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Frankenstein von Mary Shelley – Was wird aus den Monstern?

Frankenstein von Mary Shelley

Das Jahr 1816 gilt als »Jahr ohne Sommer«, mit Kälteeinbrüchen in der ganzen Welt, Ernteausfällen, Hungersnot, extremem Preisanstieg für Getreide und mehr Dunkelheit als sonst.

Es war Folge des Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora ein Jahr zuvor. Immerhin verdanken wir diesem indonesischen Vulkan die Erfindung des Fahrrads (Draisine, das Ur-Fahrrad) aufgrund des Pferdesterbens infolge der Futtermittelknappheit.

Laudanum und deutsche Schauergeschichten

Unter dem Eindruck dieser klimatischen Katastrophe traf sich bei stürmischem Wetter im Mai 1816 eine Gruppe Engländer am Genfersee, einem malerischen Ort der französischen Schweiz.

Lord Byron (Hauptvertreter der englischen Romantik und guter Freund Goethes) hatte sich dort mit seinem Leibarzt Polidori in der Villa Diotati eingemietet. Zu Besuch waren auch Mary Godwin, ihre Schwester Claire und der romantische Dichter Percy Shelley.

Da es stürmte und kalt war, konnten sie das Haus nicht verlassen. Daher saßen sie beisammen und rauchten Laudanum, lasen deutsche Schauergeschichten und sprachen über okkulte Phänomene, unter anderem auch über die Versuche von Erasmus Darwin (Großvater von Charles Darwin) aus toter Materie lebendige zu machen oder über den populären Galvanismus.

Tatsächlich gelang dem Chemiker Friedrich Wöhler im Jahr 1828 erstmals, aus anorganischem Material (Oxalsäure) den organischen Harnstoff zu synthetisieren. Der Beginn der Biochemie. Goethe hat ihm im zweiten Teil der Tragödie Faust (Akt II /Laboratorium) ein Denkmal gesetzt, als Wagner gerade den Homunculus (kleines Menschlein) schuf.

Es leuchtet! Seht!… Durch Mischung den Menschenstoff gemächlich komponieren, in einen Kolben verlutieren und ihn gehörig kohobieren, so ist das Werk im stillen abgetan.

Die vom Laudanum berauschten Engländer beschlossen (unter dem Eindruck heftigen Donnerns und Blitzens), jeder solle eine Schauergeschichte aufschreiben.

Das ungeliebte und gefürchtete Monster

Auch Mary Godwin – gerade mal 18 Jahre alt – versuchte es. Aber es gelang ihr erst nicht. Nachts träumte sie aber dann ihre Geschichte von einem exzessiven und leidenschaftlichen Wissenschaftler, der einen Menschen aus Leichenteilen schuf und mit Hilfe von Galvanismus zum Leben erweckte.

Ein Jahr später heiratete Mary Godwin Percy Shelley. Sie hatte bereits ein Kind von ihm. Und wieder ein Jahr später erschien dann anonym der weltberühmte Roman »Frankenstein – oder Der moderne Prometheus«. Von der Mythos-bildenden Entstehungsgeschichte des Romans bis zum Romanthema selbst (den Tod überwinden) entstand eine unwiderstehliche Mixtur, die Generationen antrieb, Film- und Literaturgeschichte zu schreiben.

Der Roman ist einerseits ein Briefroman (in dieser Zeit eine beliebte Form) und andererseits eine klassische Ich-Erzählung. Der leidenschaftliche und ehrgeizige Polarforscher Robert Walton schreibt Briefe an seine Schwester. Den Inhalt hat ihm Viktor Frankenstein diktiert, den er zuvor aus dem ewigen Eis fischte, als dieser gerade Jagd auf sein Geschöpf machte. Frankenstein erzählt Walton nun die leidensvolle Geschichte seiner persönlichen Verirrung, seiner Hybris. Als weiteren Binnentext erzählt (11-16) das namenlos bleibende Monster seine Geschichte. Das Ende des Romans gehört wieder der Stimme Waltons.

