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Hans Wollschläger ist tot

Bücher von Hans WollschlägerWer Hans Wollschläger war? Einer der ganz Großen! Ein brillanter Sprachkünstler, ein scharfer Beobachter, ein bissiger Zeitgenosse (wenn es sein musste). Und weitab vom normalen Literaturbetrieb! »Die Literatur ist für das Menschenvolk, das nun einmal im Dunkeln wandelt, – siehe! – das Große Licht -: wie hell nicht scheint sie über die da wohnen im finstern Lande!« beginnen z. B. seine Rezensionen und Zensuren »Von Sternen und Schnuppen – Bei Gelegenheit einiger Bücher«. Rezensuriert werden bei dieser Gelegenheit allerdings Sach- und Fachbücher, aber wie!

Er setzt(e) sich immer wieder und überaus fundiert mit der Christlichen Kirche, dem »Monstrum«, auseinander: In seiner Geschichte der Kreuzzüge »Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem« zitiert er ausnahmslos Quellen von Geistlichen (723 Quellenangaben werden aufgelistet), um jeder Kritik an seinen Darstellungen den unchristlichen Boden zu entziehen, und kommt zum Ergebnis: Der apostolische Stuhl (= Wir sind Papst) steht auf einem Massengrab von 22 Millionen Toten. Und er schaut  hochangesehenen Theologen wie Thielicke und Künneth gehörig aufs Maul, wenn sie Sätze ablassen wie »Christen, die ihren Kriegsdienst unter den Augen Gottes ableisten, haben ihr Handwerk des Tötens immer so verstanden, dass sie es im Namen der Liebe übten.« bzw. »Selbst Atombomben können in den Dienst der Nächstenliebe treten.« Stimmt: Bush ist bekennender Christ – aber warum? Nun, Wollschläger weiß die Antwort darauf (ohne 1978 Bush gekannt zu haben) in »Die Gegenwart einer Illusion – Reden gegen ein Monstrum«: »Selbst der Gedanke ans Jüngste Gericht fügt sich mit Leichtigkeit dem an die Gnade, aus deren bloßer Möglichkeit noch der letzte Gauner auf Erden einen zureichenden Grund ableitet, sie für sich in Anspruch zu nehmen, und auf deren Aussicht hin er vielleicht bedenkenloser gaunert auf Erden, als er’s unter anderen Grundumständen seines Denkens täte.« (sic!)

Klar: auch Wollschläger war – wie sein Ziehvater Arno Schmidt – ein Misanthrop! Da oben ist es auch ziemlich einsam … In seinem höchst musikalisch komponierten Romanfragment »Herzgewächse« lässt er seinen fiktiven Schriftsteller Adams über die Menschheit wettern: »dieses krachschlagende Große Ganze aus Hunz und Kinds – dieses um sich fressende Kollektiv von Raubtieren, deren Gesichtern man nichts anderes ansieht, als daß sie pausenlos verdauen, und deren Züge als Außenstation ihres Darmtraktes hinreichend gewürdigt sind.« Ach, so müsste man selbst formulieren können! Und: wer so formulieren kann, darf ruhig die Menschheit verachten: immerhin schenkt er ihr seine Texte!

Vor allem auch als Übersetzer hat er sich – in Fachkreisen – einen Namen gemacht: So hat er z. B. zusammen mit Arno Schmidt den gesamten Poe übersetzt, und zwar im Sprachstil des 19. Jahrhunderts, um Poe möglichst nahe zu kommen! Sollte jemand sich noch an englische Schullektüren von den angeblichen Gruselgeschichten oder irgendwelche ältere Übersetzungen erinnern: das waren alles für Jugendliche gekürzte und aufbereitete Schlampereien! In der ersten Poe-Gesamtausgabe der Welt finden sie die ganzen Geschichten – und auch Poes Satiren!

Jetzt ist Hans Wollschläger tot. Er starb am 19. Mai 2007 im Alter von 72. Jahren. Vielleicht findet der Wallstein-Verlag, der laut der Zeit sich um die Werkausgabe kümmert, ja noch Nicht-Veröffentlichtes im Nachlass, z. B. Arbeiten zur Fortsetzung von »Herzgewächse« oder Essays oder oder …: Wir würden uns freuen! Denn Hans Wollschläger zählt gewiss nicht zu den Meisten, so wie er Karl Kraus in »Herzgewächse« zitiert: »und über das Leben der Meisten wäre auch nach dem spätesten Ende nichts weiter auszusagen, als daß sie sehr lange nicht gestorben sind.« Nein: Ein Großer ist gegangen! Hans Wollschläger ist tot.

