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Das literaturcafe.de ist nicht mehr in Google verzeichnet?

In Google wieder auf Platz 2In der heutigen Mittagspause haben wir uns noch gefreut, dass wir in Google beim Suchbegriff Literatur wieder den zweiten Platz vor der ZEIT und nach Wikipeda zurückerobert haben, da erreicht uns heute Abend eine Hiobsbotschaft: Das Google Quality Team teilt uns in einer eMail mit, dass wir angeblich mit bestimmten technischen Tricks gegen die Google-Richtlinien verstoßen.

Google nimmt uns für 30 Tage aus dem Suchindex!

Uns wurde ganz anders. Eine Website, die nicht über Google zu finden ist? Das kommt fast einem Todesurteil gleich.

Folge 38 vom 9. Mai 2007

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Literatur und Leben hielt Sepp für zwei grundverschiedene Dinge. Gleichwohl verstand er es, eine unverhoffte Wendung in seinem Leben für die Literatur zu nutzen. Auf einer Lesung lernte er Margot Weigold, die Tochter eines mächtigen Verlegers kennen. Er beeindruckte sie mit seiner oberflächlichen Belesenheit, und als sie seiner Einladung auf sein Zimmer folgte und er ihr den Faksimile-Druck der limitierten Ausgabe von Zettels Traumzeigte, erlag sie der Erregung ihrer Sinne, die von der geheimnisvollen Unergründlichkeit des Werkes ausging. Wen wundert es, dass das Bauunternehmen Daschlgruber durch Margots Fürsprache den Auftrag zum Bau des neuen Verlagsgebäudes erhielt.

Der Fehler war, ihr sein Erstlingswerk hoffnungsvoll »zur weiteren Veranlassung«, wie er sich ausdrückte, zu übergeben. Margot leitete das Manuskript nicht an das Lektorat weiter, sondern las es in gespannter Erwartung zunächst einmal selbst.

Nie würde Sepp den Tag vergessen, an dem sie ihm das Manuskript zurückgab. Erst auf der Rückfahrt im Auto nach Rosenheim lösten sich die versteinerten Emotionen, abwechselnd wimmerte er und brüllte unartikuliert und schlug dazwischen mit der Faust auf das Lenkrad.

Ab der darauffolgenden Woche begann Sepp, höchstpersönlich und heimlich doppelte Wände und verborgene Türen in den Neubau des Verlagshauses einzuziehen. In der Nacht der Einweihung verschwand er vom Fest, noch im Frack, auf Nimmerwiedersehen in ein wohnlich eingerichtetes Kellergewölbe, dessen Zugang, geschweige denn Existenz, die offiziellen Baupläne nicht auswiesen.

Sepp war vollkommen auf ein Leben im Dunkeln eingerichtet. Tagsüber schlief er, abends schrieb er an seinem neuen Roman auf einer alten schwarzen Schreibmaschine mit silbern umbördelten Tasten, nachts schlich er heimlich durch die Büros der Lektorinnen, immer auf der Hut vor dem Nachtwächter, der alle zwei Stunden seine Runden drehte. Der Nachtwächter schaltete geduldig Schreibtischlampen aus und schloss bereits verschlossen geglaubte Türen erneut ab. Da keine Beschwerden laut wurden, blieb die Sache undurchsichtig wie der Schatten, den der Nachtwächter gelegentlich gesehen haben wollte und von dem nichts in seinen täglichen Berichten erwähnt wurde; der Nachtwächter dachte nicht daran, durch Hinweise auf Imaginäres der eigenen Berufsunfähigkeit Vorschub zu leisten.

Erik, so Sepps selbst gewählter Künstlername, las nachts an den Schreibtischen der Lektorinnen die eingesandten Manuskripte. Bald begnügte er sich nicht mehr mit Lesen, sondern schrieb Anmerkungen, korrigierte und kritisierte. Peinlich – was würden die Autoren denken, wenn die Manuskripte nach dem Überfliegen der ersten Seiten an sie zurückgeschickt wurden? Unter den Lektorinnen brach Streit aus, wer von ihnen die Saboteurin sei. Als die Diskussionen immer häufiger von heftigen Armbewegungen begleitet wurden, griff der Cheflektor ein. Er lud die Lektorinnen zum Abendessen und anschließend in einen Biergarten ein. Am nächsten Morgen inspizierten sie gemeinsam die Büros. Der Trick hatte funktioniert: Das Manuskript auf dem Schreibtisch von Amanda wurde überarbeitet und mit hämischen Anmerkungen zu Stil und Inhalt versehen. Die sechs Lektorinnen, noch nicht nüchtern, fielen sich um den Hals, und Amanda sprach den erlösenden Satz: »Niemand von uns war es, sondern ein Literaturphantom!«

Die Verlagsleitung rückte dem Literaturphantom mit der nächtlichen Überwachung der Büroräume durch Videokameras auf den Leib. Einige Wochen lang blieben die Manuskripte unbehelligt und die Lektorinnen atmeten auf. In der Tat hatte Erik jetzt keine Zeit mehr zum Durchsehen fremder Manuskripte. Er studierte die Kabelpläne. In dieser Zeit registrierte die Polizei einen merkwürdigen Einbruch in einen Multimedia-Markt. Wie durch Zufall festgestellt wurde, fehlte nur ein einzelner Monitor, obwohl reiche Beute in Form leicht zu Geld zu machender Elektronik winkte.

