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Folge 79 vom 19. Juni 2007

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Im Schlafraum zog er eines der großen Schubfächer aus dem Fußraum unterhalb der Bettstellen.

»Hier ist Ihr Schlafsack.« Er händigte ihr eine Steppdecke aus. »Wenn Ihnen unser gemeinsames Schlafgemach nicht zusagt, können Sie sich meinetwegen in den Stall auf den Erdboden legen. Womit Sie wollen, nur nicht mit einem meiner Schlafsäcke. Die bleiben sauber.«

»Welches Bett haben Sie mir zugedacht?« frage sie.

»Gewöhnlich schlafe ich hier rechts. Dann kann ich vom Bett aus das kleine Schiebefenster bedienen. Seit der ersten Nacht hier oben habe ich die fixe Idee, ich könnte eines Morgens mit einer Kohlenmonoxydvergiftung aufwachen. Wir feuern den Herd nämlich so lange wie es geht, damit die Hütte bis zum Morgen nicht zu sehr auskühlt.«

»Ich werde es mir im Wohnraum bequem machen.«

»Auf der Bank?«

»Ja. Die eine Nacht werde ich überstehen.«

»Wie Sie meinen. Bücher finden sie in der Truhe in der Küche, unter dem rückwärtigen Fenster. Oder soll ich Ihnen ein Manuskript von mir geben?«

»Werden Sie ruhig schlafen, während ich nebenan wache?«

Stefan gefiel der Ton der Frage nicht. »Sie schlafen in dem Bett links, hinter der Tür«, entschied er. »Das Bettlaken ist frisch. Im Herbst nehme ich die Wäsche mit nach Hause und bringe sie erst nach der Schneeschmelze wieder hoch.« Er öffnete ein weiteres Schubfach mit Unterwäsche, Baumwollslips ohne Eingriff – er stutzte – und einem Büstenhalter. Im Fach daneben fanden sich Freizeithemden, Hosen, Pullover. Hastig ging er die Wäschestapel durch. Ausschließlich Größe 38. Nicht ein einziges Wäschestück für ihn! Diese Schubfächer waren das Spiegelbild seines Kleiderschrankes!

Stefan hielt sich an einem der Pfosten fest, die das Bettengestell zwischen Fußboden und Decke abstützte. Nicht das Sie das falsch verstehen, sagte Berta Böttcher. Frau Bruhks hat nie etwas von einem Bruder erwähnt.

»Ist Ihnen schlecht?« fragte Bettina.

Er schüttelte den Kopf. »Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte Alfred fragen sollen, anstatt ihn fortzujagen.«

»Das war nicht Ihr einziger Fehler.«

Seine Lektorin war hellwach und nutzte jede Blöße zum Gegenangriff. Er musste auf der Hut sein. »In Konfektionsgröße 38 habe ich reichlich Auswahl.«

»Eine Garnitur reicht. Sie werden nicht lange – Sie werden überhaupt keine Freude an mir haben.« Sie machte keine Anstalten, etwas auszusuchen.

»Worauf warten Sie?«

»Ich werde mich in Ihrer Gegenwart nicht ausziehen«, sagte Bettina entschlossen.

Er wusste, dass sie es ernst meinte, sehr ernst. Ein skrupelloser Entführer würde Gewalt anwenden und musste mit Gegenwehr rechnen. Was sie nicht wusste war, dass er keine Absichten hegte. Das schwächte seine Position, denn sie würde sein Verhalten als Teilerfolg verbuchen.

»Wenn Sie den Schlüssel für den Keuschheitsgürtel nicht dabei haben, nehme ich die Eisensäge«, sagte er schroff und verließ den Schlafraum.

Folge 78 vom 18. Juni 2007

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»Beim Wasser halten wir es wie mit der Toilette – wer die Gießkanne zuletzt benutzt, füllt sie am Trog wieder auf.« Stefan brachte die Gießkanne an ihren Platz neben der Eingangstür. Ein dunkler Fleck im Holz markierte die Stelle, wo die Kanne gestanden hatte. »Plastik ist auch nichts für die Ewigkeit«, murmelte er im Bücken.

»Wo ist das Badezimmer?« fragte Bettina bissig.

»Dort.« Stefan zeigte auf den Tisch mit den gebogenen Beinen in der Ecke zwischen Eingang und Wohnraum. »Das ist sogar ein echter Waschtisch aus dem Schlafzimmer des Almbauern. Das Badezimmer ist die gelbe Schüssel. Die kleinere rote nehmen wir für den Abwasch.«

»In der ich mir die Füße gewärmt habe?«

»In ein paar Tagen denken Sie natürlicher.«

»Kommen Sauberkeit und Hygiene in Ihrem Naturwahn nicht mehr vor?«

»Schon. Nur relativ.«

»Sie machen sich einen köstlichen Spaß mit mir, führen sich auf wie Mutter Natur persönlich und wollen ein Exempel an einem verhätschelten Zivilisationskind statuieren!«

Stefan trat einen Schritt zurück. Seine Lektorin war ein ausgesprochen vitales Exemplar, das auch vor handgreiflicher Argumentation nicht zurückzuschrecken schien; mit ihr würde es nicht einfach werden. Ihr noch einmal zu sagen, wie gut ihr diese Wut stand, ginge wohl zu weit. »Ich halte es mit Francis Bacon: Die Natur kann man nur beherrschen, indem man ihr gehorcht.«

»Mit gelben und roten Plastikschüsseln, einer grünen Plastikgießkanne und einer Plastiktoilette, in der Chemie schwimmt.«

»Sehen Sie das nicht so grundsätzlich. Wir gehorchen ein paar Regeln und haben alles im Griff.«

»Ich möchte unter die Dusche«, sagte Bettina so bestimmt, dass Stefan noch einen weiteren Schritt Abstand zwischen sich und die Lektorin legte. »In meiner kleinen, hübschen Eigentumswohnung in der Lessingstraße!«

»Wir stecken dazu den Gießaufsatz auf die Kanne«, sagte er. »Bitte, das ist kein Scherz. Gebadet wird in der gelben Schüssel. Sie gießen warmes Wasser hinein, soviel Sie brauchen. Und waschen sich.«

»Ich stehe nackt in der Schüssel und Sie bieten an, mich abzuseifen?«

»Warum nicht?« fragte er, als habe er den plumpen Versuch, ihm eindeutige Absichten zu unterstellen, nicht verstanden. »Die kleine Engländerin ließ sich gerne den Rücken waschen. Mach ruhig weiter, auch die Beine, sagte sie.«

»Ersparen Sie mir die intimen Details.«

Stefan lachte und schlug mit der flachen Hand auf eine gedrungene Kommode. »Das hier ist unser bestes Küchenmöbel.« Man sah ihr an, dass sie vor langer Zeit und für Höhen oberhalb von tausend Metern angefertigt worden war. Die linke Seite hatte drei quadratische Schubladen und die rechte eine Tür, die mit einem Hölzchen im Rahmen festgeklemmt war. Die Tür zierte ein dunkelgrünes, rot umrandetes Herz, umgeben von blühenden Blumen. Die kleine Engländerin hatte sich an der Tür in Bauernmalerei versucht.