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4 Kommentare

  1. Wollschläger schrieb und redete zu leichtfertig über Dinge, über die kein Mensch etwas weiß. Dabei legte er seiner Geschwätzigkeit ein strenges Mieder an. K.Kraus hätte das missfallen.
    Der Nachrufer lobt ihn dafür zu Tode.
    Auf eigene originelle Entdeckungen in Wollschlägers Texten deutet nichts hin. Wie in allen Nachrufen bisher nur allgemeines Lobgehudel.
    Hat W. das verdient?
    Quenzel

  2. Mir scheint, als ob Herr Quenzel Herrn Wollschläger nicht mochte und daher böse auf alle Nachrufer ist, obwohl er die Nachrufe anscheinend gar nicht liest, wie der obige Kommentar belegt.
    Das ist auch einfacher, als einen eigenen Nachruf zu schreiben, den ich in Herrn Quenzels Weblog vermisse. Gerne hätte ich ihn gelesen.

  3. Mögen oder nicht mögen, Herr Werber, ist hier gar nicht die Frage. Ich vermisse an den Nachrufen das Spezifsiche, das treffliche Zitat.
    Ich möchte wissen, warum und was die Liebhaber an Wollschlägers Werken lieben, ehren, auswendig hersagen können, nicht nur allgemeines Lobhudeln. Vielleicht könnte ich ihnen ja folgen dann.
    Ich kenne ja einiges von W.
    Aber ich kann keinen Nachruf schreiben, weil mir die Liebe zu W. fehlt, ich finde vieles von dem, was er schrieb, überanstrengt, zu verkrampft, gewollt und erzwungen. (Zu deutsch im üblen Schulmeistersinne auch.)
    Außerdem ist er stilistisch aus der Epigonaliät nie ganz herausgekommen. Das ist tragisch ja, aber drum für mich nicht bewundernswert.
    Siehe heute meinen Blog: Die Kunst des Nachrufens- in http://www.ulmer-tagebuch.blog.de
    Quenzel

  4. Herrn Dr. Willi Quenzel kann geantwortet werden, daß Hans Wollschläger, dessen früher Tod nun auch schon mehr als drei Jahre zurückliegt, trotz der nur wenigen Titel des außergewöhnlich vielseitig gelehrten H.W. eine schlichtweg nicht zu schließende Lücke in “literarische Kulturlandschaft” deutscher Sprache gerissen hat – allein sein knappes Spätwerk, die vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gehaltene “Anderrede vom Weltgebäude herab” wiegt qualitativ fünfzig Lebenswerke alljährlich mit diversen Preisen ausgestatteter Dutzendautoren auf, die im Takt von ein bis zwei Jahren jeweils ein marktkompatibles “Werk” vorstellen, über das dann auch eifrig im Feuilleton der Tages- und Wochenzeitungen berichtet wird…

    Weil ich selbst keineswegs auf großbürgerlichen Bildungshintergrund zurückblicken kann, weiß ich, was ich der Tatsache zu verdanken habe, noch als Oberstufenschüler einst die Zeitschrift “Tintenfaß”, in der einst kleinere Schriften Wollschlägers abgedruckt waren, entdeckte, deren Herausgeber, Gerd Haffmanns etwa zur Zeit meines Abiturs den Diogenesverlag verließ, um seinen eigenen Verlag zu gründen, in dem dann auch einige weitere Veröffentlichungen Ws erschienen – ihm verdanke ich, daß meine Neugier, klassischer Bildung überhaupt aufgeschlossen zu sein und sie NACH Beendigung der Schulzeit auch zu erwerben, geweckt wurde – und Hans Wollschläger habe ich dennoch nur ein einziges Mal persönlich gesehen, das war anläßlich einer öffentlichen Lesung aus seiner seiner kongenialen Übersetzung des Joyce’schen “Ulyssus” im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.

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