Wer Hans Wollschläger war? Einer der ganz Großen! Ein brillanter Sprachkünstler, ein scharfer Beobachter, ein bissiger Zeitgenosse (wenn es sein musste). Und weitab vom normalen Literaturbetrieb! »Die Literatur ist für das Menschenvolk, das nun einmal im Dunkeln wandelt, – siehe! – das Große Licht -: wie hell nicht scheint sie über die da wohnen im finstern Lande!« beginnen z. B. seine Rezensionen und Zensuren »Von Sternen und Schnuppen – Bei Gelegenheit einiger Bücher«. Rezensuriert werden bei dieser Gelegenheit allerdings Sach- und Fachbücher, aber wie!
Hans Wollschläger ist tot
Folge 50 vom 21. Mai 2007
Misanschki und Rickerd ordneten an, das Verlagsgebäude vom Keller bis zum Dachboden zu durchsuchen. Ergebnislos. Die Fassade wurde Millimeter für Millimeter abgeklopft, sogar bis zur dritten Etage, obwohl gesunder Menschenverstand gereicht hätte um festzustellen, dass in derart luftiger Höhe ein geheimer Ausgang unmöglich war, solche Kletteraktionen wären auf der belebten Hauptstraße aufgefallen. Die Polizei versprach sich nichts von der Aktion außer einem gewissen Beruhigungseffekt für die Öffentlichkeit: Wir tun was. Während sie außen mit der Fassade in der dritten Etage beschäftigt schien, suchte sie drinnen das Literaturphantom unter den Angestellten. Vergeblich. Alle kamen morgens mehr oder weniger pünktlich, und alle verließen das Haus, der Verlagsleiter zumeist erst gegen einundzwanzig Uhr, Gundula noch später, weil sie freiwillig Amandas Arbeit übernommen hatte. Trotz der Fehlschläge blieb Misanschki bei seiner Annahme, das Literaturphantom müsse noch im Verlagsgebäude sein, und so sehr Oberinspektor Rickerd auch fragte, es gab keine Antwort.
Die Polizeipsychologin meinte, es müsse bald zu einer Krisis kommen. Etwa vierzehn Tage nach einer Entführung habe sich die Täter-Opfer-Beziehung stabilisiert. Welche Krise sie denn meine, fragte Rickerd, und Misanschki tippte sich mit der Mündung seiner Pistole an die Schläfe. Die Polizeipsychologin gab keine Antwort. Sie hing mit ihren Augen an der mattschwarzen Pistole, die Misanschki nicht in die Jackentasche, sondern vorne in den Hosenbund steckte.
In der zweiten Woche ihrer Gefangenschaft dachte Amanda verstärkt an Flucht. Sie schickte Erik, Binden zu besorgen; das würde ihr drei Tage Aufschub bringen für den Fall … Sie wagte nicht daran zu denken.
Bei seiner Rückkehr fand Erik das Gewölbe leer vor. Mit einem verzweifelten Aufschrei stürzte er zu der geheimen Tür, die in das Innere des Gebäudes führte.
Im Nachhinein betrachtet wussten alle im Verlag, dass Gundula immer schon seltsam war. Zumindest behaupteten ihre Kolleginnen, dies gewusst zu haben. Warum sich Gundula eine blonde Perücke besorgte, in ein hautenges Kleid schlüpfte und spät abends über die Gänge des Verlagsgebäudes geisterte, konnte sich allerdings niemand erklären.
Der Nachtpförtner hörte die Stimme zuerst. Er schloss die Tür seiner Loge ab, bevor er zum Telefonhörer griff und die 201 wählte. Um diese Zeit waren nur noch Rickerd und Misanschki in dem zum Krisenstab umfunktionierten Sitzungszimmer anwesend – die Hotelsuite war ihnen gekündigt worden.
Die beiden Beamten stürzten auf den Gang. Eine blonde Frau kam ihnen entgegen.
Gundula erstarrte in der Bewegung wie eine verrenkte Plastik und kiekste mit vorgehaltener Hand, ein Laut, der weder eindeutig Angst noch Überraschung war. Blonde Haarsträhnen hingen ihr unordentlich im Gesicht. Am entgegengesetzten Ende des Flures tauchte aus dem Treppenhaus ein hochgewachsener Mann mit wehendem schwarzen Umhang auf.
»Amanda!« rief eine dunkle volltönende Stimme.
Gundula drehte sie sich um und floh in Richtung des Phantoms. Die Stöckelschuhe behinderten sie beim Laufen, ebenso das enge Kleid. Sie verlor den rechten Schuh und schüttelte den linken ab.
»Da ist die Frau!« rief Rickerd.
»Da ist der Mann!« rief Misanschki.
Misanschki zielte mit der Pistole, breitbeinig und beidhändig. Sein Körper nahm die Schussfolge zuckend auf, als würden sich die Kugeln aus ihm entladen und nicht aus dem Lauf. Putz spritzte von der Wand. Das Literaturphantom stolperte und fiel der Länge nach, Gundula auf ihn.
Klack-klack-klack.
»Jetzt hast du dein Pulver verschossen«, sagte Rickerd.
Misanschki warf die Pistole auf den Boden.
Das rückwärtige Treppenhaus hallte von hastigen Schritten. Gundula und das Phantom waren verschwunden.
Folge 49 vom 20. Mai 2007
10
Die Interpretationen landeten im Abfalleimer, die Einkäufe auf der Arbeitsplatte.
Bis vor einer Stunde zweifelte er nicht daran, Stefan Bruhks zu sein. Christine kannte seinen Namen, Brockmeier oder Brockmann stand auf dem Bestellzettel, schnell hingekritzelt zur Ablage unter einem Anfangsbuchstaben. Zu blöd war die einfache Frage an Christine, sie möge ihm sagen, wie er denn heiße. Irgendwann würde er sich dieser Frage stellen müssen, wenn er ohne Einmischung von Alfred, der Quälseele, seinen wirklichen Platz im Leben wieder finden wollte.
Stefan holte das Büchlein aus dem Abfall und klopfte den Kaffeesatz vom Einband. Ein Gesprenkel aus braunen Flecken blieb zurück. Das Buch war gekauft, und eines Tages würde ihm auch der Grund dafür einfallen, hoffte er und stellte die Interpretationen neben ein ebenfalls gelbes dünnes Bändchen von Dostojewskij aus dem gleichen Verlag.
Stefans Magen meldete sich. Das Hungergefühl war eine verlässliche Größe, er musste lediglich die zum Abendessen eingeplante Portion Salat Spezialetwas größer ausfallen lassen, obwohl der geschmackliche Reiz in der Vielfalt der verwendeten Zutaten und nicht in der Menge lag.
