass ich das Fehlen jetzt beklage: das sonnige Wetter mit der Glut der herbstlichen Farbenpracht und mit der vom Duft vollreifer Früchte geschwängerten Luft, den Wind, der die Blätter der Bäume auf den herbstlichen Tanz vorbereitet, die wärmende Mittagssonne, die die Menschen aufrechter gehen lässt und ihnen ein Lächeln in’s Gesicht zaubert …
Gebannt verfolgen mich bei dem Ankommens-Rundgang durch meinen Garten die Blicke von Nachbars Schafen. Ich laufe nicht mehr barfuß. Auch die Hühner unterbrechen plötzlich ihr unentwegtes Scharren und Picken, um mir hinterherzuschauen. Meine Schuhe sind nass. Es hat sich ausgesommert: Ein Kirschkernteppich als übrig gebliebene Spuren sommerlichen Überflusses unter den Bäumen; gelbe und rote Äpfel, die mangels einer anderen Bestimmung ihren Weg zur Erde angetreten haben. Ich sehe: Für Stare und kleines Getier mit Appetit auf Kirschen und Äpfel ist mein Garten ein Überlebensraum. Ich teile gern.
Die sonntägliche Wolkendecke ist von bester Qualität: dick, reißfest, wasserspeichernd, wärmeabweisend. Heute fällt der Tanz aus. Nur der Schwerkraft gehorchend, fallen die vom nächtlichen Regen feuchten Blätter zur Erde. Unbeeindruckt von allem recken die Dahlien in der Nachbarschaft ihr goldgelbes Antlitz in den bedeckten Himmel.
Der prächtige Nussbaum, mein Refugium lauer Sommerabende, entledigt sich seiner Früchte. Schwarzen, fauligen Pflaumen gleich umklammert die schützende Hülle noch am Boden den kostbaren Inhalt. Weihnachtliche Nuß-Köstlichkeiten vor meinem inneren Auge, nehme ich weiter nasse Schuhe in Kauf und klaube tapfer Nuß für Nuß aus dem schwarzen, schmierigen Etwas. Leere Schalen, kreisrunde Löcher in goldbraunen Walnüssen lassen mein Herz höher schlagen. Auch mit hungrigen Eichelhähern und Eichhörnchen teile ich gern.
Ein Sonnenstrahl trifft mein Gesicht. Die Welt ist nicht wärmeabweisend. Ich öffne mein Herz. Sanft schwebend kokettiert in meiner Nähe ein Pfauenauge mit der Sonne. Formationen laut schnatternder Wildgänse am Himmel unterbrechen die Stille. Ich schaue ihnen nach. Haben auch sie auf die Sonne gewartet?
Textkritik: Herbst, kein goldener – Prosa
Zusammenfassende Bewertung
Diese Schilderung wird dem Thema nicht gerecht, sondern der letzte Absatz stellt es auf den Kopf! Dieser müsste ersatzlos gestrichen werden, wollte man dem Text noch eine Kleinigkeit abgewinnen.
Sonst überwiegt leider das Übliche: überflüssige Wiederholungen, Probleme mit Grammatik und Rechtschreibung, schiefe Bilder. Zu selten zeigt sich sprachliches Ausdrucksvermögen.
Die Kritik im Einzelnen
Der Beginn ist höchst missverständlich: Die Überschrift stimmt ein auf den ungoldenen Herbst, und schon zu Beginn der Schilderung wird das Fehlen nicht beklagt. Logischerweise erwartet man jetzt, dass das Fehlen des goldenen Herbstes nicht beklagt wird. Es scheint auch so zu sein, denn da ist vom sonnigen Wetter mit der Glut der herbstlichen Farbenpracht die Rede, von vollreifen Früchten, also der Erntezeit – aber dann bereitet der Wind die Blätter (überflüssigerweise: die der Bäume, nicht die der Hefte …) auf den herbstlichen Tanz vor: Ja, was jetzt? Doch noch kein Herbst? Sollte es etwa der Sommer sein, dessen Fehlen nicht beklagt wird? Leuchtet das Sommersonnenwetter in den Farben der herbstlichen Pracht (was bleibt dann dem Herbst, wenn der Sommer ihm sogar die Farben weg nimmt?)?. Im Herbst wird geerntet, das ist einfach so, auch wenn sich manche Früchte nicht daran halten. Und die Mittagssonne wärmt offenbar auch nur im Sommer und sonst nicht, will man dem Erzähler-Ich glauben, tu ich aber nicht: Falls die Mittagssonne tatsächlich die Menschen aufrechter gehen lässt und ihnen ein Lächeln ins (genau: ohne Apostroph, der im Deutschen für 1 fehlenden Buchstaben steht: wenn schon, müsste man in “s schreiben) Gesicht zaubert, dann tut sie das viel eher mitten im kalten Winter als in der Gluthitze des Sommers! Und sonst? Nun: zweimal kommt das Adjektiv herbstlich vor in dieser nicht-fehlenden Sommeridylle, und zwei Sonnen scheinen – das ist ein bisschen viel aufs Mal! zurück