Folge 37 vom 8. Mai 2007

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Das Literaturphantom

Er sei ein Genie gewesen, so oder so, behauptete Max Daschlgruber und strich mit den Fingerspritzen über den grauen, von Zigarrenrauch angegilbten Schnurrbart. Sein Gesicht nahm den trotzigen Ausdruck eines Schuljungen an, der zwar ertappt wurde aber dennoch nicht den Stolz über die Missetat dem Schuldgefühl opfern will.

Daschlgrubers Frau seufzte. »Der Bub«, sagte sie leise, »morgen wäre der Bub fünfunddreißig geworden.«

Max Daschlgruber durchmaß das hundertzwanzig Quadratmeter große Wohnzimmer mit langen Schritten. Vor einem Bücherregal mit imposanten Ausmaßen blieb er stehen, schnaubte verächtlich und nahm einen guten Schluck aus dem Rotweinglas.

»Die Flausen« – das Glas kreiste in einer ausholenden Bewegung über die Bücherwand – »hatte er von dir.« Max Daschlgruber drehte sich zu seiner Frau um. »Schau doch dich an. Du wärst besser Tennis spielen gegangen als den lieben langen Tag mit den Schmökern herumzusitzen.«

Wie immer wurde Annerl unter dem Vorwurf ihres Mannes ein bisserl kleiner.

Sepp Daschlgruber, Sohn eines Bauunternehmers aus Rosenheim, verbrachte große Teile seiner Kindheit zwischen unverputzten Wänden, erst spielend und später helfend und lernend. Das Interesse für die Literatur weckte seine Mutter in ihm. Sepp musste seine Mutter sehr geliebt haben, wahrscheinlich war er sogar in hohem Maße von ihr abhängig, denn er entwickelte einen ausgeprägten literarischen Nachahmungstrieb. Während seine Schulkameraden mit Enid Blyton Geheimnisse lösten und Abenteuer bestanden und später an der Seite von Old Shatterhand durch die Prärie ritten und die Schurken mit Fausthieben an die Schläfe niederstreckten, auf ein Kamel wechselten und mit Hadschi Halef Omar in der Wüste die rettende Oase fanden, legte er Effi Briest sein kindliches Herz zu Füßen. Mit sechzehn begann er selbst Geschichten zu schreiben, immer tragisch endend, als sei verzehrendes Verlangen, dem Erfüllung auf immer versagt bleibt, sein Lebensthema. Sepp gewöhnte sich an, stets ein kleines Notizbücherl mit sich zu führen, in dem er seine Einfälle notierte und welches er in der Hosentasche verschwinden ließ, sobald sein Vater auf der Baustelle auftauchte, ihm wohlwollend die Kelle aus der Hand nahm und den Stein gekonnt mit der Kellenecke – klack! – in die Waagerechte brachte. Ein großer Baumeister sollte er nach den Vorstellungen seines Vaters werden und prächtige Bauwerke vollenden, Opernhäuser, Kongresszentren und Versicherungspaläste.

Sepp sah in Mauersteinen und Mörtel lediglich eine Brotarbeit. Insoweit fühlte er sich mit dem Erwachsenwerden neueren Idealen verbunden – Arno Schmidt, James Joyce, Kafka und Edgar Allan Poe; Thomas Bernhards lange Sätze saugte er wie Spaghettis ein. Je weniger er verstand, desto faszinierter klebte er an den Texten und machte sich das Unbegreifliche zur wahren Erkenntnis. Mit zwanzig schickte er seinen ersten Roman an einen Frankfurter Verlag, eine erste Adresse für gehobene sprachliche Ausdruckskraft. Nach über einem Jahr erhielt er sein Manuskript zurück, oben auf ein freundliches, nichts sagendes Schreiben. Sepp hatte Verständnis. Noch zählte er nicht zu den ganz Großen der Literaturszene, sein Stil würde in den nächsten Jahren noch reifen, und dann … Und dann wiederholte sich der Vorgang mit allen deutschen Großverlagen. Kommerz, urteilte Sepp verächtlich, während er im väterlichen Unternehmen weiter Häuser baute, Kommerz sei zu einer wahren sprachlichen Empfindung nicht fähig. Als bitterer Nachgeschmack der Absagen blieb das ohnmächtige Gefühl, wie er ignoriert und seinem wahren Publikum vorenthalten wurde.

Folge 36 vom 7. Mai 2007

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Stefan musterte die Wände des Wohnzimmers. Sie müssten gepolstert sein, dann könnte er sich als Autor nach Belieben austoben, seine Texte herausschreien und einer imaginären Leserschaft einbläuen, und die Verlage konnten weiterhin für ihn das nicht Fassbare bleiben, wie der plötzlich einsetzende Heißhunger auf Wackelpudding mit Waldmeister-Geschmack. Ein weißer See aus Kondensmilch schwamm auf giftgrünem Grund.

Er war nicht verrückt, sondern schwanger!

Das ist wohl schlecht möglich.

Alfred!

Der ungespülte Teller vom Mittagessen zerschellte am Rahmen der Küchentür und hinterließ dort eine Schramme im weißen Lack. Noch rechtzeitig bremste Stefan den Schwung der Rotweinflasche und setzte sie unsanft zurück auf den Tisch. Einen Teil des Wohnzimmers in einen unansehnlichen Fleck zu verwandeln, brachte lediglich zusätzliche Arbeit und Frust.

In einem Zug trank er das Glas leer.

Prost.

Die Stimme, die sich Alfred nannte, hatte sich als Seele auf Bewährung vorgestellt. Stefan stellte sich eine kleine Gaswolke vor, gemischt mit ein paar Staubpartikeln, so ziemlich das Unbedeutendste im Universum. Seele auf Bewährung! Noch nicht einmal ein Engel zweiter Klasse, was immer das sein mochte, war ihm zugeteilt worden, mehr als diese jämmerliche Seele stand ihm wohl nicht zu. Einen Racheengel könnte er gebrauchen, kein Puttchen, sondern etwas Ausgewachsenes mit Schwert in der Art eines Erzengels, besser noch eines Phantoms!

