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Folge 69 vom 9. Juni 2007

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»Es ist keine Zeit zu streiten«, sagte er eindringlich. »Wir müssen zusehen, dass wir in die Hütte kommen, sonst holen wir uns den Tod. Eine ordentliche Erkältung, meine ich.«

»Sie bringen mich in keine Hütte, sondern nach Hause. Sofort. Sonst wird es Ihnen leid tun.«

»Bei dem Wetter? Wenn ich mit dem Wagen auf dem Schnee ins Rutschen komme, haben wir gute Chancen, eine Abkürzung zu nehmen. Immerhin wirkungsvoller, als hier langsam zu erfrieren.«

»Dann gehe ich allein zu Fuß.«

»Möchten Sie wissen, wie weit wir im Gebirge sind? Bis zum Dorf sind es zwölf Kilometer Luftlinie und achtzehn Kilometer zu gehen.«

»Wo sind wir?«

»Das erkläre ich Ihnen später. Jetzt müssen wir unbedingt ins Trockene. In der Hütte gibt es einen Ofen.«

»Wo ist diese verdammte Hütte?«

»Ein Stück über der Felswand, vor der wir stehen. Sie heißt Weiße Wand, weil der Kalkfelsen so deutlich zum Vorschein kommt.«

Bettina trat einen Schritt ins Freie und warf einen kurzen Blick nach oben. »Haben Sie Seil und Pickel dabei? «

»Schön, dass Sie Ihren Humor wiedergefunden haben.«

»Wir werden sehen, wer am Ende noch lacht!«

»Sparen Sie sich Ihre Energie. Ich werde Sie mit dem Lastenlift nach oben bringen.«

»Ich lasse mich von Ihnen doch nicht wie ein Gepäckstück behandeln!«

»Ich zeige Ihnen den Lift«, unterbrach er sie beim Luftholen.

Er ging voraus zu einem Holzverschlag, aus dem Seile über einen Stahlträger in die Höhe führten. Am Seil hing ein Tragkasten aus Holz mit einem umlaufenden, verbogenen Eisengitter. Ein zweiter Mast ragte wie ein stählerner Finger vom Grat der Weißen Wand schräg in den Himmel und trotzte den Gesetzen der Schwerkraft. Nah über seiner Spitze trieben die Schneewolken.

»Niemals!« sagte Bettina.

»Es gibt keine Wahl. Bei Regen, Schneefall und Kälte kraxelt niemand durchs Gebirge, höchstens die Bergwacht, um unvorsichtige Touristinnen zu retten. Nur in einer Hütte ist man sicher aufgehoben. Also erst Sie, dann das Gepäck und die Vorräte. Sie laden oben aus und dann komme ich über den Fußsteig nach.«

»Ich ziehe das Risiko mit dem Auto vor«, sagte sie entschlossen.

Stefan überlegte. »Also gut«, lenkte er ein, »ich bringe das Gepäck mit dem Lift nach oben. Anschließend gehen wir beide zu Fuß.« Er musterte ihre Schuhe. »Der Aufstieg ist bei Nässe nicht ungefährlich. Der Pfad ist schmal und steil und Sie haben Straßenschuhe an, Sie bekommen kalte Füße und das macht Sie steif und ungelenkig. Sie täten wirklich gut daran, auf mich zu hören.«

Bettina ließ ihn stehen und ging zum Wagen zurück.

Eine gewaltfreie Entführung ist eine verdammt anstrengende Sache, dachte Stefan. Man benötigt triftige Argumente, um das Entführungsopfer zum Mitgehen zu veranlassen. Bettina war störrisch wie ein Esel. Allerdings konnte er nicht erwarten, dass sie ihm willig folgen würde.Während er die Vorräte und das Gepäck vom Wagen zum Lift schleppte, stand sie nur da und vertrat sich die Füße auf der Stelle, wie eine Madonna mit Umhang. Als er sie aufforderte, sich in den Wagen zu setzen, gehorchte sie zu seiner Überraschung.

Folge 68 vom 8. Juni 2007

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Die Kälte weckte Stefan. Durch die Ritzen des Verschlages fiel Tageslicht. Die Armbanduhr zeigte, dass acht Uhr vorbei war und er demnach vier Stunden geschlafen hatte. Ungelenk stieg er aus dem Wagen und reckte sich. Die Luft war immer noch empfindlich kalt und auch der Niederschlag hatte nicht aufgehört. Draußen lag ein durchsichtiger, grüner Hauch von Schnee.

Sie befanden sich unmittelbar an der Schneefallgrenze. Den Berg hinauf verdichtete sich das Grün zu Weiß bis hin zu den grauen Schleiern der talwärts ziehenden Wolken. Im Schutz des Schuppens beobachtete Stefan die immer dichter fallenden schweren Flocken. In wenigen Minuten verschwand die Wiese unter einer Schneedecke, die sich schnell weiter ausbreitete.

Er ging zum Wagen zurück, holte die Jacke vom Rücksitz und zog sie über. Bettina atmete gleichmäßig, sie hielt ihre Hälfte der Decke mit einer Hand fest am Kinn. Vorsichtig rüttelte er sie an der Schulter. Irgendwann musste es sein, und da war jeder Moment so gut wie der andere. Er rüttelte heftiger und gab ihr einen leichten Klaps auf die Wange.

Bettina öffnete die Augen. Stefan konnte verfolgen, wie sie sich von weit her mit Leben füllten.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin der Taxifahrer.«

Sie drehte den Kopf. »Wo bin ich?«

»Bei mir.«

»Das ist doch nicht das Taxi, oder?«

»Nein. Das ist mein Wagen.«

»Und wo steht Ihr Wagen?« fragte Bettina gereizt.

»Auf fünfzehnhundert Metern, aufgerundet.«

Sie setzte sich kerzengerade auf. »Was machen wir hier?« Mit den Fingerspitzen massierte sie Stirn und Schläfen. »In meinem Kopf ist alles so weich … es geht auf und ab, wie auf einem Trampolin … Puhh!« Sie bewegte den Kopf kreisend und hob und senkte die Schultern.

»Verspannt«, kommentierte Stefan. »Die Rückenlehne lässt sich nicht weiter nach hinten verstellen.«

Abrupt hielt Bettina inne. Ihr Blick blieb an der Uhr des Armaturenbretts hängen. »Acht Uhr durch. Ich habe fest geschlafen … Sie … «

Stefan konnte die Erkenntnis in ihrem Gesicht lesen.

