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StartseiteAlmtraumFolge 84 vom 24. Juni 2007

Folge 84 vom 24. Juni 2007

Stefan folgte seinen Fußspuren und hielt sich zwischen den Latschen, von denen er im Vorbeigehen den Schnee von den Zweigen gefegt hatte. Im Stall fand er die Leiter nicht dort, wo sie seiner Erinnerung nach liegen sollte. Er durchsuchte das Gerümpel und fand sie schließlich unter einem Haufen verrotteter, noch mit dem rostigen Stacheldraht verbundener Zaunpfähle.

In den Latschen war die Leiter hinderlich. Die Sprossen fädelten sich immer wieder in die Kiefernzweige ein und wehten ihm Schnee ins Gesicht.

»Machen Sie die Taschenlampe an!« rief er und blieb stehen.

Rechts von ihm stieg bewegtes Licht in die Höhe. Mit der Leiter schob er die Zweige zur Seite und bahnte sich den Weg durch das Gestrüpp.

Bettina schaute von unten hoch. »Ich habe schon geglaubt, Sie kommen überhaupt nicht mehr.«

»Ich konnte die Leiter nicht sofort finden«, sagte er und senkte sie in die Vertiefung. »Legen Sie die Leiter nicht zu steil an und achten Sie auf sicheren Stand«, mahnte er. Sie probierten zwei Stellen, bis er zufrieden war.

Als sie oben stand, schickte er sie voraus. Auf der Wiese schloss er bewusst nicht zu ihr auf. Er wollte mit der Erleichterung ebenso allein sein wie vorhin mit der Angst. Seinetwegen sollte sie glauben, er treibe sie vor sich her wie ein Schaf zur Schlachtbank.

In der Hütte hängte Bettina die Jacke an die Garderobe und ging durch in den Schlafraum.

Stefan legte Holz nach und setzte Kaffeewasser auf. An Schlafen war nicht mehr zu denken. Zum Kaffeekochen wendete er mehr Handgriffe auf als nötig und pendelte unnütz zwischen Herd, Geschirrkommode und Wohnraum. Als er endlich mit einer Tasse im Wohnraum saß, stand er wieder auf und kontrollierte den Herd, brachte die Milch zurück in den Stall, um sie gleich wieder mitzunehmen, weil er mehr als eine Tasse Kaffee trinken wollte.

Nebenan war es ruhig. Kaum vorstellbar, dass die Lektorin schlief, doch nachzusehen traute er sich nicht. In seiner Verfassung würde er den Schein nicht wahren und auftreten können wie jemand, der einen anderen Menschen in seiner Gewalt hält. Wenn die Lektorin nicht auf den Kopf gefallen war, würde sie sich einen Reim darauf machen. Sobald der Schnee geschmolzen war, was nach der Jahreszeit morgen bedeutete, würde sie mit einem Grüß Gott nach Hause aufbrechen. In einer Stunde war sie an der Jausenhütte. Von dort aus gab es für eine attraktive Frau in Schwierigkeiten genügend Möglichkeiten, nach Josephskirch zu kommen.

Wenn dich die ganze Welt verläßt … Stefans Augen glitten über den Wandbehang, ohne wirklich zu lesen.

Bettina sah gut aus und war ihm – noch – ausgeliefert. Über diese Komponente der Entführung hatte er bisher keine Sekunde ernsthaft nachgedacht. Er hatte gedroht, getan als ob, mehr nicht. War er wirklich anständig? Warum spürte er kein Verlangen, wunderte er sich und war andererseits froh, denn die Lage war kompliziert genug. Ob er denn bereue, richtete er die Frage aus der Perspektive einer gerechten Instanz an sich. Nein, warum, antwortete er, sie ist eine Frau und ich stehe auf ihrer Seite; sie hat nichts zu befürchten. Ich stehe auf Ihrer Seite, hatte auch Direktor Ralzinger gesagt. Mit der Perücke und dem pinkfarbenen Kostüm hatte Stefan die Macht. Plötzlich war er sicher, dass Ralzinger ihn niemals anzeigen würde.

Stefan strich sich durch die Haare; die einzige Möglichkeit, in die Nähe seiner verworrenen Gedanken zu kommen, allerdings ohne sie ordnen zu können.