Ich bin nicht Stefan Bruhks, dachte er entmutigt.

Es gab keinen erkennbaren Grund für diesen Zweifel. Der Name war in diesem Gedanken ohne Belang, genauso gut hätte er Ich bin nicht Anatol Stillerdenken können wie jemand, der sicher ist, dass er Sepp Daschlgruber heißt. In seinem Fall war der Name ein Etikett, einfacher zu merken als eine Nummer und darum praktischer. Ob Name oder Nummer, beide sagten nichts über den Inhalt aus. Wenn es Alfred nicht geben würde, hätte er retrograde Amnesie unterstellt.

Stefan legte den Kopf auf die Armlehne der Couch. Ich bin eine Flasche, dachte er, etikettiert mit Stefan Bruhks, nicht so alter Jahrgang, ohne genauere Kenntnis, was darin steckt.

Nicht Alfred ist das Phantom, er selbst war es. Er brauchte dringend eine gute Lebensgeschichte, notfalls auch aus zweiter Hand, wenn es nur schnell gehen würde. In Geschäften konnte er keine Lebensgeschichte kaufen, vielleicht auf der Straße, wo sich Menschen, Figuren und Schicksale begegneten. Die Figuren waren in seinen Augen die interessantere Spezies, sie waren findig und agierten mit Menschen und schafften dadurch Schicksale. Was war beispielsweise mit dem orientalisch aussehenden jungen Mann, der ihm auf dem Rückweg von R&C begegnet war? Wenig zielstrebig schlenderte er die belebte Einkaufsstraße entlang, dicht an den Passanten vorbei. Ob er den Leuten etwas zuraunte? Stefan horchte, als lägen die geflüsterten Worte in der Luft: »Leben, frische Leben, brauchen Sie neues Leben?« Halb öffnet der Mann seine Jacke. »Hier, eins a, noch frisch, ist aus Selbstmord«, preist er seine Ware einem älteren Herrn an. Der schreckt zurück und stolpert beinah in den Rinnstein, hebt schützend den Arm: »Jessesmaria«. Ein erbärmliches Leben muss das sein, was ihm da angeboten wird und ihm ordentlich Beine macht, vielleicht eine Mischung aus Hader, Zerwürfnis und fehlender Anerkennung, womöglich das Leben von Sepp Daschlgruber, Sohn eines Bauunternehmers aus Rosenheim, der große Teile seiner Kindheit zwischen unverputzten Wänden verbrachte, und dessen eigentliche Leidenschaft der Literatur galt.

Stefan erhob sich, starrte gegen das Bücherregal und wiederholte im Kopf die Sätze, fügte neue an, repetierte, verwarf den Anfang und begann von vorne. Schließlich setzte er sich an den Schreibtisch, schob mit dem Ellenbogen die Manuskripte an die Seite und zog die Computertastatur zu sich heran. Ungeduldig wartete er, bis der Computer hochgefahren war. Endlich, neues Dokument. Der Schreibmarke blieb keine Zeit zum Blinken. Stefan tippte die Überschrift und rückte sie mittig ein.

Folge 35 vom 6. Mai 2007

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Zu Hause nahm Stefan ein Fußbad und rieb die schmerzenden Druckstellen mit Latschenkiefernextrakt ein. Im Kleiderschrank räumte er die Damenunterwäsche nach hinten und stapelte die Neuerwerbungen davor. Er tauschte den Slip gegen eine Unterhose und fand sich schon gut gekleidet. Damit vergaß er den Vorsatz an Kasse 2.

Nach dem Essen legte er sich zum Lesen auf das Sofa. Das Sommerkleid lenkte ihn ab, mal zog er den Saum nach unten oder strich den Stoff glatt, mal schob er ihn über die Knie hoch, bis ihm das Getue lästig wurde und er begriff, warum er sich ständig mit dem Kleid beschäftigte: Es vermittelte ihm den Eindruck, ein anderer Mensch zu sein. Eine andere Frau.

Stefan ging ein paar Schritte durch den Raum und schloss die Augen. Auf der Straße hatte der fließende Stoff angenehm auf der Haut geprickelt und er versuchte, die Erinnerung an diesen Eindruck zurück zu holen. Er stelle den Ventilator aus dem Einbauschrank in der Diele auf den Couchtisch. Der Kleiderstoff legte sich im Luftstrom um seine Hüften und die Beine. Stefan drehte sich und ging auf und ab, doch der erhoffte Sinneseindruck blieb aus.

Du bist albern, urteilte er schließlich, wenn dich eine deiner Freundinnen beobachten könnte, würde sie dich für verrückt erklären. Im gleichen Atemzug sprach er sich von allen Vorwürfen frei. Weil die Situation verrückt war, würde er mildernde, besser gesagt verrückte Umstände geltend machen.

Nur zögernd trennte er sich von dem Sommerkleid. Zwischen dem Entschluss, das Kleid auszuziehen und dem Öffnen des ersten Knopfes lagen einige Minuten Leere in seinem Kopf, als sei der Verstand ausgeschaltet worden.

»Das Kapital Frau ist abgeschlossen«, sagte er laut, um den Vorsatz zu bekräftigen.