»Was haben Sie mir in das Mineralwasser getan?« Ihre Stimme gewann an Klarheit und Schärfe.

»Schlaftabletten. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«

»Keine Sorgen? Sie haben mich betäubt!« Bettina stockte, öffnete den Mund, und dann platzte sie heraus: »Ist das eine Entführung oder was?«

»So ähnlich.« Stefan klang nicht sehr überzeugend.

Sie schloss die Augen und lehnte sich in den Sitz zurück.

»Sind Sie in Ordnung?« fragte er nach einer Weile.

»Sie haben mich verwechselt, ich bin nicht die Braut, und jetzt ist es Ihnen irrsinnig peinlich.«

»Sie sind Bettina Kracht und ich möchte Sie nicht heiraten. Ich möchte einen Roman von Ihnen.«

»Uuaaah!« Bettina warf die Decke gegen die Scheibe, riss die Autotür auf und sprang aus dem Wagen. Ihr rechter Fuß verhedderte sich in der Decke und sie musste sich an den Türrahmen festklammern, um nicht zu stürzen. Sie rannte aus dem Schuppen ins Freie.

»Himmel!« rief sie. »Es schneit! Im Juni!« Sie schien beeindruckt und rührte sich nicht vom Fleck, erst als sie den Schnee von den Schultern und aus den Haaren schütteln musste, kam sie zurück. Widerspruchslos nahm sie die Decke, die Stefan ihr umlegte.

»Ich träume«, flüsterte sie. Laut rief sie: »Taxi!«

»Bin schon da, Madam.«

Sie fuhr herum und funkelte ihn mit zornigem Blick an.

Folge 67 vom 7. Juni 2007

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Von der Jausenhütte zog sich der Weg zunächst in flachen, dann in steileren Kehren den Berg hinauf. Stefan schaltete in den Steilstrecken in den ersten Gang zurück. Die ausgewaschenen Fahrspuren zwangen ihn zu einem Zickzackkurs um Schlaglöcher und die kantigen Köpfe von Felsbrocken, die Schnee und Regen im Weg freigelegt hatten, die verwitterten Brücken über die Quellzuläufe zur Priach waren ihm nicht geheuer genug, um darüber hinweg zu fahren, ohne nach den tragfähigsten Stellen zu schauen. Soweit der Zustand des Weges nicht seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte, beobachtete er Bettina. Sie war unruhig geworden, ihr Kopf schaukelte mit den Unebenheiten und sie atmete schwer. Immer wieder geriet der Weg in die Nähe des Baches, der sich zwischen Felsbrocken und Bäumen tief in die Bergflanke eingegraben hatte und Gischt schäumend zu Tale stürzte. Tagsüber war ein Blick nach links in den Abgrund atemberaubend, heute Nacht klammerte sich Stefan mit den Scheinwerfern fest an die Bergseite.

Ein Viehgatter sperrte den Weg und markierte das Ende des Waldes, oder den Anfang, wenn man es von der Alm aus sah. Weiter oben gab es nur noch Stacheldrahtzäune, die über Kämme und Grate gespannt verhindern sollten, dass das Vieh abstürzte oder aus dem Lungau in den Pongau auswanderte und umgekehrt.

Stefan zog die Handbremse, rannte zum Gatter und zurück zum Auto, fuhr hindurch und wiederholte die Prozedur. Der Weg mündete in weitem Bogen in eine sanft ansteigende Fläche. Die Berghänge standen hier schon dichter zusammen als unten an der Jausenhütte, doch reichte der Platz für den Bach, den Weg und ein Stück Almwiese.

Beim nächsten Gatter hatte er Schwierigkeiten mit dem Schließmechanismus, der nur von einer Seite zu betätigen war. Nachdem er den Wagen durch das Gatter gefahren hatte, hantierte er einige Zeit blind, bis der Riegel einrastete. Bevor er weiterfuhr, stellte er das Gebläse der Heizung höher und rieb sich die klammen Finger im warmen Luftstrom.

Vom zweiten Gatter waren es nur einige hundert Meter bis zu der mit Steinen ausgekleideten Rinne am Ende einer mächtigen Geröllhalde, die eine Mure hinterlassen hatte und die nur während der Schneeschmelze oder nach heftigen Regenfällen Wasser führte.

Stefan ließ die Vorderräder in die Rinne einlaufen, stoppte, zog mit viel Gefühl den Wagen vorne soweit heraus, bis die Räder hinten in der Rinne standen und bremste sanft. Schrammen hatte es immer nur dann gegeben, wenn der Wagen mit zuviel Schwung in die Rinne einschaukelte. Mit wenig Gas bekam er die Hinterräder heraus und hatte das Hindernis passiert.

Bettina lag wieder ruhig.

Dünne Tropfen landeten auf der Windschutzscheibe und vermehrten sich schnell. Stefan schaltete den Scheibenwischer ein. Heute Nacht würden sie nicht mehr zur Walln-Alm kommen. Selbst wenn er Bettina weckte, könnte er sie nicht schlaftrunken mit dem Lastenlift nach oben bringen. Das Risiko, dass sie unterwegs aus Panik aussteigen würde, war zu groß.

Der Weg endete vor einer Felswand als Fahrspur im Gras. Helle Kalkfelsen reflektierten das Licht der Scheinwerfer. Stefan bog in ein Lärchengehölz und fuhr bis vor einen Schuppen. Die rechte Hand zum Schutz gegen den Nieselregen vor Augen haltend, löste er den Holzriegel des Tores, es sprang unter Spannung ein kurzes Stück auf und blieb im nassen Gras vor seinen Füßen stecken. Mit viel Kraft schleppte er das Tor über das Gras, bis es weit offen stand.

Die Scheinwerfer erhellten ein Rechteck aus grauen Latten. Beim Einfahren des Wagens tauchten aus dem Schatten in der hinteren Ecke zwei aufeinander gestapelte Bierkästen mit leeren Flaschen und ein blauer Plastiksack auf. Den Müllsack musste er beim letzten Besuch schlicht vergessen haben.

