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Blick nach Marbach: tot

Seit langem verstorben: literaturportal.deMal wieder routinemäßig auf literaturportal.de geschaut, jenes Internet-Angebot des Literaturarchivs Marbach, das laut Aussage des Kulturstaatsministers 150.000 Euro an öffentlichen Fördergeldern erhalten hat, im Juni 2006 online ging, bereits seit Oktober 2006 redaktionell nicht mehr gepflegt wird und zur Ruine verkommen ist.

Noch im Februar 2007 begründete der Leiter der Direktionsabteilung im Deutschen Literaturarchiv Marbach, Roland Kamzelak, die fehlende Aktualität gegenüber der Stuttgarter Zeitung mit dem Urlaub des Redakteurs. Eine Aussage, die – sagen wir es offen – nichts weiter als eine Notlüge war, da dies bereits im Januar nicht mehr den Tatsachen entsprach. Und da die Stuttgarter Zeitung nicht unbedingt für ihre knallharte Recherche bekannt ist, durfte Kamzelak im gleichen Artikel ohne kritische Nachfrage die Kosten des Projektes auf 20.000 Euro runterargumentieren, und die StZ stellte in einem Kommentar die Frage, woher das literaturcafe.de nur die Zahl von 150.000 Euro habe. Dabei hätte man im Internet nur die Pressemeldung des Ministeriums aufrufen müssen.

Und heute, fast ein Jahr nach der Eröffnung? Keine Veränderung auf der Startseite des Portals. Die letzte Meldung stammt nachwievor vom Oktober 2006. Dass Ingo Schulze im März 2007 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist in seinem Autorenporträt nicht zu lesen. Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2006, Katharina Hacker, sucht man in der Autorendatenbank vergebens.

So sieht also ein Jahr nach der Eröffnung das Portal aus, das, nach Aussage von Kulturstaatsminister Bernd Neumann, »die deutschsprachige Literatur und literarisches Leben abbilde«.

Folge 58 vom 29. Mai 2007

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Die Nachtschicht endete zwischen drei und vier Uhr morgens, wie es sich nach den Fahraufträgen ergab. Schon kurz nach Mitternacht kämpfte Stefan mit der Müdigkeit. Er fand das nicht weiter verwunderlich und rief die Zentrale an. Er sei noch nicht im Rhythmus, meldete er sich ab. Zu Hause legte er sich gleich ins Bett.

Berta war ihm dicht auf den Fersen. Die Stöckelschuhe behinderten ihn beim Laufen, ebenso der enge Rock. Er verlor den rechten Schuh und schüttelte den linken ab. Blonde Haarsträhnen hingen ihm unordentlich im Gesicht. Mit heftigem Schwung warf er die Perücke hinter sich. Berta stolperte über die Schuhe. Er öffnete die Tür links – Herrentoilette, egal – und schloss sich in eine Kabine ein. Keuchend saß er auf dem Toilettendeckel. Von außen wurde heftig an der Klinke gerüttelt. Er hörte, wie eine andere Tür aufgerissen wurde und gegen die Wand knallte.

»Amanda!« rief eine dunkle, volltönende Stimme.

»Nein!« Bertas Schrei ging ihm durch Mark und Bein.

Ungeachtet der Gefahr stürzte er aus der Kabine auf den Gang. Ein hoch gewachsener Mann in einem wehenden schwarzen Umhang hatte Berta wie ein Paket unter den Arm geklemmt und eilte zum Treppenhaus. Berta trug die blonde Perücke, die er weggeworfen hatte. Er wandte sich zur anderen Seite, doch seine Beine folgten den beiden. Eine Türklinke bot Halt und er griff zu, um die Richtung umzukehren. Sein Arm wurde im Ausmaß seiner Schritte länger, spannte sich und schoss gegen seinen Kopf. Der Länge nach fiel er auf den Rücken.

Am entgegengesetzten Ende des Flures tauchten Rickerd und Misanschki auf.

»Da ist die Frau!« rief Misanschki und zielte mit der Pistole auf ihn, breitbeinig und beidhändig.

»Das ist ein Mann«, sagte Rickerd.

Misanschkis Pistole spuckte Feuer. Sein Körper nahm die Schussfolge zuckend auf, als würden sich die Kugeln aus ihm entladen und nicht aus dem Lauf der Pistole. Mehrere Schüsse trafen Stefan und hinterließen kreisrunde Öffnungen, scharfkantig wie von einem Locher.

Klack-klack-klack.

»Jetzt hast du dein Pulver verschossen«, sagte Rickerd.

Stefan zog das kleine Notizbuch unter dem Rock hervor, das er immer am Strumpfband bei sich trug, um die Ideen aufzuschreiben, die ihn außer Haus überfielen. Er notierte die Sätze über Misanschkis konvulsivische Feuerstöße. Das Bild mit der feuerspuckenden Pistole war möglicherweise schon zu abgegriffen, klang zu sehr nach Wilder Westen inklusive. Aber das ließ sich noch überarbeiten.

Misanschki warf die Pistole auf den Boden. »Jetzt müssen wir ermitteln«, sagte er resigniert.

Stefan kroch rückwärts über den Boden. Rote Flüssigkeit rann aus den Löchern. Mit der Fingerkuppe des Zeigefingers schloss er ein Loch in der Brust und spreizte den Mittelfinger auf ein zweites. Aus dem Loch im Bauch sprudelte nun eine kleine Fontäne. Er hielt den anderen Zeigefinger in den Strahl und leckte ihn ab. Merlot 2002. Vin de Pays. Ein guter Tropfen. Zum Aufwischen viel zu schade.

