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Mit Ulrich Wickert jetzt vor dem Radio einschlafen

Wickerts BücherDas ging ja fix. Im letzten Oktober gestartet, wird die Literatur-Sendung »Wickerts Bücher« nach der nächsten Ausgabe im Mai schon wieder eingestellt. Ulrich Wickert selbst habe die ARD darum gebeten. Die Vorbereitung auf die Sendung habe zu viel Zeit in Anspruch genommen, so der Moderator in einem Interview mit der FAZ. Wickert will diese Zeit besser für das Schreiben eigener Bücher nutzen. Ganz nachvollziehbar ist diese Ausrede nicht, denn »Wickerts Bücher« wird als Radiosendung überleben. Dann jedoch nur mit einem Studiogast.

Wir erinnern uns an die furiose Auftaktsendung, die wirkte, als käme sie direkt von der Sonnenterrasse eines Seniorenstifts. Immerhin garantierte Wickert selbst den von hartnäckigen Einschlafstörungen Geplagten ein Wegdösen binnen Sekunden. Sie werden Wickert vermissen – oder künftig Radio hören müssen. Eine überflüssige und schnarchlangweilige Literatursendung für Oberstudienräte wird beendet.

Schade nur, dass es damit generell eine Literatursendung im Fernsehen weniger gibt. Denn einen Ersatz wird es nicht geben, da die Kulturchefs der ARD ohnehin im Mai entscheiden wollten, ob »Druckfrisch« mit Denis Scheck oder »Wickerts Bücher« aufgrund der geringen Zuschauerzahlen abgesetzt wird. Wickerts Entscheidung hat die der ARD obsolet gemacht. Zum Glück! Denn ginge es nach Zuschauerzahlen, so stünden im Schnitt 420.000 (Scheck) gegen 520.000 (Wickert). Schecks Art der Literaturkritik ist umstritten, doch kommt seine Sendung im Vergleich zu Wickert wie ein bunter Kindergeburtstag daher. Scheck regt (gelegentlich) mit seinen harten und deutlichen Urteilen auf – und seine Sendung macht Spaß. Wir sollten Wickert danken!

Folge 29 vom 30. April 2007

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Neben einem roten Polo blieb er stehen. Unschlüssig beäugte er das Auto, als wäre er einem ihm unbekannten Modell begegnet. Ob dieses Auto zu dem Wagenschlüssel in seiner Handtasche gehörte? Er probierte – die Fahrertür öffnete sich. Aha, dachte Stefan, man muss den Dingen begegnen, um sie mit Leben zu füllen. Was er jetzt noch brauchte war eine Karte, um überall dorthin zu gelangen, wo er Teile seines Lebens finden würde.

Du hast doch mich.

Bleib ruhig, ermahnte sich Stefan. Vor dem Schuhgeschäft erwischte er einen Parkplatz und, als gäbe es für solche profanen Glücksfälle eine ausgleichende Gerechtigkeit, zerkratzte er sich beim Einparken die Radkappe an der Bordsteinkante.

Typisch einparkende Frau.

Die ironische Milde, das nachsichtige Lächeln in der Stimme nahm Stefan nicht wahr. Nervös stieg er aus dem Wagen. Die beinahe schon vergessene Stimme, die ihm anfangs ständig erzählt hatte, er sei ein Mann, meldete sich in einem denkbar ungünstigen Augenblick zurück, in dem er sich voll darauf konzentrieren musste, eine Frau zu sein.

Vom Auto hastete Stefan in das Geschäft, direkt in die Arme einer Verkäuferin.

»Damenschuhe sind weiter hinten.«

Hatte die Verkäuferin etwas gemerkt? Sie schaut mir direkt durch die Unterwäsche, dessen war er sich sicher. Diese verdammte Hitze!

Wahllos nahm er einen Damenschuh aus dem mit 41beschrifteten Regalfach und setzte sich in einen Sessel. Die Länge stimmte, die Weite nicht. Immerhin kannte er jetzt seine Schuhgröße. Verstohlen schob er die Badelatschen mit einem Fuß unter den Sessel.

»Soll ich Ihnen ein Paar Strümpfe bringen?« fragte die Verkäuferin.

Stefan starrte die Verkäuferin verständnislos an. Das war eine Komplikation, mit der er nicht gerechnet hatte.

»Anproben mit nackten Füßen – es soll doch alles hygienisch sein, nicht wahr?«

Stefan nickte. Während die Verkäuferin die Strümpfe und den anderen Schuh holte, flitzte er in die Herrenabteilung und griff sich Sportschuhe aus einem Sonderangebot. Basketball-Imitat. Zusammen mit Jeans wäre er damit für fast jede Gelegenheit als Mann perfekt gekleidet.

Die Verkäuferin reichte ihm ein Paar Nylonsocken. Wie viele Frauen hatten die Socken wohl vor ihm benutzt?

Er entschied sich für hellbraune Schuhe mit halbem Absatz. Hoch genug, um ihm den typisch weiblichen Gang zu vermitteln. Die Schuhe saßen knapp, noch eben erträglich. Tausend Meter bis zur ersten Blutblase, schätzte er. Er habe ungewöhnlich breite Füße, bemerkte die Verkäuferin.

»Ich lasse sie gleich an«, sagte Stefan, während er die Strümpfe auszog. Seine Stimme kiekste erst und fiel dann eine halbe Oktave tiefer. »Und den Karton brauche ich auch nicht.«

»Soll ich Ihnen denn nicht …« Die Augen der Verkäuferin suchten den Boden um ihn ab.