Wieder déjà vu, fiel Stefan auf. Wie zum Beweis sagte er sich das Rezept im Kopf vor. Es könnte der Grundstock für ein Kochbuch sein, dachte er. Bis er den entsprechenden Bekanntheitsgrad erreicht hatte, würde er genügend Rezepte gesammelt haben. Manche Autorinnen warteten nicht so lange und verstreuten ihre Rezepte kurzer Hand in der Prosa, sozusagen als kostenlose Beigabe an die Leser.
Beinahe wäre die Zubereitung des Salates an der Sahne gescheitert, die Stefan beim Einkauf vergessen hatte. Mit Kondensmilch half er sich aus der Verlegenheit. Er rührte sie mit einem Schuss Vollmilch, Öl, Essig und einer Prise Pfeffer an und schüttete die Soße in eine hohe Tasse. Zwei Blätter Chicorée warf er mit grünem Salat, Feldsalat, drei Scheiben Tomaten, einigen roten Zwiebelringen und zwei Esslöffeln Mais in eine Schüssel, mischte und häufelte den Salat aus der Schüssel auf einen großen Glasteller. Vorsichtig goss er die Soße aus der Schüssel über den Salat. Den Rest der Soße schüttete er in den Ausguss, der Salat sollte Geschmack bekommen und nicht ertränkt werden. In der Pfanne brutzelte er eine Handvoll Speckwürfel. Mit den in Scheiben zerteilten Champignons und Croutons schwenkte er sie kurz an. Speck, Champignons und Croutons verteilte er als Dressing. Dazu gab es Dreikornbrot mit Schweineschmalz und Grieben.
Stefan war zufrieden und ab dem Magen abwärts satt; im Kopf war sein Geist auf eine andere Art hungrig, er wollte entdecken und aus Kombinationen von Bekanntem auf Neues, Erzählenswertes stoßen. Ein Rezept gab es dafür leider nicht und auch noch zu wenig Zutaten. Dass er kochen konnte, war für den Alltag angenehm, ohne ihn auf dem Weg zu sich selbst weiter zu bringen.
Mitten im Abwasch klingelte das Telefon. Würde neuer Schwung in die Selbsterforschung kommen? Er wartete, als ob er eine Bestätigung des nicht mehr für möglich Gehaltenen brauchte.
»Ja?«
Eine fremdländische Stimme fragte freundlich: »Yasemin ankommen?«
Stefan legte den Hörer auf, ließ ihn aber nicht los. Hatte er schon mal mit einer türkischen Freundin angebandelt? Yasemin stand nicht in seinem Notizbuch, das wäre ihm beim Durchsehen aufgefallen.
Das Telefon klingelte erneut.
»Falsch verbunden«, bellte Stefan und tippte mit dem Zeigefinger auf den Kontakt. Kein neuer Schwung, sondern alte Unwucht.
Um nicht über sein Dilemma grübeln zu müssen, setzte sich Stefan an den Schreibtisch und holte den Entwurf der Phantom-Geschichte hervor. Auf dem Weg zur Buchhandlung war ihm eine Idee für den Schluss zugeflogen. Inspirationen galt es festzuhalten und aufzuschreiben, zu flüchtig waren solche Gedanken und zu gern verdrängte sie der Alltag auf Nimmerwiedersehen in einen unzugänglichen Winkel seines Gedächtnisses. Stefan schrieb eine Weile, strich Formulierungen und ersetzte sie durch vermeintlich bessere, ergänzte und notierte Alternativen. Dann startete er den Computer zur Reinschrift.
Folge 48 vom 19. Mai 2007
»Haben Sie das neue Buch von Ira Lehnd?« hörte er eine Frau an der Kasse fragen.
»Sie meinen Die Megafrau? Ich schau mal nach.«
Stefan spürte die Nähe der Verkäuferin. »Darf ich?« fragte sie und er trat einen Schritt zurück. Die Verkäuferin zog eine Schublade auf und suchte in kleinen Stapeln. »Tut mir leid«, sagte sie. »Ich kann es für morgen besorgen.«
Stefan stellte die Fünfhundert-Seiten-Ausgabe einer amerikanischen Bestsellerautorin zurück in die Lücke. Da gab es drei weitere von ihr, ebenso breit, mit anderen Titeln. Wenn er daran dachte, wie viel Mühe ihm zweihundert Seiten anständiger Text bereiteten … meine Güte, eine Megafrau. Du musst ’ne Frau sein in dieser Welt, dachte er, und dass der Wunsch nicht fair sei, ganz allgemein gesehen; allenfalls könnte er versuchen, unter dem Pseudonym einer Frau zu veröffentlichen.
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?« Die Verkäuferin schaute ihn mit dem so aziehend schüchtern wirkenden Lächeln an.
»Nein, ich stöbere nur und warte, ob mich ein Titel anspricht.«
»Sie waren in den letzten Wochen nicht mehr bei uns.«
Stefan hielt die Luft an. Das war der erste unabhängige Beweis für seine Existenz als Stefan Bruhks.
Der Buchhändler rief aus einer Ecke des Ladens: »Christine?«
»Gleich«, antwortete die Verkäuferin. Und zu Stefan gewandt: »Macht der neue Roman Fortschritte?«
»Oh ja«, nickte Stefan zur eigenen Bestätigung.
»Und die Verlage?«
»Absagen, Absagen«, stammelte er.
Christine errötete. »Wollen Sie Ihre Bestellung jetzt mitnehmen? Ich kann den Preis aber diesmal nicht anschreiben, Sie verstehen – der Chef, ich müsste den Betrag sonst« – sie schaute kurz zu Boden – »wieder aus eigener Tasche vorlegen.«
Stefans Wangen brannten und er errötete bis unter die Haarwurzeln. Schlimm genug, dass die peinlichen Kassenerlebnisse nicht abrissen, aber dieses Mal schämte er sich. Er hatte sich von Christine literarisch aushalten lassen!
»Ja.« Mehr brachte Stefan nicht heraus.
Christine ging hinter die Kasse und suchte in einem Zettelkasten, unter B, wie Stefan sehen konnte.
»Habe ich noch Schulden bei Ihnen?« fragte er mit belegter Stimme.
Christine drehte ihm den Kopf zu und lächelte. »Es ist alles in Ordnung.«
Stefan überlegte, ob sie nun einen Schuldenerlass oder ein ausgeglichenes Konto meinte. Christine ließ ihm keine Zeit für eine Entscheidung. »Hier«, sagte sie und zog aus einem Regalfach hinter der Kasse ein kleines gelbes Bändchen hervor. Stefan sah nicht das Büchlein, sondern starrte auf den Zettel. Der Name des Bestellers begann zweifelsfrei mit B, war aber nicht Bruhks. Nach dem Bfolgten Buchstaben, die er nicht eindeutig zuordnen konnte, r, a, e chvielleicht, oder ach, eck, och. Der Name endete in einer Schlangenlinie.