Stefan ruckelte die obere Schublade heraus. Besteck klapperte. »Dieser Schrank enthält alles, was die moderne Hausfrau braucht: Töpfe, Geschirr, Sieb, Reibe, sogar einen Handquirl. Erstaunlich, wie wenig Platz dafür benötigt wird, nur leidet die Ordnung und es ist nicht alles so griffbereit wie in meiner Einbauküche.« Es gelang ihm, die Schublade mit einem Ruck zu schließen.

»Ich habe bereits hineingeschaut«, sagte sie. »Sonst hätten Sie Ihre Spaghettis um die Finger wickeln können.«

»Gut formuliert, aber nicht logisch«, erwiderte er. »Ich weiß nämlich, wo die Löffel und Gabeln sind. Und in diesem Schränkchen – das brauche ich Ihnen nicht zu erklären.« Neben der Kommode stand der Aufsatz eines alten Küchenschrankes mit verglasten Türen. Stefan handelte den Inhalt mit einer Handbewegung ab: Konserven, eine Flasche Ketchup, Tomatenmark, Sonnenblumenöl, Senf, Würfelzucker, Mehl, aufeinander gestapelte Dosen mit Fisch, Hundefutter, Kerzen, Streichhölzer.

»Das Gewürzregal hier ist ebenfalls ein Original.« Die weißen Porzellanschubladen waren mit Zucker, Salz, Pfeffer, Anis und Feigenkaffee beschriftet. In den offenen Fächern darüber standen kleine Gläser, Dosen und Tüten, ein Sammelsurium von Zutaten für die schmackhafte Zubereitung von Mahlzeiten.

Stefan hob einen blau umsäumten Vorhang an der Wand. »Hier hängen die Werkzeuge für die Frau – Besen, Schrubber, Handfeger, Kehrblech.« Mit dem Fuß tippte er gegen eine Ausbeulung des Vorhanges. »Der Putzeimer.«

»Ist Ihr Einführungskurs in die Wohngemeinschaft mit Entführten jetzt beendet?«

Die Lektorin klang kämpferisch, nichts mehr von Angst war spürbar. Stefans innere Anspannung wuchs sprunghaft – er würde vorsichtig sein müssen, damit die Situation nicht außer Kontrolle geriet, denn schließlich war er nicht gewaltbereit.

»Dann gehen wir wohl jetzt in den Schlafraum«, sagte er kühl, mit äußerster Beherrschung. Ihre Augen flackerten. Getroffen, stellte er fest. Ohne Zweifel war es eine Schweinerei, mit ihrer Angst zu spielen, aber sie blieb seine einzige Waffe.

»Vielleicht – nach den praktischen Dingen des Alltags – ich soll einen Roman für Sie schreiben?«

»Nicht in dem schlamperten Aufzug. Ich werde Sie erst neu einkleiden. Kommen Sie.«

Bericht und Bilder: Lesung live in Second Life

Am 14. Juni 2007 hat das literaturcafe.de seine erste Lesung in Second Life veranstaltet. Insgesamt drei Autoren lasen aus ihren Romanen, und mit 30 Avataren war die Veranstaltung überaus gut besucht. Für alle, die nicht dabei sein konnten und für die, die sich ebenfalls für virtuelle Lesungen interessieren, haben wir wie bei unserer ersten Veranstaltung wieder die wichtigsten Dinge in einem ausführlichen Bericht zusammengefasst. Außerdem gibt unsere Bildergalerie einen optischen Eindruck der Veranstaltung.

Folge 77 vom 17. Juni 2007

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Stefan griff sich einen der Kanister. »Das ist die Chemieflüssigkeit.« Er hob den Toilettendeckel und goss von der Flüssigkeit in den Eimer, dazu etwas Wasser aus der Gießkanne.

»Fertig«, sagte er und klappte die Klobrille und den Deckel herunter. »Nach jedem Gebrauch wird mit Wasser nachgefüllt, bis die festen Stoffe bedeckt sind.«

»Man sieht das , wenn einer vorher …«

»Stellen Sie sich nicht so an«, sagte Stefan. »Waren sie noch nie mit einem Wohnwagen unterwegs? Wenn der Eimer voll ist, muss er in das alte Plumpsklo gekippt werden. Das finden Sie hinter der Hütte in dem kleinen Stall, der so aussieht, als würde ihn der nächste Windstoß umpusten. Der Eimer wird im Bach sauber gespült und wieder neu präpariert, so wie ich es Ihnen gezeigt habe. Wasser gibt es gratis aus dem Bächlein vor der Hütte und das elektrische Licht simulieren wir mit Petroleum und Kerzen.«

»Kaltes Wasser aus dem Bach?«

»Wo denken Sie hin! Ich zeige Ihnen, wie wir warmes Wasser zubereiten. – Vorsicht Balken«, mahnte er beim Eintreten in die Küche. Sie zog den Oberkörper um zehn Zentimeter tiefer ein als notwendig gewesen wäre. Beim nächsten Mal würde sie den schiefen Querbalken wieder vergessen haben.

