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StartseiteAlmtraumFolge 45 vom 16. Mai 2007

Folge 45 vom 16. Mai 2007

Stefan hätte Alfreds Hilfe nicht gebraucht, um zu erkennen, dass diese Frau zutiefst unglücklich war. »Ich kann mir vorstellen, dass Sie einsam sind«, lenkte er ein und bemühte sich, ehrliche Anteilnahme zu vermitteln.

»Was geht das Sie an?«

»Ich bin seit Samstag verdammt einsam«, sagte Stefan leise.

Berta schwieg einen Augenblick. »Wegen Ihrer Schwester? Sie lieben sie wohl sehr.«

»Es geht nicht um Amanda«, sagte er. »Natürlich habe ich sie sehr gern, aber das ist nicht ausschlaggebend.«

»Amanda? Ich denke, Ihre Schwester heißt Stefanie.«

»Lassen Sie mich doch endlich mit dieser verdammten Schwester in Ruhe!« brauste er auf. »Sie machen mich ganz konfus. Ich bin ich!« machte er ihr mit beiden Händen klar.

»Ich zweifle nicht daran«, entgegnete Berta ärgerlich. »Sie haben da eine interessante Frage aufgeworfen …«

»Wenn Sie mir schon nachplappern müssen – ich bin ichhatte kein Fragezeichen. Haben Sie mich in dieser Wohnung schon einmal gesehen?«

Berta schüttelte den Kopf.

»Kennen Sie das Gefühl, völlig allein zu sein? Zu leben, ohne erkennbare Bindungen, weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit?«

»Wenn Sie das meinen …« Sie schaute zu ihm auf. »Ich bin alleinstehend.«

»Noch einsamer«, sagte Stefan eindringlich. »Stellen Sie sich vor, Sie würden nur mich kennen.«

»Das gibt es doch gar nicht. Jeder kennt irgendwelche Leute, Nachbarn, auf der Arbeit.«

»Mir ist so, als sei ich erst Samstag geboren worden. Sie sind meine erste Bekanntschaft.«

»Sie halten mich zum Besten, oder? Gehört Ihr komisches Benehmen zu Ihrem Beruf? Trotzdem – das ist nicht fair.«

Die Einsamkeit war der Schlüssel, dessen war er sich sicher. »Sagen Sie mir sofort Ihre geheimste Einsamkeit!« Er stützte beide Hände auf die Armlehnen ihres Sessels, als sollte sie ihm nicht entkommen.

Berta sah ihn trotzig an.

»Ich habe Ihnen meine Einsamkeit geschildert – sagen Sie mir Ihre!«

»Hören Sie auf!» entgegnete Berta verärgert und erhob sich halb, traute sich dann aber nicht, Stefan an die Seite zu schieben. Zwei Sekunden hing sie eingeknickt zwischen Stefan und dem Sessel, dann sank sie zurück.

»Lassen Sie mich raten. Es ist… « Stefans Stimme wurde mit jedem Wort leiser. »Abends auf der Bettkante.«

Mit hochrotem Kopf fuhr Berta aus dem Sessel hoch. Stefan taumelte zurück. Einen Augenblick standen sie sich stumm gegenüber.

»Ausgerechnet Sie! Sie falsch gepolter …« zischte Berta.

»Sie irren sich. Sie würden aber meine Erkläärung nicht glauben.« Stefan fasste ihre Arme, zugleich in der Absicht, ihre gefährlichsten Waffen unter Kontrolle zu haben.

Mit einem heftigen Ruck machte sie sich wieder frei. »Sie können sich Ihre Erklärungen sparen!«

Das ist von vornherein zwecklos. Ich dachte, du hättest das verstanden.

»Halt die Schnauze, Alfred!« brüllte Stefan und hielt sich beide Ohren zu.

Berta fiel erschreckt in den Sessel zurück. Stefan stützte sich auf den gepolsterten Rand, sein Gesicht zehn Zentimeter von ihrem entfernt.

»Ich bin nicht übergeschnappt«, flüsterte er heiser, »auch wenn es so aussieht. Ich kenne nur mich und meine innere Stimme. Alfred.« Er richtete sich auf. »Ich bin einsam!« schrie er und ließ sie zusammenzucken. »Ich wollte nur wissen, ob Sieeinsam sind.«

Berta reagierte nicht sofort. Dann nickte sie.

»Auf der Bettkante?« fragte er leise.

Sie zögerte erneut, nickte dann aber wieder.

»Erzählen Sie«, drängte er und hielt dabei die Distanz von zehn Zentimetern.

»Das könnte Ihnen so passen,« antwortete sie mit gepresster Stimme. »Später finde ich mich in einem Roman wieder.«

»Schon möglich. Irgendwann benötige ich eine griesgrämig dreinblickende Frau«, sagte er bitter, »und dann werde ich mich an Sie erinnern.«

»Unverschämt! Ich habe mir Ihren Schwachsinn schon viel zu lange angehört. Hoffentlich muss den niemand lesen!«

»Da kann ich Sie beruhigen.« Stefan ging zum Bartisch, zog den Verschluss aus der Flasche Sherry und goss ein Glas randvoll.

»Ihr seid alle gleich!« schluchzte Berta auf. »Der schale Geschmack und der Schnaps danach!«

Fluchtartig verließ sie die Wohnung.