Was ist das? Gibt es auch noch einen Weggehens-Rundgang? Pennt das Erzähler-Ich normalerweise im Garten und hatte diesen versehentlich verlassen, so dass es jetzt einen Ankommens-Rundgang zelebrieren muss? zurück
Jajaja, die plötzliche Unterbrechung im Gegensatz zur langsamen, kriechenden, zeitaufwändigen … zurück
1 Teppich als Spuren? Verbesserungsvorschlag: Zwei Kirschkernteppiche als übrig gebliebene Spuren (sofern es zwei Kirschbäume gab) oder Ein Kirschkernteppich als übrig gebliebene Spur zurück
Die Spur findet sich logischerweise unter 1 Baum – jetzt ist aber von unter den Bäumen die Rede, also gibt es wohl ein Rudel Kirschbäume (ich nehme nicht an, dass sich unter einem Mirabellenbaum so mir nichts dir nichts ein Kirschkernteppich bildet)! Zudem sind die Spuren erkennbar: Es sind Kirschkerne! Und da man sie als solche erkennt, müssen sie notwendig übrig geblieben sein; wozu auch das noch betonen? Warum denn nicht gleich und kürzer, etwa: Kirschkernteppiche als Spuren sommerlichen Überflusses? Da wären dann mehrere Bäume impliziert, ohne dass man die noch draufsatteln muss … zurück
Nanu? Sie Äpfel haben ihren Weg angetreten? Sie liegen also keineswegs auf dem Boden, sie sind nicht zur Erde gefallen, sondern befinden sich irgendwo zwischen Baum und Erde und müssen gegen die Erdanziehung ankämpfen, letztlich aber doch unterliegen, da ihr Weg zur Erde unausweichlich ist? Oder soll hier Asche zu Asche, Erde zu Erde assoziiert werden, was das zur aber nachhaltig verhindert? zurück
Wer es noch nicht wusste: Stare gehören zum großen Gevögel und sind offenbar die einzigen gefiederten Kumpel, die die Kirschen des Erzähler-Ichs gemocht haben …(achje, es ist eine Qual) zurück
Der erste Satz der mir gefällt, denn er verlässt die üblichen Schemata (bislang gab es nur ein überraschendes Wort, dass ich noch loben kann: ausgesommert). Allerdings ist bei wärmeabweisend zu bedenken, dass Wolken in beide Richtungen Wärme abweisen, gemeint ist aber wohl nur die Behinderung der Sonnenstrahlen. zurück
Zu ergänzen: … und überholen dabei die Äpfel, die immer noch unterwegs sind. zurück
Spannend: Was treiben die Dahlien, die nicht in der Nachbarschaft hausen? Schauen diese in die Röhre? Warum diese unnötige Präzision? Zudem erinnere ich mich, dass in der Nachbarschaft vor allem Schafe leben: Tun die den Dahlien nichts? zurück
Der Mensch hat ein Gesicht, die Dahlie ein Antlitz … was bleibt dann dem HErrn? Das ist heftig kitschig! zurück
Davon ausgehend, dass sich nicht die lauen Sommerabende unter den Nussbaum zurückgezogen haben, sondern in ebendiesen Sommerabenden das Erzähler ich unter solch, würde ich das auch so schreiben: mein Refugium in lauen Sommerabenden. zurück
Ja wie: Nussbaum, aber Nuß-Köstlichkeiten? Einfach bei Nuss bleiben, es ist so einfach: kurz und stimmlos, also Doppel-s! zurück
Ach ja, die Nüße! zurück
Schwarz war doch gerade erst: Schwarzen, fauligen Pflaumen gleich! Da steht doch alles! Warum all diese überflüssigen Wiederholungen? zurück
Tja, damit wäre der schönste Satz hinfällig: beste Qualität, dick, reißfest, wasserspeichernd, wärmeabweisend. Ein einsamer Sonnenstrahl hat sie einfach zerstört … zurück
Und warum, bitte? Es geht nicht um den goldenen Herbst, versprach die Überschrift – und jetzt wird er unversehens golden? Das enttäuscht maßlos! Die Überschrift müsste ehrlicherweise heißen: Herbst, endlich golden! zurück
Prosatext, kein guter
Dass Malte Bremer mitten im Sommer einen herbstlichen Prosatext bespricht, soll nicht bedeuten, dass die Pause bis zur nächsten Textkritik erneut so lang sein wird. Aber schließlich kann man auch am Strand Bücher über Leute lesen, die zum Nordpol reisen. Und vielleicht reicht die Zeit, um bis dorthin selbst einen guten herbstlichen Text zu schreiben. Der heute besprochene hat leider keine Brille unseres Kritikers erhalten.