Der Strahl knickte und versiegte schließlich. Er war verblutet. Langsam kroch er weiter. Zu spät bemerkte er die Treppe. Im Sturz überschlug er sich.

Das Kellergewölbe wurde durch eine Vielzahl von zehnarmigen Kandelabern erleuchtet. Luftzug brach die Lichtschatten in den gotischen Bögen und Pfeilern. Die blonde Perücke lag auf dem Boden. Berta stand dicht an das Literaturphantom gedrängt, das Gesicht leidenschaftlich zu ihm aufgerichtet. »Komm, ich will dich publizieren«, flüsterte sie Erik zu und liebkoste den Entsetzten zwischen Hals und Hemdkragen.

»Amanda!« Die Stimme des Phantoms war leiser und flehender, weniger volltönend.

Das Literaturphantom dauerte Stefan. Er wollte sich bemerkbar machen und den Irrtum aufklären, die Zunge klebte ihm jedoch wie ein dickes Geschwulst im Mund.

Stefan saß aufrecht im Bett, öffnete und schloss den Mund und löste die Zunge vom trockenen Gaumen. Er stand auf, ging in die Küche und leerte eine halbvolle Flasche Mineralwasser in kleinen Schlucken.

Wütend zerrte er sich das dünne Baumwollnachthemd vom Leib. Eine absurde Idee, Stefanies Nachtwäsche zu tragen, um Geld für einen Pyjama zu sparen, genauso absurd wie der Diebstahl der Perücke. Das Weibliche bedrängte ihn wie die Enge des Nachthemdes. Demnächst würde er noch seine Tage bekommen.

Die Wunde hinter dem Ohr pochte.

Im Bett zog er sich die Decke über den Kopf, als könnte sie ihn vor dem Träumen seiner eigenen Geschichten schützen. Beim Atmen geriet der Bettbezug zwischen die Lippen, wie ein Erstickender warf er die Decke nach hinten und strampelte sie mit den Beinen fort, hielt es aber auch in dieser Lage nicht aus. Seine Nacktheit störte ihn. Er holte sich die Bettdecke zurück und stopfte sie unter die Arme.

Auf der Straße schlug eine Autotür, dann erklang das gleichmäßige Stakkato von Stöckelabsätzen. Stefan erinnerte sich an die letzte Nacht. Ereignisse, Gefühle und Schicksale ließen sich aus Geräuschen deuten und mit Einbildungskraft und Einfallsreichtum auskleiden.

Als die Straße still lag, schlief er ein.

Folge 57 vom 28. Mai 2007

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Die Adresse von Taxi Moosbauer schlug Stefan im Telefonbuch nach. Ein Griff genügte. Alois Moosbauer pries seine Dienste hundertfach auf den Seitenrändern an.

Moosbauer gehörte eines der wenigen nicht mehrgeschossig bebauten Grundstücke in der Innenstadt, günstig in einer Nebenstraße in der Nähe des Bahnhofs zwischen einem kleinen Hotel und einem Bürohaus gelegen. Stefan erwischte den letzten Parkplatz am Ende des gedrungenen, grau verputzten Gebäudes. Fünf Garagen nahmen hier die halbe Grundfläche des Gebäudes in Anspruch. Auf dem Weg zur Eingangstür erkannte Stefan durch die Fenster ein Büro und einen Aufenthaltsraum mit Tisch und Stühlen. Er erinnerte sich nicht, jemals hier gewesen zu sein.

»Sakra, da ist ja der Dichter! Der Hallodri!« lachte ein kräftiger Mittfünfziger, eine Eiche mit kurzen Haaren und Schnurrbart, und zog Stefan durch die Tür ins Büro.

Das ist also der Moosbauer, vermutete Stefan.

»Hast dich lang nicht mehr hier sehen lassen. Hab ich zuviel gezahlt oder hast etwa ein Buch verkauft?« dröhnte Moosbauer und schlug Stefan auf den Rücken, dass er einknickte. »Du kannst sofort die nächste Schicht fahren. Anton Martha neun-neun-neun. Ein neuer Fünf-Achtundzwanziger. Dein Fünf-Fünfundzwanziger ist leider nicht mehr da. Die Vorfahrt in der Luisenstraße, Ecke Hedwigstraße. Offiziell habe ich den Wagen als Schrott nach Polen verkauft. Inoffiziell hat ihn der Hansi aufgearbeitet und wir haben ihn als Unfallwagen auch nach Polen verkauft. So hat alles seine Richtigkeit. Wenn du mal wieder flüssig werden willst – wie üblich zwanzig Prozent. Aber vorher fährst noch ein paar Touren.« Moosbauer zwinkerte ihm zu.

Stefan wich Moosbauers Blick aus. »Ist denn meine Steuerkarte noch bei euch?«

»Deinen Humor hast freilich nicht verlor’n«, lachte Moosbauer. »Willst die Traudel mit ihrer Ordnung beleidigen?«

Nein, das wollte er nicht und so traute er sich nicht, die für ihn wichtigste Frage überhaupt zu stellen. Vielleicht ließ sich später noch etwas aus Unterlagen oder Einsatzplänen in Erfahrung bringen. Drüben an der Wand hing einer. Die Spalten waren mit Bertl, Franz, Stepi, Mohammed, Jussuf, Charlie, Erdic überschrieben. Eine monotone Frauenstimme drang durch die Wand. Prinzregent dreizehn Dr. Achtermann, Prinzregent dreizehn Dr. Achtermann, das melodische Piepen eine Funksprechanlage, und wieder die Frauenstimme: Fürst Luitpold achtundneunzig, bei Siebert, zweiter Stock. Charlie, wo steckst du? Aus einem Lautsprecher klang Krächzen und eine verzerrte Stimme.

