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Startseite Literarisches Leben Der Elektrifizierer der Sprache: Dieter E. Zimmer ist tot

Der Elektrifizierer der Sprache: Dieter E. Zimmer ist tot

Bücher von Dieter E. Zimmer
Bücher von Dieter E. Zimmer

Dieter E. Zimmer ist tot. Er wurde 85 Jahre alt. Der Mann mit dem Mittelinitial war ein »Universalfeuilletonist«, wie Willi Winkler in seinem Nachruf schreibt. Und Dieter E. Zimmer näherte sich der »Elektrifizierung der Sprache« sehr früh und neugierig an, als man darüber in intellektuellen Kreisen noch die Nase rümpfte.

Es gibt Bücher und Autoren, die mich in meiner Haltung und meinem Denken geprägt habe, die mir jedoch spontan nicht einfallen würden, wenn man mich danach fragen würde. Dieter E. Zimmer ist so ein Autor. Erst die Nachricht seines Todes macht mir dies wieder bewusst. Ich gehe zum Bücherregal und ziehe »Die Elektrifizierung der Sprache« heraus. Ein »HaffmansTaschenBuch« aus dem Jahre 1991, in der vom Autor überarbeiteten und erweiterten Ausgabe von 1992.

Der Klappentextschreiber hat das damalige Sortierdilemma der Buchhandlungen vorausgeahnt: »Gehört das Buch jetzt ins Regal, wo die Sprachwissenschaft steht? Oder die Psychologie? Die Medienkunde? Die Computerliteratur?« Das Ergebnis: »Überall stünde es richtig …«

Anfang der 1990er: Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis das Internet die Computer normaler Anwender vernetzt. Wenn man überhaupt einen Computer besaß, dann war es eher ein Amiga oder Atari ST, vielleicht sogar ein »386er« mit MS-DOS-Betriebssystem und 80 MB Festplatte. Windows 3.1 sollte erst 1992 auf den Markt kommen.

In dieser Zeit schrieb Zimmer ein Buch über Computer und Sprache, nachdem er zuvor Werke über den Spracherwerb verfasst hatte (»So kommt der Mensch zur Sprache«, 1986) und über die Veränderung der Sprache (»Redens Arten – Über Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch«, 1986).

Ich blättere im leicht vergilbten Taschenbuch und bin erstaunt, worüber Zimmer vor rund 30 Jahren schon geschrieben hat: Wie verändert die Textverarbeitung den Schreibprozess? Wie funktioniert die maschinelle Rechtschreibprüfung? Und unter dem Titel »Der Computer als Stenotypistin«: Wie funktioniert die automatische Spracherkennung?

Zimmer schrieb darüber mit Neugier und fundiert. Er nahm nie die Sicht des überheblichen Intellektuellen ein. Er schrieb in bester journalistischer Weise über die Vor- und Nachteile. Da schrieb einer, der Ahnung hatte, der nicht von Vorurteilen geleitet wurde. Selbst wenn er in »Redens Arten« über »Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch« schreibt, macht er dies neutraler und analytischer, als es der Titel vermuten lässt. Gleich am Anfang verwendet Zimmer selbst ein schönes Bild für den Sprachkritiker:

Wenn ich das Wort Sprachkritik höre, kommt mir immer ein Bild vors Auge. Ein Mann schlummert im Löwenzahn am Bahndamm, ein Zug kommt vorbei und weckt ihn, und er springt erbost auf, schüttelt die Faust, ruft ihm etwas zu, das der Lärm verschluckt, indes der Zug schon immer kleiner wird.
Dieter E. Zimmer: Redens Arten

Ich ziehe ein weiteres Buch von Dieter E. Zimmer aus dem Regal: »Die Bibliothek der Zukunft – Text und Schrift in den Zeiten des Internet« aus dem Jahre 2000.

Auch das eine Sammlung von Texten zum Thema Digitalisierung. Er schreibt über das @ und warum es im Deutschen mit der Website und Webseite so durcheinandergeht.

Ein Kapitel über das »Urheberrecht im Internet« fällt mir auf. Ein Thema, das bis in die heutige Zeit für höchste emotionale Wellen sorgte. Doch auch hier angenehme Zimmer-Temperatur um Text: »Gegen Gesetzeslücken und Kriminelle war kein Werk je vollständig geschützt«.

Dieter Eduard Zimmer brachte Texte, das Schreiben, Computer und das Digitale unaufgeregt und mit aufgeschlossenem Blick zusammen. Für mich war er Vorbild.

Ich bin ihm nur einmal am Rande einer Tagung in Lübeck begegnet und das mehr oder weniger zufällig. Es ist schade, dass ich nie ein Interview fürs literaturcafe.de mit ihm geführt habe.

Tatsächlich nahm ich Zimmer zunächst als Sprachbeobachter wahr. Dass er Übersetzer war, dass er der Herausgeber von Vladimir Nabokovs Gesamtausgabe war, dass er von 1973 bis 1977 das Feuilleton der ZEIT leitete, das fügte sich für mich erst später ins Bild ein.

Ich klicke auf die Website von Dieter E. Zimmer. Die Optik wirkt leicht antiquiert, die vielen Inhalte decken die Breite seines Schaffens ab. Unten noch ein Web-Counter der am 30. Juni 2020 auf 3.180.196 steht. Darunter ein erläuternder Text, warum der Zähler ohnehin einen falschen Wert zeigt.

Der Tod von Dieter E. Zimmer ist hier noch nicht verkündet.

Dieter E. Zimmer starb am 19. Juni 2020 im Alter von 85 Jahren in Berlin.

Wolfgang Tischer

1 Kommentar

  1. Ich lese dies hier und schäme mich, Dieter E. Zimmer aus den Augen verloren zu haben. Er war ein äußerst unterhaltsamer Lehrmeister der Sprache. Auch ich habe viel von ihm gelernt, muss aber bekennen, dass ich nicht mal alle seine Bücher gelesen habe. Das muss nun schleunigst nachgeholt werden. Vielen Dank für diesen Nachruf. Er hat es verdient, dass man ihn nicht vergisst.

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