Stefan hob einen rechteckigen Deckel aus der Herdplatte. »Im Herd steckt ein Warmwasserbehälter. Wenn der Herd richtig bullert, kocht das Wasser sogar. Warum die Schöpfkelle hier hängt, brauche ich Ihnen nicht weiter zu erklären, auch nicht das Gestell über dem Herd. Hängen Sie alles hier auf, was trocken werden muss, Wäsche, Geschirrtücher, was so anfällt. Aber seien Sie vorsichtig mit dem Ofenrohr.« Das noch silbrig frisch glänzende Ofenrohr stieg senkrecht nach oben und mündete in zwei Biegungen am Trockengestell vorbei in den Kamin.

Folge 76 vom 16. Juni 2007

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»Warten Sie.« Stefan verließ den Wohnraum. Kurz darauf kam er mit einem flachen blauen Kunststoffkoffer zurück, zog den Reißverschluss zu beiden Seiten auf und klappte den Deckel hoch. Liebevoll strich er über das blaue Metallgehäuse. »Eine Reiseschreibmaschine. Die habe ich mit vierzehn von meinen Eltern bekommen. Elegant, nicht wahr?« Er tippte auf ein paar Tasten und die Typenhebel schlugen auf die Walze. »Das ist eigentlich verpönt«, tadelte er sich selbst. »Die Walze muss sauber bleiben. Für das jungfräulich weiße Papier.«

»Und ich soll einen Roman schreiben und damit quasi meine Unschuld verlieren?«

Stefan lachte. »Sie machen mir bereits Konkurrenz, Lektorin.«

»Nennen Sie mich nie wieder Lektorin, Sie mieser Möchtegern-Wortdrechsler.«

»Einverstanden. Wir verzichten ab sofort auf Beleidigungen. An Ihre Unschuld glaube ich allerdings nicht.«

»Läuft es darauf hinaus?«

Stefan hob abwehrend die Hände.

»Verstecken Sie das Papier, bevor ich es in den Ofen werfe.«

»Notfalls tippen Sie auf Klopapier«, erwiderte Stefan entschlossen. »Es wäre töricht, auch das Klopapier zu vernichten. Dann werden Sie sich ihren hübschen Hintern mit Blättern von Huflattich abputzen. Ich war mal mit der kleinen Engländerin hier. Von ihr kenne ich auch den englischen Namen. Coltsfoot. Wenn Sie an der richtigen Stelle ein r einfügen, klingt es drollig, nicht wahr?«

»Sie können mich mal …«

»Keine Zitate! Auch wenn sie in den Zusammenhang passen sollten. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wie die Chemietoilette präpariert wird und wir legen die Regeln für das Ausleeren fest.«

Sie rührte sich nicht.

»Seien Sie nicht so dickköpfig. Ich kann Sie auch in die Wiese scheißen lassen, wenn Sie das vorziehen. Das ist bei Regen und Schnee besonders angenehm, wenn das Papier einfeuchtet. Also wählen Sie.«

Bettina holte Luft zu einer Entgegnung.

»Sagen Sie nicht schon wieder Scheißkerl«, kam er ihr zuvor. Er nahm die Gießkanne und ging zur Stalltür.

Bettina folgte widerstrebend. Sie zog den Kopf nicht tief genug ein und schlug gegen den schiefen Querbalken der Stalltür. Dem Schmerzensschrei schickte sie ein nicht minder lautstarkes Ich glaub‘ es nicht! hinterher.

»Noch vier Mal, dann kennen Sie sich aus«, sagte Stefan ungerührt.

Ein kleine Rampe aus Holzbrettern führte von der Tür auf den ebenerdigen Stallboden. Stefan ließ die Stalltür zufallen. »Das hier ist der ehemalige Kuhstall«, erklärte er im Tonfall eines Museumsführers. »Gleich hier rechts haben wir den Saustall in eine Toilette umgebaut.« Stefan öffnete die mit einem Lederriemen am Pfosten befestigte Brettertür, die nach Art einer Saloon-Tür nicht bis zum Erdboden reichte.

Die Bretterwände des Saustalls waren mit Blümchen auf gelbem Grund tapeziert, davor hingen Werkzeuge und eine grüne Petroleumlaterne, auf dem Boden reihten sich mehrere Kanister und ein Werkzeugkasten neben Rollen von in Folie verpacktem Toilettenpapier. Inmitten stand eine schwarze Kunststofftoilette, ausgerichtet mit Blick auf die gelbe Blumenwiese.

Folge 75 vom 15. Juni 2007

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Obwohl Stefan aus tiefem Schlaf gerissen wurde, reagierte er prompt und schüttelte Bettinas Hände von seiner Brust ab.

»Sie haben vier Stunden geschlafen. Ich habe etwas zu Essen gemacht«, sagte sie.

Stefan richtete sich auf und massierte Augen und Stirn mit den Fingerspitzen.

»Sie hätten für mich nicht die Nacht durchfahren müssen«, sagte Bettina. »Lessingstraße. Nur zwanzig Minuten Fahrzeit.«

Stefan musterte sie über die Finger hinweg. »Ich habe vergessen, Ihnen Wäsche zum Umziehen herauszulegen.«

»Ich habe mich an den Ofen gestellt. Das Kostüm ist wieder trocken.«

Er wartete mit dem Ankleiden, bis sie den Raum verlassen hatte. Die Hütte war wohlig warm. Sie hat den Ofen versorgt, stellte er zufrieden fest. Auf der Herdplatte standen ein Topf und eine abgedeckte Pfanne in Warmhalteposition.

»Spaghetti Bolognese!« sagte er mit der Begeisterung eines frisch vermählten Ehemannes, dessen Frau soeben die Zubereitung des ersten gemeinsamen Mahles gelungen war. »Sie haben den Speiseplan gelesen, den Vorratsschrank im Stall gefunden und das Geschirr!«

»Ich hatte Zeit genug.«

Der Tisch war für zwei Personen gedeckt. Die Servietten lagen gefaltet auf dem Teller – er legte für gewöhnlich die aufgerissene Packung auf den Tisch -, die kleine Vase mit der getrockneten Distel stand nicht mehr auf der Kommode, sondern in der Mitte zwischen den Tellern, und eine Kerze brannte, ohne dass sie das Dämmrige des Raumes erhellen konnte.