»Die Bestellung ist doch richtig, oder?« fragte Christine. »Sie schauen so zweifelnd.«
»Wie immer«, antwortete Stefan und war davon überzeugt, dass Christine stets das Richtige für ihn tun würde. Die Wärme war jetzt in seiner Magengegend, was selten vorkam und ihn deshalb sicher machte.
Stefan bezahlte und verabschiedete sich mit bis bald. Den Gruß meinte er freundschaftlich, auch dankbar, und mit einem großen Ausrufezeichen im Kopf – Vorsicht, nur keine persönlichen Beziehungen anknüpfen. Der Schreck, er könnte zweifacher Familienvater sein, war ihm noch in guter Erinnerung, und wer weiß, ob nicht doch bald seine Freundin anrufen würde oder sogar bei ihm vorbeikam. Wenn sie sich dann als seine Schwester entpuppte, war immer noch Zeit genug, ein weiteres Buch bei Christine zu bestellen.
Draußen vor der Buchhandlung holte er das gelbe Büchlein aus der Papiertüte und sah nach, was er gekauft hatte. Interpretationen. Franz Kafka. Romane und Erzählungen.
Geistige Nahrung. Nur zwei Straßen weiter lag der Discounter. Er brauchte Brotaufschnitt, Obst und die Zutaten für einen frischen Salat.
Folge 47 vom 18. Mai 2007
Jedes Mal, wenn Stefan die Buchhandlung betrat, glaubte er direkt auf die Kasse zuzulaufen, obwohl sie nicht geradeaus, sondern rechts im Raum platziert war, im goldenen Schnitt zwischen den Seitenwänden mit den bis zur Decke reichenden Bücherregalen , rechts die Taschenbücher, links die gebundene Ware und die Nachschlagewerke. Die Verkäuferin an der Kasse grüßte ihn freundlich. Sie war jünger und einen Kopf kleiner als er. Die Wirkung ihres schmalen Gesichtes wurde durch das im Nacken mit einem Band zusammen gehaltene, glatte schwarze Haar unterstrichen.
Eindeutig déjà vu, notierte sich Stefan in Gedanken. Die Kassenerlebnisse häuften sich bei ihm, als habe er sich einen Komplex durch Kontaktinfektion zugezogen. Aber, auch daran glaubte er nicht und hätte dieses aber gerne mit den Händen erwürgt, um endlich Gewissheit zu erlangen.
Stefan wich Wühltischen und mobilen Regalen aus, die sich den Kunden mit dem Buch zum Film, zur Fernsehserie und der vergötterten Popgruppe in den Weg stellten.. Hinten im Laden standen Sachliteratur, Kinderbücher, Schulbücher, Reiseführer und die zugehörigen Bildbände. Stefan ließ die Augen durch die Reihen schweifen und vergewisserte sich, ohne besondere Absicht, dass die Reiseführer über sein beliebtestes Urlaubsziel noch vorrätig waren.
Der Weg zurück führte ihn an den Lexika vorbei und bekräftigte den Wunsch auf die vierundzwanzigbändige Enzyklopädie. Es folgte der Blick auf die Autorinnen und Autoren, die es nach Ansicht ihres Verlegers wagen durften, vom Käufer bis zu fünf Zentimeter seines knappen Schrankraumes zu beanspruchen. Stefan zweifelte nun nicht mehr daran, dass dieser Weg durch die Buchhandlung ein Ritual war.
Er nahm die Memoiren einer geschiedenen Politikergattin in die Hand.
»Soll ich die Folie entfernen?« fragte ein junger Mann. Auf der Brusttasche des karierten Hemdes steckte ein Plastikschildchen mit dem Namen S. Bogner.
»Wie weit entblößt sie ihre Seele, bis zur Unterwäsche oder ist es eher umgekehrt – zieht sie lieber ein wärmendes Mäntelchen über?«
Der junge Bogner lachte trocken. »Erwarten Sie Szenen einer Ehe oder vielleicht die Niederschrift der letzten, entscheidenden Auseinandersetzung?«
»Danke, dass Sie mich für einfältig halten.«
Der junge Mann ordnete die Auslage und stopfte in die entstehende Lücke einen mitgebrachten Band von John Irving. »Wenn ich an Einfältige verkaufen wollte, wäre ich nicht Buchhändler, sondern Politiker.«
So konnte man das sehen. Stefan suchte nach einer ebenso geistreichen Antwort, setzte eine nachdenkliche Miene auf und ging dann zu den Taschenbüchern nach vorn, als nähme er das Problem ganz allein auf seine Schultern. Vor ihm breitete sich das Meer gedruckter Worte aus. Die schmalen und breiten Rücken standen nicht eindeutig für unergründliche Tiefe oder seichtes Plätschern. Auch die Ordnung innerhalb der unbeschrifteten Regalreihen offenbarte sich nicht auf den ersten Blick. Auffällig waren die in Griffhöhe mit der Titelseite nach oben liegenden Bücher, ausschließlich Bücher von Frauen, die entweder Weib, Frau oder Mann im Titel trugen und deren zugehörige Attribute Super und Traum oder auch tot und impotent waren; bei letzteren dachte Stefan an Schlappschwanz und Macho. In der Reihe darüber – aha! – jede Menge Stephen King und John Grisham, daneben ein einzelner Michael Crichton.
Folge 46 vom 17. Mai 2007
9
Die Einsamkeit der Berta Böttcher.Stefan betrachtete die mittig auf dem Bildschirm eingerückte Überschrift. Er hatte seine Nachbarin gründlich aufgemischt, schreibend eins oben drauf zu setzen war überheblich und rechtfertigte sich nicht deshalb, weil sie ihm gegenüber anmaßend geworden war.
Stefan zwang sich zu einem Themenwechsel. Der Phantomgeschichte fehlten Fortsetzung und Schluss, und das Verhältnis zwischen Amanda und dem Phantom musste noch ausgestaltet werden – als große literaturkritische Auseinandersetzung oder als Dialog mit einem Wahnsinnigen? Diese Frage könnte er mit einer Lektorin erörtern. Das Phantom hatte Amanda, er hatte niemanden. Wenn er sich selbst eine Lektorin entführen würde, brauchte er sich über dramaturgische Anregungen nicht mehr den Kopf zu zerbrechen.
Schreib etwas über: Die Erfolglosigkeit von Stefan Bruhks.
Stefan überhörte Alfred und schaltete den Computer aus. Noch vor weiteren literarischen Einfällen brauchte er möglichst schnell eine Idee, wie er die Kontrolle in seinem Kopf gegen das verselbständigte Über-Ich zurück erlangen konnte.
Es tut mit leid. Ich werde einen strengen Verweis bekommen. Ich schätze, es wird auch diesmal nichts mit der Aufnahme in den Himmel. Dabei wünsche ich mir nichts sehnlicher als die Beförderung. Engel zweiter Klasse, statt Seele auf Bewährung, das wäre doch was! Dreimal muss man sich bewähren. Wer dreimal versagt – ab, Tiefflug in das Magma des Jenseits!