»Wann kann ich anfangen?«

»Sofort.«

»Eigentlich wollte ich am Samstag für ein paar Tage in die Berge. Eine Woche oder so.«

»Ausspannen? Ich dachte, ein Dichter ist ständig auf Urlaub. Wo er doch noch nicht einmal zur Arbeit fahren muss.« Moosbauer dröhnte vor Lachen.

Stefan fühlte sich unbehaglich.

»Du lässt dich drängen wie eine Diva.« Moosbauer stieß ihm in die Rippen.

»Gut. Ich nehme die Nachtschicht. Am Freitag mache ich früher Schluss, danach geht’s zur Hütte.«

»Traudel, gib mal die Papiere vom neuen Fünf-Achtundzwanzig«, rief Moosbauer in den Raum. Eine mollige Frau aus der Mitte des Lebens erschien in der offenen Tür und lächelte ihn wie ein verliebter schüchterner Teenager an. Meint sie mich persönlich? fragte sich Stefan. Er lächelte verlegen zurück und nahm die Autoschlüssel und die Mappe mit den Papieren.

Folge 56 vom 27. Mai 2007

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Stefan langweilte sich noch eine Viertelstunde, wäre beinahe mit dem Kopf an der Wand eingeschlafen, bis er aufgerufen und in ein Sprechzimmer gebeten wurde.

»Dr. Römer«, stellte sich der Arzt vor. »Herr Bruhks, es hat sich kein weiterer Befund ergeben.« Der Arzt ging zu einer beleuchteten Tafel. »Hier ungefähr ist die Wunde«, deutete er mit dem Kugelschreiber auf eine Stelle.

Stefan konnte im Schwarz nichts erkennen.

»Der Dickschädel hat den Aufprall gut überstanden.«

»Dann ist ja alles in Ordnung.«

»Ein Mann wie Sie fällt nicht ohne Grund um.« Dr. Römer setzte sich an seinen Schreibtisch. »Haben Sie einen Hausarzt?«

»Dr. Brinkmann.«

Der Arzt schaute von den Unterlagen hoch. »Die Gynäkologin?«

In Stefans Kopf pochte es. Offensichtlich brachte er etwas durcheinander. »Konzentrationsschwächen. Ich bin zur Zeit ziemlich abgespannt, verstehen Sie?«

»Haben Sie darüber schon mit Frau Dr. Brinkmann gesprochen?«

Stefan knetete seine Finger. »Ich – weiß es nicht – so genau. Nicht seit Samstag, das kann ich beschwören.«

»Was war Samstag?«

Das Pochen in Stefans Schläfen schwoll an. Dazu gesellten sich kleine dunkle Pünktchen, die vor seinen Augen einen unruhigen Tanz aufführten. »Ich weiß nicht, wer ich bin!« platzte er heraus.

»Sie meinen, sie leiden unter Amnesie?« fragte der Arzt. Er prüfte die Unterlagen. »Zeigen Sie mal Ihren Ausweis«, bat er dann.

Stefan holte das Portemonnaie aus der Gesäßtasche und zog den Ausweis heraus. Der Arzt verglich das Bild. »Das sind Sie, kein Zweifel. Hier steht: Stefan Bruhks. Sie wohnen in der Gottfried-Keller-Straße. Dreizehn. Ist das richtig?«

In Stefans Kopf dröhnte es. Er schlug die Handflächen gegen die Schläfen. »Wenn es da steht …«

»Sie erinnern sich nicht an Ihre Anschrift?«

Stefan konnte den durchdringend musternden Blick des Arztes nicht ertragen. »Ich möchte jetzt nach Hause.« Wenn er seinem Personalausweis glauben durfte – und der war schließlich von einer deutschen Behörde ausgestellt – wohnte er in der Gottfried-Keller-Straße 13. Wenn er seiner Nachbarin glauben durfte, lebte dort nicht er, sondern seine angebliche Schwester, von deren Existenz er keinen blassen Schimmer hatte. Die von Dr. Römer angedeutete Amnesie war plausibel bis auf die Quälseele Alfred, die nicht ins Krankheitsbild passen wollte.

Der Arzt holte Stefan an der Tür ein. »Ich darf Sie nicht so gehen lassen.«

»Sie haben doch selbst festgestellt, dass es keinen Befund gibt. Das Loch im Kopf ist harmlos. Ich kenne mindestens zwei Menschen, die Auskunft über mich geben können.«

»Wie Sie meinen. Gegen Ihren Willen lässt sich kein Licht in das Dunkel bringen.« Der Arzt reichte Stefan die Hand. »Ich schlage vor, Sie warten eine Woche. Wenn Sie bis dahin nicht klar sehen, kommen Sie zu mir.«

»Danke, Herr Doktor«, sagte Stefan und drückte die Hand des Arztes in dem guten Gefühl, für den Notfall gerüstet zu sein, aber ohne die Absicht, es jemals soweit kommen zu lassen.

Vor der Wohnungstür verweilte er einen Augenblick. Angesichts der drohenden Nähe von Berta Böttcher verschob er den Besuch mit der Überlegung, dass er eine alleinstehende Frau, die sich ihren Lebensunterhalt verdienen muss, in der Mittagszeit ohnehin nicht antreffen würde.