Folge 98 vom 8. Juli 2007
Stefan setzte sich neben sie. »Weder noch. Ich werde mich nach vorne orientieren, lautet die Erkenntnis. Im dauernden Rückblick liegt keine Perspektive. Da ich keine Vergangenheit habe, sollte ich der glücklichste Mensch auf Erden sein, ohne Ballast, der mich in den Abgrund zieht und mein Leben vermiest.«
»Fehlt Ihnen ohne Vergangenheit nichtder Boden unter den Füßen? Vergangenheit muss in der Gegenwart bestellt werden wie ein Acker, damit in der Zukunft etwas wächst.«
»Ist das von Ihnen?« fragte er. »Soviel Weisheit vertrage ich nicht vor dem Frühstück.«
»Kurz abgeblockt«, kommentierte sie. »Sie lassen nur an sich ran, wen oder was Sie wollen. Im Davonlaufen, wenn es kritisch wird, sind Sie ebenso gut wie ich, wenn nicht gar besser.«
»Ich habe mildernde Umstände. Genauer gesagt: Ich bewege mich zur Zeit auf stark schwankendem Boden.«
»Wenn ich eins und eins zusammenzähle, sieht die Sache doch so aus: Die unveröffentlichten Manuskripte haben Sie aus der Bahn geworfen. Trösten Sie sich, wir fliegen alle irgendwann einmal am Ziel vorbei.«
»Gut erkannt. Vielleicht war es ein Fehler, mich allein auf die Bank zu hocken.«
»Zu spät, zurück zu geh’n, zu spät zu jammern und zu klagen«, deklamierte Bettina.
Ein Zitat, dachte er. Die Herkunft war unwichtig, die Aussage entscheidend: Zu spät, zu spät, klang es seinen Ohren. Anstatt sich zurückzuziehen und über drohende Konsequenzen nachzudenken, hätte er an deren Vermeidung arbeiten können. Die Stimmung gestern Abend war günstig gewesen, locker und freundschaftlich.
»Sie überlegen? Das Phantom der Oper. Sie sollten Ihre Quellen besser studieren.«
»Machen Sie sich ruhig lustig über mich.« Stefan verschwand in die Küche und legte Holz nach. Auf dem Rückweg brachte er die Kaffeekanne und eine Stecknadel mit.
»Das ist gut.« Bettina nahm die Stecknadel und piekte in die Fußsohle. »Auh«, sagte sie.
»Wir könnten morgen zum Girpitsch aufsteigen«, sagte Stefan. »Als Wiedergutmachung für das gestern abgewürgte Gespräch ist es nicht zu spät, eher zu früh.«
»Warum nicht heute? Wegen der Rückfahrt?«
»Für die Heimfahrt reicht es, am späten Nachmittag aufzubrechen. Nach der Schneeschmelze ist es heute noch zu nass und zu matschig.«
Bettina drehte sich um und schaute durch das Fenster. »Die Sonne steckt hinter den Wolken«, sagte sie und schnitt dünne Scheiben von einem Stück Käse.
»Der Käse riecht und schmeckt.« Bettina biss in das Brot. »Kein Sorge, ich werde mir nicht angewöhnen, mit vollem Mund zu sprechen«, kaute sie. »Wo bleibt denn Bettina?, werden sie jetzt bei Weigold fragen. Bettina macht blau, ist die Antwort.«
»Lieben Sie Ihren Beruf etwa nicht?«
»Mir geht es nicht um den Beruf, sondern um die Frage, was mir lieber wäre, jetzt ein Manuskript zu lesen oder zum Girpitsch aufzusteigen. Ihnen kann ich diese Frage wohl schlecht stellen.«
»Soll das heißen …«
Sie nickte. »Wir fahren erst morgen Nachmittag. Ich kann das bei Weigold regeln. Sie sind überrascht, nicht wahr?«
»Das kann man wohl sagen.« Weil er auf der Bank saß und nicht auf dem Fußboden stand, konnte er den Freudensprung an die Decke nicht machen. Er war beeindruckt von der unterkühlten Gleichgültigkeit, mit der er reagierte und seine Gefühle unter Kontrolle halten konnte. Unergründlich blieb ihm, warum er bei anderen Gelegenheiten umfiel, so wie gestern Abend, als er sich vor die Hütte gesetzt hatte.
Folge 97 vom 7. Juli 2007
21
Ich bin allein, dachte Stefan, umkreise den Mond und fliege an Jupiter vorbei. Das Licht der Sterne wirkte aus der Nähe viel kälter als von der Erde, wohl eine Folge der Traurigkeit, die ihn trug und sein Empfinden veränderte; sie war unendlich wie die tiefschwarze, mit Leuchtpunkten gespickte Weite um ihn herum.
Er raste durch eine Wolke, die nichts weiter als leuchtender Staub war, und tauchte in Dunkelheit, trudelte und ruderte mit den Armen, um mit dem Kopf voraus zu fallen. Ein schwarzes Loch?! Ein heller Punkt bildete sich und wurde schnell größer, verlor an Intensität und veränderte sein Farbe von Weiß in Gelb, Orange, dann Braun. Gerade Linien und Kanten bildeten sich heraus. Der Weltraum zerfloss vor seinen Augen in dunkelbraun und formte sich zu parallelen Linien.
Stefan zog den Schlafsack höher an das Kinn und schloss die Augen. Manchmal schaffte er es, einen schönen Traum einzufangen und ihn im Wiedereinschlafen fortzusetzen. Heute hatte er kein Glück. Nach einer Viertelstunde war er hellwach, zog sich an und machte Feuer im Herd. Das Kaffeewasser setzte er auf dem Gaskocher auf, es würde noch eine Weile dauern, bis der Herd genügend Hitze abgab.
