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StartseiteAlmtraumFolge 81 vom 21. Juni 2007

Folge 81 vom 21. Juni 2007

Bettina hängte das Trockentuch über dem Ofen auf und ging in den Wohnraum. Er setzte sich ihr gegenüber an den Tisch.

»Haben Sie die Signatur auf der Tischplatte gesehen? Der Großvater des Walln-Bauern hat sie eingebrannt. Anton. Lugleitner. 1892. Das ist das Jahr, in dem die Hütte erbaut wurde.

»Ist die Schnitzerei eine Sehenswürdigkeit?«

»Eher eine Art von Grundstein. Es lag schon immer im Wesen des Menschen, sich Denkmäler zu setzen«, sagte Stefan.

»Und für Ihr persönliches Denkmal brauchen Sie mich?«

» Ich möchte es anders ausdrücken: Wäre mir nicht der Platz verweigert worden, würde ich mich selbst um die Ausführung kümmern, wie viele Monarchen vor mir.«

»Ich fürchte, das ist tatsächlich Ihre Meinung«, sagte Bettina.

»Glauben Sie, was Sie wollen. Jetzt ist es Zeit, dass wir uns über den Tagesablauf Gedanken machen.«

»Schauen Sie mich an: Ich bin aus dem Stundenplanalter heraus!«

»Führen Sie keinen Terminkalender?« entgegnete Stefan.

Sie schwieg.

»Wenn das Wetter mitspielt, können wir nach dem Frühstück wandern gehen. Es gibt einige lohnenswerte Ziele, zum Beispiel den Girpitschsee. Warmes Essen machen wir uns am Nachmittag, wenn wir zurück sind. Nach dem Essen wird gearbeitet.«

»Das hört sich an wie humaner Strafvollzug.«

»Sie schreiben an meinem Roman«, sagte Stefan, »so wie Sie ihn gern hätten, damit Weigold ihn annehmen kann.«

»Zu welchem Thema?«

»Wir unterhalten uns über das Thema, wenn es soweit ist.«

»Wie viel Zeit habe ich?«

Ihm entging nicht, dass sie eine rhetorische Frage gestellt hatte. »Bis Ende Oktober sollten wir fertig sein. Dann müssen wir spätestens von der Hütte, wenn wir nicht überwintern wollen. Ein reizvoller Gedanke, zugegebenermaßen.«

»Wie wollen Sie verhindern, dass ich vorher gehe?«

Er hatte keine Ahnung. »Solange es schneit, brauche ich Sie nicht anzuketten«, redete er sich heraus. Wenn sie erst einmal dahinter gekommen war, dass er bluffte, war es ohnehin aus. Als Alfred noch zu ihm sprach, konnte er die merkwürdigen Umstände seines Daseins als so unwirklich abtun wie Alfred selbst; ohne Alfred war die Wirklichkeit ein Irrgarten, aus dem er den Ausgang nicht finden konnte. Die Lektorin war momentan seine einzige Bindung an das Leben.

»Ich bin fest entschlossen, Sie nicht gehen zu lassen.«

»Sie sind verrückt!« flüsterte Bettina.

»Ja«, bestätigte er mit belegter Stimme. »Behalten Sie diese Erkenntnis fest im Auge und lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie aus einem anderen Betrachtungswinkel zu einer anderen Einschätzung kommen.«

»Vielleicht sind Sie krank. Sie sollten sich helfen lassen.«

»Ich appelliere an Ihre Unfehlbarkeit«, brauste er auf, »und schon zweifeln Sie, haben Mitleid – das Schlimmste überhaupt! Der arme Kerl! Warum wollen Sie mir absprechen, dass ich verrückt bin? Habe ich Ihnen irgend etwas verweigert außer diesem jämmerlichen Zustand, den Sie Freiheit nennen?«

»N-nein«, stammelte Bettina und lehnte sich zurück, fand im Rücken keinen Halt und musste zur Tischkante greifen.