Also, ich biete dir eine neutrale Fassung an: Die Erfolglosigkeit. Von Stefan Bruhks.
»Scher dich zum Teufel!« brauste Stefan auf. Der Drehstuhl polterte gegen das Bartischchen, Gläser fielen klirrend um. »Keine Scherben, kein Glück«, stellte er grimmig fest. Ganz offensichtlich steckte sein Leben in einer Sackgasse, von Turm hohen Fassaden gesäumt, sie versperrten ihm den Blick auf die Gegenwart und brachte ihn nicht weiter, sondern ließen nur den Weg nach rückwärts offen. Zurück lag bisher wenig Verwertbares für eine Bestandsaufnahme. Alfred zu fragen war nahe liegend, doch so sehr Stefan auch litt, konnte er sich zu diesem Schritt nicht überwinden, als würde er ihn in noch mehr Abhängigkeit führen. Sobald sein Gedächtnis wieder normal arbeitete, würde Alfred von allein verschwinden.
Wo war sein Platz im Leben, sein Ort, zu dem er in Bedrängnis fliehen konnte und der ihm Geborgenheit vermittelte? Schon mitten im Gedanken fasste Stefan den Entschluss, ein paar Tage zur Hütte zu fahren, in der Abgeschiedenheit der Bergwelt auszuruhen und zur Besinnung zu kommen, den Ballast abzuwerfen und Freiheit von den Alltagszwängen zu atmen und diese gegen Regeln einzutauschen, die natürlicher waren und ihm darum menschlicher erschienen. Anfänglich hielt er diesen Vergleich für paradox, bis er lernte, sich von den Bergen, der Sonne und den Wolken den Tagesablauf weisen zu lassen.
Sonne, Wolken, Berge – im gleichen Moment war es dunkel in seinem Kopf. Alfreds Bild von der Hütte war weg wie ein unbelichtetes Negativ, und doch beanspruchte diese Hütte, seit Alfred sie ihm gezeigt hatte, wie selbstverständlich einen festen Platz in dem durchaus noch nach Stunden abmessbaren Zeitabschnitt, den er als sein Leben bezeichnen konnte. Den Polo hatte er in der Begegnung erkannt, sicherlich mit Alfreds Hilfe und darum nur ein halbes déjà-vu, und nach Alfreds Bild würde er auch die Hütte sofort als die seine erkennen. Gab es weitere Gesetzmäßigkeiten von Wissen und Erkennen? Bis jetzt blieben sie ihm ein Rätsel. War Alfred der Schlüssel? Alfred war als nicht abschaltbarer zweiter Gedanke lästig im Kopf, seine Hinweise waren aber nützlich gewesen. Hatte Alfred das Bild von Hütte mitgenommen, als er ihn zum Teufel wünschte, oder waren diese Überlegungen Schwachsinn, weil alles nach einem Zufallsprinzip funktionierte?
Stefan nahm Papier aus dem Vorratsstapel des Druckers. Das wenige, was er über sich wusste, wollte er aufschreiben und schrittweise ergänzen, sobald ihm Neues einfiel. Er beschriftete ein Blatt mittig am oberen Rand mit Identitätund legte es an die Seite. Weitere Blätter folgten: Schulausbildung, Beruf, Liebe, Freundschaften, Freizeit und Interessen. Auf dem Blatt Identitätzeichnete er freihändig zwei Spalten, die er mit Merkmalund Beweisüberschrieb, und trug in die Spalte Merkmal den Namen ein, Stefan Bruhks; in die Spalte Beweis: Personalausweis, Scheckkarte. Berta Böttcher hatte gesagt, dies sei die Wohnung von Stefanie Bruhks; er glaubte ihr, trotz der Vertrautheit mit der Einrichtung. Irgendwo würde ein Telefon klingeln, pausenlos, und er würde nicht abheben, zur Verzweiflung seiner Freundin, des Chefs, seiner Mutter, seines besten Freundes. Warum Freundin? Er trug keinen Ehering, aber auch das war kein Beweis. Oh Gott! Schlimmstenfalls war er Familienvater mit zwei Kindern!
Die ständigen Gegensätze in seinen Feststellungen waren wenig ermutigend. Nachdenklich strich er sich durch die Haare. Er fühlte sich für weitere Überraschungen nicht besonders belastbar. Günstiger wäre es, die Wahrheit nach und nach an den Erfahrungen wachsen zu lassen. Er sammelte die Blätter ein und legte sie in die obere Schublade des Schreibtischs.
Es war noch früh am Nachmittag, da könnte er noch etwas unternehmen, jetzt, wo er die Zwänge der Damenbekleidung abgelegt hatte; vielleicht zu Bogner gehen, in die Buchhandlung am Ägidiusplatz. Bei Bogner durfte er ungestört stöbern, ohne das Gefühl zu haben, jedes Buch kaufen zu müssen, in dem er ein paar Seiten oder auch ein ganzes Kapitel geschmökert hatte.
Buchhandlung Bogner, notierte er auf dem mit Freizeit und Interessen überschriebenen Blatt, bevor er losging.
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Folge 45 vom 16. Mai 2007
Stefan hätte Alfreds Hilfe nicht gebraucht, um zu erkennen, dass diese Frau zutiefst unglücklich war. »Ich kann mir vorstellen, dass Sie einsam sind«, lenkte er ein und bemühte sich, ehrliche Anteilnahme zu vermitteln.
»Was geht das Sie an?«
»Ich bin seit Samstag verdammt einsam«, sagte Stefan leise.
Berta schwieg einen Augenblick. »Wegen Ihrer Schwester? Sie lieben sie wohl sehr.«
»Es geht nicht um Amanda«, sagte er. »Natürlich habe ich sie sehr gern, aber das ist nicht ausschlaggebend.«
»Amanda? Ich denke, Ihre Schwester heißt Stefanie.«
»Lassen Sie mich doch endlich mit dieser verdammten Schwester in Ruhe!« brauste er auf. »Sie machen mich ganz konfus. Ich bin ich!« machte er ihr mit beiden Händen klar.
»Ich zweifle nicht daran«, entgegnete Berta ärgerlich. »Sie haben da eine interessante Frage aufgeworfen …«
»Wenn Sie mir schon nachplappern müssen – ich bin ichhatte kein Fragezeichen. Haben Sie mich in dieser Wohnung schon einmal gesehen?«
Berta schüttelte den Kopf.