Bettina betrat barfuß den Wohnraum, in einem blauen Pyjama mit Kuschelbären-Muster.
Stefan legte Messer und Gabel auf dem Tisch aus. »Hallo! Haben Sie gut geschlafen?«
»Autsch«, antwortete Bettina. Sie humpelte zur Bank.
»Zeigen Sie mal.« Er hob das Bein, das sie angewinkelt hielt, und beugte sich zum Fuß hinunter. Sie klammerte sich mit beiden Händen an der Bank fest.
»Seien Sie nicht so rüde«, beschwerte sie sich.
»Ein Holzsplitter. Vom Brennholz.« Er strich ihr mit dem Daumen über die Fußsohle. Sie zuckte heftig und trat ihn beinahe in den Bauch.
»Ich brauche keine Massage, sondern eine Pinzette«, beschwerte sie sich.
»Im Leben gehen nicht alle Wünsche in Erfüllung.«
»Geht das schon wieder los!« Sie dehnte das wieder zu einem Bogen, an dessen Ende sie ihm den Fuß aus der Hand zog und ihn vorsichtig mit der Hacke auf die Dielen setzte. »Ich habe mich über Sie geärgert. Haben Sie gestern Abend Ihre Seele befreit? Oder bleibt nur mein Dank für die Rücksicht, dass ich mich ungeniert waschen durfte?«
Interview: »Die Verlage haben das Internet jahrelang nicht verstanden«
Für das Hörbuch-Special der Juli-Ausgabe hat sich das Branchenmagazin »buchreport« mit dem Herausgeber des literaturcafe.de, Wolfgang Tischer, unterhalten. Das vollständige Interview steht auf der Website des »buchreport« als kostenloser Download im PDF-Format bereit (280 kByte). Im Interview werden die sogenannten Web-2.0-Aktivitäten der Buch- und Hörbuchverlage kritisch beleuchtet, also Dinge wie Podcasts, Weblogs und natürlich auch Second Life.
Dass die wahren Web-2.0-Aktivitäten der Verlagsbranche an ganz anderer Stelle stattfinden, steht gleich am Anfang des Gesprächs:
Impressionen von unserem Autoren-Stammtisch in Second Life
Der dritte Stammtisch-Termin für Autoren und Autorinnen in Second Life am 5. Juli 2007 war erneut gut besucht. Für das nächste mal müssen wir einen größeren Tisch besorgen, denn teilweise mussten die über 15 anwesenden Avatare schon in der zweiten Reihe Platz nehmen. Erfreulicherweise haben sich auch schon die ersten Moderatorinnen und Moderatoren für den Stammtisch gefunden. Wir wollen versuchen, dass jeden Donnerstag um 20 Uhr jemand der regelmäßigen Besucher da ist, sodass künftig z.B. schon im Vorfeld Themen genannt werden, über die gesprochen wird. Überhaupt: gesprochen. Gestern musste noch viel getippt werden, doch hoffen wir, dass im digitalen Baden-Württemberg, wo sich die virtuelle Dependance des literaturcafe.de befindet, bald die Sprachfunktion von Second Life aktiviert wird, denn dies macht die Kommunikation doch wesentlich effizienter.
Highlight des Abends war der Besuch des Second-Life-Radio-Moderators Kay Binder, der gestern Abend vier Stunden live aus dem digitalen Baden-Württemberg berichtete und auf seiner Runde auch beim Café vorbeischaute. Auf dem Party-Truck des Senders, der einen Block weiter geparkt hatte, konnte dann nach dem Stammtisch noch bis weit nach Mitternacht getanzt werden.
Folge 96 vom 6. Juli 2007
»Hätten Sie denn nicht am Girpitsch übernachten können?«
»Die Nacht hätte uns eine Erkältung gekostet, nicht das Leben, aber Angst ist nicht rational und Panik sowieso nicht. Wir sind losgerannt, soweit man steil bergab überhaupt rennen kann, und erreichten schon nach einer Viertelstunde den See. Vom See bis zur Weißen Wand ist das Gelände auch hügelig, aber längst nicht so steil, deshalb sieht man den nächsten Orientierungspunkt erst nach dem letzten Hügel, eine Lärche mit einem toten Zweig wie der Arm eines Kaktus. An ihr stößt man auf die Weiße Wand und biegt links in den Wald ab. In den Grasbuckeln zwischen dem See und der Weißen Wand habe ich mich zu weit links gehalten und wir kamen viel zu hoch am Wald aus. Zu allem Unglück stürzte die kleine Engländerin beim Überspringen eines Baumstumpfes und verstauchte sich ein Bein. Sie saß im Gras und weinte über ihr Missgeschick, derweil sich die Sonne hinter dem Kreuzeck verabschiedete.«
»Ein filmreifes Klischee«, sagte Bettina. »Es sind immer die Frauen, die alles verderben, weil sie auf der Flucht stürzen oder im entscheidenden Augenblick hysterisch schreien, wo sie besser die Klappe gehalten hätten. Danach darf der männliche Held dem erschreckten Zuschauer zeigen, was in ihm steckt. Müßig zu erwähnen, dass die Szenen samt und sonders aus der Feder von Männern stammen.«
»Ich habe es nicht nötig, mir Spannungsbögen in mein Leben einzubauen«, sagte Stefan gereizt. Es schien ihm, als wollte Bettina ihre Hand beruhigend auf seinen Arm legen, aber sie änderte die Bewegung.