Stefan schaltete das Licht aus und drehte den Zündschlüssel. Die Temperatur im Wagen würde sich ohne Heizung nicht lange halten lassen. Von der Rückbank zog er eine Decke nach vorne, die sich mit einem Reißverschluss zu einem Schlafsack zusammenlegen ließ, und deckte sich und Bettina damit zu.

Der Nieselregen war auf dem Holzdach nicht zu hören. Das ewige Getöse der Priach, die in einiger Entfernung einen Höhenunterschied von über hundert Metern teilweise senkrecht überwand, übertönte den Aufprall der feinen Tropfen.

Herzlichen Glückwunsch, Mascha Kaléko!

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Podcast: Mascha Kaleko - Mein Lied geht weiterHeute, am 7. Juni 2007, wäre die Lyrikerin Mascha Kaléko 100 Jahre alt geworden. Grund genug, um noch einmal auf den Podcast »Mein Lied geht weiter« hinzuweisen, in dem einige ihrer wunderbaren Gedichte zu hören sind. Der Podcast wurde vom literaturcafe.de für den Deutschen Taschenbuch Verlag dtv produziert. Jede Woche erscheint eine neue Folge. Sechs Gedichte sind bereits zu hören.

Obwohl sich in den Medien durchaus Artikel über die Dichterin finden, wird ihr Geburtstag viel zu leise gefeiert. Mascha Kaléko hat es verdient, dass noch mehr Menschen ihre wunderbaren Gedichte kennen. Einen sehr schöner Artikel über Mascha Kaléko hat Marcel Reich-Ranicki in der FAZ geschrieben:

Die Ursache dieses geradezu verblüffenden Erfolgs liegt auf der Hand. Es ist die Authentizität ihrer Lyrik, genauer: deren authentische Naivität. Sie schreibt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Vermutlich hat die Kaléko nie anders dichten wollen, sie hätte es wohl auch gar nicht gekonnt. Aufs natürlichste verbindet sie trockene, ironische, gewissermaßen augenzwinkernde Sentimentalität mit pfiffiger, etwas zynischer Ernüchterung. Das ergibt sehr rasch und ganz ohne Umstände eine neuartige Großstadtlyrik

Zum Podcast »Mein Lied geht weiter« »

Folge 66 vom 6. Juni 2007

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Hinter Josephskirch verschwand der weiße Streifen von der Mitte der Landstraße. Die schmale Straße führte durch buckliges Weideland an Gehöften vorbei, die abseits auf kleinen Geländeerhebungen standen. Rechts und links rückten die Berge nicht nur in der Perspektive zusammen. Stefan kannte das Priachtal und nahm das Landschaftsbild auch in der Dunkelheit auf.

Ein geöffneter Schlagbaum trennte die Straße vom nachfolgenden unbefestigten Weg. Unter den Reifen knirschte feiner Schotter und in regelmäßigen Abständen polterten die Räder über hölzerne Querrinnen. Der Weg legte sich eng an die Priach, als weise sie mit ihrem Rauschen die Richtung aufwärts: dort, wo ich herkomm.

Stefan war müde. Der Weg mit seinen vielen Kurven forderte seine Aufmerksamkeit, auch wenn er nachts problemloser zu befahren war als tagsüber, wo er hinter jeder Biegung mit Wanderern rechnen musste, aus deren Gesichtern trotz seines rücksichtsvollen Tempos sprach, dass sie ihn mit seinem deutschen Kennzeichen für einen der Touristen hielten, die möglichst weit den Berg hinauffuhren, um die anschließende Strecke Fußweg zu verkürzen. Sollte er jedem erklären, dass er das Recht hatte, die Zufahrt zur Hütte mit dem Auto zu benutzen?

An der Jägerhütte begann das lange Stück mit dem steilen Abhang zum Bach. Er schaltete herunter. Vor ihm war die Kante zum Bach abgerissen und eine breite Schleifspur führte vom niedergewalzten Gestrüpp herauf. Stefan konnte die Deppen nicht begreifen. Eine stinkbesoffene Abfahrt, wusste er aus dem Gerede, galt unter Einheimischen als eine besonders potente Form von Männlichkeit, als das kleine Abenteuer vor der eigenen Haustür. Wer mit dem Auto im Bach landete und mit einem blauen Auge davonkam, wurde diskret geborgen und das Auto von einem der Almbauern mit dem Traktor abgeschleppt, ohne dass man Ermittlungen befürchten musste.

Stefan passierte einen überhängenden Felsen in einer Kurve. Hinter dieser Engstelle öffnete sich das Tal und der Weg wechselte über ein Viehgitter und eine flache Holzbrücke in eine lang gezogene Ebene. Noch verwehrte ein schmales Wäldchen aus jungen Erlen den Ausblick. Durch die gesamte Ebene war der Weg auf beiden Seiten gegen Wiesen und Brachland eingezäunt, als müssten die Menschen und nicht das weidende Vieh beaufsichtigt werden. Stefan durchfuhr kleine Gruppen von Fichten und Lärchen und überquerte mehrfach die Priach. Weg und Bach schlängelten sich durch das breite Tal und suchten ihren Lauf nach dem geringsten Widerstand, ohne dass die ursprünglichen Hindernisse noch erkennbar waren.

Am hinteren Ende der Talebene gabelte sich der Weg, rechts führte er am Fuß des Berges entlang und verschwand hinter einer Kurve, geradeaus bildete er den Beginn einer scharfen Steigung in den Wald hinein, abgetrennt durch einen Schlagbaum. Stefan hielt und stieg aus.

Gegen die Dunkelheit konnte er die Umrisse der unteren Walln-Hütte kaum ausmachen. Erst das helle gewellte Eternitdach gab dem Auge einen Anhaltspunkt, von dem aus die Hütte für Stefan langsam Gestalt aus Sichtbarem und Erinnerung annahm. Stefan drückte das Gegengewicht des Schlagbaums herunter. Die Stange bewegte sich nur wenige Zentimeter, dann schlug Metall an Metall. Am Aufleger vorne ertastete Stefan ein faustgroßes Vorhängeschloss. Der Schlüssel am Holzklotz, erinnerte er sich.

Hinter einem der kleinen Fenster schimmerte flackernd ein schwaches Licht auf. Gleich darauf öffnete sich die Tür und dünner Lichtschein fiel über zwei Reihen einfacher Holztische und Holzbänke. Stefan konnte den Mann in seinen Einzelheiten erst ausmachen, als er bei ihm angekommen war, er war von großer und hagerer Statur und sein gebeugter Oberkörper erklärte den hölzern wirkenden Gang. Aus der gefütterten Allwetterjacke ragten die langen Hosenbeine eines Schlafanzugs.