Das ungeliebte und gefürchtete Monster wird zum Mörder, obwohl es nur Liebe und Zuneigung erleben wollte. Doch sein abstoßendes Äußeres verhindert, dass die Menschen in seine wahre Seele blicken können. Und auch hier ein romantisches Thema: Schönheit und Moral werden zu einer Einheit. Doch – Frankenstein erkennt es selbst (Kap 9: Schließlich war ich, wenn auch nicht dem Tun, so doch der Ursache nach der wahre Mörder!) – der wahre Mörder ist der Schöpfer selbst. Die Ursache des Bösen liegt im Akt der Schöpfung.

Alle Menschen um Frankenstein werden als durch und durch tugendhaft geschildert. Auch Viktor bezeichnet seine Motive als tugendhaft. Und das ist das große Dilemma von Schöpfungen. Von der Genetik bis zur Transplantationsmedizin, von der Chimären-Wissenschaft bis zur KI-Forschung. Das Erkenntnisstreben der Wissenschaft ist weder böse noch gut. Mary Shelley operiert in ihrem Roman vor allem mit dem Begriff der Tugend. Die Tugend ist eine Charaktereigenschaft, die sich aus dem Verstand und dem Herzen bildet. Und tugendhaft war immer schon das Schöne und Leistungsfähige (Ergon-Argument bei Aristoteles). Klar wird dies in den Schilderungen der Entstehung des Monsters. Frankenstein zieht sich zurück, arbeitet allein in einem Kellerraum als Werkstatt. Er verliert dabei immer mehr an Lebenssubstanz, wirkt am Ende völlig ausgezehrt und fällt durch den Schock darüber, was er geschaffen hat, in einen tiefen, unruhigen Schlaf. Er bereut, verurteilt sich selbst und weigert sich trotz der grausamen Konsequenzen, dem Monster eine Monster-Gefährtin zu erschaffen. Was nützen uns die Wissenschaften? Da kommt eine Menge zusammen.

Das Monster ist immerhin sehr stark und kann unter widrigsten Bedingungen überleben. Auch erweist es sich als überaus intelligent, bringt sich selbst durch bloßes Beobachten lesen und schreiben bei, entwickelt aus sich heraus eine Urteilskraft. Wären die Menschen nur nicht so ängstlich und hätten sie ihre Vorurteile abgelegt, dem Monster die nötige Zuneigung geschenkt, ihm einen richtigen Namen gegeben, eine Gefährtin dazu, wäre das Monster dann nicht sehr nützlich geworden für die Menschen?

Die Nützlichkeit von Monster und KI

Die gesamte KI-Forschung argumentiert mit der Nützlichkeit, den Anwendungsmöglichkeiten ihrer Schöpfungen. Aber das ist zu einfach. Das Geschöpf verfolgt eigene Ziele. Und wer garantiert uns, dass die KI sich nicht beim geringsten Widerstand des Menschen selbst wehrt und seine eigenen Ziele rücksichtslos verfolgt, so wie das Monster von Frankenstein?

Frankensteins größtes Versagen war der Moment, als er seine eigene Schöpfung nicht ertrug (Kapitel 5). Für dieses Ziel, Leben zu schaffen, hatte er sich der »Ruhe und der Gesundheit beraubt«, und vor seinen Augen »schwand die Schönheit des Traumes, und namenloses Entsetzen ebenso wie Abscheu erfüllten« sein Herz. »Unfähig, den Anblick jenes Wesens zu ertragen, das ich erschaffen hatte, stürzte ich aus dem Raum…«.

Frankenstein übernimmt keine Verantwortung, lässt seine eigene Kreatur im Stich. Alles geschieht in dunkler Nacht, es regnet, es ist November, alles ist trüb. In diesem Zwielicht entsteht die Kreatur. Das Zwielicht verweist geradezu auf die Indifferenz von gut und böse. Denn das Monster ist alles andere als böse, sondern schildert durch und durch menschliche Gefühle. Während Frankenstein sich selbst isoliert, wird das Monster durch sein Äußeres isoliert. Somit ist es auch ein typisches Spiegelphänomen, das ja zur Ausstattung der Romantik dazu gehört. Der Spiegel war immer schon das Bindeglied zwischen den parallelen Welten. Und das Monster tritt so aus dem Innersten Frankenstein ins Äußere. So werden Monster gemacht. Aus den Tiefen der Hölle, aus den untersten Schächten unserer Seele entspringen sie. Aber das Plädoyer, diese Schächte zu vernageln, abzusperren, würde uns auch unseres Besten berauben. Vor allem würde eine Unterdrückung dieser Kräfte den Dualismus von gut und böse geradezu bekräftigen. Und das wäre meiner Ansicht nach ein Fehler.