Er füllte die Weingläser nach. »Als wir endlich aus dem Wald heraus waren und auf die Mure kamen, war es dunkel. Bis zur Fromml-Hütte orientierten wir uns am hellen Geröll. Zu guter Letzt sind wir noch in den Bach gefallen.«
»Das durfte nicht fehlen«, schmunzelte Bettina. »Zünftiger Slapstick.«
»Ich war wütend. Bei eigenem Ungeschick verstehe ich keinen Spaß.«
»Ich dachte mir, dass Sie nicht über sich lachen können. Weil es sich nicht mit der Ernsthaftigkeit Ihrer Bemühungen verträgt.«
»Erinnern Sie sich etwa doch an mein Manuskript?«
»Zur Abwechslung möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen: Wir reden morgen über Manuskripte, bevor Sie mich nach unten fahren. Das ist versprochen. Heute Abend erzählen Sie nur vom Girpitsch und der Priacher Kalkspitze und der Oberalm.«
»Gut«, sagte Stefan. »Morgen. Und die anderen Dinge? Wie geht es weiter?«
»Morgen«, antwortete Bettina.
Stefan schwenkte den Rotwein in seinem Glas. Ganz langsam schnürte sich der Hals zu.
Nach einer Weile sagte Bettina leise: »Schade.«
Das Glas stoppte und brach abrupt den Schwung des Weines. Stefans Gedanken schweiften zurück in die Wohnung in der Gottfried-Keller-Straße. »Ich sitze gerne vor der Hütte, besonders abends. Das befreit das Ich von seinen Fesseln und seinen vielfältigen Verkleidungen. Dann ist das Ich einfach nur es selbst. Sie kennen die Metapher von der Seele, die sich emporschwingt?«
»Wer nicht?« fragte Bettina zurück.
»Hier können Sie es in natura erleben.« Indem er aufstand sagte er: »Sie muss jetzt fliegen, sonst erstickt sie.«
Milde Strafe für vier Bauern, die einen Romanautor verprügelten
Als der Romanautor Pierre Jourde vor zwei Jahren in sein Heimatdorf zurückkehrte, wurde er von vier Einwohnern verprügelt. Diese waren reichlich erbost darüber, dass Pieree Jourde sie in seinem Roman »Pays perdu« (»Verlorenes Land«) als zurückgebliebene Trunkenbolde und Greise bezeichnet hatte. Wie der Standard berichtet, wurden die Schläger jetzt zu zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung bzw. zu einer Geldstrafe von 500 Euro verurteilt.
Der älteste Täter war übrigens 72 Jahre alt. Naja, vielleicht war er ja zur Tatzeit betrunken…
Second Life: Betreuer-Team für unseren Autorenstammtisch gesucht
Heute Abend (Donnerstag, 5. Juli 2007) um 20 Uhr (MESZ) findet in Second Life wieder unser Stammtisch für Autorinnen und Autoren statt. Wie immer sind auch alle eingeladen, die sich allgemein fürs Schreiben und für Bücher interessieren. Der Stammtisch befindet sich im digitalen Baden-Württemberg, der direkte Second-Life-Link lautet: slurl.com/secondlife/Baden-Wuerttemberg/146/36/24
Obwohl Second Life eine virtuelle Welt ist, ist hier eines sehr real: die Zeit! Und wie BigBummi in seinem Weblog vom Stammtisch der vergangenen Woche berichtet, wird es nicht immer möglich sein, dass Mitarbeiter des literaturcafe.de beim Stammtisch dabei sind. Natürlich ist dies auch nicht immer erforderlich. Im Gegenteil: Wir freuen uns sehr darüber, wenn der Autorinnen- und Autorenstammtisch im digitalen literaturcafe.de zum Selbstläufer wird.
Daher suchen wir Menschen und Avatare, die Lust dazu haben, den Stammtisch zu organisieren, mit Interessierten und Teilnehmen in Kontakt zu bleiben und vielleicht auch Themen festzulegen. In der Sprache einer hippen Web-Agentur würde sowas wohl »Community Manager Second Life« lauten. Am besten wäre es, wenn es zwei oder mehr Leute sind, die sich hier absprechen und abwechseln, sodass immer ein Ansprechpartner für die schreibenden Stammtischschwestern und -brüder vorhanden ist.