Stefan rieb sich kräftig die Oberarme gegen die kalte Nachtluft.

»Willst um diese Zeit noch auffi?«

»Ja. Ich kam nicht früher weg.«

»Du bist narrisch! Es ist schlechtes Wetter ang’sagt, im Radio.«

»Verdammte Kälte. Ich schließe die Schranke wieder ab. Ist der Lift in Ordnung?«

»Soll ich dir etwa die Packerl auffitragen?«

»Nichts für ungut«, antwortete Stefan.

Der Jausenwirt brummte und hob die Hand zum Abschied. Er tauchte im Dunkeln unter und im Lichtschimmer der geöffneten Tür wieder auf, dann schlug die Tür zu und die Nacht war so schwarz wie vorher.

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 2

Foren im InternetDiesmal: Literaturforen im Internet

In der ersten Folge habe ich die Internetforen zum Thema Literatur einen Sumpf genannt, denn genau das sind sie. Ein stinkender Morast, in dem man allzu leicht versinkt, in dem aber auf einzelnen versteckten Inseln die schönsten und exotischsten Pflänzchen blühen. Der Weg dahin ist versperrt mit halb vermoderten Baumstümpfen, und stellenweise soll es sogar Treibsand geben, doch wer den Mut hat ihn zu gehen, wird manchmal belohnt.

Ein Wort zum Thema Suchtfaktor: Während es in der großen weiten Literaturwelt Wochen und Monate dauern kann, Resonanz zu bekommen, ist das in einem Literaturforum im Internet mitunter ziemlich einfach. Eine kurze Anmeldung, einmal die eMail-Adresse angeben, an die man sich sowieso nur Spam schicken lässt, und schon ist man mitten drin im Geschehen. In Sekunden ist das erste Herzschmerzgedicht mit schmalztriefenden Zeilen hochgeladen, und man wartet gebannt auf die Reaktionen. Es kann sogar soweit gehen, dass man im Halbminutentakt die F5-Taste (Seite neu laden) drückt, nur um ja den großen Moment nicht zu versäumen, wenn sich einer der etablierten Foren-User des eigenen Ergusses dichterischer Ambitionen annimmt. Besondere Härtefälle verbringen ihre Wochenende ausschließlich mit der Kommentarfunktion.

Folge 65 vom 5. Juni 2007

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Stefan hatte Mühe, den Polo aufzuschließen. Die Schachtel mit den Tabletten lag auf der Ablage vor dem Beifahrersitz. Zwei Tabletten fielen auf die Fußmatte, bis zwei in der Handfläche lagen. Das musste reichen. Er warf die Tür zu und schloss den Kofferraum auf. Bitter Lemmon wäre ideal vom Geschmack, aber den hatte er nicht. Also Mineralwasser in den Deckel der Thermoskanne. Mit dem Zeigefinger zerdrückte er die Tabletten. Lichtjahre schienen zu verstreichen, bis sie sich auflösten.

»Hier.« Er hielt Bettina den Plastikdeckel hin.

»Wo ist die Tablette?«

Verdammt, sie machte Schwierigkeiten. Er zeigte auf den Deckel. »Im Wasser.«

»Sie haben die Tablette …? Woher soll ich wissen, was sie wirklich ins Wasser getan haben?«

Ein Tropfen löste sich zwischen Stefans Schultern und lief die Wirbelsäule entlang bis zum Gummizug der Unterhose. Ein zweiter Tropfen folgte.

»Entschuldigung«, sagte er. »Meine Mutter … Ich konnte als Kind nie Tabletten schlucken, da hat sie mir die Dinger in Wasser aufgelöst. Seitdem mache ich es immer so.«

Bettina zögerte.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag.« Stefan fuchtelte mit der freien Hand. »Weil Sie durch mich schon so viel Ungelegenheiten gehabt haben. Sie trinken das Wasser mit der Tablette und ich behalte mein Manuskript. Ist das ein Wort?«

»In Gottes Namen. Und bringen Sie mich bitte jetzt nach Hause. Ich zahle auch.«

»Wollen Sie mich beleidigen? Versprochen ist versprochen.«

Bettina nahm einen Schluck. »Huh, ist das aber bitter.«

»Mit der Schoole ist es wie mit der Medizin«, zitierte er, »sie moss bitter schmäcken …«

Bettina trank aus und winkte gleichzeitig ab. »Verschonen Sie mich mit Ihren Sprüchen.«

Stefan nahm ihr den Becher ab. »Ich komme gleich zurück.« Er hampelte wie jemand, der übertriebene Eile an den Tag legt, lief zum Polo und schraubte langsam den Becher auf die Thermoskanne. Sorgfältig stellte er die Kanne an ihren Platz zwischen dem Getränkekarton und der Sporttasche, damit sie beim Fahren nicht umfallen konnte, er ordnete das Gepäck umständlich und zwang sich, nicht zu Bettina hinüber zu sehen, ob sie schon ungeduldig geworden war oder womöglich aus dem Wagen gestiegen. Wie beim Luftanhalten unter Wasser versuchte er den Punkt der Rückkehr so weit wie möglich herauszuzögern, bis er den Druck auf die Brust nicht mehr aushalten konnte.

Bettina hatte den Kopf auf die Rückenlehne gelegt und hielt die Augen geschlossen, als er in das Taxi einstieg. »Wenn Sie nicht sofort losfahren, kostet Sie das Ihre Lizenz.«

Stefan hatte keine Ahnung, wann die Wirkung der Tabletten einsetzen würde. Fünfzehn, maximal zwanzig Minuten würde er bis zu ihrer Wohnung brauchen. Damit sich die Lektorin nicht noch mehr aufregte, fuhr er los. Jetzt könnte er rote Ampeln, Staus und Verkehrsunfälle gut gebrauchen, statt dessen freie Fahrt überall. Soweit es der Verkehr zuließ, beobachtete er Bettina durch den Rückspiegel. Eine Frau in seinem Alter, mittelblonde Haare, die sie aus der Stirn zurückgekämmt hatte. Sie hielt die Augen weiterhin geschlossen und er traute sich, einen kleinen Umweg zu fahren, der auf dieser Strecke gerne den Ortsunkundigen zugemutet wurde.