Mit einer Flasche Rotwein in Reichweite versenkte er sich in seine Literatur. Stefan Bruhks las sich großartig, lobte er sich, er schmunzelte über pointierte Formulierungen, bewunderte präzise Beschreibungen, die ein Auge für das Detail verrieten, und ließ sich von Stimmungsbildern tragen. Die Schmach des Vormittags verblasste allmählich.

Der mit Hoffnungen und Enttäuschungen gefüllte Plastikhefter lag noch auf dem Wohnzimmertisch. Zuerst schenkte ihm Stefan keine Beachtung, dann tauchte der Hefter als roter Farbfleck in seinem Gesichtsfeld auf, wurde wenig später wahrgenommen, in Gedanken in das Regal zurückgestellt, lag noch immer auf dem Tisch, höhlte die Konzentration aus und schob sich dann ganz nach vorne in sein Bewusstsein. In der roten Mappe war ein wichtiger Teil seines Lebens abgeheftet, an den er sich absolut nicht erinnern konnte.

Stefan legte das Manuskript an die Seite. Er fächerte den abgehefteten Papierstapel mit dem Daumen durch. Am untersten Brief blieb er hängen. Der erste Versuch, wahrscheinlich klebte Herzblut daran. Der Brief war ein kleines Meisterwerk der Prosa und voll unbekümmerter Hoffnung. Acht Wochen später kam die freundliche Absage.

Stefan las sämtliche Briefe. Seine verloren zunehmend an Schwung, wurden illusionsloser und nüchterner – bei Nichtgefallen Rückgaberecht innerhalb von sechs bis acht Wochen, lautete die Botschaft, dass er sich im Grunde nicht wundern durfte, wenn er eine Absage bekam. Die Antworten blieben immer gleich höflich und enthielten zuhauf unverbindliche Wünsche für weiteres Gelingen.

Folge 34 vom 5. Mai 2007

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Stefan schöpfte Hoffnung und schaltete sich ein. »Ich weiß auch nicht, was über mich kam, ich war einfach hingerissen, und ein Preisschild war auch nicht dran. Ich stand noch an der Kasse, als mich Herr Bichler abführte, ich wollte auch, aber dann …«

»Herr Ralzinger«, ereiferte sich der Detektiv. »Bei R&C zählt nur der Tathergang, oder? Der Schwund, bezogen auf den Umsatz, war im letzten Jahr – wie viel Prozent?« Bichlers Zeigefinger wippte aufgeregt am ausgestreckten Arm auf und ab und wies auf die Monitore. »Wollen Sie einen Blick in das Erdgeschoss werfen? Damenunterwäsche. Was man – was sie – notwendig fürs Bett braucht. Ich wette, ich brauche keine zehn Minuten, dann habe ich eine erwischt. Instinkt!« bekräftigte Bichler.

»Schon gut.« Der Direktor bewegte sich unschlüssig und bekam wegen der Enge des Raumes kein Auf und Ab zustande. »Ihre Sichtweise ist zu rechteckig, Bichler. R&C ist ein weltoffenes Haus, ohneVorurteile, wir diskriminieren nicht …«

Bichler warf die Arme in die Luft. »Diskriminirrn?« Seine Aussprache färbte sich mit Dialekt ein. »Mir? Na!«

»Regen Sie sich doch nicht künstlich auf, Bichler!«

»I?« Die kurzen Beine des Detektivs knickten ein, so dass er seinen Kopf weiter in den Nacken biegen musste, um seinen Chef aus der noch tieferen Warte anzustarren. »Iiiii ?«

»Unerträglich, Bichler, wie lang Sie eine dermaßen kurze Frage ziehen. Und reden Sie wieder deutsch«, forderte Ralzinger, mehr flehend als befehlend. »Sie wissen doch, wie wenig mir das Volkstümliche liegt.«

»Dis-krimi-nieren«, blies Bichler heraus.

Sein Chef unterbrach ihn erneut. »An dem Wort haben Sie aber mächtig Gefallen gefunden.«

Bichler schluckte. »Bei uns darf jeder klauen«, fuhr er fort, »Schwarze, Weiße, Moslems, Juden, Asylbewerber, Schwule, Lesben, sogar Deutsche, christliche oder unchristliche, Bayern oder Preußen – wir machen da keine Unterschiede!« Bichlers Zeigefinger wedelte hin und her. »Nur erwischen lassen darf er sich nicht von mir! Oder sie – wir wollen doch niemanden diskriminirrn!« Bichler drehte den Kopf und fixierte seine Beute.

»Jetzt reicht es aber, Bichler«, sagte Herr Ralzinger mit resignierender Milde. Der Verweis lag in der geringfügig lauteren Stimme. »Notieren Sie die Personalien und fassen Sie in Gottes Namen die Anzeige ab. Ich möchte den Vorgang allerdings sehen, bevor er an die Polizei geht.«

Bichler nickte.

»Und geben Sie ihm die Perücke zurück. Sie steht ihm so gut.«

Bichler sperrte den Mund auf und brachte kein Wort heraus.

