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Startseite Almtraum Folge 80 vom 20. Juni 2007

Folge 80 vom 20. Juni 2007

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Die dicken Scheiben eines Baumstammes lagen im Stall wie Bauklötze durcheinander. Der Walln-Bauer lieferte sie frei Hütte in der für den Ofen benötigten Länge.

Stefan öffnete die Außentür und holte das Tageslicht herein. Für den Anfang wählte ein Baumstück mit geringerem Durchmesser aus. Mit wuchtigen Hieben teilte er den Stamm und die abfallenden Stücke, bis sie noch armdick waren. Zwischendurch sammelte er die Scheite auf und stapelte sie im Futtertrog entlang der Wand. Die dicken Baumstücke konnte er mit der Axt nicht mehr heben. Um sie zu spalten trieb er Eisenkeile hinein, viel Mühe für die wenigen Stunden Wärme, die ein solcher Baumklotz hergab.

Während des Holzhackens vergaß er die Lektorin. Zufrieden mit der Arbeit hieb er die Axt in den Hauklotz. Ob Schnee oder Dauerregen, er würde dem Wetter viele Tage trotzen und behaglich wohnen können.

Er versperrte die Außentür von innen mit dem Holzpflöckchen. Die kleine Engländerin hatte am ersten Tag auf der Hütte, noch ohne den Abstand vom Alltag, die besorgte Frage gestellt, ob eine Tür ohne Schloss nicht ein Risiko sei. Stefan hatte auf ihren Einwand gelacht und geantwortet, er habe noch nie von einer Kuh gehört, die man von der Alm geklaut hätte. Die kleine Engländerin sprach danach sehr schnell und heftig englisch, so dass er sie nicht verstand.

Die Stalltür schlug krachend hinter ihm zu, weil er die Hand nicht weit genug zurückgestreckt hatte. Bettina stand am Ecktisch und spülte Geschirr. Sie trug ein kariertes Hemd, Jeans und dicke Wollsocken.

»Heh«, sagte Stefan. Noch rechtzeitig konnte er sich in seinem augenblicklichen Hochgefühl bremsen. Sie sah gut aus und die kurzen Haare standen ihr auch ungewaschen. Die verschiedenen Schattierungen des Mittelblond verloren sich im schummrigen Licht der Hütte. »Zünden Sie ruhig eine Kerze an. Bei schlechtem Wetter, wenn man die Tür nicht zusätzlich öffnen kann, ist es doch recht dunkel.«

»Wo finde ich die Abtrockentücher?« fragte Bettina, ohne sich umzudrehen.

»Im Schlafraum, in der vierten Schublade, dort wo die Tischdecken sind.« Er ging selbst und kam mit zwei Abtrockentüchern zurück.

»Sie brauchen mir nicht zu helfen«, sagte sie und nahm ihm den Teller aus der Hand.

Er stand da wie überflüssig. »Der Herd ist ausgegangen«, stellte er fest und überspielte damit die Situation. »Merken Sie sich: Wenn nichts knackt und knistert, muss man nach dem Herd sehen.«

Er öffnete die Luftzufuhr und brachte das Feuer mit Papier und dünnen Holzstückchen unter ständigem Pusten zum Lodern. Zufrieden legte er zwei Holzscheite in die Flammen.

Bettina räumte die Teller in das Wandregal über der Kommode.

»Schütten Sie das Spülwasser einfach vor die Tür«, sagte er. »Und füllen sie den Wasserbehälter im Herd wieder auf.«

Sie riss die Tür auf und ließ das Wasser im hohen Bogen fliegen. Im Schnee bildete sich ein großer grüner Klecks.

»Ist was?«

Sie gab keine Antwort.

»Verstehe«, sagte er, »es herrscht Krieg.«