»Wo sind wir denn hier?« Bettina blinzelte mit einem Auge durch die Seitenscheibe.

»In der Viktor-Emanuel-Straße ist ein Unfall«, erklärte Stefan geistesgegenwärtig.

Als er klopfenden Herzens das Fahrziel erreichte, atmete sie ruhig und gleichmäßig. Probeweise fuhr er zwei Mal um den Block. Sie merkte nichts und er machte sich auf den Rückweg zu Moosbauer.

Verdammt, das war die Lektorin, die ihm die letzte Absage erteilt hatte, die mit der frischen, kaum vernarbten Wunde. Gott segne den Zufall, mit dessen Hilfe in Romanen die unmöglichsten Dinge aneinanderfügt werden. Wie viele Geschichten würden ohne den Zufall haltlos in sich zusammenbrechen? Er strengte sich an, erinnerte sich aber nicht mehr an den Wortlaut der Absage. Seltsam, die Briefe waren allesamt an Stefan Bruhks adressiert, obwohl er unter diesem Namen amtlich nicht existent war.

Der Beifahrersitz in seinem Polo war noch frei.

Folge 64 vom 4. Juni 2007

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»Das Taxi«, meldete er dem Pförtner.

»Frau Kracht?«

Aus einem der Besuchersessel erhob sich eine Frau in beigefarbenem Kostüm, faltete eine Zeitung zusammen und schob sie in eine dünne Aktentasche aus Leder. Stefan kämpfte gegen die Aufregung, die ihm die Kraft aus den Beinen zog. Die letzte Absage war aus ihrer unverbindlichen Anonymität herausgetreten und er stand ihr nun Auge in Auge gegenüber. Oder war das lediglich eine zufällige Namensgleichheit? Nein, das durfte nicht sein …

Sie stieg in das Taxi und nannte die Adresse.

Beim Anfahren würgte er den Motor ab. »Sie arbeiten bei Weigold?« fragte er, endlich auf der Straße.

Bettina Kracht schaute ihn argwöhnisch im Rückspiegel an.

»Ja, wenn das den Fahrpreis nicht erhöht.«

»Natürlich nicht.«

Seine Lektorin, seine Amanda! In Stefans Kopf stürzten die Gedanken wild durcheinander. Auf dem Rücksitz saß seine Lektorin! Diesmal war es Wirklichkeit, kein Traum.

»Ach du meine Güte! Die Wagenpapiere! Ich habe erst mit der Schicht begonnen, verstehen Sie?« Er verringerte die Geschwindigkeit. »Bitte, nur ein kleiner Umweg, zwei Minuten – ich fahre Sie auch umsonst.«

Bettina Kracht antwortete nicht sofort. »Gut. Beeilen Sie sich.«

»Danke.« Die zwei Minuten Fahrzeit waren stark untertrieben. Zehn Minuten mindestens würde er brauchen, wenn alle Ampeln grün zeigten. Zu schnell durfte er nicht fahren, um nicht ihren Argwohn zu wecken.

Die Zeit war längst verstrichen, als sie sich meldete. »Sind Sie ganz sicher, wegen der zwei Minuten? Können Sie die Papiere nicht nach dieser Tour holen?«

»Wir sind gleich da«, lachte er gequält und schaltete den Funk aus.

Bettina Kracht gähnte. »Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag und möchte schnell nach Hause. Können Sie das nachempfinden?«

»Wenn morgen früh die Schicht zu Ende ist, ja. Was machen Sie denn, beruflich?«

»Ich bin Lektorin.Ich lese Manuskripte.«

»Ich weiß, was eine Lektorin ist.« Noch einen Kilometer. »Sachbuch oder Belletristik?«

»Oh, ein verkappter Intellektueller?«

Stefan lachte verlegen. »Brotarbeit. Ich bin Aushilfs-Taxifahrer.«

Bettina beugte sich nach vorn. »Sie haben doch nicht etwa ein unveröffentlichtes Manuskript in der Schublade?«

»Ich? Ja. Sie lesen nicht nur Manuskripte, sondern auch anderer Leute Gedanken.«

»Nein!« sagte Bettina. »Schicken Sie ein Exposé, ausreichend frankiert, und eine Leseprobe. Ich verspreche Ihnen faire Beurteilung. Nur heute Abend nicht, ich habe bereits Kopfschmerzen.«

Stefan zuckte innerlich. Ein Stich, der nicht schmerzt und dennoch tödlich verletzt. Diese eine Wort bereits besaß die Schärfe eines Dolches. Er bog auf Moosbauers Platz und hielt neben seinem Wagen.

»Ich habe Kopfschmerztabletten dabei.« Die Handbremse ratschte. »Ohne Koffein. Danach können Sie schlafen.«

»Danke, nicht nötig.«

»Bitte«, sagte Stefan. »Ich möchte die Verzögerung wieder gutmachen.«

»Wenn es unbedingt sein muss. Beeilen Sie sich bitte.«

Mord und Mittelalter: Drei Autoren lesen am 14. Juni in Second Life

Petra A. Bauer aka Priscillina Bailey liestNachdem unsere erste Veranstaltung in Second Life überaus gut besucht war und vor allen Dingen großen Spaß gemacht hat, lädt Sie das literaturcafe.de erneut in die computergenerierte Parallelwelt ein.

Diesmal veranstalten wir die erste virtuelle Lesung im digitalen Baden-Württemberg, und es freut uns ganz besonders, dass gleich drei Autoren mit dabei sind: Petra A. Bauer und Oliver Buslau lesen aus ihren Krimis und Titus Müller aus seinem historischen Roman »Die Brillenmacherin«.

Mit dieser Veranstaltung am 14. Juni 2007 um 20 Uhr (MESZ) weihen wir zudem offiziell die digitale Dependance des literaturcafe.de in Second Life ein. In einem malerischen Bauernhaus am Bodensee kann man sich auf der Sonnenterrasse literaturcafe.de-Tassen mit virtuellem Kaffee oder Tee füllen und den Lesungen zuhören.

Alles, was Sie wissen müssen, um mit dabei zu sein, und alle Infos zu den drei Autoren lesen Sie hier.