Folge 95 vom 5. Juli 2007
»Bei Ihnen gibt es einiges zu entlarven«, sagte Bettina. »Das macht neugierig.«
Stefan überlegte, das Stamperl zu holen, auch wenn es sich nicht mit dem Rotwein vertrug und bei Bettina einen falschen Eindruck hinterlassen würde. Scheinbar musste die Entlarvung nicht heute sein, denn sie lenkte das Thema auf den Girpitsch-See. Stefan rutschte auf der Bank in eine entspannte Sitzposition. »Der Berg, der See, die Alm – ich wüsste kein besseres Beispiel für den Irrtum, wir Menschen hätten alles unter Kontrolle, mit Ausnahme gelegentlicher Erdbeben und Überschwemmungen natürlich. Merken Sie, wie gut das Wort natürlich passt? Eine Menge Respekt habe ich vom Girpitsch mit herunter genommen und Gefühle mitgebracht, die ich bisher in dieser Intensität nicht kannte, Angst und Verlorensein. Obwohl der Girpitsch kein Wort darüber verlauten ließ.«
»Und?«
»Ich bin mit der kleinen Engländerin gegen Mittag aufgestiegen, eigentlich recht spät, auch wenn man nur anderthalb Stunden bis zum See braucht. Zum Girpitsch führt kein Weg, streckenweise gibt es einen Trampelpfad, aber im Wesentlichen orientiert man sich an bestimmten Punkten am Berg. Ich war schon mehrfach oben und glaubte, die Wanderung sei wie der Spaziergang durch den Wald vor der Haustür. Wir sind am See entlang gegangen. Danach haben wir Blaubeeren für einen Pfannkuchen gesammelt. Schließlich lagen wir im Gras und haben uns die schroffen Bergspitzen angesehen. Ich erwähnte, ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken, ich sei vom See aus noch nie weiter aufgestiegen, und sie meinte, wie schade und dass heute der Tag sei, der wie geschaffen sei, weiße Flecken in unserer persönlichen Landkarte auszufüllen. Die Sonne stand hoch am wolkenlosen Himmel und ich ließ mich von ihrer Begeisterung anstecken. Der Anblick über den Girpitschsee und das Tal entschädigten für den steilen Anstieg über die Wiesen. Je höher wir kamen, umso berauschender wurde das Panorama. Verstehen Sie, das war wie ein Kick, der Rausch einer erstmalig eingenommenen Droge.«
»Nein«, sagte Bettina, »aber ich bin neugierig.«
»Scheitellinien sind wie Sirenen, sie besitzen einen verführerischen Lockruf. Weil er unhörbar ist, hilft es auch nicht, wenn man sich die Ohren zuhält.«
»Erzählen Sie mir nichts von romantischer Geometrie. Was war mit dem Panorama?«
»Wir standen unten am See vor dem Hang und sahen dahinter das Bergmassiv mit der Spitze. Auf der Scheitellinie angekommen, waren wir zwar höher, aber es hatte sich nichts geändert. Vor uns türmte sich ein weiterer Hang auf, den wir von unten nicht erkennen konnten, und dahinter blieb der Berg. Das Spiel wiederholte sich wohl fünfmal, und auf jedem Hügel, den wir erklommen, entschädigte uns der Ausblick für die Anstrengung. Die Hänge zogen uns nach oben. Jedes Mal glaubte ich, das war’s, und dann kam der nächste Hügel und ich dachte, wenn wir schon so weit gekommen sind und jetzt umkehren würden, wäre alle Anstrengung umsonst gewesen, und dass wir den einen Buckel vor uns auch noch schaffen würden.«
»Also doch keine Sirenen, sondern gewöhnlicher Ehrgeiz.«
»Ich lasse nur Ehrgeiz gelten, alles andere ist ungewöhnlich. Die Hügel flüstern, sie möchten bezwungen werden und versprechen dir, den Horizont zu erweitern und dir ein Stück Erde zu zeigen, mehr, als du je gesehen hast. Als wir endlich nur noch den Felsen mit der Bergspitze vor uns hatten und das Holzkreuz an den Drahtseilen erkennen konnten, war es halb sechs.«
»Zu spät, vermute ich.«
»Ich hatte glatt die Zeit vergessen. Wir mussten den Abstieg bei Tageslicht schaffen. Von der Hütte aus waren wir mindestens drei Stunden aufgestiegen! Ich geriet in Panik und dachte, jetzt hat es dich erwischt, du bist verloren, abseits jeglicher Wanderwege, und nichts von der Erfahrung und dem Wissen, mit denen du den Alltag locker beherrschst, rettet dich. Meine Angst übertrug sich sofort auf die kleine Engländerin. Seltsam, ihr erschrecktes Gesicht gab mir Kraft. Ich hatte die Verantwortung, und der wollte ich gerecht werden.«
Folge 94 vom 4. Juli 2007
»Bei Ihrer Ehrfurcht für die Natur dürfen Sie keine andere Einstellung haben. Wie war das mit der Einrichtung? Haben Sie die Kommoden, Tische und Bänke zusammensuchen müssen?«
»Bis auf den grünen Kachelofen in der Ecke ist die Einrichtung unverändert seit die Senner ausgezogen sind. Die Gardinen und die Kissenbezüge habe ich genäht.«
Bettina machte große Augen. »Sie haben genäht?«
»M-meine Mutter«, stotterte er. »Außerdem haben wir die achtundachtzig Nägel aus den Wänden gezogen.«
»Sie brauchen mir nichts vorzumachen. Mir ist es egal, wer genäht hat, die Gardinen und Kissen sehen hübsch und gekonnt aus. Achtzehn Nägel würden mir auch reichen.«
»Warum sollte ich übertreiben? Bei der Masse an Nägeln mussten wir einfach nachzählen, schon um unsere Leistung zu würdigen.