Dopingbeichte: Auch Thomas Brussig stand unter Drogen

Kein Wunder, dass es leuchtete: Auch Thomas Brussig war gedoptDeutschland beichtet: Wir haben gedopt! Im Radsport hat es angefangen. Mit bebender Stimme und ergreifenden Worten gestehen Sportler: Ich habe unerlaubte Dopingmittel genommen, und ich schäme mich dafür! Es gibt nur wenige ehrliche und aufrichtige Geister wie Jan Ullrich, die es nicht nötig hatten, solche Sachen einzunehmen.

Doch der Rest Deutschlands ist im Geständnisrausch. Und auch immer mehr Nicht-Radfahrer bekennen: Ich war gedopt!

Jetzt erfasst die Geständniswelle auch Literaten und Schriftsteller! Den Anfang machte Thomas Brussig (»Helden wie wir«, »Wie es leuchtet«, »Am kürzeren Ende der Sonnenallee«), der dem Tagesspiegel gestand, dass viele seiner Werke nur durch den Einsatz von Dopingmitteln möglich waren.

Folge 55 vom 26. Mai 2007

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»Da ist er wieder,« sagte der Mann mit der roten Jacke über dem weißen Hemd. Ein anderer Mann in Rot beugte sich über ihn und winkte mit den Fingerspitzen. »Willkommen.«

Der Wagen nahm eine scharfe Rechtskurve, ohne die Geschwindigkeit wesentlich herabzusetzen.

»Schorsch, lass gut sein«, rief der erste Mann in Rot nach vorn. »Sonst fällt er uns von der Trage und verletzt sich ernsthaft.«

Stefan tastete nach der schmerzenden Stelle am Kopf und fühlte einen Verband.

»Nur eine kleine Platzwunde. Habe ich auch mal gehabt, als ich als Kind von der Schaukel gefallen bin.« Der Notarzt pumpte die Manschette um Stefans Oberarm auf. Langsam entwich die Luft. »110 zu 70. Es geht aufwärts. Hatten Sie schon mal früher Probleme mit dem Kreislauf?«

Stefan verneinte. »Wohin fahren wir?«

»Zu den Barmherzigen Schwestern.«

»Ich möchte nicht ins Krankenhaus. Ich fühle mich schon wieder in Ordnung.«

»Haben Sie heute noch was vor?«

»Wieso?«

»Wenn ein kräftiger Kerl wie Sie bei 28 Grad auf der Straße mfällt und zehn Minuten im Koma liegt, ist das kein Spaß mehr. Oder hast du an der Stelle eine Laterne gesehen, Karl?«

Karl lachte. »Auch kein Verkehrsschild, Doc.«

»Es war ein Überfall«, stöhnte Stefan.

»Sicher.« Der Arzt langte auf eine Ablage und warf Stefan das Portemonnaie in den Schoß. »Die Johanniter fahren ihre Opfer anschließend ins Krankenhaus. Das gebietet uns die Nächstenliebe.«

Stefan verdrehte die Augen.

»Na, na«, sagte der Arzt, »für uns sind Sie die reinste Erholung. Kein Vergleich mit den lebenden Fleischklumpen, die man uns häufig in den Wagen legt. Das soll nicht heißen, dass Sie keine ärztliche Hilfe benötigen. Wir nehmen jeden Fall ernst.«

Der Wagen stoppte vor der Unfallaufnahme, die Tür wurde aufgerissen und die Trage herausgezogen. In der Ambulanz richtete sich Stefan auf.

»Der Mann wurde auf der Straße gefunden. Ohnmächtig«, instruierte eine Schwester den Arzt.

Der Arzt öffnete den Kopfverband. »Lassen Sie mal sehen.«

»Machen Sie sich mit mir keine Umstände«, bat Stefan.

»Glück gehabt«, sagte der Arzt. Er schnippelte mit einer Schere Haare von Stefans Hinterkopf. »Nur eine oberflächliche Wunde nah am Haaransatz. Mull und Pflaster reicht. Wir brauchen nicht zu nähen. – Elke«

Die Schwester reichte dem Arzt ein Stück Mull.

»Warum habe ich dann den Kopfverband bekommen?« erkundigte sich Stefan.

Der Arzt schnitt vom Mull die Hälfte ab und reichte der Schwester das Stück zurück. »Auf dem Wagen, die können gar nicht mehr anders. Pflaster.«

»Erholung nannte mich der Notarzt.« Stefan hüpfte von der Trage. »Vielen Dank. Dann kann ich jetzt gehen?«

»Wir sollten vorsichtshalber röntgen.«

»Mir ist aber nicht übel«, wandte Stefan ein.

»Aber mir. Weil die Patienten nicht auf meinen ärztlichen Rat hören.«

»Kommen Sie!« Schwester Elke brachte Stefan zur Tür und zeigte ihm den Weg zur Aufnahme. Hier wurde er als Stefan Bruhks aktenkundig gemacht, zwei Flure weiter zum Röntgen geschickt und danach in der Ambulanz auf dem Gang in die Reihe der Wartenden gesetzt, neben eine Frau mit einem Gips links bis unter das Knie. Stefan betrachtete eine Zeitlang ihre Zehen, danach den Saum des sorgfältig auf Bermuda-Short-Länge gekürzten Hosenbeins.