»Hat er sie entwendet, oder nicht?« Ralzinger sah seinen Detektiv nicht an, sondern beschäftigte sich mit dem perfekten Sitz seiner Krawatte. »Und weil er das Diebesgut gleich mitnimmt, erlassen wir ihm auch die hundert Euro pauschale Bearbeitungsgebühr für die Anzeige.«

Stefan erwachte aus seiner sprachlosen Verwunderung. »Danke, Herr Ralzinger«, sagte er, und: »Verzeihung!«

Der Kaufhausinhaber musterte Stefan. »Wenn Sie wieder einmal Appetit auf ausgefallenen Geschmack haben, kommen Sie zu R&C. Mein Büro hilft bei Problemen. Ich liebe zufriedene Kunden. In soweit – wir stehen auf Ihrer Seite.«

Zehn Minuten später verließ Stefan das Kaufhaus. Auf dem Kopf trug er die blonde Perücke, an der Hand die Einkaufstüten. Der Umstand, dass er die Hose irrtümlich nicht bezahlt hatte, reichte nur für einen kurzen Moment der Freude. Auch die vage Hoffnung, der Diebstahl könnte dank Herrn Ralzinger glimpflich ausgehen, konnte ihn nicht beruhigen. Eine Mordswut wühlte in seinem Innern. Der oder die, die ihn in diese Situation gebracht hatten und Verantwortung für den Inhalt seines Kleiderschrankes trugen, sollten sich vorsehen. Und natürlich Alfred Hirngespinst, falls er jemals die Absicht haben sollte, in diede Welt zu treten.

Vito greift ein: »Warum glauben Möchtegernautoren immer den gleichen Käse?«

KommentareSelten hat einer unserer Beiträge so viele Kommentare bewirkt wie »Die wichtigsten Tipps eines Verlagslektors«. Darin hatten wir die Ratschläge eines Lektors zusammengefasst – und die größten Fehler, die Autoren in ihren Anschreiben machen. Und als allerwichtigsten Tipp gaben und geben auch wir immer jeder und jedem auf den Weg: Lesen, lesen, lesen!

Das allerdings spülte in den Kommentaren zum Beitrag wieder die geballte Welle der Vorurteile erfolgloser Autoren gegenüber deutschen Verlagen nach oben: Verlage denken nur ans Geldverdienen, Verlage kaufen lieber Bestsellerlizenzen in den USA und Verlage veröffentlichen lieber Manuskripte von Autoren, die opportun so ähnlich schreiben wie die Bestsellerautoren x und y, denn nur sowas verkaufe sich.

»Quatsch«, sagt dazu nun einer, der es wissen muss: Vito von Eichborn, der seinerzeit den Eichborn Verlag mitgründete und seit jeher den Verlagsbetrieb mit seinen offenen und provokanten Statements aufmischt. Eichborn diskutiert nun in seinem unverwechselbaren Stil mit – zumindest für eine gewisse Zeit.

Unsere erste Veranstaltung in Second Life. Ein Erfahrungsbericht.

LiteratinGestern, am 3. Mai 2007, war also der große Tag. Das literaturcafe.de hat zum ersten Mal eine eigene Veranstaltung in Second Life durchgeführt. Sehr bewusst war sie von uns als »Experiment« bezeichnet worden, denn wir sehen Second Life und den Hype darum durchaus kritisch. Auf der anderen Seite sollte man die Möglichkeiten, die diese Parallelwelt auch für Buchhandlungen und Verlage bietet, nicht ignorieren.

Mit unserer Vortragsveranstaltung »Lesen jetzt in Web 2.0?« wollten wir selbst herausfinden, was Veranstaltungen in Second Life wirklich bringen.

Das erste Fazit vorweg

Es war ein gelungener Abend und es hat großen Spaß gemacht! An die vierzig Avatare waren in der digitalen Landesvertretung von Baden-Württemberg vor Ort und genauso viele Teilnehmer hörten den Vortrag und die Diskussion über den Skypecast. Fast zwei Stunden dauerte die Veranstaltung.

Folge 33 vom 4. Mai 2007

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In der vierten Etage wechselten sie auf einen Büroflur. Sie passierten verschiedene Türen – Personalbüro, Buchhaltung, dann Sicherheit, Herr Bichler.

»Hier hinein, bitte«, sagte Herr Bichler fröhlich. »Nehmen Sie Platz. Ich informiere den Direktor. Bin gleich wieder da.«

Es gab nur einen Stuhl gegenüber dem Schreibtisch. Drei Monitore und ein Kasten, ähnlich einem Stellpult, verbrauchten den größten Teil des Schreibtisches.

Während Stefan wartete, ebbte der Schock langsam ab. Verdammt, was hatte ihn geritten, die Perücke zu klauen?

Die Tür öffnete sich und ein schlanker, sorgfältig gut gekleideter Mann um die Fünfzig betrat vor Herrn Bichler das Büro, mit gebräuntem Gesicht, sehr beherrscht. Die Haare formten trotz ihrer Länge über der Stirn eine perfekt liegende Welle.

»Das ist die Tunte, Herr Ralzinger«, sagte Herr Bichler. »In diesem besonderen Fall hielt ich es für gerechtfertigt, Sie zu informieren.« Er trat vor Stefan und nahm ihm die Perücke vom Kopf.

Stefan zuckte. Wenn es nicht um Diebstahl gegangen wäre, hätte er jetzt zugeschlagen.

Ralzinger schloss die Augen. Seine Augenlider waren ebenso dunkel wie die Ränder unter seinen Augen. »Sie sollen Ihre Ausdrucksweise mäßigen«, tadelte er. »Wie oft muss ich Ihnen das noch sagen?«

Stefan sprang auf. »Machen Sie, was Sie wollen, aber meine Ehre lasse ich nicht beleidigen!«

Ralzinger winkte müde ab. Seine feingliedrigen Finger bewegten sich im Raum. »Was werfen wir ihm vor?«

»Ich habe sie im zweiten Stock beobachtet und dann beschattet. Sie war mir gleich verdächtig.« Bichler wirkte selbstgefällig. »Sie – er – strich um die Dekoration, die Kollektion von Yves St. Tropez. Plötzlich macht er sich von hinten an die Puppe im pinkfarbenen Kostüm ran, riss ihr die Perücke vom Kopf und stopfte sie in die Tüte. Sekunden später war sie in der Umkleidekabine untergetaucht. Geschlagene zwei Minuten brauchte sie, dann kam sie ohne den Strohhut raus – den habe ich in der Kabine sicher gestellt – also, mit der Perücke auf dem Kopf, ein scharfes Weib, leider nicht echt.« Bichler machte ein bedeutungsvolle Pause.