»Hat Ihnen der Nagler auch die schreckliche Tapete im Saustall hinterlassen?«
»Die Tapete ist ein Restposten. Im Laden sah sie gar nicht übel aus, hell und freundlich. Erst in der holzbraunen Umgebung entfalteten Farben und Muster ihre volle Wirkung. Von Hermann stammt, glaube ich, der Spruch, dass die Tapete die Verdauung beschleunigt, voraussgesetzt, man verrichtet sein Geschäft mit offenen Augen. Na ja, er hat es damals wohl etwas drastischer ausgedrückt.«
»Ich kann einen derben Witz vertragen, wenn er zündet.«
»So bemerkenswert war der Witz nicht. Die Pointe lief wohl auf schneller scheißen hinaus.«
»Wo ist denn die Verbindung zu Ihrem Paradies, wenn hier oben lediglich übliche Männerwelt geherrscht hat?«
»Der Eindruck täuscht. Bis auf die kleine Engländerin war ich in den letzten Jahren immer allein hier«, erklärte er aufs Geratewohl. Sie konnte es ohnehin nicht nachprüfen. Auch in seinen Erinnerungen suchte er nach Brücken, um die Bruchstücke, die er ohne nachzudenken erzählte, miteinander zu verbinden.
»Hat die kleine Engländerin auch einen Namen?«
»Natürlich.« Er könnte einen Namen erfinden, Sandra oder Jennifer oder Vivien, sie pflegten aber beim Erfinder schnell in Vergessenheit zu geraten und waren später Anlass für peinliche Nachfragen. »Für mich ist sie eben die kleine Engländerin.« Sabine, dachte er, aber der Einfall löste bei ihm keine Erkenntnis aus. »Sie hat eine ausgesprochene Neigung zum Anglikanischen. Das fängt mit den Sprachkenntnissen an und gipfelt in Bed & Breakfast als der höchsten Stufe, auf der man in die englische Lebensart eintreten kann, so wie ein Wurm, der sich durch den Apfel frisst und erst im Kerngehäuse glücklich ist.«
»War sie Ihre Freundin?«
»Ja«, antwortete er und überlegte, warum er sich so sicher war, nie mit ihr im Bett gewesen zu sein.
»Danach wollten Sie Ihr Paradies mit niemandem mehr teilen?«
»Es ergab sich so.«
»Leben Sie jetzt allein?« fragte Bettina, hörbar vorsichtig.
Vor ein paar Tagen hatte er sich gefragt, ob er vielleicht Familienvater mit zwei Kindern sei. Inzwischen schätzte er diese Version als unwahrscheinlich ein. Keine der Begebenheiten, die er erzählte, bot einen Anhaltspunkt für eine Partnerschaft, weder auf Frau oder Kinder, noch auf eine Freundin. Ja, er lebe allein, sagte er ihr. Fehlt nur noch, dass sie wissen wollte, ob er Bindungsängste habe. Der Gedanke, dass er eine Psychoanalytikerin dringender als eine Lektorin brauchte, beunruhigte ihn für einen Moment. Weit davon entfernt, in der Hütte eine Couch aufzustellen, war sie mit ihrer ständigen Fragerei nicht.
»Ich betrachte das Alleinsein als eine Phase der Besinnung und Orientierung«, erklärte er. Die Aussage klang glaubhaft und hörte sich überlegen an, alles unter Kontrolle. »Vielleicht wird aus mir ein Schmetterling.« Oder eine Motte. Ob sie mit ihrer Schlagfertigkeit darauf kommen würde?
Berthold Brecht war doch kein Österreicher, oder?
Bei unserem Literatur-Quiz in Zusammenarbeit mit der Schiller Buchhandlung in Stuttgart dürfen Sie auch in diesem Monat wieder mitraten.
Zum Literatur-Quiz »
Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 4.
Diesmal: Veröffentlichungen. Zuschussverlage.
Das letzte Mal habe ich über Anthologien und das manchmal etwas dubiose Vorgehen der Herausgeber geschrieben. Wenn man jetzt noch einmal zurückdenkt zu den Autoren, die für die Veröffentlichung in der Anthologie auch noch pro Seite einen gar nicht so niedrigen Preis bezahlen sollen, drängt sich einem die Assoziation zum Schreckgespenst der heutigen Jungautoren-Generation auf: Der ZUSCHUSSVERLAG. Heutzutage kann sich Hinz und Kunz (nicht die aus Volker Brauns Erzählung) ein eigenes Buch drucken lassen, vorausgesetzt man hat genug Geld. Eine Art Zweiklassenliteraturgesellschaft. Manche bezahlen eben für die Bücher, die andere geschrieben haben, und andere zahlen eben für die eigenen Bücher, um diese zu Weihnachten, zum Geburtstag, zu Ostern, zum Nikolaus, zum Valentinstag, zum Welttag des Buches, zum Murmeltiertag, , zum St. Nimmerleinstag ihren Verwandten und bedürftigen Kindern zu schenken. Was dann übrig bleibt stapeln sie nach nochmaligem Bezahlen an den Verlag (sonst werden die schönen Bücher ja vernichtet!) in ihrem eigenen Keller. Klar, es ist nicht unseriös und unmoralisch, den Autoren von vornherein zu sagen, dass sie ihr Buch quasi selbst finanzieren müssen. Wer will, der kann. Wenn ich wollte, hätte ich wahrscheinlich schon das fünfte Buch und würde mich für die ersten drei mittlerweile schämen. Und meine Eltern würden mir raten, einen extra Lagerraum zu mieten.