»Kennen Sie das Gefühl, völlig allein zu sein? Zu leben, ohne erkennbare Bindungen, weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit?«
»Wenn Sie das meinen …« Sie schaute zu ihm auf. »Ich bin alleinstehend.«
»Noch einsamer«, sagte Stefan eindringlich. »Stellen Sie sich vor, Sie würden nur mich kennen.«
»Das gibt es doch gar nicht. Jeder kennt irgendwelche Leute, Nachbarn, auf der Arbeit.«
»Mir ist so, als sei ich erst Samstag geboren worden. Sie sind meine erste Bekanntschaft.«
»Sie halten mich zum Besten, oder? Gehört Ihr komisches Benehmen zu Ihrem Beruf? Trotzdem – das ist nicht fair.«
Die Einsamkeit war der Schlüssel, dessen war er sich sicher. »Sagen Sie mir sofort Ihre geheimste Einsamkeit!« Er stützte beide Hände auf die Armlehnen ihres Sessels, als sollte sie ihm nicht entkommen.
Berta sah ihn trotzig an.
»Ich habe Ihnen meine Einsamkeit geschildert – sagen Sie mir Ihre!«
»Hören Sie auf!» entgegnete Berta verärgert und erhob sich halb, traute sich dann aber nicht, Stefan an die Seite zu schieben. Zwei Sekunden hing sie eingeknickt zwischen Stefan und dem Sessel, dann sank sie zurück.
»Lassen Sie mich raten. Es ist… « Stefans Stimme wurde mit jedem Wort leiser. »Abends auf der Bettkante.«
Mit hochrotem Kopf fuhr Berta aus dem Sessel hoch. Stefan taumelte zurück. Einen Augenblick standen sie sich stumm gegenüber.
»Ausgerechnet Sie! Sie falsch gepolter …« zischte Berta.
»Sie irren sich. Sie würden aber meine Erkläärung nicht glauben.« Stefan fasste ihre Arme, zugleich in der Absicht, ihre gefährlichsten Waffen unter Kontrolle zu haben.
Mit einem heftigen Ruck machte sie sich wieder frei. »Sie können sich Ihre Erklärungen sparen!«
Das ist von vornherein zwecklos. Ich dachte, du hättest das verstanden.
»Halt die Schnauze, Alfred!« brüllte Stefan und hielt sich beide Ohren zu.
Berta fiel erschreckt in den Sessel zurück. Stefan stützte sich auf den gepolsterten Rand, sein Gesicht zehn Zentimeter von ihrem entfernt.
»Ich bin nicht übergeschnappt«, flüsterte er heiser, »auch wenn es so aussieht. Ich kenne nur mich und meine innere Stimme. Alfred.« Er richtete sich auf. »Ich bin einsam!« schrie er und ließ sie zusammenzucken. »Ich wollte nur wissen, ob Sieeinsam sind.«
Berta reagierte nicht sofort. Dann nickte sie.
»Auf der Bettkante?« fragte er leise.
Sie zögerte erneut, nickte dann aber wieder.
»Erzählen Sie«, drängte er und hielt dabei die Distanz von zehn Zentimetern.
»Das könnte Ihnen so passen,« antwortete sie mit gepresster Stimme. »Später finde ich mich in einem Roman wieder.«
»Schon möglich. Irgendwann benötige ich eine griesgrämig dreinblickende Frau«, sagte er bitter, »und dann werde ich mich an Sie erinnern.«
»Unverschämt! Ich habe mir Ihren Schwachsinn schon viel zu lange angehört. Hoffentlich muss den niemand lesen!«
»Da kann ich Sie beruhigen.« Stefan ging zum Bartisch, zog den Verschluss aus der Flasche Sherry und goss ein Glas randvoll.
»Ihr seid alle gleich!« schluchzte Berta auf. »Der schale Geschmack und der Schnaps danach!«
Fluchtartig verließ sie die Wohnung.
Warum bücher.com keine 150.000 Euro wert ist
Dem Börsenblatt ist es eine Meldung wert, dass ein recht dubios erscheinender Internet-Dienstleister am 17. Mai 2007 in Amsterdam einige Domain-Namen versteigern will, darunter auch bücher.com. Die auf den ersten Blick interessant klingenden Domain-Namen sind aber in Wirklichkeit meist Glasperlen, die als Diamanten angepriesen werden.
Die Überschrift beim Börsenblatt suggeriert, als verlange der Dienstleister für die Domain bücher.com ein Eintrittsgebot von 150.000 Euro. Realistisch wären für uns jedoch höchstens 150 Euro. Denn mit der Domain bücher.com sollte man keine Online-Buchhandlung betreiben.
Folge 44 vom 15. Mai 2007
Berta zupfte die Träger ihres Kleides nach oben. »Haben Sie das wegen mir gemacht?«
»Theaterdonner.« Stefan lachte. »Der Text ist im Computer gespeichert.«
Sie lächelte andeutungsweise zurück. Nur einen kleinen Zipfel liftete sie, gerade soweit, dass unter ihm ein Stück Freundlichkeit entwischen konnte. »Auch die Schicksale im Fernsehen wiederholen sich. Entweder sind die Männer brutal oder kriminell oder alkoholkrank oder krankhaft eifersüchtig. Eine Mutter kämpft um ihr Kind, eine Frau um ihr Leben. Trotzdem …« Sie stockte.
»Offensichtlich fällt dem Leben nichts Neues mehr ein. Mir geht es nicht besser. Ich halte meine Einfälle so lange für jungfräulich, bis sie mir woanders begegnen als in meinem Kopf; ich lese ein Buch, sehe einen Film – schon ist die Idee eines anderen registriert, ohne dass ich mir dessen bewusst bin. Später, irgendwann, schleichen sie sich geschickt verkleidet aus dem entlegenen Winkel, in den sie die Zeit gedrängt hat, in meine Texte. Einige erwische ich, aber nicht alle. Das ist nicht weiter tragisch, allen Schreibenden ergeht es so.«
Stefans Gedanken schweiften ab. Für jemanden, der erst seit drei Tagen weiß, dass er Schriftsteller ist, äußerte er sich erstaunlich bewandert. Alfred war ihm zu dieser Seite seines Ichs noch einige Auskünfte schuldig.
»Kannten Sie meine Schwester gut?«
Berta leerte das Glas und stellte es auf dem Couchtisch ab. »Wir haben uns nur unterhalten, wenn wir uns zufällig trafen. Sie war nicht besonders zugänglich, aber pervers ist sie bestimmt nicht.«
»Damit meinen Sie mich, nicht wahr? Der eigentliche Grund Ihres Kommens sind unsere Begegnungen, im Treppenhaus und bei R&C.«
Sie ist eine verbitterte Frau, die erkannt hat, dass das Leben in großen Schritten an ihr vorbeigeht.
»Sie sind eine neugierige Person«, sagte Stefan. »Mit den gefühlvollen Worten meiner Schwester können Sie mich nicht täuschen.«
Berta sprang auf und sah ihn empört an.
»Schicken Sie mir jetzt ihren Mann zum Duell?« Stefan lachte provozierend und erhob sich ebenfalls.