Folge 63 vom 3. Juni 2007

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Um 18 Uhr übernahm Stefan bei Moosbauer die letzte Schicht dieser Woche. Am Wochenende fuhr er abends und nachts nicht den Flughafendienst, sondern in der Stadt, Reisende, Theaterbesucher, Leute, die zu Feiern unterwegs waren, später Geschäftsleute in Bars, Biergartenbesucher. Wo kann man sich denn hier amüsieren? Fahren sie mich mal in den … na, Sie wissen schon… In den Stunden nach Mitternacht umgekehrte Fahrtrichtung: Geschäftsleute aus Bars, aus na, Sie wissen schon, und Biergartenbesucher nach Hause. Die komplette Skala von Null bis zwei Komma vier Promille. Moment, i hob noch net zoahlt … ich muss noch mal auf die Toilette … zehn Minuten Wartezeit für eine Fuhre von manchmal nur fünf Minuten, in einem von zehn Fällen noch einmal fünf Minuten zum Aufwecken, der Streit um das Fahrgeld – siebzehn achtzig? Hab‘ doch sonst immer nur sechs Euro bezahlt, die Information an die Zentrale, Anruf bei der Polizei …

Stefan fühlte sich unbehaglich. Er dachte an besoffene und fettleibige Männer, die sich junge Körper kauften und deren Benutzung er ihnen nicht gönnte. Nicht, weil er sie selbst begehrte. Bin ich Feminist? fragte er sich. Nein, ganz sicher rührte seine Einstellung nicht aus dem Umstand, dass seine Garderobe derzeit zu Gast in Stefanies Kleiderschrank war.

Der Funk teilte ihm einen Fahrauftrag aus dem Hotel Astoria zu, ein paar Querstraßen weiter. Eine nette ältere Frau stieg ins Taxi, die in die Oper wollte und dafür extra von Augsburg angereist war. Eigentlich wollte ihr Sohn sie begleiten, erzählte sie schon auf den ersten hundert Metern, dann hätte sie sich die Hotelübernachtung sparen können. Aber der Beruf ließ ihm keine Zeit. Ihr Sohn war Diplom-Ingenieur und in der Baubranche tätig.

»Ein Baumeister«, flachste Stefan und dachte an Sepp Daschlgruber aus Rosenheim, der in späteren Jahren zum Literaturphantom avancierte.

»Ein Bauleiter«, sagte die Frau, nicht ohne Stolz in der Stimme. Sie gab ihm ein anständiges Trinkgeld und dankte für das nette Gespräch.

Danach fuhr er zwei Kunden. Auf dem Rückweg zu seinem Stammplatz schaltete er den Funk wieder ein.

Parzival 17 Herrnberger 2. Etage.

Franz-Ferdinand 48 Verlagshaus Weigold, Franz-Ferdinand 48 Verlagshaus Weigold, plärrte der Lautsprecher.

Stefan bremste heftig vor einer roten Ampel. Weigold!

»Zwei-fünfzehn«, meldete er sich. »Wagen zwei-fünfzehn«, wiederholte er. »Ich übernehme Franz-Ferdinand 48 – bin gleich um die Ecke.«

»In Ordnung, zwei-fünfzehn. Verlagshaus Weigold, am Haupteingang beim Pförtner melden.«

»Danke.«

Stefan fuhr die Strecke bis zur Franz-Ferdinand-Straße in weniger als den zehn Minuten, die er bei Einhaltung der Straßenverkehrsordnung benötigt hätte.

Folge 62 vom 2. Juni 2007

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In seiner Wohnung empfing ihn vollkommene Leere. Das ist nur äußerlich, dachte er und betäubte den Schmerz mit einer Flasche Rotwein und einer Schlaftablette.

Die Nacht blieb traumlos. Als er aufwachte und durch das Fenster schaute, hatte sich der Himmel bezogen und es nieselte. Der Schlaf hatte ihm gut getan, das Wetter in seiner Seele war heute weniger grau als gestern, mehr heiter bis wolkig. Für den heiteren Anteil sorgte die Freude auf die bevorstehende Woche in den Bergen. Einen Dämpfer gab es beim Packen der Tasche. Er benötigte mehr Wäsche. Seine Kasse war nicht üppig und er konnte nur hoffen, dass die laufenden Ausgaben für die Wohnung von Stefanie bezahlt wurden.

Beim Einkauf mied er R&C. Die hundertfünfzig Euro, die er für Hemden, Unterwäsche, Strümpfe und zwei Pyjamas ausgab, motivierten ihn zum Geldverdienen. Zügig fahren, freundlich und aufgeschlossen für ein Gespräch mit der Kundschaft sein, für jeden Stau eine plausible Erklärung haben, das brachte Trinkgeld. Traudel sagte etwas Freundliches über seine schnelle Genesung und verschenkte ein Lächeln, zu dem Stefan einfiel, dass man damit Herzen einpacken könne. Er entschied sich, Traudels Lächeln nicht persönlich zu nehmen.

Am nächsten Tag stellte er einen Hüttenspeiseplan als Einkaufshilfe auf. Es machte keinen Sinn, wahllos Lebensmittel mitzunehmen. Ohne feste Planung fehlten entweder Zutaten oder Restbestände ließen sich nicht schmackhaft verwerten. Was kocht man aus Kartoffeln, Mehl und einer Dose Thunfisch? Für Bratkartoffeln fehlten die Zwiebeln, für Pfannkuchen Milch und Eier und zum Thunfisch der frische Salat. Eine Einkaufsfahrt von der Hütte aus nach Josephskirch dauerte zwei Stunden. Da überlegte er sich schon, ob er statt Kleinigkeiten einzukaufen im Dorf lieber zu einer Frittatensuppe oder einem Kaiserschmarrn einkehren sollte.

Bis auf einen Schlafsack im Kleiderschrank fand er nichts Mitnehmenswertes. Bettwäsche, Wanderkleidung und Bergschuhe waren schon oben auf der Hütte, die Grundausstattung brachte er in jedem Frühsommer hinauf, sobald die Schneeschmelze an den Wochenenden um Pfingsten und Christi Himmelfahrt den Weg nach oben freigab.

