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StartseiteAlmtraumFolge 64 vom 4. Juni 2007

Folge 64 vom 4. Juni 2007

»Das Taxi«, meldete er dem Pförtner.

»Frau Kracht?«

Aus einem der Besuchersessel erhob sich eine Frau in beigefarbenem Kostüm, faltete eine Zeitung zusammen und schob sie in eine dünne Aktentasche aus Leder. Stefan kämpfte gegen die Aufregung, die ihm die Kraft aus den Beinen zog. Die letzte Absage war aus ihrer unverbindlichen Anonymität herausgetreten und er stand ihr nun Auge in Auge gegenüber. Oder war das lediglich eine zufällige Namensgleichheit? Nein, das durfte nicht sein …

Sie stieg in das Taxi und nannte die Adresse.

Beim Anfahren würgte er den Motor ab. »Sie arbeiten bei Weigold?« fragte er, endlich auf der Straße.

Bettina Kracht schaute ihn argwöhnisch im Rückspiegel an.

»Ja, wenn das den Fahrpreis nicht erhöht.«

»Natürlich nicht.«

Seine Lektorin, seine Amanda! In Stefans Kopf stürzten die Gedanken wild durcheinander. Auf dem Rücksitz saß seine Lektorin! Diesmal war es Wirklichkeit, kein Traum.

»Ach du meine Güte! Die Wagenpapiere! Ich habe erst mit der Schicht begonnen, verstehen Sie?« Er verringerte die Geschwindigkeit. »Bitte, nur ein kleiner Umweg, zwei Minuten – ich fahre Sie auch umsonst.«

Bettina Kracht antwortete nicht sofort. »Gut. Beeilen Sie sich.«

»Danke.« Die zwei Minuten Fahrzeit waren stark untertrieben. Zehn Minuten mindestens würde er brauchen, wenn alle Ampeln grün zeigten. Zu schnell durfte er nicht fahren, um nicht ihren Argwohn zu wecken.

Die Zeit war längst verstrichen, als sie sich meldete. »Sind Sie ganz sicher, wegen der zwei Minuten? Können Sie die Papiere nicht nach dieser Tour holen?«

»Wir sind gleich da«, lachte er gequält und schaltete den Funk aus.

Bettina Kracht gähnte. »Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag und möchte schnell nach Hause. Können Sie das nachempfinden?«

»Wenn morgen früh die Schicht zu Ende ist, ja. Was machen Sie denn, beruflich?«

»Ich bin Lektorin.Ich lese Manuskripte.«

»Ich weiß, was eine Lektorin ist.« Noch einen Kilometer. »Sachbuch oder Belletristik?«

»Oh, ein verkappter Intellektueller?«

Stefan lachte verlegen. »Brotarbeit. Ich bin Aushilfs-Taxifahrer.«

Bettina beugte sich nach vorn. »Sie haben doch nicht etwa ein unveröffentlichtes Manuskript in der Schublade?«

»Ich? Ja. Sie lesen nicht nur Manuskripte, sondern auch anderer Leute Gedanken.«

»Nein!« sagte Bettina. »Schicken Sie ein Exposé, ausreichend frankiert, und eine Leseprobe. Ich verspreche Ihnen faire Beurteilung. Nur heute Abend nicht, ich habe bereits Kopfschmerzen.«

Stefan zuckte innerlich. Ein Stich, der nicht schmerzt und dennoch tödlich verletzt. Diese eine Wort bereits besaß die Schärfe eines Dolches. Er bog auf Moosbauers Platz und hielt neben seinem Wagen.

»Ich habe Kopfschmerztabletten dabei.« Die Handbremse ratschte. »Ohne Koffein. Danach können Sie schlafen.«

»Danke, nicht nötig.«

»Bitte«, sagte Stefan. »Ich möchte die Verzögerung wieder gutmachen.«

»Wenn es unbedingt sein muss. Beeilen Sie sich bitte.«