»Weiter, Bichler.«

»Dann ist sie in die Herrenabteilung und hat Jeans ausgesucht. Auf dem Weg zur Kasse schob sie ihre … äh, ihren Oberkörper, äh, rasiermesserscharf an dem neuen Verkäufer vorbei – Brunnhuber – dem fielen beinahe die Glubscher aus dem Gesicht. Unten an Kasse 2 habe ich sie dann gestellt. Frau Gruber, die Kassiererin – eine aufgeweckte Person – hat gleich gemerkt, dass ihr ein fauler Kunde ins Netz gegangen war. Dass die Karte auf einen Mann ausgestellt war.« Bichler reichte seinem Chef die Scheckkarte.

»Sie lesen zuviel«, kommentierte Ralzinger den Bericht seines Hausdetektivs.

»Ich lese! Was?« fragte Bichler entgeistert.

»Groschenromane. Wahrscheinlich aber doch nicht.«

Bichler setzte ein beleidigtes Gesicht auf.

»Stefan Bruhks«, sagte Ralzinger und reichte Stefan die Scheckkarte mit einer grazilen Bewegung zurück. Das Gesäß bewegte sich in der schmalen Hüfte. Am Gewicht der Karte konnte es nicht liegen.

»Darum hat er auch keine – wie Sie es auch immer ausgedrückt hätten.«

»Ti … Brüste.«

»Ihre Fantasie ist mit Ihnen durchgegangen, Bichler. Er hat außer der Perücke keine Ware gestohlen?«

»Ja. Nein. Nur die Perücke.«

Zum 100. Geburtstag: Ein Podcast mit Gedichten von Mascha Kaléko

Ein Podcast mit den Gedichten von Mascha KalékoAm 7. Juni 2007 ist der 100. Geburtstag von Mascha Kaléko. Die Lyrikerin zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Joachim Ringelnatz, mit denen sie immer wieder verglichen wird, wollte sie keine feingeistige Literatur für wenige schreiben, sondern eine zugängliche, unverkrampfte »Gebrauchspoesie« im besten Sinne. In ihrem unverwechselbaren Ton schuf sie Gedichte, die man für das Leben gebrauchen kann, aus dem Alltag für den Alltag, gegenwartsnah, voller Ironie und gleichzeitig voller Gefühl.

Für den Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) hat das literaturcafe.de einen Podcast mit 10 vertonten Gedichten im MP3-Format produziert. Alle Texte stammen aus dem Band »Mein Lied geht weiter«, den Gisela Zoch-Westphal herausgegeben hat. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Podcast-Folge. Den Anfang macht in dieser Woche das Liebesgedicht »Blatt im Wind«.

Mascha Kaléko: Mein Lied geht weiter: Hundert Gedichte. Taschenbuch. 2007. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783423135634. 12,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Wir haben uns alle gehauen und viel Spaß gehabt

Website der Schiller BuchhandlungDa auch Comics zur Literatur zählen, gilt es diesmal in unserem Literatur-Quiz in Zusammenarbeit mit der Schiller Buchhandlung in Stuttgart-Vaihingen eine gezeichnete Hauptfigur zu erraten. 1960 kam der erste Band mit gesammelten Geschichten dieser Figur in Buchform auf den Markt. Ein Flop! Ein zweiter Band sollte gar nicht mehr erscheinen, aber dank der Hartnäckigkeit eines Verlegers und der werbeunterstützendenden Macht des Fernsehens wurden die erste Buchausgabe und alle vier folgenden Bände schließlich zu Bestsellern. Und die Begeisterung für diesen Kinderklassiker hält bis heute bei jung und alt an. Woran das liegt? Weil Kinder sich in den Geschichten wieder erkennen und die Älteren an ihre eigene Kindheit erinnert werden.

Zum Literatur-Quiz »

Folge 32 vom 3. Mai 2007

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An der Kasse verflog der Zauber der blonden Perücke schlagartig und die beklemmenden Gefühle und das unangenehme Schwitzen kehrten zurück. Gott, lass es gut gehen, nur noch dieses eine Mal, sandte er einen Hilferuf, nicht an die göttliche Instanz, sondern an eine unbekannte Allmächtigkeit. Direkt nach diesem Einkauf würde er nach Hause gehen und sich umziehen, um endlich ein richtiger Mensch zu werden.

Übrigens, mein Name ist Alfred, sagte die Stimme. Wenn ich gewusst hätte, dass ein kleiner Chauvinist in dir schlummert … Ich bin eine SaB.

»Es a be?«

Seele auf Bewährung. Noch nicht Engel, aber auch kein Teufel.

»Kein Teufel?« wiederholte Stefan fassungslos.

Die Frau in der Reihe vor Stefan drehte sich um.

Sag bloß, du hast keine Ahnung! Seit der Sache in Bedford Falls dachte ich, die ganze Welt wüsste Bescheid über die postmortalen Klassifizierungen. Einer meiner Vorfahren, er nannte sich nach seiner Auswanderung Clarence, wurde nach seinem Tod sofort Engel zweiter Klasse. Wahrscheinlich war mein Sündenregister länger, ich habe es wohl zu toll mit den Frauen getrieben. Na ja, er bekam den berühmten Einsatz in Bedford Falls. Verhinderung eines Selbstmordes. Hast du den Film nicht gesehen? ‚Immer wenn ein Glöcklein klingelt, bekommt ein Engel seine Flügel.‘

»Immer wenn ein Glöcklein klingelt«, formten Stefans Lippen tonlos. »Aha.«

Musst du mir unbedingt alles nachsprechen? Ich bin gekommen, weil du jetzt auf der anderen Seite bist. Auch wenn ich noch nicht Engel zweiter Klasse bin.