Bevor er zu Moosbauer fuhr, packte er den Wagen. So konnte er sofort nach der Schicht aufbrechen, ohne erst zurück zur Wohnung zu müssen. Zuletzt nahm er die Hüttenschlüssel aus der Schreibtischschublade. Nachdenklich wog er das Holzklötzchen mit dem groben Bindfaden und den anhängenden Schlüsseln in der Hand. Obere Walln-Hütte war in kantigen Buchstaben auf dem Klötzchen eingebrannt. Berta, die Nachbarin, hatte ihm erzählt, wie gerne Stefanie auf die Alm fuhr. In bestimmten Dingen unterschied er sich nicht von Stefanie. Obwohl er einsam war, freute er sich auf das Alleinsein. Ob Stefanie auch einsam gewesen war? An ihrer Konfektionsgröße könnten Bekanntschaften nicht gescheitert sein, im Gegenteil; aus dem was er in der Wohnung vorgefunden hatte, schloss er auf eine interessante Frau. Ihr Aussehen war im nicht wichtig; Stefanie hätte er zur Hütte mitgenommen und sie hätte seine Einsamkeit bereichert, davon war er überzeugt.

Beim abschließenden Blick durch das Wohnzimmer bemerkte er auf dem Schreibtisch die angebrochene Packung mit den Schlaftabletten. Auf der Alm schlief er immer wie ein Murmeltier. Kurz entschlossen steckte er die Packung ein, als würde er der Höhenluft nicht mehr trauen.

Folge 61 vom 1. Juni 2007

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Seine eigenen Romane hatten ihn bis jetzt gut unterhalten, zudem waren sie frei von seelischen Erschütterungen, weil sie nur auf dem Papier stattfanden und ihn persönlich nicht betrafen. Auf dem Stapel der ausgedruckten Manuskripte lag obenauf das nächste Titelblatt, Huren und Zitronen. Stefan konnte sich kein Bindeglied zwischen diesen beiden Begriffen vorstellen. Neugierig begann er zu lesen. Auf Seite 25 fand er die Auflösung: Benno, der kaufmännische Angestellte, begegnet einem Kollegen am Kaffeeautomaten.

Der Raum, in dem der Kaffeeautomat stand, war eine Enklave inmitten der Geschäftigkeit des Bürogebäudes. Hier wurde Informelles ausgetauscht und ansonsten geschickt verborgene Gefühle krochen aus dunkelblauen oder schwarzen Bürouniformen hervor. Ein Kopierer und ein Reißwolf standen noch mit im Raum und markierten den Anfang und das Ende eines unendlichen Kreislaufes.

»Ich bin eine Zitrone«, sagte Benno, während er drei Groschen in den Blechschlitz einfädelte.

»Bist du sauer? Hat es Ärger mit Möhlmann gegeben wegen der Preiskalkulation für Spanien?«

Benno wählte Kaffee mit Milch.

»Er ist eine Hure.«

»Drück‘ dich genauer aus. Schläft er mit seiner Sekretärin?«

Der Automat presste den Kaffee jaulend durch den Filter in den Becher.

»Es gibt zwei Arten von arbeitenden Menschen.« Benno zog den Becher vorsichtig aus der Halterung. »Die einen prostituieren sich. Für Geld, und Macht über eine Abteilung, über andere Menschen. Das sind die Huren. Sie halten sich für die Stützen der Volkswirtschaft und bezeichnen ihr Tun selbst als Karriere machen. Zu diesem Zweck pressen sie Zitronen aus. Das ist die andere Sorte.«

Stefan legte das Blatt aus der Hand. Bennos Theorie über die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Arbeitswelt überzeugte ihn. Sympathisiert mit Zitronen wäre ein Merkmal für seine Selbsterkennungs-Notizen gewesen, aber auch eine Abneigung gegen klischeehafte Schwarzweißmalerei. Genau genommen war Bennos Feststellung seine eigene, ohne dass er einen Anhaltspunkt hatte, woher er die Kompetenz für eine kritische Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt bezog. Schluss damit, sagte er sich, ein unbeschriebenes Blatt wie er sollte sich nicht bereits mit der Zeichensetzung seines Charakters beschäftigen. Besser als Problematisieren war, unter Leute zu gehen und sich zu zerstreuen, etwas anderes hören, nur raus aus dieser Wohnung, in der seine Gedanken von den Wänden reflektiert wurden.

Am Ende der Gottfried-Keller-Straße lag eine Wirtschaft. Dort hockte er sich an einen leeren Tisch und bestellte ein Weißbier. Lange hielt er es nicht aus, abwechselnd in das Bierglas und unbeteiligt in die Runde zu starren und das Geschwätz über Frauen und Saufereien von den Nebentischen anzuhören. Schließlich wurde es ihm zu dumm und er stand wieder draußen vor der Tür. Ziellos schlenderte er ein paar Straßen weiter und genoss die Abendluft. An der roten Leuchtschrift Hexenkessel blieb er stehen. Mariah Carey sang. Durch die Eingangstür drang So here I am with the open arms … Zutritt nur für Frauen, verkündete das Messingschild an der Tür. Stefan hörte Lachen aus Frauenkehlen und fühlte sich ausgeschlossen.

Frank Schulz liest am Originalschauplatz mit zwei computergesteuerten Kegelbahnen

Website der Gaststätt WiebuschFrank Schulz liest am 28. Juni 2007 in Hagen aus seiner Hagener-Trilogie. Ort der Lesung ist einer der Origialschauplätze der Romane, und zwar die Gaststätte »Wiebusch«. Vor- und hinterher sowie zwischendurch singt der »Gemischte Chor Deinste« aus dem Nachbarort. Und alles anlässlich der 875-Jahr-Feier des Dorfes Hagen.

Ja, richtig: des Dorfes Hagen. Denn gemeint ist hier der Ort bei Stade in Niedersachsen und nicht die Stadt Hagen in Westfalen.

Schulz‘ Hagener-Trilogie, die aus den Bänden »Kolks blonde Bräute«, »Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des Laien« und »Das Ouzo-Orakel« besteht, ist eine Perle der Gegenwartsliteratur. Allenfalls noch Eckhard Henscheid schafft es wie Frank Schulz, so wenig Handlung so gekonnt und unaufdringlich ironisch zu beschreiben. Eine Kneipenlesung mit gemischtem Chor erscheint wunderbar passend. Der Eintritt kostet 3 Euro und kommt dem örtlichen Kindergarten zugute.

Ein Interview mit Frank Schulz über »Das Ouzo-Orakel« können Sie in unserem Podcast hören.