Stefan vermischte die Fleischsauce mit den Nudeln. »Da denke einer schlecht von Lektorinnen.«

Bettina ließ das Besteck auf den Teller fallen. »Sie widerlicher kleiner Schreiberling …«

»Na«, protestierte Stefan und drehte die Gabel in seinem Löffel. »Steht Ihnen gut, wenn Sie in Rage sind.«

»Sind das die originellen Dialoge, um die Sie sich bemühen wollten?« Bettina nahm das Besteck wieder auf. » Was hätte ich damit gewonnen, für mich allein zu kochen?« fuhr sie in ruhigerem Ton fort. »Eine halbe Stunde später zu essen hätte Ihnen nichts ausgemacht. Übrigens habe ich die andere Hälfte des Hackfleisches angebraten. Hält sich das Fleisch im Stall?«

Stefan nickte. »Ein paar Tage, wenn es nicht zu heiß wird.«

»Die Schneefallgrenze sinkt auf vierzehnhundert Meter. Morgen soll sich zum Mittag hin die Wolkendecke auflösen.«

Stefan hielt mit dem Drehen der Gabel inne.

»Ich habe auch das kleine Radio im Wandschränkchen gefunden. Der Empfang ist miserabel. Die Batterien sind ziemlich am Ende.«

Prüfend schaute er Bettina an. »Sie haben Nachrichten gehört. Gibt es Neuigkeiten?«

Bettina schüttelte den Kopf. »Nein, wenn Sie das meinen. Wir sind in Österreich, nicht wahr?«

Stefan nickte.

Schweigsam aßen sie zu Ende.

»Ich habe Scheißangst«, brach Bettina die Stille. »Entführung ist keine Spielart von Überlebenstraining, sondern ein kriminelles Delikt. Auf Sie wartet das Gefängnis oder die Psychiatrie. Und ich werde alles tun, Ihre Wartezeit darauf zu verkürzen. Trotz meiner Angst. Sie treiben ein mieses Spiel, bei dem ich mitspielen soll – sagen Sie mir endlich die Regeln!«

»Ich möchte einen Roman von Ihnen. Ich dachte, Sie hätten das bereits verstanden.«

»Beruhigend zu wissen, dass Sie mich nicht für eine Millionenerbin halten. Das ist wohl auch der Grund, warum ich nicht gefesselt und geknebelt im Kuhstall liege.«

»Fesseln behindern beim Schreiben.«

»Nicht eine einzige Zeile!«

»Wir spielen Misery mit umgekehrtem Vorzeichen. Und einer geringfügigen Änderung: Ich lasse mich von Ihnen nicht mit der Schreibmaschine erschlagen.«

»Sie wollen etwas in der Art von Stephen King?«

»Nicht unbedingt. Es freut mich, dass Sie nicht nur Bücher lesen, sondern auch ins Kino gehen.«

»Ja – und? Wissen Sie denn überhaupt, was ein Buch ist?«

Stefan überlegte. »Bedrucktes Papier?«

»Falsch. Ein veröffentlichtes Manuskript.«

Stefans Gesichtsausdruck verhärtete sich. »Sie sind sehr clever. Legen gleich den Finger in die Wunde. Können Sie auch so pointiert schreiben?«

»Nicht für Sie!«

Seit fünf Jahren lesen wir also Weblogs – dank Suhrkamp

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Jörg Kantel macht uns heute in seinem Weblog »Der Schockwellenreiter« darauf aufmerksam, dass wir hier in der Café-Redaktion seit genau fünf Jahren Weblogs kennen und lesen. Denn es war die erste spektakuläre Abmahnaktion der deutschen Blogosphäre, die uns auf den Schockwellenreiter und somit Weblogs aufmerksam machte.

Kantel erhielt damals Post vom Anwalt des Suhrkamp-Verlags, weil sich im Schockwellenreiter ein Link auf einen Webserver befand, auf dem der damalige Skandalroman »Tod eines Kritikers« von Martin Walser als PDF-Datei zum Download bereitstand. Der Verlag selbst hatte die digitale Version im Umlauf gebracht, um den Journalisten den Originaltext zur Verfügung zu stellen, da das Buch, über das seinerzeit heftig diskutiert wurde, noch nicht im Handel erhältlich war.

1.201,80 Euro Abmahngebühren hätte Kantel zahlen sollen. Lt. Kantel begann damals eines der ersten »Sautreiben« durch die Weblogs (»Das Netz ruft zum Suhrkamp-Boykott auf«). Das literaturcafe.de ließ seinerzeit in einem Interview die Gegenseite zu Wort kommen und sprach mit Philip Roeder von Suhrkamp. Glücklicherweise wurde die Auseinandersetzung friedlich beigelegt und der Verlag verzichtete auf seine Geldforderung.

Übrigens: Glückwunsch, Herr Roeder! Nach all den Turbulenzen, die der Verlag seit dieser Zeit durchmachen musste, ist er dort immer noch Geschäftsführer und eine der wenigen Konstanten.

Folge 74 vom 14. Juni 2007

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»Immer griffbereit«, sagte Bettina, als Stefan eine Flasche Obstler und zwei Stamperl aus dem Wandregal über der Kommode nahm. »Wenn dem Stückeschreiber nichts mehr einfällt, setzt er ein Besäufnis an. Oder schreibt eine Bauernposse, sonst wären wir nicht hier.«

Stefan lachte. »Ihr Humor gefällt mir, auch wenn er schmerzhaft ist.« Er stellte die beiden Stamperl auf den Tisch und goss sie randvoll. »Unten in Josephskirch führen sie pünktlich zur Saisoneröffnung und zur Erbauung der Touristen einen Schwank in drei Akten auf, dann alle drei Wochen, wegen dem Bettenwechsel. Ich bin zwar kein Heimatdichter, aber Heimat hat etwas. Ich würde sogar so weit gehen, Heimat für ein menschliches Grundbedürfnis zu halten. Prost!« Stefan nahm eines der Stamperl.

»Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

»Haben Sie keine Heimat?« Stefan kippte den Schnaps hinunter. »Eigentlich mag ich den Obstler gar nicht. Es gibt hier einen leckeren Kräuterschnaps, Schenkelspreizer nennen ihn die Einheimischen. Nach zwei Gläschen musste ich höllisch aufpassen, weil die Burschen dann bei mir zu grapschen anfangen. Vierhändig, mein Liaba, von beiden Seiten, unten und oben.«

Bettina starrte ihn verständnislos an. »Bei Ihnen, unten und oben?«

Stefan hatte für einen Moment das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren. Meinte er sich oder Sie oder die frivole Freizügigkeit des Almlebens?