»Heute kommt er runter.« Die junge Frau klopfte mit einer Krücke auf den weißen Gips. Keine handschriftlichen Genesungswünsche, keine pfeildurchbohrten Herzen. Seltsam, dachte Stefan, mit der Frau kann man sich doch sehen lassen.

Wir wollen doch niemanden diskrimminirrn! tönte Bichlers Stimme. Stefan erschrak. Nein, beruhigte er sich, das war kein zweiter Alfred, sondern eine ganz normale Erinnerung. Jeder hatte Familie, Freunde, Bekannte, und es machte keinen Unterschied, ob man hübsch war oder nur leidlich aussah.

»Ich bin beim Aufwärmen einfach umgefallen«, erzählte die Frau unaufgefordert. »Das hat vielleicht geknallt! Der Übungsleiter wollte mich nach Hause bringen, aber ich habe ihm gesagt, dass ich das alleine schaffe. Es sind ja nur zwei Kilometer von der Halle bis zu unserem Haus und ich hatte mein Auto dabei. Abends hat mein Mann den geschwollenen Fuß abgetastet und gefragt, wo denn meine Achillessehne sei. Am nächsten Morgen bin ich zum Orthopäden gegangen, mittags lag ich im Krankenhaus.«

»Einfach so?«

»Der Arzt war fassungslos, dass man mich nicht sofort ins Krankenhaus gebracht hat. Ich war neu in der Gruppe.« Die Frau lachte warmherzig. »Nach vierzehn Tagen wurde ich entlassen, mit Mühe und Not. Ich musste die Stationsärztin bequasseln. Vier Wochen lang konnte ich nicht duschen, weil mir der Gips bis zu den Pobacken reichte.«

Gegenüber öffnete sich eine Tür. »Frau Bleck?« rief eine Schwester.

»In diesem Moment beginnt ein neues Leben.« Die junge Frau sprach schon in Richtung auf den Behandlungsraum und humpelte los.

Billigbuch-Suche in der Schweiz

billigbuch.chIn Lotree’s Bücherblog findet sich der Hinweis auf eine spezielle Suchmaschine, mit der Schweizer Online-Buchhandlungen nach den günstigsten Buchpreisen durchsucht werden können. Das Angebot besitzt den nicht sehr kulturtragenden Titel billigbuch.ch. Seit dem Wegfall der Preisbindung in der Schweiz müssen dort Bücher nicht mehr zu einem einheitlichen Ladenpreis verkauft werden. Lotree’s Bücherblog führt als Beispiel das neue Buch »Lea« von Pascal Mercier (»Nachtzug nach Lissabon«) an.

Der vom Hanser Verlag für die Schweiz empfohlene Verkaufspreis liegt bei 35,50 SFr. Bei weltbild.ch ist das Buch laut billigbuch.ch mit 24,90 SFr am günstigsten. Umgerechnet wäre das ein Preis von 15,08 Euro. Gegenüber dem gebundenen Ladenpreis in Deutschland von 19,90 Euro würde man bei einem Einkauf in der Schweiz theoretisch fast 5 Euro sparen.

Laut billigbuch.de sind allerdings bei weltbild.ch die Versandkosten mit 7,95 SFr am teuersten, gegenüber z.B. thalia.ch mit 3,50 SFr, die das Buch nachwievor zum empfohlenen Ladenpreis verkaufen.

Heute ist wieder Handtuch-Tag

Handtuch-Tag Wie jedes Jahr am 25. Mai ist heute wieder Handtuch-Tag. Der Tag, der an den im Jahre 2001 verstorbenen Autor Douglas Adams (»The Hitchhikers Guide to the Galaxy«) erinnert.

Und warum immer der 25. Mai? Das ist sehr einfach, wie Wikipedia erklärt: Es ist der letzte Tag eines Jahres, bei dem der Tag genau der Monat zum Quadrat ist (25.5.: 52 = 25). Weiterhin ist die Summe aus den Hexadezimalzahlen 25 und 5, also 0x25 = 2516 = 3710 und 0x5 = 516 = 510 ausgerechnet 0x25 + 0x5 = 0x2A, was nach Umrechnung ins Dezimalsystem wiederum 0x2A = 2A16 = 4210, also die berühmte 42 ist.

Folge 54 vom 25. Mai 2007

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Am Vormittag ging Stefan zu Bogner. Dort traf er eine ältere Verkäuferin an, von der er nicht wusste, ob sie ihn kannte und seinen Namen bei einer Bestellung ohne Nachfragen aufschreiben würde. Enttäuscht machte er sich auf den Weg zur Sparkasse. Er wagte nicht daran zu denken, was dort auf ihn zukommen konnte; allein schon der Gedanke löste Erwartungsängste aus.

Vom Ägidiusplatz bis zur Sparkasse waren es zwanzig Minuten zu Fuß, nicht sehr viel Zeit, um im Kopf an den ungelösten Fragen seines Lebens zu arbeiten. Apropos arbeiten: Heute war Dienstag, er war gesund und konnte nicht sagen, welchem Broterwerb er nachging. Solche Gedächtnislücken bereiteten ihm Sorge. Die Romane in seinem Computer und der Hefter mit den Absagen waren kein Beweis. Auch erfolglose Schriftsteller müssen arbeiten, um zu leben.

