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StartseiteAlmtraumFolge 47 vom 18. Mai 2007

Folge 47 vom 18. Mai 2007

Jedes Mal, wenn Stefan die Buchhandlung betrat, glaubte er direkt auf die Kasse zuzulaufen, obwohl sie nicht geradeaus, sondern rechts im Raum platziert war, im goldenen Schnitt zwischen den Seitenwänden mit den bis zur Decke reichenden Bücherregalen , rechts die Taschenbücher, links die gebundene Ware und die Nachschlagewerke. Die Verkäuferin an der Kasse grüßte ihn freundlich. Sie war jünger und einen Kopf kleiner als er. Die Wirkung ihres schmalen Gesichtes wurde durch das im Nacken mit einem Band zusammen gehaltene, glatte schwarze Haar unterstrichen.

Eindeutig déjà vu, notierte sich Stefan in Gedanken. Die Kassenerlebnisse häuften sich bei ihm, als habe er sich einen Komplex durch Kontaktinfektion zugezogen. Aber, auch daran glaubte er nicht und hätte dieses aber gerne mit den Händen erwürgt, um endlich Gewissheit zu erlangen.

Stefan wich Wühltischen und mobilen Regalen aus, die sich den Kunden mit dem Buch zum Film, zur Fernsehserie und der vergötterten Popgruppe in den Weg stellten.. Hinten im Laden standen Sachliteratur, Kinderbücher, Schulbücher, Reiseführer und die zugehörigen Bildbände. Stefan ließ die Augen durch die Reihen schweifen und vergewisserte sich, ohne besondere Absicht, dass die Reiseführer über sein beliebtestes Urlaubsziel noch vorrätig waren.

Der Weg zurück führte ihn an den Lexika vorbei und bekräftigte den Wunsch auf die vierundzwanzigbändige Enzyklopädie. Es folgte der Blick auf die Autorinnen und Autoren, die es nach Ansicht ihres Verlegers wagen durften, vom Käufer bis zu fünf Zentimeter seines knappen Schrankraumes zu beanspruchen. Stefan zweifelte nun nicht mehr daran, dass dieser Weg durch die Buchhandlung ein Ritual war.

Er nahm die Memoiren einer geschiedenen Politikergattin in die Hand.

»Soll ich die Folie entfernen?« fragte ein junger Mann. Auf der Brusttasche des karierten Hemdes steckte ein Plastikschildchen mit dem Namen S. Bogner.

»Wie weit entblößt sie ihre Seele, bis zur Unterwäsche oder ist es eher umgekehrt – zieht sie lieber ein wärmendes Mäntelchen über?«

Der junge Bogner lachte trocken. »Erwarten Sie Szenen einer Ehe oder vielleicht die Niederschrift der letzten, entscheidenden Auseinandersetzung?«

»Danke, dass Sie mich für einfältig halten.«

Der junge Mann ordnete die Auslage und stopfte in die entstehende Lücke einen mitgebrachten Band von John Irving. »Wenn ich an Einfältige verkaufen wollte, wäre ich nicht Buchhändler, sondern Politiker.«

So konnte man das sehen. Stefan suchte nach einer ebenso geistreichen Antwort, setzte eine nachdenkliche Miene auf und ging dann zu den Taschenbüchern nach vorn, als nähme er das Problem ganz allein auf seine Schultern. Vor ihm breitete sich das Meer gedruckter Worte aus. Die schmalen und breiten Rücken standen nicht eindeutig für unergründliche Tiefe oder seichtes Plätschern. Auch die Ordnung innerhalb der unbeschrifteten Regalreihen offenbarte sich nicht auf den ersten Blick. Auffällig waren die in Griffhöhe mit der Titelseite nach oben liegenden Bücher, ausschließlich Bücher von Frauen, die entweder Weib, Frau oder Mann im Titel trugen und deren zugehörige Attribute Super und Traum oder auch tot und impotent waren; bei letzteren dachte Stefan an Schlappschwanz und Macho. In der Reihe darüber – aha! – jede Menge Stephen King und John Grisham, daneben ein einzelner Michael Crichton.

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