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StartseiteAlmtraumFolge 66 vom 6. Juni 2007

Folge 66 vom 6. Juni 2007

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Hinter Josephskirch verschwand der weiße Streifen von der Mitte der Landstraße. Die schmale Straße führte durch buckliges Weideland an Gehöften vorbei, die abseits auf kleinen Geländeerhebungen standen. Rechts und links rückten die Berge nicht nur in der Perspektive zusammen. Stefan kannte das Priachtal und nahm das Landschaftsbild auch in der Dunkelheit auf.

Ein geöffneter Schlagbaum trennte die Straße vom nachfolgenden unbefestigten Weg. Unter den Reifen knirschte feiner Schotter und in regelmäßigen Abständen polterten die Räder über hölzerne Querrinnen. Der Weg legte sich eng an die Priach, als weise sie mit ihrem Rauschen die Richtung aufwärts: dort, wo ich herkomm.

Stefan war müde. Der Weg mit seinen vielen Kurven forderte seine Aufmerksamkeit, auch wenn er nachts problemloser zu befahren war als tagsüber, wo er hinter jeder Biegung mit Wanderern rechnen musste, aus deren Gesichtern trotz seines rücksichtsvollen Tempos sprach, dass sie ihn mit seinem deutschen Kennzeichen für einen der Touristen hielten, die möglichst weit den Berg hinauffuhren, um die anschließende Strecke Fußweg zu verkürzen. Sollte er jedem erklären, dass er das Recht hatte, die Zufahrt zur Hütte mit dem Auto zu benutzen?

An der Jägerhütte begann das lange Stück mit dem steilen Abhang zum Bach. Er schaltete herunter. Vor ihm war die Kante zum Bach abgerissen und eine breite Schleifspur führte vom niedergewalzten Gestrüpp herauf. Stefan konnte die Deppen nicht begreifen. Eine stinkbesoffene Abfahrt, wusste er aus dem Gerede, galt unter Einheimischen als eine besonders potente Form von Männlichkeit, als das kleine Abenteuer vor der eigenen Haustür. Wer mit dem Auto im Bach landete und mit einem blauen Auge davonkam, wurde diskret geborgen und das Auto von einem der Almbauern mit dem Traktor abgeschleppt, ohne dass man Ermittlungen befürchten musste.

Stefan passierte einen überhängenden Felsen in einer Kurve. Hinter dieser Engstelle öffnete sich das Tal und der Weg wechselte über ein Viehgitter und eine flache Holzbrücke in eine lang gezogene Ebene. Noch verwehrte ein schmales Wäldchen aus jungen Erlen den Ausblick. Durch die gesamte Ebene war der Weg auf beiden Seiten gegen Wiesen und Brachland eingezäunt, als müssten die Menschen und nicht das weidende Vieh beaufsichtigt werden. Stefan durchfuhr kleine Gruppen von Fichten und Lärchen und überquerte mehrfach die Priach. Weg und Bach schlängelten sich durch das breite Tal und suchten ihren Lauf nach dem geringsten Widerstand, ohne dass die ursprünglichen Hindernisse noch erkennbar waren.

Am hinteren Ende der Talebene gabelte sich der Weg, rechts führte er am Fuß des Berges entlang und verschwand hinter einer Kurve, geradeaus bildete er den Beginn einer scharfen Steigung in den Wald hinein, abgetrennt durch einen Schlagbaum. Stefan hielt und stieg aus.

Gegen die Dunkelheit konnte er die Umrisse der unteren Walln-Hütte kaum ausmachen. Erst das helle gewellte Eternitdach gab dem Auge einen Anhaltspunkt, von dem aus die Hütte für Stefan langsam Gestalt aus Sichtbarem und Erinnerung annahm. Stefan drückte das Gegengewicht des Schlagbaums herunter. Die Stange bewegte sich nur wenige Zentimeter, dann schlug Metall an Metall. Am Aufleger vorne ertastete Stefan ein faustgroßes Vorhängeschloss. Der Schlüssel am Holzklotz, erinnerte er sich.

Hinter einem der kleinen Fenster schimmerte flackernd ein schwaches Licht auf. Gleich darauf öffnete sich die Tür und dünner Lichtschein fiel über zwei Reihen einfacher Holztische und Holzbänke. Stefan konnte den Mann in seinen Einzelheiten erst ausmachen, als er bei ihm angekommen war, er war von großer und hagerer Statur und sein gebeugter Oberkörper erklärte den hölzern wirkenden Gang. Aus der gefütterten Allwetterjacke ragten die langen Hosenbeine eines Schlafanzugs.

Stefan rieb sich kräftig die Oberarme gegen die kalte Nachtluft.

»Willst um diese Zeit noch auffi?«

»Ja. Ich kam nicht früher weg.«

»Du bist narrisch! Es ist schlechtes Wetter ang’sagt, im Radio.«

»Verdammte Kälte. Ich schließe die Schranke wieder ab. Ist der Lift in Ordnung?«

»Soll ich dir etwa die Packerl auffitragen?«

»Nichts für ungut«, antwortete Stefan.

Der Jausenwirt brummte und hob die Hand zum Abschied. Er tauchte im Dunkeln unter und im Lichtschimmer der geöffneten Tür wieder auf, dann schlug die Tür zu und die Nacht war so schwarz wie vorher.