In der Filiale der Sparkasse schob er die Scheckkarte in den Kontostandsdrucker. Seine Unruhe wurde nicht lang auf die Folter gespannt: 433,78 Euro betrug sein Guthaben. Der Auszug enthielt neben dieser nackten Zahl die Lastschrift aus dem Einkauf bei R&C, ansonsten keine Umsätze, die ihm Aufschlüsse über sein Leben liefern konnten. Vor dem Geldautomaten überlegte er eine Weile, ging dann zum Kassenschalter und ließ sich die Hunderter auszahlen.

Auf der Straße nervten ihn die Geräusche der unaufhörlich vorbeifahrenden Autos. In dieser Stadt gab es keinen Ort mit wirklicher Stille. Spätestens Freitag würde er in die Berge fahren, wenn sich nicht bis dahin hoffnungsvolle Aspekte in der Entdeckung seines Selbst eingestellt hatten, die wichtiger waren als die erholsame Ruhe der Bergwelt.

Das penetrante Hupen eines langsam vorbeifahrenden Taxis steigerte seine Aggressionen. Bevor er eine lautstarke Bemerkung loswerden konnte, rief ihn der Taxifahrer aus dem geöffneten Fenster an.

»Du fauler Sack, wo bist du abgeblieben? Moosbauer hat nach dir telefoniert, dich aber nicht erreicht. Er hat jetzt zweimal Pech gehabt mit Studenten und will unbedingt einen zuverlässigen Fahrer. Er lässt sogar einen Wagen stehen.«

»Kennst du mich?« fragte Stefan verblüfft und blieb stehen.

»Der Dichter spinnt, wie immer«, lachte der Taxifahrer und wies in Richtung auf das Taxameter. »Ich hab’en Fahrgast. Lass dich beim Alten sehen.« Die Scheibe glitt hoch und das Taxi beschleunigte.

Ein erfolgloser Schriftsteller, der sich seine Brötchen als Taxifahrer verdient, ergab einen Sinn und passte gut zu dem soeben abgefragten Kontostand. Der Anrede Dichterhätte es nicht mehr bedurft. Verwirrung stifteten die anderen Dinge, an die er sich nicht erinnern konnte.

Stefan schloss die Augen.

Moosbauer? – Nie gehört.

Die Bücher in der obersten Reihe links im Regal? – Charles Dickens, Edgar Allan Poe, Daniel Defoe, Nachschlagewerke zu Geschichte und Zeitgeschehen.

Der zweite Test zählte nicht, denn in der Wohnung seiner Schwester kannte er sich aus, nur nicht in seiner eigenen. Er zog das Portemonnaie aus der Gesäßtasche und klappte es hastig auf, zerrte der Personalausweis heraus und las die Anschrift. Die Wohnung – das war seine Anschrift, seineWohnung, und die Nachbarin kannte ihn nicht …

Die Kante des Bürgersteigs kippte seitlich weg.

Folge 53 vom 24. Mai 2007

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Gegen ein Uhr stand er entnervt auf und suchte im Badezimmerschränkchen ohne Erfolg nach Schlaftabletten. Danach wälzte er sich von rechts nach links und probierte klassische Methoden des Einschlafens.

Ralzinger betrachtete seine gepflegten Fingernägel. »Ich habe dir die Perücke immerhin geschenkt. Ist es zuviel verlangt, wenn du sie für mich aufsetzt?« Ralzinger gurrte die Frage auf eine Weise, als dulde sie keine Absage.

Stefan schwitzte wie an der Kasse, bevor Bichler ihn dort aufgegriffen hatte. Direktor Ralzinger entschied immerhin über die Diebstahlsanzeige. Sollte er ihm den Gefallen tun? Eine Kleinigkeit, oder?

Ralzinger öffnete den flachen Karton auf dem Schreibtisch und schlug das Seidenpapier zur Seite. »Es wird dir zauberhatf stehen.« Ralzinger hob das pinkfarbene Kostüm aus dem Karton. »Bitte.«

Stefan schnappte nach Luft. Das pinkfarbene Kostüm schlang sich eng um seinen Körper. Ralzinger näherte sich bis auf Scheckkartendistanz. »Ich heiße Dietmar«, sagte er und legte sein Hand auf Stefans pinkfarbenes Gesäß.

Bichler stürzte ins Zimmer. Sein Kopf war viereckig und aus den Schläfen wuchsen ihm Anschlusskabel. Unter dem Arm trug er eine nackte Schaufensterpuppe. »Ein Dieb!« schrie er und zeigte auf Stefan. »Er hat das pinkfarbene Kostüm und die Perücke geklaut.« Der Zeigefinger von Bichlers freier Hand fuhr durch den Raum und landete auf Stefans Brust.

»Die ist ja echt!« rief Bichler entgeistert.

»Eine Frau?« fragte Ralzinger konsterniert und probierte selbst. Leise schrie er auf.

Stefan schaute an sich herunter. Seine Brüste lagen fest im Kleid. Von den Pumps sah er nur die Spitzen.

Stefan atmete schwer in die stickige Luft, rollte sich aus dem Bett und öffnete das Fenster. Aus dem Schrank holte er sich ein frisches Nachthemd. Gott sei Dank besaß Stefanie keine Negligés; in die Baumwoll-Nachthemden ließen sich die Alpträume besser einschwitzen.