»Ist Ihnen schlecht?« fragte die Kassiererin. »Sie sind ja vollkommen weggetreten.«

Stefan legte mechanisch die Hose auf die Theke, obenauf die Scheckkarte. Die Kassiererin nahm die Karte und ihre Kollegin die Hose. Das Etikett wurde von der Hose abgerissen und eingelesen, die Hose verschwand sorgfältig zusammengelegt in einer Plastiktüte, ein kurzer Ruck – die Tüte lag griffbereit auf der Theke.

»Können Sie sich ausweisen?« fragte die Kassiererin. »Sie sind doch nicht Stefan Bruhks.«

Stefan glaubte in seinem Rücken die feixenden Blicke der Wartenden zu spüren. Bloß jetzt keine Vorstellung, comedy live. Das heillose Durcheinander in seinem Kopf reichte lediglich zu der Frage, die Alfred ihm an der Kasse im Erdgeschoss souffliert hatte: »Ist die Lastschrift nicht durch die Bank bestätigt?«

»Soweit sind wir noch nicht. Da kann schließlich jede daherkommen. Womöglich ist die Karte geklaut.« Die Kassiererin sah ihn herausfordernd an. Sie war so jung wie er und machte nicht den Eindruck, als ob er ihr etwas vormachen konnte.

Stefan riss sich die Perücke vom Kopf. »Beantwortet das ihre Frage?« Er stülpte die Haare wieder über.

»Ist das ein Beweis?« fragte die Kassiererin schnippisch.

Aus der Warteschlange tönte ein empörtes: »Das gibt’s doch nicht!« Stefan schaute sich um. Drei Kundinnen entfernt stand die Begegnung aus dem Hausflur, mit einem Gesicht, in dem deutlich geschrieben war, wie sehr das Bild über die nachbarschaftlichen Verhältnisse aus den Fugen geraten war. Stocksteif hielt die Nachbarin in der Rechten ein dunkelblaues Sommerkleid halb hoch, gleichsam wie Abwehr und Verlockung.

»Haben wir ein Problem?« Ein kleiner untersetzter Mann schob sich an der gaffenden Kundschaft vorbei nach vorne.

»Diese Kundin – nein, dieser Mann hat versucht, mit einer auf einen Mann ausgestellten Karte … « Die Kassiererin brach ab.

»Kommen Sie mit. Ich bin der Hausdetektiv.« Der kleine Mann fasste Stefan und zog ihn von der Kasse. Im Weggehen griff Stefan die Tüte mit der Hose.

»Ich habe Sie beobachtet. Diebstahl einer Perücke.« Der Detektiv öffnete die Tür zum Treppenhaus. »Nach oben. Vierter Stock.«

»Und bring mir aus der Schweiz den neuen Potter mit!«

Heidi bald nicht nur als Butter günstigIn der deutschsprachigen Schweiz ist die Buchpreisbindung gefallen. Sie wurde heute vom dortigen Bundesrat »vom Tisch gefegt«, wie es eine Pressemeldung des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes ausdrückte. Bis zuletzt hatte der Verband für den Erhalt gekämpft.

Wie in Deutschland und Österreich regelte der sogenannte Preisbindungsrevers, dass Bücher nur zu einem vom Verlag festgelegten Preis verkauft werden dürfen. Dies ist eine Art staatlich erlaubtes Monopol, das damit begründet wird, dass Bücher Kulturgüter sind und nur der einheitliche Verkaufspreis auch das Überleben der kleinen Buchhandlungen und somit eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Büchern sichert. Mit ähnlichen Argumenten wurde auch Anfang des Jahres die Mehrwertsteuer für Bücher nicht erhöht.

Folge 31 vom 2. Mai 2007

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Nur wenige Schritte wären notwendig gewesen, um im I. Obergeschoss auf die Rolltreppe zum II. Obergeschoss umzusteigen. Statt dessen ging er geradeaus, folgte einem plötzlichen Interesse für die junge Frauenmode und lief ihr direkt vor die Füße. Sie stand inmitten einer Gruppe gut gekleideter Frauen, trug eine pinkfarbene zweite Haut mit zweifelhaft anständigem Ausschnitt, darüber eine Art Bolerojäckchen, sehr kurz und sehr offen. Stefan interessierte sich nicht für ihre toten Reize. Sein Blick hing an den schulterlangen blonden Haaren mit dem fransigen Pony. Das spöttisch wirkende Lächeln mit dem leicht nach oben gezogenen rechten Mundwinkel gab dazu einen reizenden Kontrast ab. Ihr rechter Arm war seitwärts nach oben abgewinkelt, Balance suchend, obwohl sie auf ihren Stöckelschuhen sicher stand.

Eine andere Kundin bat Stefan, vorbeigehen zu dürfen. Er trat an die Seite, ging ein paar Schritte, blieb wieder stehen, ohne die Kleiderpuppe aus den Augen zu lassen. Deutlich hatte er den Kick verspürt, den aussetzenden Herzschlag, wenn man, ohne darauf vorbereitet zu sein, plötzlich vor der Frau seiner Träume steht.

Die Haare! Das sind meine Haare, dachte er.