»Mann? Gott. Wozu könnte ich einen Mann gebrauchen? Etwa ein Exemplar von Ihrer Sorte, das nicht weiß, ob es Männlein oder Weiblein ist?«
»Sie haben soeben einen interessanten Gedanken aufgeworfen – die Frage, ob Schriftsteller ein eigenständiges Geschlecht begründen.«
Berta schaute ihn verständnislos an.
»Ich will es Ihnen erklären.« Stefan legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie zuckte, protestierte aber nicht und ließ sich von ihm in den Sessel drücken. »Ein Schriftsteller ist eins mit seinen Figuren, ob sie Mann sind oder Frau. Ein Beispiel: Frauen schwängern, haben Sie eben gesagt. Ob beschreiben kann, wie Sie geschwängert werden? Oder können Sie es besser, weil Sie den Vorgang als Frau empfinden?«
Berta legte ihre rechte Hand schützend über den Ausschnitt des Kleides.
»Keine Sorge, das überlasse ich einem anderem.«
»Sie wissen doch gar nicht, wovon Sie reden!«, fauchte Berta. »Jetzt, in Ihren Hosen, sind Sie einer wie alle Männer, nur glauben Sie Bescheid zu wissen, weil Sie in Frauenkleidern herumgelaufen sind. In Wirklichkeit wollten Sie doch nur Ihren Spaß, harmlose Menschen hinters Licht führen. Das nennen Sie Feingefühl und rechtfertigen sich damit, dass Sie Schriftsteller sind. Wissen Sie, was Feingefühl und Spaß bei Männern gemeinsam haben?« Sie wartete nicht auf eine Antwort. »Sie enden gemeinsam. Wenn der Spaß vorbei ist, hört die Feinfühligkeit auf. Das war’s dann, war nett, also bis demnächst – vielleicht im nächsten Jahr einmal.«
Folge 43 vom 14. Mai 2007
Sie nahm zögernd Platz. Der Saum des Kleides rutschte hoch. Sie zog den Saum nach unten und die Träger nach oben. »Bei mir in der Wohnung ist es zu warm. Ich habe falsch gelüftet.«
Sie hat eine kraftvolle Figur, dachte Stefan, mit beginnenden Fettpölsterchen, doch immer noch schlank. Der Bauch wölbte den Kleiderstoff. Anschauen mochte man sie wohl erst ab den Schultern.
»Darf ich Ihnen etwas anbieten?« Stefan zog ein rundes Bartischchen zu sich heran. »Portwein, Sherry – Amontillado, hmm! Armangnac – was haben wir den da?« Er studierte das Etikett einer dunklen Flasche. »Fünfunddreißig Jahre alt, edel. Eine Bekannte erzählte mir einmal … Seltsam, ihr Name fällt mir im Augenblick nicht ein. Macht nichts, Sie kennen sie ohnehin nicht. Diese Bekannte bekam von Geschäftsfreunden zu besonderen Geburtstagen jeweils eine Flasche Armagnac, die genau so alt war wie sie selbst.« Er betrachtete die Jahreszahl. »Mein Geburtsjahr. Also, was darf ich Ihnen anbieten?«
Berta winkte ab. »Ich möchte keinen Alkohol.«
Orangensaft, entschied Stefan und ging in die Küche.
»Ist Ihre Schwester nach Österreich auf die Alm gefahren?« fragte Berta aus dem Wohnzimmer.
Alm? Stefan traute sich nicht, einfach ja zu sagen. Unbekannte Details waren wie Fallstricke, über die er im falschen Moment stolpern würde.
Schließe die Augen, nur für einen Moment. Manchmal sieht man im Dunkeln mehr. Alfred kicherte, als habe er etwas sehr Lustiges und gleichzeitig Gescheites gesagt. Die Hütte liegt nur scheinbar verloren im Grün, ringsum beschützt durch die Berge.
Stefans Hand zitterte und er goss einen Teil des Orangensaftes über den Rand des Glases. Die bislang unbekannte Schwester machte Urlaub auf seiner Hütte?
»Woher wissen Sie?« rief er ins Wohnzimmer. Er riss ein Blatt Küchenpapier von der Rolle und wischte den verschütteten Saft auf.
»Sie hat es mit erzählt. Vor einer Woche oder so.«
Stefan reichte ihr das Glas.
»Einmal im Treppenhaus hat sie mir von der Alm erzählt, von der Ruhe und Abgeschiedenheit, und mir den Unterschied zwischen ihrer Arbeit und den Bergen erklärt. Sie sagte: Natur ist natürlich, Kunst ist künstlich, oder gekünstelt, ich weiß es nicht mehr genau. Dort, sagte sie, bin ich ein Teil der Natur, wie jeder Grashalm, nur etwas größer, und klein zu den aufragenden Lärchen, aber nicht geringer. Ist ihre Schwester gläubig?«
»Sie hat ihre Empfindungen einfühlsam in Worte gekleidet, mehr nicht«, antworte Stefan, während er die Scherben zum Abfalleimer trug.
»Was arbeiten Sie?« fragte Berta..
»Ich bin Schriftsteller.« Er holte das Manuskript vom Schreibtisch.
»Lesen Sie«, hielt er Berta die Manuskriptseiten hin, »und urteilen Sie. Was Sie von der Geschichte halten und was Ihnen sonst dazu einfällt.«
Berta nahm widerstrebend die sechs Blätter.
»Und?« fragte er, als sie nach endlosen Minuten aufblickte.
»Ich weiß nicht«, meinte Berta in ihrem gewöhnlichen unfreundlichen Tonfall. »Ich verstehe nichts von Büchern. Meistens gucke ich Fernsehen, am liebsten Schicksale; Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Eine Frau lässt sich scheiden und der Mann will ihr das Kind wegnehmen, illegal natürlich. Oder eine Frau heiratet einen Mann und stellt dann fest, dass er kriminell ist. Ein Mann hat eine Geliebte und sie versuchen, die Ehefrau loszuwerden. Mit anonymen Morddrohungen. Manchmal auch ganz raffiniert, dann gerät sie unter falschen Verdacht und erst am Ende der Gerichtsverhandlung findet die Anwältin den Beweis ihrer Unschuld.«
»Die Geschichte gefällt Ihnen nicht?«
Berta dehnte ein Nein zu einem unschlüssigen Ja. »Ich war auch schon in Hamburg, im Phantom der Oper.«
»Ein Plagiat? Sie vermissen also die Originalität.«
»Einiges kam mir bekannt vor.« Sie reichte ihm die Seiten zurück.
Stefan zerriss die Seiten, legte die Hälften übereinander und teilte sie noch einmal. »Das war ein Verriss«, sagte er und warf die Viertel in den Papierkorb.