»Sie sind doch nicht etwa prüde? Im Gebirge ist man nicht nur dem Himmel näher. Die letzten Senner auf dieser Alm hatten acht Kinder, davon fünf außerhäusige, drei von ihm, zwei von ihr. Während die Sennerin das Rindvieh beaufsichtigte, war er als Holzknecht unterwegs. Stellen Sie sich einmal vor, den ganzen Sommer!« Er zeigte auf das Glas. »Sie mögen nicht?« Ohne die Antwort abzuwarten leerte er das zweite Glas.

»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte Bettina noch einmal mit Nachdruck.

»Wollen Sie sich nicht doch endlich umziehen?« Er zog auffordernd am Schlafsack.

»Lassen Sie das!« fauchte Bettina und schlug ihm auf den Arm.

»Sie könnten freundlicher mit ihrem Lebensretter umgehen. Ich trage schließlich für Sie die Verantwortung.«

»Lebensretter? Mit der Verantwortung mögen Sie Recht haben. Wo säße ich jetzt ohne Sie?«

»Ich hatte Sie gewarnt, aber Sie haben nicht auf mich gehört. Mein Gott, haben Sie mir einen Schreck eingejagt. Der reicht in dieser Höhe für zwei Flaschen.« Stefan trank einen weiteren Schnaps. »Bevor die Flasche warm wird«, erklärte er.

»Wer sind Sie?« Bettina betonte jedes Wort eindringlich.

»Sie lassen wohl nicht locker. Ich heiße Stefan Bruhks.«

»Warum haben Sie mir die Augen nicht verbunden? Wahrscheinlich ist der Name falsch.«

Stefan lachte spöttisch. »Nachdem ich Ihnen endlich geantwortet habe, glauben Sie mir nicht. Genau weiß ich allerdings selbst nicht, wer ich bin.« Er konnte die plötzliche Verunsicherung von ihrem Gesicht ablesen. »Ich bin ein Niemand«, fügte er hinzu, »ein Nichts. Ein Phantom. Eine Null. Wertlos. Vier – nein, fünf Gründe, um die Konsequenzen nicht zu fürchten.«

»Niemand ist ein Nichts, jeder ist irgendwer.« Bettina starrte ihn mit Augen an, die sich vor Angst weiteten. »Mein Gott!« flüsterte sie. »Sie wollen mich umbringen! Das ist die einzig plausible Erklärung für Ihr Verhalten!« Sie erhob sich, ging rückwärts und stolperte über die Schüssel. Ihre Kniekehlen stießen gegen Holz und sie plumpste auf die Bank an der Wand.

»Seien Sie nicht kindisch!« fuhr Stefan sie an. »Ich brauche Sie lebend, vor allen Dingen schreibend. Als Frauen sollten wir Vertrauen zueinander haben.«

Er strich sich verwirrt durch die Haare.

»Ich – ich bin ziemlich durcheinander«, sagte er und zeigte in Richtung auf seine Kopfverletzung. Ironisch lachte er: »Sie haben mir den Verstand aus dem Kopf geprügelt.« Sogleich wurde er wieder ernst. »Normalerweise macht es mir nicht viel aus, wenn ich die Nacht bis vier oder fünf Uhr durchfahre. Anscheinend vertrage ich den Obstler nicht. Ich lege mich wohl besser ein Stündchen hin.«

»Tun Sie das«, nickte Bettina. Sie hielt sich mit beiden Händen an der Kante der Bank fest.

Er wollte ihr für die Erlaubnis danken, schwieg aber angesichts der Hilflosigkeit, mit der sie ihn ansah. Sie würde beim geringsten Anlass in Tränen ausbrechen. Als Entführer stand es ihm wohl nicht zu, das Entführungsopfer zu trösten.

»Den Wagenschlüssel habe ich bei mir«, sagte er an der Tür, sich umblickend. »Seien Sie also vernünftig. Darum schließe ich die Hütte auch nicht ab. Für heute reicht eine Rettung aus Bergnot. – Übrigens, ich habe Ihre Handtasche aus dem Auto mitgebracht. Sie steht auf dem Tisch neben der Eingangstür. Und wenn Sie nicht spätestens alle zwanzig Minuten Holz nachlegen, geht der Ofen aus. Sie haben heute schon genug gefroren.«

Heute Abend wird live in Second Life gelesen

Wie im Forum: Der Literat als TrollDie Autoren Petra A. Bauer, Oliver Buslau und Titus Müller lesen heute Abend (Donnerstag, 14. Juli 2007) um 20 Uhr (MESZ) live in Second Life. Und Sie können mit dabei sein! Die wichtigsten Infos zu den Autoren, zum Veranstaltungsort und zur Technik haben wir bereits vor einigen Tagen hier für Sie zusammengestellt.

Jetzt steht auch fest, dass wir den Ton diesmal direkt in die digitale Parallelwelt von Second Life übertragen. Wenn Sie zuhören möchten, benötigen Sie daher neben dem kostenlosen Second-Life-Programm keine weitere Software.

Und das Beste: Wenn Sie nur zuhören und kein Second Life installieren wollen, können Sie die Lesung sogar mit jedem Player-Programm wie Winamp, dem Windows-Mediaplayer oder dem Real-Player live verfolgen. Und wer Skype im Einsatz hat, kann den Autoren sogar fragen stellen.

Wie das geht, das erfahren Sie, wenn Sie hier klicken »

Folge 73 vom 13. Juni 2007

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Draußen quietschte ein Fensterladen in der Angel. Tageslicht fiel durch ein Fenster, in dem dünne Stege die Scheiben in vier Teile teilten, jedes kaum größer als ein Rasierspiegel. Gleich darauf öffneten sich auch die anderen Fensterläden und erhellten eine alpine Puppenstube mit rot-weiß karierten Übergardinen und aufgeschichteten Wänden aus vierkantig behauenen Baumstämmen. Hinter der offenen Tür stand ein grün gekachelter Ofen auf einem gemauerten Podest, davor ein Holzbottich als Vorratsbehälter für das Brennholz.