Die Negation des Monsters

Nochmal: Das Monster von Frankenstein ist nicht böse. Es ist unglücklich. Aus Isolation, Unverstandensein und unerfüllten Bedürfnissen setzt es sich zusammen. Die Negation des Monsters macht es erst monsterhaft. Daher erstarren wir vor dem Haupt der Medusa nicht, weil wir es anblicken, sondern weil wir den Anblick nicht ertragen.

All die Figuren des Romans wirken durch die Existenz des Monsters kränklich und geschwächt. Nur der blinde alte De Lacey (Vater von Felix) redet frei und ohne Angst mit dem Monster und erkennt das Leiden. »Verzweifeln Sie nicht. Ohne Freunde sein heißt wahrlich unglücklich sein, aber die Menschen kennen durchaus Nächstenliebe und Mildtätigkeit, wenn sie nicht gerade in offensichtlichem Egoismus gefangen sind. (Kap. 15).« Er weiß es nicht besser. Er sieht es nicht. Zum Ende ruft auch er »Großer Gott, wer sind Sie?« und schon erscheint Felix und greift das Monster an.

Unerfüllte Bedürfnisse haben den Effekt, immer dominanter zu werden, bis sie uns ganz beherrschen. So wird das Monster durch seine Sehnsucht nach Freunden und nach Liebe verzehrt. Und so wird die Liebe monsterhaft und erdrückt die Geliebten vor lauter Gier und Sehnsucht nach ihnen.

Am schönsten finde ich an dem Roman, dass es ein offenes Ende gibt. Das Monster flieht in die Nacht hinaus. Wohin? Was wird es als nächstes machen? Wird es wie ein Gespenst ziellos und einsam umherirren? Oder kehrt es zurück, übernimmt die Herrschaft und stiehlt sich auf diese Weise seine Bedürfnisse? Wird es dann weitere Monster erschaffen und werden diese Epigonen Reformen einführen? Sind Monster unter sich eigentlich noch Monster? Stammen wir alle nicht von Barbaren ab?

Die Eigenschaften des Unheimlichen

Shelleys Roman wurde durch das Kalkül der dramaturgischen Logik des Horrors auf bloße Effekthascherei reduziert. Schockwirkung, Inszenierung und ausladende Kulissen prägen das Horror-Genre. Aber bei einem genaueren Blick auf den der Handlung zu Grunde liegenden Stoff des Schauerromans, erkennen wir darin die Eigenschaften des Unheimlichen. Raum, Zeit und Menschen kehren sich in Ungewohntes, Grauenerregendes um.

Der Schauerroman hat seine tiefen Wurzeln in der Natur. Die düstere Landschaft, unheimliche Geräusche und unheimliche Gestalten sind ihr Rezept. Dramaturgisch geht es um den Bann. Kann das Grauen, das Unheimliche gebannt werden, in seine Schranken gewiesen werden? Oder brechen die Dämonen hervor. Es ist eine andere Welt, eine unheimliche zweite Welt, in die der Held eindringt, absichtlich oder unabsichtlich. Daraus ergeben sich die dramaturgischen Fragen. Wird der Held vom Grauen verschlungen, verwandelt (Werwolf), wird er das Grauen daran hindern können, voranzuschreiten (Dracula). Der Leser fragt: Kann das Böse gebannt werden? Wird der Gute verschlungen bzw. gibt es eine Wandlung (gut in böse oder böse in gut)? Was wird aus den Monstern?

Bernhard Horwatitsch

Shelley, Mary; Leder, Karl Bruno (Übersetzer); Leetz, Gerd (Übersetzer): Frankenstein oder Der moderne Prometheus (insel taschenbuch). Taschenbuch. 2008. Insel Verlag. ISBN/EAN: 9783458352235. 10,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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