»Ein Paradies für Ihre Freiheit, das biete ich Ihnen.« Stefan öffnete die Hände. »Ich schenke Ihnen die Chance, Ihre innere Freiheit zu finden. Um den Preis von ein bisschen Einschränkung bei der freien Wahl Ihres Aufenthaltsortes.«

»Verzeihen Sie. Ich bin eine undankbare Frau.«

»Ironie ist keine Antwort.« Er holte sich die Flasche Obstler und ein Stamperl aus dem Wandschrank und stellte beides auf den Tisch.

»Ist das der Weg in die innere Freiheit, den Sie mir zeigen wollen?«

»Ich fühle mich nicht wohl.« Er schob Flasche und Glas mit dem Arm an die Seite. Das Stamperl polterte auf die Tischplatte. Für einen Augenblick erwog er, sich zu offenbaren. Zunehmend verlor er die Kontrolle über die Situation. Eine Lektorin zu klauen war eine absurde Idee. Nun, da er sie hatte, konnte er sie nicht ohne weiteres wieder laufen lassen; das hieße, sich aufzugeben. Dann blieb ihm, Stefan Gibtesnicht, nur die Weiße Wand, der Inbegriff des tiefen Abgrundes.

»Haben Sie vergessen, dass ich nicht freiwillig hier bin?«

»Eben das ist das Verrückte.« Stefan stellte das umgestürzte Stamperl auf, ließ das Glas aber nicht los.Das Bild eines angeschlagenen Boxers tauchte in ihm auf, der wild und unkontrolliert um sich schlägt und damit sein vorzeitiges Ende beschleunigt.

»Trinken Sie«, forderte Bettina ihn auf.

Jetzt marschierte sie wieder nach vorne und er wusste nicht, wie er seine Deckung hoch bekommen konnte. Wo blieb der rettende Gong? Er brauchte die neutrale Ecke.

»Es ist Zeit für das Abendessen«, sagte er.

Während er den Tisch deckte, saß sie nachdenklich auf der Bank. Er servierte eine Käseauswahl und Wurstaufschnitt auf einem Holzbrett. Sie lehnte Bier und Wein ab und bekam Orangensaft.

Beim Essen redeten sie nur belangloses Zeug. Stefan stellte Häppchen aus Brot, Aufschnitt, Käse und Gurkenscheiben zusammen und schmeckte sie mit Pfeffer und Salz, Senf und Tomatenmark ab. Er variierte mit den vorhandenen Möglichkeiten, gab ihr zum Probieren und gemeinsam wählten sie die schmackhafteste Kreation aus.

»Fühlen Sie sich wieder besser?« erkundigte sich Bettina zwischendurch.

Stefan wickelte einen Würfel Edamer in eine Salamischeibe mit Camembertrand. »Ja, sicher«, antwortete er wie auf eine überflüssige Frage. Das Essen hatte seine Stimmung gehoben und die vorhin erlebte Krise war nichts weiter als ein Schwächeanfall.

Bettina half ihm wortlos beim Abräumen und Spülen. Das Schweigen deutete er nicht als den Ausdruck einer tiefen Kluft, allerdings auch nicht als die Selbstverständlichkeit, die Vertrauen voraussetzt und keinen Dialog mehr benötigt. Sie wirkte entspannt, als sie sich nach der Arbeit in den Wohnraum setzte und ihn um ein Glas Wein bat. Wieder kamen Stefan Zweifel, ob er die Entführung noch im Griff hatte, die soeben erst beim Essen wieder gewonnene Festigkeit und sein Vorsatz, Bettina auch mit Einschüchterung auf der Alm zu halten, bröckelten wie trockener Putz von der Fassade. Ihn ärgerte das Wechselbad zwischen Überzeugung und Unsicherheit, das konnte er so gut gebrauchen wie die enttäuschten Hoffnungen bei der Identitätsfindung.