Bis drei Uhr zählte er zwölf Autos, die durch die Gottfried-Keller-Straße fuhren. Vier hielten für einige Minuten mit surrendem Motor. Bevor die Wagen weiterfuhren, schlug eine Autotür. Abschiedsszenen, stellte er sich vor, Mädchen, die nicht über Nacht ausbleiben durften, in leidenschaftlicher Umarmung, die Hoffnung auf ein Wiedersehen schürt. Oder Frauen, die nicht jede Bekanntschaft gleich in ihre Wohnung schleppten und bei der Verabschiedung erst die Situation klarstellen müssen. Denen ordnete er die Autos zu, die mit höherer Drehzahl die Weiterfahrt begonnen hatten. Später störten zwei Halbwüchsige, die betrunken und in wohlgesetzten Abständen den Namen eines heimischen Fußballvereins grölten.

Als die erste Straßenbahn im jungen Tag in die Gottfried-Keller-Straße einbog, stand er auf.

Zwei oder drei Dinge über Wurst

Wurst-Dummyoder: Black Hole Sun / Wurst will come

Die Wurst ist wieder im Kommen. Dank Klimawandel freue ich mich dieses Jahr schon einen Monat zu früh auf den Sommer und stelle mir dann gerne vor: Sonne, Baden, Grillen am See. Und: Bratwurst mit allen Saucen der Welt. Da bleiben nicht mehr viele Wünsche offen und was noch offen bleibt, wird von dem zufriedenen Grunzen übertönt, das ich randvoll und sonnenverbrannt gerade noch so von mir gebe.

Diese Art von pränataler Glückserfahrung ist natürlich eine deutsche und somit auch gefundenes Fressen für Dichter und Denker jeglicher Couleur. Herbert Grönemeyer besingt seine Currywurst, Die Ärzte widmen der Einsamkeit des Würstchens traurige Töne und im Bereich der Bildenden Kunst positioniert sich couragiert Erwin Wurm (Österreicher, zugegeben) zum rosa Freund im Eigendarm.

Wer hört eigentlich Podcasts?

Barbara RampfBarbara Rampf (Foto) hat im Rahmen ihrer Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München allerlei Fragen an Podcasthörer und -seher. Wieder einmal geht es darum herauszufinden, wer Podcasts nutzt. Da es sich um eine seriöse und rein wissenschaftliche Arbeit ohne kommerziellen Hintergrund handelt, wird man weder nach Namen noch nach Kontaktdaten gefragt. Zudem sind die Fragen – im Gegensatz zu manch anderer Umfrage – klar und deutlich formuliert.

Wer also den Podcast des literaturcafe.de oder andere Podcasts hört, der sollte sich 10 Minuten Zeit nehmen und Barbara bei ihrer Magisterarbeit unterstützen. Die Umfrage ist bis zum 11.06.2007 online, und Interessierte haben die Möglichkeit, später die Ergebnisse zu bekommen.

»Podcaster, wer seid ihr?« – Hier geht es zur Umfrage

Folge 52 vom 23. Mai 2007

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Stefan schob die Tastatur an die Seite. Berta Böttcher hatte schneller Eingang in eine Geschichte gefunden als sie es selbst befürchtet hatte. Für Amandas Kollegin Gundula war sie die Idealbesetzung. Sehr weit von einer tragischen Figur war auch er nicht entfernt, gestand er sich ein. Wie es aussah, blieb er zunächst auf seine Nachbarin als Informantin angewiesen. Also, nichts wie hin, versöhnen und ausforschen? Danach zu Christine in die Buchhandlung, bestellen und genau hinsehen, welchen Namen sie notierte.

Stefan verwarf die schnellen Entschlüsse und verschob den Besuch bei seiner Nachbarin. Die Wohnung bot ihm noch genug Gelegenheit zu Nachforschungen.

Im Bücherregal stand eine kleine Stereoanlage. Daneben schwang sich im Bogen ein einreihiges CD-Gestell vom Fußboden über einsachtzig bis zur Wand. In diesem Gestell fand er eine kleine ausgewählte Klassikabteilung, Orgelwerke und nur eine Oper, La Traviata. Der große Rest war Pop, Rock, Jazz, alles Querbeet und zumeist Sampler, mitten zwischen Rock-Interpretinnen entdeckte er Gershwin und Play Bachvon Jaques Loussier.

Stefan legte Rhapsodie in Blueein und räkelte sich in den Sessel. Nach der Einleitung ließ er die CD bis zum Höhepunkt des Themas vorlaufen. Intensiv genoss er die verbleibenden fünf Minuten, danach das Klavierkonzert in F-Dur, Céline Dion und Andrea Bocelli.

Die Musik entspannte ihn nicht im erhofften Masse, eine schwach vibrierende Unruhe blieb. Bevor er ins Bett ging, durchsuchte er noch den Kleiderschrank, fand aber bis auf einen Schlafsack nichts Besonderes.

Im Einschlafen wurde er durch die laute Musik eines vorbeifahrenden Autos aufgeschreckt. Er war wieder hellwach und hatte Gershwins Thema im Kopf. Die Melodie ließ sich nicht abzuschütteln, das Piano hämmerte dramatisch auf den Höhepunkt zu, an dem die Streicher besänftigend einfielen, während Stefan an den Ausgangspunkt zurückkehrte – dadadada, dadadarataratatara, er dachte an Unverfängliches und geriet unvermittelt an Bichler, den Kaufhausdetektiv, von dort brauchte er keine Überleitung zu Direktor Ralzinger und der Frage, wie wohl er ihm gesonnen war und ob er die Anzeige unterdrücken würde, wie Stefan aus seinen Worten herausgehört zu haben glaubte. Für die Anzeige galt das Prinzip Hoffnung, gegen die schriftstellerische Erfolglosigkeit reichte Hoffnung nicht aus, er würde weiter aktiv bleiben müssen, notfalls eine Lektorin klauen – welch ein bestechender Einfall! Ein Dutzend Verlage war in der Stadt ansässig, Lektorinnen also reichlich vorhanden, auch wenn nur selten eine der freundlichen Rückantworten von einer Lektorin unterzeichnet war. Rückgabe der Lektorin, sobald sein Werk in den Schaufenstern der Buchhandlungen ausgelegt war, oder erst, wenn die ersten enthusiastischen Besprechungen in den Literaturbeilagen der überregionalen Zeitungen erschienen waren? Eine gehörige Portion kriminelle Energie wäre für das Vorhaben unerlässlich.