Um nicht im Weg zu stehen, ließ er sich mittreiben und umkreiste die Gruppe der Kleiderpuppen. Vorsichtig spähte er die Umgebung aus; je mehr Betrieb, je weniger würde er auffallen. Ein kurzer Griff, dann verschwand die Perücke in der Einkaufstüte. In der Nähe bemerkte er den offenen Vorhang einer einzelnen Umkleidekabine. Ehe er noch richtig begriff, was er getan hatte, verließ er die Umkleide und fand sich auf der Rolltreppe wieder – eine selbstbewusste blonde Frau.

Im II. Obergeschoss war es merklich ruhiger. Stefan suchte nach dem Gestell mit den Jeans. Welche Größe hatte er? Erneut stand ihm eine Schwierigkeit bevor, an die er bis jetzt nicht gedacht hatte: Würde man eine Frau in die Anprobe lassen?

Unauffällig hielt er eine Hose seitlich an und prüfte die Länge. In Ordnung. Die Weite? Die amerikanischen Maßangaben waren ihm nicht vertraut und er hängte die Hose wieder ein. Am Gestell nebenan gab es verschiedene Größen eines deutschen Fabrikates. 50, das müsste es wohl sein, dachte er. Unschlüssig stand er mit der Hose in der Hand.

Ein junger Verkäufer näherte sich eilfertig. »Das ist eine Herrenhose«, sagte er im Kommen.

»Das ist mir nicht entgangen«, entgegnete Stefan geziert und bemühte sich, in eine höhere Stimmlage zu wechseln.

»Ich dachte …«. Der junge Mann verzog entschuldigend das Gesicht. »Die Kasse ist eine Etage tiefer.«

Ohne Zweifel übte Stefan Wirkung aus. Der Verkäufer schien noch unsicher gegenüber Frauen, die zehn Jahre älter waren. Stefan dachte weder an Zahlung noch an die neuerlichen Komplikationen an der Kasse. Ob es ihm gelang, mit einem betörenden Lächeln Verwirrung zu stiften? Immerhin war er eine blonde Schönheit, einen Tick verrucht, begehrlich, betörend – dicht schritt er an dem Verkäufer vorbei und drehte sich im Weggehen um. Der Verkäufer starrte ihm bis er auf die Rolltreppe nach.

Folge 30 vom 1. Mai 2007

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Stefan glaubte zu schweben. Er ignorierte die Druckstellen und genoss den schwingenden Gang, mit den Zehballen anstatt mit den Fersen aufzutreten. Nur der ausgestopfte BH beeinträchtigte das Körpergefühl und störte die Illusion. Gerne hätte er jetzt richtige Brüste gehabt. Auf der anderen Straßenseite bemerkte er einen freien Tisch vor einem Café.

Sie überquerte die Piazza, die menschenleer in der Mittagsglut lag. Der gleichmäßige Takt der Schritte störte die Ruhe. Die Männer, die dösend im Schatten unter den Arkaden saßen, folgten ihr mit Blicken durch die Wimpern halbgeschlossener Augen. Sie hielt den Kopf stolz erhoben und atmete die flirrende Spannung.

Stefan bestellte Capuccino. Ob die Männer ihr nachschauten oder sie sogar ansprechen würden? Vergeblich versuchte er, sich sein Spiegelbild ins Gedächtnis zu rufen. War sie hübsch?

Hübsch? Du bist ein attraktives Mannsbild. Reicht dir das nicht?

Stefan schluckte. Er hatte andere Sorgen, als seine Wirkung als Frau auszuprobieren, einfach und geräuschlos wollte er in die Welt der Männer zurückkehren. Was er hier trieb, sollte keine Clownerie sein, sondern war Notbehelf. Die eigentliche Bewährungsprobe lag noch vor ihm, bei R&C, auch wenn er in einem großen Bekleidungshaus in der Menge der Kunden weniger auffallen würde. Außerdem konnte er bargeldlos zahlen.

Bei den Herrenartikeln kauften auch andere Frauen ein. Stefan fühlte sich dazu gehörig. Wenig später stand er mit einigen Garnituren Unterwäsche, Strümpfen und Freizeithemden an der Kasse. Der Drucker ratterte, ein Ratsch – »Unterschreiben Sie bitte.« Die Kassiererin legte den Beleg auf die Theke und hielt ihm einen Filzstift entgegen.

Die Scheckkarte trug den Namen Stefan Bruhks.

Schweißtropfen rannen ihm den Rücken herab. Hinter ihm stellten sich zwei Kundinnen an.

»Hier.« Die Kassiererin wies auf die weiße Stelle des Belegs.

Er unterschrieb mit Stefan Bruhks.

Die Kassiererin nahm die Karte und verglich umständlich die Daten.

Frag, ob die Zahlung durch die Bank bestätigt wurde.

Stefan schloss für einen Moment die Augen. »Ist die Lastschrift nicht durch die Bank bestätigt?« fragte er wie jemand, dem Zweifel an der Bonität nicht lästig, sondern lächerlich erscheinen.

»Die Lastschrift ist in Ordnung«, antwortete die Kassiererin. Sie schaute suchend durch den Verkaufsraum. »Herr Bichler?« fragte sie, halblaut und zögernd.

»Was ist?« drängte Stefan.

Die Kassiererin machte ein unschlüssige Handbewegung. Dann gab sie ihm die Karte zurück.

Stefan widerstand der Versuchung, einfach davonzulaufen. Nur mit einer Hose konnte er den Alptraum ein für allemal beenden, am besten Jeans, eine für alle. Er studierte die Acrylglastafel an der Rolltreppe. II. Obergeschoss, Herrenbekleidung.