Folge 60 vom 31. Mai 2007

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Nach dem Erlebnis im Bürgerbüro wäre Stefan am liebsten fluchtartig in die Berge aufgebrochen. Trotzdem zwang er sich, zu Moosbauer zu fahren. Ich bin zuverlässig, schloss er aus seiner Selbstbeobachtung, und stehe zu meinen Zusagen, auch wenn es schwer fällt.

Während der ersten Fahrt zum Flughafen verfiel er in eine depressive Stimmung. Das Drumherumüberlegen und Ausweichen funktionierte nicht mehr, Panik schob sich hoch in den Hals und zwang ihn, die Geschwindigkeit herabzusetzen, damit er nicht laut schreiend in die Leitplanken fuhr. Sein Fahrgast, ein Amerikaner, nahm das Tempo mit Humor und meinte Is that your Gemutlichkeit? Die Bemerkung eines anderen Fahrgastes traf Stefan härter. Der Mann war jünger als er und ausgesucht in grauschwarz gekleidet, mit blauem Hemd und goldgelbem Schlips. Er solle nicht einschlafen, sagte er, von seinen Unterlagen aufblickend, dies sei ein Taxi und kein Platz unter einer Brücke. Stefan würgte die Wut hinunter und beschleunigte. Eingangs der Stadt übersah er eine rote Ampel, musste hart ausweichen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden und schleuderte auf den Straßenbahngleisen. »Raus!« brüllte er, nachdem der Wagen zum Stehen gekommen war. Der junge Mann machte sich mit bleichem Gesicht davon.

Stefan fuhr zu Moosbauer und stellte den Wagen auf dem Hof ab. Moosbauer war nicht im Büro und so sagte er Traudel, dass er sich nicht wohl fühle und die Schicht abbrechen müsse. Traudel wünschte gute Besserung und lächelte.

»Kommst du morgen?« Sie verriet ihm mit einem verstohlenen Blick, dass sie das Heftpflaster hinter dem Ohr bemerkt hatte. »Ist es schlimm?«

»Ich habe meine Tage«, antwortete er grimmig und ließ Traudel stehen. In der Tür drehte er um und entschuldigte sich.

»Du armer Bub«, sagte Traudel.

Auf dem Heimweg grübelte er über Traudels Bemerkung. Meinte sie seine momentane Verfassung oder spielte sie auf seine erfolglose Karriere an? Er hatte im Übrigen die Chance vertan, Traudel unter vier Augen nach seinem Namen zu fragen. Moosbauer hatte ihn Dichter genannt, wahrscheinlich hielt man ihn für spinnert. Nur Traudel hätte ihm die Frage nach seinem Namen ohne Nachfrage beantwortet, schloss er aus ihrem Verhalten.

In der nächst gelegenen Apotheke besorgte er sich für alle Fälle eine Packung Schlaftabletten. Zwei beinahe schlaflose Nächte reichten ihm.

Zu Hause kramte er die Selbsterkennungsblätter aus der Schublade hervor und notierte sich auf dem mit Beruf überschriebenen Blatt: Schriftsteller. Broterwerb: Taxifahren. Auf dem Blatt Identität versah er seinen Namen mit einem Fragezeichen. Darunter schrieb er: Ich bin nicht Stefan Bruhks. Einen kurzen Moment zögerte er, dann zerriss er die Blätter und zerknüllte sie zusätzlich. Neue Beklemmungen tauchten auf und würgten ihm die Luft ab bei dem Versuch, tief durchzuatmen.

Es kostete ihn einige Kraft, sich an den Schreibtisch zu setzen. Mehrfach nahm er sich das Phantom-Manuskript und genauso oft legte er es an die Seite, weil sein Gehirn nur abgerissene Gedanken zu Wege brachte und Kreise um den spontan hingekritzelten Satz Ich bin nicht Stefan Bruhks drehte. Die zerknüllten Papierfetzen symbolisierten Endgültigkeit – Asche zu Asche, Staub zu Staub, ich bin tot.

Wo war Alfred?

Die Unruhe trieb Stefan vom Schreibtischstuhl hoch. Runde um Runde drehte er im Wohnzimmer, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er vor dem Bücherregal stehen blieb. Seine Augen wanderten die Reihen der bunten Rücken entlang, zumeist Neuerscheinungen der letzten Jahre, die als anspruchsvolle Arbeiten galten. Eine starke Geschichte tat Not, bei der die Gedanken beim Lesen keine Freiräume zum Abschweifen bekamen.

Folge 59 vom 30. Mai 2007

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Erst am späten Vormittag frühstückte er hastig im Stehen. Die verbleibende Zeit bis zum Mittag nutzte er für den Gang zum Bürgerbüro, um eine Lohnsteuerkarte zu beantragen. Ob Traudl seine Lohnsteuerkarte noch aufbewahrte, war durch Moosbauers Bemerkung nicht eindeutig geworden und Stefan jetzt auch gleichgültig. Er brauchte ein von einer deutschen Behörde ausgestelltes, amtlich beglaubigtes Dokument.

Das Bürgerbüro war ausgeschildert wie ein Autobahnkreuz. Passangelegenheiten, Namen von A bis L, M bis R, Lohnsteuerkarten. Die Mehrzahl der Schilder mündete in einen Warteraum, in dem weitere Schilder zur Ziehung einer Nummer aufforderten. Ungeduldig und nervös wartete Stefan, bis er aufgerufen wurde.

»Ich brauche eine Lohnsteuerkarte«, sagte Stefan und legte den Personalausweis auf den Schreibtisch.

Der Angestellte warf einen Blick auf den Ausweis und tippte. Er wartete, schüttelte den Kopf und tippte noch einmal. Dann nahm er den Ausweis auf, sagte Bruhks, Stefan, und schrieb den Namen erneut, Buchstabe für Buchstabe.

»Das gibt es doch nicht«, sagte er erstaunt. »Augenblick.« Der Verwaltungsangestellte verschwand durch eine rückwärtige Tür.

Stefan steckte den Ausweis ein und nahm den Ausgang. Auf dem Gang rannte er um die nächste Ecke, am Aufzug vorbei in das Treppenhaus. Draußen vor der Tür atmete er heftig die frische Frühlingsluft.

Es gibt mich nicht, dachte er.