In der Küche zischte und sprudelte das Wasser. Bettina goss es in die Schüssel, mischte kaltes Wasser aus der Gießkanne zu und prüfte mit den Fingerspitzen die Temperatur. Dann trug sie die Schüssel an ihren Sitzplatz. Bevor sie den Rock hob und die zerrissene Strumpfhose herunterrollte, beobachtete sie für einen Augenblick die Tür.

Stefan brauchte einige Gänge, um die Vorräte in die Hütte zu holen. Zwischendurch versorgte er den Herd. Im Stall verstaute er die verderblichen und offen verpackten Lebensmittel als Schutz vor Siebenschläfern und anderen Mitbewohnern in einen mit Fliegendraht bespannten Schrank. Die Konserven und Getränke packte er in den Futtertrog für die Kühe neben das gestapelte Brennholz. Den Speiseplan heftete er an die Stalltür, wie immer als sichtbares Zeichen, dass er angekommen war. Die Wäsche räumte er in die Schubfächer unter dem Bettgestell im Schlafraum.

Himmel, die Lektorin, dachte er, die hatte er völlig vergessen.

Der Fußboden des Wohnraums knarrte beim Eintreten. »Das sind noch die ersten Bohlen«, erklärte er. »Hinter der Schwelle gibt es eine ausgetretene Stelle, da kann man sich leicht den Fuß vertreten. – Warten Sie. Ich hole Ihnen ein Handtuch.

»Sie sind sehr besorgt um mich«, sagte Bettina, als er ihr das Handtuch reichte. Ihre Stimme vibrierte leicht im Bemühen um einen ruhigen Tonfall. Sie trocknete die Füße und zog die Schuhe an. Auf dem braunem Leder verliefen von der Sohle aus dunkle Flecken.

»Langsam wird es warm«, sagte er zufrieden. »Sie sollten das schmutzige Kostüm ausziehen. Ich habe saubere Sachen für Sie.«

Sie erhob sich und er glaubte, sie sei nun endlich vernünftig geworden. Statt dessen hieb sie wütend mit Fäusten auf ihn ein. Schützend hob er die Arme und duckte den Kopf zu Seite. Ein Schlag traf sein Pflaster hinter dem Ohr und verursachte einen dumpfen Schmerz. Er schrie auf.

Bettina hielt jäh inne.

Er tastete hinter dem Ohr. »Auch das noch«, sagte er und betrachtete seine blutverschmierten Finger. »Das Loch ist wieder offen.«

»Ich wollte Sie nicht verletzen.«

»Wie nett von Ihnen! Waren das symbolische Prügel?«

»Sparen Sie sich Ihren Hohn, oder ist die Entführung auch symbolisch? Lediglich ein Versehen? Verkehrt herum in eine Einbahnstraße gefahren. Das kann jedem einmal passieren, nicht wahr?«

Stefan presste ein Taschentuch an den Kopf. »Im oberen Schubfach der Kommode hinter mir ist ein Verbandskasten. Bitte.«

»Zeigen Sie mal.« Bettina zog vorsichtig die Haare auseinander. Ein Ruck, dann war das blutgetränkte Pflaster weg.

»Seien Sie doch vorsichtig«, schimpfte er.

»Das müsste wohl genäht werden. Bis dahin tun es Mull und Leukoplast. Haben Sie so etwas hier oben? Sobald es das Wetter zulässt, fahren wir zum Arzt und dann zur Polizei.« Sie holte den Verbandskasten und versorgte die Wunde.

»Danke«, sagte er. »Wir warten die Heilung ab und sie schreiben unterdessen an meinem Roman.«

»An Ihrem Roman? Sie haben kein Loch im Kopf, sondern einen Dachschaden.« Sie rückte das rot-weiß karierte Sitzkissen zurecht und setzte sich rittlings auf die Holzbank, bückte sich nach dem unter dem Tisch liegenden Schlafsack und legte ihn sich um die Schultern. Unvermittelt brüllte sie: »Scheißkerl!«, und schlug mit der Faust heftig auf den Tisch.

Stefan zuckte und hielt sich instinktiv den Kopf.

»Keine Wiederholungen«, sagte er. »Wir sollten uns um originellere Dialoge bemühen.« Er legte den Verbandskasten zurück in die Kommode. »Und zunächst auf den Schreck anstoßen. Das beruhigt die Nerven.«

Folge 72 vom 12. Juni 2007

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»Herzlich willkommen«, sagte er mit deutlicher Betonung, ohne sie dabei anzusehen, während er die Tür aufschloss. Für Stefan war die Ankunft auf der Alm jedes Mal ein bewusster Übergang von der Zivilisation in die vollkommene Harmonie der Natur. Von Bettina konnte er solche Andacht nicht erwarten.

Das Tageslicht erhellte nur schwach den Raum. »Gibt es hier keine Lampe?« fragte Bettina.

Stefan zündete eine Kerze an. Der Raum erstreckte sich über die gesamte Tiefe der Hütte. An der linken Wand ragte ein mächtiger Ofen mit seinem Kamin bis unter die Decke, am Ende des Raumes war ein Tisch mit einer weit über den Rahmen hinausragenden Platte zu erkennen, darüber zeichnete sich das Viereck eines Fensters mit geschlossenen Läden ab.

»Setzen Sie sich nach nebenan in den Wohnraum«, sagte Stefan. »Ich mache Feuer.« Stefan drückte Bettina den Kerzenhalter in die Hand. Er nahm sich eine Taschenlampe von einem Wandbrett und verschwand durch eine von schweren Holzbalken nieder gedrückte Tür.

Mit einem Arm voll Feuerholz kam er zurück und warf es auf den Boden. Aus der unteren Lade des Herdes holte er Zeitungspapier und Holzspäne, zerknüllte das Papier zu Kugeln und schob sie zusammen mit den Spänen in den Herd. Als das Feuer ordentlich loderte, legte er einen dicken Scheit oben auf, schloss die Feuerklappe und öffnete zufrieden den Luftregler. Auf das erste Feuer freute er sich immer besonders, nicht nur, weil es die Kühle aus der Hütte vertrieb.

Er lugte durch die Tür in den Wohnraum. Bettina saß am Tisch auf einer Holzbank, vollständig eingehüllt in die Decke. Die Schuhe lagen unter der Bank, sie rieb ihre Füße aneinander und wiegte dazu im Takt ihren vornüber gebeugten Oberkörper.