Folge 42 vom 13. Mai 2007
Stefan startete einen Ausdruck und schob zufrieden die Tastatur zurück. Die Fantasie war buchstäblich mit ihm durchgegangen und hatte den Grundstein für eine furiose Geschichte gelegt, sein erstes Werk, nach dem ihm diese Wohnung unmissverständlich bedeutet hatte, dass er Schriftsteller sei. Das Schreiben war unvergleichlich aufregender gewesen als seine Manuskripte zu lesen, so gut sie ihm auch gefielen. Ohne tatsächliche Erinnerungen an deren Entstehung hatten seine Romane den emotionalen Wert einer Konserve. Ein gutes Gefühl machte sich in Stefan breit, Hoffnung für die Zukunft.
An der Wohnungstür schellte die Klingel. Der Drucker zog ein neues Blatt ein, klapperte mit den Führungsschienen und sang sein monotones du-da, drucken, Papier vorschieben, klack. Die Führungsschienen ließen das Blatt in das Ausgabefach fallen und der Drucker verstummte.
Es klingelte erneut, energischer.
Stefan erhob sich langsam. An diesen Augenblick hatte er nicht mehr geglaubt. Seit drei Tagen beschäftigte er sich erfolglos mit sich selbst. Außerhalb dieser Wohnung schien ihn niemand zu vermissen.
Es klingelte dreimal, kurz hintereinander.
Stefan riss die Wohnungstür auf, als wollte er hinausstürmen. Die Nachbarin wich erschreckt einen Schritt zurück. Sie trug die Neuerwerbung von R&C, das kurze Sommerkleid mit den dünnen Trägern und den kleinen Blümchen im dunkelblauen Stoff. Eine goldfarbene Spange hielt das zu einem Dutt hochgesteckte Haar. Im Kaufhaus hatte sie das Haar noch lang getragen, in Strähnen wie weiche Borsten eines Besens.
Stefan musterte ihr Gesicht. Unzufriedenheit schaute ihn aus den Falten ihrer Mundwinkel und den Augen an.
»Ist Frau Bruhks nicht da?« Die Nachbarin zögerte. »Entschuldigung, wir kennen uns noch nicht. Ich wohne nebenan. Berta Böttcher.«
»Jaah«, dehnte Stefan, während er fieberhaft überlegte. Die Nachbarin bestätigte, dass in dieser Wohnung eine Frau lebte. »Ich bin Stefan Bruhks.«
»Sind Sie der Mann von Frau Bruhks?«
»Gewissermaßen … ihr Bruder.« Er dirigierte die Nachbarin ins Wohnzimmer. Sie stieg betont vorsichtig über eine Tellerscherbe und blieb stehen.
»Kleines Malheur. Sie kennen sicherlich das ewige Problem mit den Männern«, scherzte er, »zu faul, die Dinge in Ordnung zu bringen, die sie sich eingebrockt haben.«
»Ja, mit den Konsequenzen tun sie sich schwer.«
»Wie soll ich das verstehen?« fragte er.
»Frauen schwängern und sich dann davon machen«, presste Berta heraus.
Die spinnt, dachte Stefan. »Meines Wissens habe ich noch keine Frau mit einem von mir gezeugten Kind sitzen lassen«, sagte er, um Freundlichkeit bemüht. Auch wenn sein Wissen weniger als drei Tage alt war, würde er solches Verhalten als gemein bezeichnet haben. Begründete Ausnahmen blieben natürlich zugelassen, zum Beispiel bei seiner Nachbarin. Mit ihr wäre er allerdings nie in diese Situation gekommen, dessen war er sich sicher.
»Nicht dass Sie das falsch verstehen«, sagte Berta, »ich meinte nicht Sie. Nur weil Sie gesagt haben, dass sich die Männer gerne drücken. Mir fiel wieder ein, wie er meiner Schwester schöne Augen gemacht hat, bis er sie endlich im Bett hatte. Der Junge ist jetzt achtzehn.«
Aus welchem Grund erzählte sie ihm, einem Fremden, intime Details aus ihrer Familie? Sollte er den Verführer verurteilen?
»Frau Bruhks hat nie etwas von einem Bruder erwähnt.«
»Ich bin sozusagen ihr Halbbruder«, log Stefan. Aus welchem Grund erzählte sie ihm, einem Fremden, intime Details aus ihrer Familie? »Wir haben uns bisher nicht oft gesehen.«
»Sie sehen ihr sehr ähnlich, eher wie ein Zwilling.«
»Wir haben den gleichen Vater.«
»Ist Ihre Schwester nicht da?«
»Sie hat ein paar Tage Urlaub. Genauer gesagt, drei Wochen. Ich wohne solange hier, vielleicht auch länger.«
»Seit Samstag? Ich habe sie Samstag früh noch gehört.« Sie fügte hinzu: »Sie schrie ziemlich laut. Nichts Schlimmes. Es schien ihr zu gefallen.« Bertas Mund verengte sich.
Stefan hielt ihrem Blick stand. Ihm war nicht klar, worauf diese Frau hinauswollte.
»Halbbruder«, sagte Berta. »Halb Bruder oder halb Schwester?«
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, wo er diese dreiste Person und ihre Anspielungen vor die Tür befördern müsste. Andererseits war sie augenblicklich seine einzige Informationsquelle. Er ließ den ausgestreckten Arm, der zur Tür zeigte, wieder sinken. »Ich schlage vor, wir wechseln das Thema. – Kommen Sie«, wies er seinem Besuch einen der beiden Sessel zu, ein gepolstertes Geflecht aus dünnen verchromten Stahlstangen.
Folge 41 vom 12. Mai 2007
Ähnlich waren die Nachrichten über Arthur Conan Doyle (+1930) und Georges Simenon (+1989). Der Leitende Oberstaatsanwalt verzweifelte. Welchen der verschiedenen Drehbuchautoren, die für Columbo verantwortlich gezeichnet hatten, sollte er einladen? In höchster Not telefonierte er mit Duisburg und erhielt eine Zusage von Kommissar Horst Misanschki.
Das deutsch-deutsche Fahndungsduo wurde aus dem Kongresszentrum ausquartiert und in einer preiswerteren Hotelsuite untergebracht. Misanschki bezog das Schlafzimmer, Rickerd den Wohnraum. Unruhig liefen beide in ihren Zimmern auf und ab, und wenn sie sich an der offenen Tür trafen, blickten sie sich scharfsinnig an. Rickerd stellte ständig Fragen, auf die Misanschki keine Antwort wusste. Ein erster Vorschlag kam schließlich von Misanschki, er wolle sich als Phantom verkleiden und verdeckt ermitteln.