Stefan erschrak. An Fantasie mangelte es ihm nicht, doch schloss er, wie er ansonsten dachte und empfand, auf eigene Charakterfestigkeit. Er respektierte die von der Allgemeinheit festgelegten Regeln. War der Perückenklau bei R&C folglich nur ein Ausrutscher? Notwehr, weil die Situation für ihn so verrückt war, dass nur Verrücktes dabei herauskommen konnte?

Bis Klagenfurt anruft. Ein Praxisbericht. Teil 1.

Cornelia TravnicekMein Name ist Cornelia Travnicek, ich bin 20 und schreibe. Per Definition bin ich daher wohl das, was man als Jungautorin bezeichnet. Und das hier, das ist ein Praxisbericht aus mittlerweile sieben Jahren Literaturbetrieb. Wie man es machen könnte, vielleicht sollte, vielleicht eher nicht und was einem alles passieren kann. Auch Kathrin Passig wird vorkommen, aber noch nicht in dieser Folge.

Der Bericht wird genau neun Folgen umfassen. Gegliedert habe ich das Ganze thematisch, zum Beispiel in Literaturwettbewerbe, Lesungen und Zuschussverlage, um nur ein paar zu nennen. Diese erste Folge ist quasi das hors d’oeuvre zum Rest.

Folge 51 vom 22. Mai 2007

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Das Kellergewölbe wurde durch eine Vielzahl von zehnarmigen Kandelabern erleuchtet. Luftzug brach die Lichtschatten in den gespiegelten Wänden ringsum. Gundula stand dicht an das Literaturphantom gedrängt, das Gesicht leidenschaftlich zu ihm aufgerichtet. »Komm, ich will dich publizieren«, flüsterte sie Erik zu und liebkoste den Entsetzten zwischen Hals und Hemdkragen, dass ihm die Luft knapp wurde.

»Amanda! Hilf mir!« Die Stimme des Phantoms klang nun leiser und flehender, weniger volltönend.

Schwere Schläge hallten gegen die Wand. Die Bilder in den Spiegeln zitterten.

»Sieh mich an, ich bin deine Amanda«, flüsterte Gundula. »Du schreibst nur noch für mich, ja?« Sie hielt Erik mit eisernem Griff im Nacken und küsste ihn. »Schreib mich voll«, bat sie, während er Luft holte. »Ich will deine Adjektive – zärtlich, weich, lustvoll, hart, hingebungsvoll, sanft, sinnlich; ich will deine Präsens-Partizipien – liebend, stoßend, stöhnend, drängend, quälend, wimmernd.« Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.

Glas splitterte. In der Wand dahinter lief ein Riss durch die Steine und verzweigte in Mörtelfugen.

»Erik!« flehte Gundula. »Wenn du es anders willst – dann bin ich dein Text, ja? Ich lass mich von dir rezensieren – zerreiß mich …«

»Absagen«, stöhnte Erik, »die vielen Absagen!« Seine Hand, immer noch in Gundulas Griff gefangen, fuhr Achterbahn über ihren Leib, dazwischen der dünne, enthüllende Stoff.

»Nein! Schreib mich um, schreib ein neues, aufregendes Kapitel«, bat sie.

Mauersteine polterten auf den Boden, ein Staubpilz stieg hoch und zerfiel schwebend nach allen Seiten. Erik nutzte den Moment und riss sich von Gundula los. Hilflos zeigten ihre Arme auf den Wandschirm, hinter dem er verschwunden war.

»Hier muss noch eine geheime Tür sein!«, rief Rickerd und klopfte die Mauer hinter dem Wandschirm ab.

Misanschki hielt Gundula im Arm und streichelte durch ihr Haar. »Alles wird gut, ich bin da, Amanda«, flüsterte er.

»Hier ist sie!« rief Rickerd triumphierend. »Gib mir das Stemmeisen!«

Misanschki warf das Werkzeug achtlos in die Richtung des Wandschirmes. Seine Augen ruhten in tiefblauen Seen.

Draußen bog von der Hauptstraße ein Polizeiwagen mit hoher Geschwindigkeit in die Einfahrt zum Verlagshaus. Der rechte Vorderreifen prallte auf den wie vergessen in der Einfahrt liegenden Kanaldeckel und schlug in die Öffnung dahinter. Mit gebrochener Achse blieb das Polizeifahrzeug im Hof liegen.

Eriks Körper baumelte im kreisrunden Schacht, die Hände über den Rand fest in das Gitter des Kanaldeckels gekrallt.

Stunden später wurde Amanda von Suchtrupps in der Kanalisation gefunden. Sie saß durchnässt an der Ecke zu einem Seitenkanal, aus dem sich ein dunkler Strahl in den Abwasserstrom zu ihren Füßen ergoss, und rezitierte mit monotoner Stimme aus einem Buch von Gaston Leroux.

Ende