»Bald wird es warm«, sagte er. »Aber vorher setze ich Wasser auf, damit Sie ein Fußbad nehmen können.«

Das Wasser floss zehn Schritte vor der Hütte in einen Trog. Aus dem schneebedeckten Gras wuchs ein schwarzer Schlauch bis zu einer Manschette am oberen Ende eines Pfahles hervor. Auf dem Schlauchende steckte ein zu einem Entenschnabel aufgebogenes Kupferrohrstück und schoss einen Daumen dicken Strahl in den Trog. Stefan bog den Schlauch zu sich und ließ eine Gießkanne randvoll laufen. Die Lektorin würde sich nicht nur die Füße wärmen, sondern auch waschen wollen.

»Es dauert nicht mehr lange«, versprach Stefan, als er den Wasserkessel aufsetzte. »Wollen Sie sich nicht etwas Trockenes anziehen? Ich kann Ihnen zünftige Wanderbekleidung anbieten.« Weil Bettina nicht antwortete, ging er in den Wohnraum. »Seien Sie doch nicht so stur. Sie werden tagelang mit Erkältung im Bett liegen und die unvergleichliche Schönheit der Bergwelt verpassen, und ich auch, weil ich Fieber messen und kalte Wadenwickel anlegen und Ihnen den Schweiß von der Stirn tupfen muss. – Ach du meine Güte! Ich habe die Lebensmittel vergessen! Sie kriegen Frost! Nehmen Sie erst einmal das Fußbad. Eine Schüssel finden sie hier vorne unter dem Ecktisch neben der Eingangstür.«

Bettina wandte den Kopf ab. Die Wände der Hütte trugen ein dunkles Braun und verschluckten den Kerzenschein. Der Raum war karg mit Tisch und einer Kommode eingerichtet, darüber einer Kombination aus Tellerregal und Wandschrank und einer Sitzbank entlang den Außenwänden. Der einzige Schmuck bestand in einem mit Heftzwecken an der Wand befestigten Tuch, bestickt mit blauen Buchstaben. Enzian und Edelweiß verzierten umschlungen die Ränder.

Jetzt bewerben: Das literaturcafe.de sucht die Literatin 2007

Jetzt bewerben zur Literatin 2007Ab sofort können Sie sich beim literaturcafe.de als Literatin 2007 bewerben. Nach Rebecca (Literatin 2005) und Tobias (Literat 2006) suchen wir in diesem Jahr wieder ein weibliches Model, das unsere T-Shirt-Kollektion »Literatin« attraktiv präsentiert. Wir suchen keine Top-Models, sondern normale Menschen, die idealerweise Gedichte, Kurzgeschichten oder Bücher schreiben.

Wir laden die Gewinnerin in den Süden Deutschlands zu einem Fotoshooting mit der Fotografin Birgit-Cathrin Duval ein. Vor allem aber geht es darum, an diesem Tag gemeinsam Spaß zu haben und natürliche Fotos in einer natürlichen Umgebung zu schießen (Beispiele der letztjährigen Shootings finden Sie in unseren Galerien). Daher rücken wir nicht mit einem großen Team ein, sondern verbringen gemeinsam einen Tag mit Fotografieren, leckerem Essen und Gesprächen. Selbstverständlich präsentieren wir neben den Fotos der Literatin 2007 auch wieder ihre Werke im literaturcafe.de.

Bewerben Sie sich über unser Formular am Ende dieser Seite. Alles, was Sie wissen müssen, lesen Sie hier.

Über Freunde und Wombats: Ralph Giordano im Interview

Ralph Giordano (Foto: Sabine Wirth)Im März 2007 veröffentlichte der Kölner Autor und Journalist Ralph Giordano zu seinem 84. Geburtstag seine Autobiographie »Erinnerungen eines Davongekommenen«. Der große Humanist legt hier ein sehr persönliches Zeugnis ab über die Zeit als Verfolgter im Dritten Reich, den politischen Irrweg als KPD-Mitglied, seine Tätigkeit als Fernsehjournalist rund um den Globus und seine Passion als Schriftsteller. Seine unerschöpfliche Schaffenskraft, von der noch kein Ende in Sicht ist, wird ihm selbst manchmal richtig unheimlich.

Eine weniger bekannte Seite, die Liebe zu Tieren, zieht sich auch wie ein roter Faden durch seine Werke.

Sabine Wirth sprach für das literaturcafe.de mit Ralph Giordano.

Folge 71 vom 11. Juni 2007

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Bettina ging los, ohne auf seine Aufforderung zu warten. Der Pfad war wegen des Schnees nur noch an geschützten Stellen als schmaler Streifen im Gras zu erkennen, gesäumt von Latschenkiefern und krumm gewachsenen kleinen Lärchen. Kurze Kehren wechselten mit treppenstufig ausgetretenen Anstiegen, in denen sie Felsbrocken, Zweige oder auch große Grasbüschel zum Festhalten benutzten. Stefan gab ununterbrochen Anweisungen, wo sie hintreten solle. Trotzdem glitt sie ständig aus und musste von ihm gestützt werden. Auf einer ebenen Stelle machte sie keuchend halt.

»Gehen Sie langsam weiter«, mahnte er, »dann bleiben Sie warm und erkälten sich nicht.«

Sie öffnete den Mund und er rechnete mit einer Beschimpfung. »Der Rock ist nass«, sagte sie unter schnellem Atmen. Mühsam hielt sie die Tränen zurück.

»In der Hütte können Sie sich umziehen.« Stefan legte Zuversicht in seine Worte. Jammern half nicht, sie tat ihm leid. Auch mit trockener Kleidung wäre der Aufenthalt im Freien ungemütlich. Den Umweg über den Beinaheabsturz hatte er zwar nicht zu vertreten, gleichwohl war er für alles verantwortlich.

Ein riesiger Felsbrocken versperrte den Aufstieg und zwang sie, sich rechts zu halten, auf das anschwellende Donnern der Priach zu. Mehrere hundert Liter eiskaltes Bergwasser stürzten vor ihren Augen in jeder Sekunde in die Tiefe und verschwanden in Gischt und feuchtem Wassernebel. Unmittelbar am Abgrund führte der verschneite Steig um den Felsen. Bettina lehnte sich instinktiv an und klammerte sich mit beiden Händen fest.