Rickerd lehnte am Fenster und beobachtete den Hoteleingang. »Warum hat noch niemand das Phantom beim Betreten und Verlassen des Verlagsgebäudes gesehen?«
Misanschki schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Ich Blödmann!«, tönte er aus dem Schlafzimmer. »Das ich da nicht von allein draufgekommen bin! Das Phantom muss bereits vorher im Haus gewesen sein!«
»Sollen wir … ich meine … der Wagen …«
»Um Himmels Willen, nein! Wir lassen das Verlagsgebäude abriegeln und stürmen.« Misanschki zog die Dienstwaffe. Er presste sich mit dem Rücken an die Wand neben der geöffneten Tür zum Wohnraum, die Waffe fest mit beiden Händen umklammert. Ein vorsichtiger Blick durch die Tür, dann stand er breitbeinig im Rahmen, die Mündung mit ausgestreckten Armen in den Raum gerichtet. Die Arme ruckten nach links – dort war niemand – zwei schnelle Schritte und er stand wieder mit dem Rücken zur Wand, diesmal auf der anderen Seite, den gesamten Wohnraum im Blickfeld. Keine Gefahr. Misanschki versenkte die Pistole in die Innentasche seiner grauen Freizeitjacke. »Nein. Das machen wir anders. Nach einer wilden Verfolgungsjagd über alle Korridore stöbere ich das Phantom in Amandas Büro auf. Das Phantom setzt sich zur Wehr und es kommt zu einer Prügelei. Ich stolpere unglücklich über einen Stapel achtlos beiseite gelegter Manuskripte, das Phantom entkommt aus dem Büro. Schließlich stelle ich, vom Sturz blutverschmiert und humpelnd, das Phantom auf dem Dach, von dem es kein Entrinnen gibt, und von dem es sich ausweglos in die Tiefe stürzen wird und zerschmettert.«
Rickerd protestierte. Der Einsatz sei zu spektakulär und ziele lediglich auf Effekte ab, zunächst sollten sie es mit dem Verstand versuchen und das Phantom in seinem Versteck aufspüren, bevor es zum Showdown komme. Diesen wolle er gerne Misanschki überlassen. Für den Fall, dass das Phantom den Einsatz überleben würde, stellte Rickerd zur Bedingung, dass er die Fragen stellen dürfe.
Misanschki überlegte kurz – Chance und Risiko. Dann sagte er: »In Ordnung.«
*
Folge 40 vom 11. Mai 2007
Damit das Versagen des Polizeiapparates erst einmal von der Öffentlichkeit unbemerkt blieb, wurde eine Nachrichtensperre verhängt – um Amandas Leben nicht zu gefährden, so die Version der Polizei. Die Polizeipsychologin überzeugte die Verlagsleitung von der Richtigkeit dieser Maßnahme. Wenn über die Entführung in der Presse nicht berichtet werde, so argumentierte sie, bringe die Nichterwähnung das Phantom zur Raserei, denn es sei gerade das erklärte Ziel des Phantoms, gedruckt zu werden und die Medien auf sich aufmerksam zu machen. Aller Erfahrung nach mache ein rasendes Phantom Fehler, und Fehler seien aller Erfahrung nach gut für die Aufklärung.
Erik war wegen der ausbleibenden Resonanz in der Tat ziemlich wütend. Um Fehler zu machen, blieb ihm allerdings keine Zeit. Zunächst sorgte er in den Tagen nach der Entführung für Amandas Wohlergehen und beschaffte unter schwierigen Umständen und unter Gefährdung seiner Sicherheit alles, was sie für das Leben im Dunkeln benötigte und wünschte.
Jeden Abend um acht Uhr veranstaltete Erik eine Lesestunde bei Kerzenlicht. Dafür zog er den Frack an und zwang Amanda in das schwarze Kostüm mit dem unverschämt offenen Dekolleté, das er eigens für diesen Anlass besorgt hatte. Abwechselnd lasen sie aus Kaff auch Mare Crisiumund aus Finnegans Wake. Ob es denn unbedingt nur Arno Schmidt und James Joyce sein müssten, fragte Amanda am dritten Abend, gerne würde sie auch zeitgenössische Schreiberinnen wie Ira Lehnd oder Hanny Baumgapt vortragen. Erik gab keine Antwort. Ebenso brüsk wies Amanda ihn zurück, als er sich ihr erstmals in eindeutiger Absicht näherte.
Eine Woche nach Amandas Entführung war die Polizei der Aufklärung keinen Schritt näher gekommen. Weder das Verhör des Nachtwächters noch die Untersuchung, wie das Phantom ungesehen das Gebäude betreten und verlassen konnte, führten zu einem Ergebnis.
Wie üblich kam der Verrat aus den eigenen Reihen. Amandas Kollegin Gundula, zuständig für die Buchreihe »Die Frau in unserer Zeit«, witterte eine Chance, Amanda manch neidvoll beobachteten Männerblick heimzuzahlen, sie verkaufte die Geschichte des Phantoms und Amandas Entführung an den Express, das auflagenstärkste Blatt der Boulevardpresse. Die Emotionen der Öffentlichkeit gingen hoch.
In dieser kritischen Situation entwickelte der Leitende Oberstaatsanwalt eine geniale Idee. Kein Fall ist so verworren, als dass die Elite der deutschen und internationalen Ermittlungsbehörden nicht auf die Lösung kommen würde: Rickerd, ortsansässig, der aber schon in fast allen Wohnzimmern dieser Welt ermittelt hatte und noch während des Telefonats mit dem Leitenden Oberstaatsanwalt den Wagen vorfahren ließ, Kommissar Maigret, Columbo, Sherlock Holmes, Mr. John G. Reeder, ein Detektiv der Staatsanwaltschaft in London. Umgehend wurde im Kongresszentrum eine mit sämtlichen einschlägig vorbelasteten Autoren zu besetzende Fahndungszentrale vorbereitet, die dort Tag und Nacht an ihren mitgebrachten Schreibgeräten sitzend mögliche Auflösungen produzieren sollten.
Leider ergaben sich unvorhergesehene Schwierigkeiten. Man stellte fest, dass Edgar Wallace bereits im Jahre 19?? verstorben war. Zu der Zeit war Mr. Reeder schon an die fünfzig Jahre alt. Von einem nahezu hundertzwanzig Jahre alten erfolgreichen Spürhund hätte man im Zeitalter der Massenmedien gehört.
Stefan ging hinüber zum Bücherregal, schob mit dem Fuß einige Tellerscherben an die Seite, und schlug in drei Bänden des Lexikons nach. »Zweiunddreißig, dreißig und neunundachtzig«, schärfte er sich halblaut ein. Wieder am Computer, ergänzte er bei Edgar Wallace die Jahreszahl auf 1932, bevor er weiterschrieb.
»Zum Warmwerden lag allem Anschein nach keine Ursache vor«
Anika Stracke über Markus Werners Debütroman Zündels Abgang
Wie lebt es sich mit einem Polizeihund im Gehirn? Gar nicht, entscheidet Zündel und vollzieht seinen Abgang. Was bleibt zu sagen, wenn man sich ausnahmslos inmitten von »Bemäntelungsexperten, Entlastungstechnikern und Rechtfertigungsspezialisten« befindet, wenn jeder Satz zum Vorwand mutiert, der die schuftigsten Schritte adelt? »Unhaltbar!«, meint Zündel und zerbricht.