Folge 93 vom 3. Juli 2007
Sie räumten den Tisch ab und spülten das Geschirr. Stefan versuchte sich zu erinnern, mit wem er zuletzt gemeinsame Tage auf der Hütte verbracht hatte. Hermann war es nicht, auch nicht die kleine Engländerin. Gelassener als sonst nahm er die Lücken in seinem Gedächtnis zur Kenntnis.
Als sie wieder am Tisch saßen, getrennt durch eine Flasche Rotwein, fragte Bettina, was er denn über die Alm und das Tal erzählen könne, sie sei neugierig wegen seiner Andeutung an der Kapelle.
»Ich bringe zuerst die Wie-komme-ich-zu-einer-Almhütte-Geschichte zu Ende. Wo hatten wir unterbrochen?«
»Sie haben mit Hermann die Bettstellen gezimmert.«
»Und die Wände im Schlafraum zur Wetterseite hin mit Profilholz verkleidet. Schauen Sie sich um.« Stefan fuhr mit dem Zeigefinger ein Ritze zwischen zwei Balken entlang. »Die Senner haben hier Moos und Stoffreste hineingestopft, damit es nicht zieht. Als wir einzogen, kam die Kälte zusätzlich von unten. Die alten Bohlen waren verzogen und an vielen Stellen gebrochen. Der Walln-Bauer hat im Schlafraum und in der Küche einen neuen Fußboden gelegt und für das Holz mehr Geld ausgegeben, als ihm die Pacht der ersten Jahre eingebracht hat. Ihm geht es aber nicht darum, Geld zu verdienen. Die Hütten verfallen, wenn sie nicht bewohnt und beheizt werden.«
»Wenn niemand die Wetterschäden repariert …«
»Dahinter steckt mehr als nur Vernachlässigung. Eine Hütte lebt, und für mich hat sie auch eine Seele. Lachen Sie mich jetzt aus?«
Bettina hob abwehrend die Hände. »Nein. Menschen verkümmern ebenfalls, wenn sie nicht in Gemeinschaft leben.«
Argwöhnisch schaute er sie an.
»Sind Sie anderer Meinung?«
Bevor Stefan verneinte, nahm er einen Schluck aus dem Rotweinglas. »Im vergangenen Jahr hat der Lugleitner das Dach und den Kamin erneuert. Auf die traditionelle Art, versteht sich.«
In die Pause, die er einlegte, sagte Bettina: »Sie wissen, dass ich es nicht weiß, also spannen Sie mich nicht auf die Folter.«
»Die neuen Dachschindeln wurden nach dem überlieferten Verfahren hergestellt. Eine Lärche wird zwischen Weihnachten und Neujahr gefällt und mit der Spitze nach unten in den Hang gelegt. Ein gefällter Baum, der …« Stefan lachte. »Bäumt sich halt ein letztes Mal auf, sagt man, und schickt seine ganze Kraft in die Zweige. Wenn im Frühjahr die Äste abgeschnitten werden, ist das Stammholz besonders hart und eignet sich hervorragend für die Schindeln.«
»Das Gefälle«, sagte Bettina.
»Mir ist die Überzeugung des Walln-Bauern sympathischer als die naturwissenschaftliche Erklärung.«
Züge werden in Eutingen nicht mehr geflügelt
Wer anderen eine Nachricht übermitteln will, der sollte darauf achten, dass er die Sprache der anderen spricht. Schon das Verwenden von Fachbegriffen kann dazu führen, dass man nicht mehr verstanden wird. Im Bereich der Wissenschaft werden Fachbegriffe gerne eingesetzt. Zum einen, weil sie tatsächlich einen bestimmten Sachverhalt genauer bezeichnen können, zum anderen, um Banalitäten bedeutender klingen zu lassen.
Aber auch Berufsgruppen und sogar Unternehmen haben oft eine eigene Sprache. Wie zum Beispiel die Deutsche Bahn. Und blöd ist es dann, wenn man zum Kunden spricht, aber dabei nicht dessen Sprache spricht, sondern die eigene. So teilt man den Bahnkunden per Aushang mit, dass aufgrund von Gleisbauarbeiten demnächst die Züge in Eutingen im Gäu nicht mehr geflügelt werden.
Alles klar? Oder verstehen Sie nur Bahnhof?