»Ein atemberaubender Anblick, nicht wahr?«

Sie tastete sich vorsichtig weiter und setzte jeden Fuß mit Bedacht, ohne den Felsen loszulassen.

»Ganz in der Nähe gibt es einen Sitzplatz, von dem aus lässt sich der Wasserfall traumhaft genießen.« Dicht hinter ihr blieb er stehen, bereit, sie zu stützen oder festzuhalten.

Das letzte Drittel des Weges wurde flacher und führte durch ein Gehölz aus mannshohen Latschenkiefern. Bettina bog die Zweige zur Seite und ließ sie ohne Rücksicht auf Stefan hinter sich zurückschnellen. Er schützte sich mit dem Ellenbogen vor dem Gesicht. Auf der Almwiese lag der Schnee dicht und verdeckte die Polster von Alpenrosen, Blaubeersträuchern und Schneeheide, als seien sie die Narben der Wiese.

Stefan entlud den Tragekasten des Lifts und stellte die Kartons mit den Lebensmitteln und das Gepäck auf ein noch schneefrei gebliebenes Fleckchen Erde unter Bäumen ab. Sorgfältig bedeckte er den Stapel mit blauen Abfallsäcken.

Bettina war zunächst am Lift stehen geblieben und dann allein weitergegangen. Sie muss Eisfüße haben, dachte Stefan.

»Warten Sie«, rief er und arretierte das Schutzgitter des Tragekastens. »Ich zeige Ihnen, wo es lang geht, damit Sie nicht stolpern, es liegen überall Felsbrocken im Gras.«

Sie hörte nicht auf ihn. Stefan stellte den Karton zu den anderen und rannte ihr nach. An der Hüttentür holte er sie ein.

Folge 70 vom 10. Juni 2007

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Der Holzverschlag am Lift war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Stefan entfernte das lose Brett, das nur für die nicht Eingeweihten festgenagelt schien. Den Trick der Genossenschaftsbauern gegen die Vergesslichkeit und für unvorhergesehene Fälle hatte ihm der Lugleitner gezeigt, von dem er die Hütte gepachtet hatte.

Der Generator brummte in den stillen Morgen. Am Seil setzte sich der Tragkasten in Bewegung, rappelte über die Führungsrollen des Mastes, sackte ein kurzes Stück und schwebte dann aufwärts. Die ganze Zeit schaute Stefan ungeduldig nach oben in die Wand, bis der Kasten den zweiten Mast erreicht hatte und über dem Grat verschwand. Mit einem Ruck blieb das Seil stehen. Stefan schaltete den Generator ab und fügte das lose Brett in die Öffnung.

Mittlerweile fielen die Flocken dünner und nicht mehr dick und nass; ein Zeichen, dass die Temperatur weiter gesunken war. Der Schnee entwickelte sich allmählich zu einer Bedrohung; er war nun ganz und gar nicht mehr nur ein vorgeschobenes Argument, um Bettina möglichst schnell zur Hütte zu bringen.

Bettina saß nicht mehr im Auto, und sie hatte die Decke, seinen Schlafsack, mitgenommen.

»Verdammt!«, fluchte Stefan. Bettinas Fußspuren waren im Schnee noch zu erkennen. In vorsichtigen Laufschritt folgte er ihnen. Sie war mit kurzen Schritten den Weg hinunter gerannt und häufig ausgerutscht. Eine breite Stelle platt gedrückter Schnee am oberen Gatter zeigte, dass sie beim Überklettern gestürzt war.

Ihr Aufschrei war pure Todesangst.

»Ich komme!« schrie Stefan und rannte wie besinnungslos um die vor ihm liegende Wegkurve.

Bettina klammerte sich mit dem Kopf in Weghöhe an den Stamm einer dünnen Fichte und an einen Steinbrocken, der auf der Wegkante lag, und versuchte, mit den Füßen Halt im Abhang zu finden. Immer wieder lösten sich Steine und Erde und stürzten in das tief unter ihr liegende Bachbett.

Stefans Beine zitterten, als er in die Hocke ging und Bettina unter die Achseln fasste. Im Ziehen fiel er nach hinten und bekam sie auf den Weg. Sie rollte sich von ihm weg.

»Du Scheißkerl!«

Er wusste es bereits, obwohl er sie nie und nimmer in Gefahr gebracht hätte und sich für ihre Kurzschlusshandlung verantwortlich fühlte. Gegen ihr Sträuben versuchte er, sie auf die Beine zu stellen, aber sie machte sich schwer wie ein nasser Sack.

»Bitte!« sagte Stefan.

Bettina stand auf und strich die Haare aus dem Gesicht. Er zog sie an einem Arm in Bewegung und legte die weniger schmutzige Seite der Decke um ihre und seine Schultern. Seine Sportschuhe waren mittlerweile durchfeuchtet und die Kälte kroch ihm in die Zehen und durch die ungefütterte Jacke. Beim Gehen berührte er ihre Schulter. Sie achtete nicht darauf und ging stur in dem einmal gewählten Tempo weiter, als verfolgten sie beharrlich ein gemeinsames Ziel. Zwischendurch schniefte sie und heulte leise wie ein Kind.

Am Fuße der Bergwand blieb er stehen. »Sie wollen wirklich nicht mit dem Lift …?«

Sie wartete das Ende der Frage nicht ab und schüttelte den Kopf.

»Gut. Versuchen wir unser Glück. Wir können nun nicht mehr nebeneinander gehen. Ich bleibe dicht hinter Ihnen und sichere, wenn Sie rutschen. Der Schnee – wenn ich das gewusst hätte …«

Ihr Frieren tat ihm weh.

»Ich wickele Ihnen den Schlafsack um«, sagte Stefan. Er hakte den Reißverschluss der Decke ein und zog ihn bis zum Fußende hoch. »Halten Sie«, sagte er, legte ihr den Schlafsack um den Oberkörper und drückte ihr das Ende in die Hand. Mit dem Hosengürtel band er den zusammengerollten Schlafsack fest. »Passt«, sagte er und fädelte den Dorn durch das letzte Loch des Gürtels. »Wenn sie stürzen, dann wenigstens weich«, versuchte er einen Scherz. »Beim Aufstieg wird Ihnen zusätzlich warm werden.«