Fünf Minuten später hatte er neunundvierzig Euro ausgegeben und trat auf die Straße.

Die Sonntagsausgabe der NZZ unternimmt einen Tauchgang in die Blogosphäre der Literatur-Freaks

Bericht in der NZZ Online über literarische WeblogsIn ihrer Sonntagsausgabe vom 29.04.2007 berichtet die Neue Zürcher Zeitung über Literatur und literarische Weblogs im Internet. Der Artikel ist erfreulicherweise auch online nachzulesen. Die Autorin Regula Freuler stellt darin fest, dass man im deutschsprachigen Raum die wirklich interessanten »Litblogs« an einer Hand abzählen könne. Die meisten seien nichts anderes als verkappte Werbeträger, die keinerlei Interesse an verkaufsbeeinträchtigenden Verrissen hätten. Außerdem kämen viele Blogs nach einer enthusiastischen Anfangsphase nicht über die »Bloghalbwertszeit« hinaus, die bei einem Jahr liege.

Auch Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de kommt im Artikel zu Wort, und wir nutzen die Gelegenheit und Grüßen an dieser Stelle ganz herzlich unsere neuen Café-Gäste aus der Schweiz!

Folge 28 vom 29. April 2007

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Den ganzen Sonntag über las Stefan in seinen Manuskripten. Erst vor dem Zubettgehen machte er sich Gedanken, warum das Telefon nicht ein einziges Mal geläutet hatte. In seinem Alter musste er doch Verabredungen haben. Trieb er Sport? Hatte er keine Freundin? Für einen Augenblick beschlich ihn Sorge. Nein, er bemerkte keine Anzeichen spezieller Neigungen an sich.

Am Montagmorgen wurde ein nicht durch Warten oder Nachforschen zu lösendes Problem akut. Wenn er zurück in das Leben draußen wollte, benötigte er eine Grundausstattung an Herrenbekleidung. Die zweihundert Euro aus dem Portemonnaie brachten ihn nicht weit, rechnete er Hemden- und Hosenpreise zusammen. Hoffentlich hatte er Geld auf dem Konto.

Schon mit dem Aufstehen und zwischen den anderen Überlegungen beschäftigte ihn die Frage, ob er als Mann oder als Frau einkaufen sollte. Mit der vorhandenen Damengarderobe gab er sich der Lächerlichkeit preis, wenn er versuchte, wie ein Mann auszusehen. Mit dem schon anprobierten Sommerkleid und dem Strohhut würde er als nicht ganz gelungene Frau überzeugender wirken und weniger Aufmerksamkeit erregen, dachte er. Schuhe! Wenn er sich als Frau auf die Straße wagte, brauchte er zuallererst ein Paar Damenschuhe, auch wenn das Geld dafür aus dem Fenster geworfen war. Bis zum Schuhgeschäft könne er in Badelatschen gehen, weiter traute er sich nicht. Für die Junisonne mit ihren sommerlichen Temperaturen wäre er gekleidet wie eine Mischung aus einem Badegast und einer Sommerfrischlerin. Nur mit dem Slip hatte er Mühe und er überlegte, ob er nicht unten ohne gehen sollte, bis er einen fand, der so geschnitten war, dass ihm das da nicht ständig nach rechts oder links herausrutschte.

Stefan schloss die Wohnungstür geräuschlos ab. Noch bevor er die Treppe erreichte, öffnete sich die Tür nebenan. Überhastet verlor er den rechten Badelatschen und musste zwei Schritte zurück.

Die Nachbarin verharrte an der Tür, die Hand am Knauf. Nach seinem flüchtigen Eindruck schaute sie unfreundlich bis feindselig. Das fängt gut an, dachte er, gleich die erste Begegnung ist ein durchschlagender Erfolg. Unten auf der Straße würden die Leute reihenweise mit den Fingern auf ihn zeigen und sich zuraunen: Stefan Bruhks ist eine Tunte! Trotzdem eilte er so schnell die Badelatschen dies zuließen an der Nachbarin vorbei und die Treppenstufen hinunter. Er musste sich überwinden, die Haustür zu öffnen, erst die Schritte der Nachbarin auf der Treppe gaben den Anstoß.

Stefan trat hinaus auf die Straße. Trotzig summte er Ich bin, was ich bin, und das was ich bin, ist einzigartig … Zugegeben, vielleicht benahm er sich wie ein Narr, aber deshalb wollte er nicht bis auf weiteres daheim im Käfig sitzen. Hier draußen wärmte das Sonnenlicht angenehmer als durch das Wohnzimmerfenster. Den eigentlichen Unterschied machte die Luft, nicht die Wärme, und der Geruch der Straße – warmer Asphalt, Blumen in grauen und grünen Balkonkästen, eine achtlos weggeworfene Schale mit Resten von Pommes frites. Und der Benzindunst, auch wenn er diesen liebend gern aus der Komposition gestrichen hätte.

Er rückte das Strohhütchen zurecht und ging los. Das Kleid trug sich bequem und gar nicht fremd. Der Wind streichelte den Stoff mit sanftem Hauch über die Haut.

Das Märchen vom Ende der Gute-Nacht-Geschichte

Mehr dieser putzigen Pixel-Comics gibt’s bei den Cubies auf MySpace.

Folge 27 vom 28. April 2007

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Ich warf die Schreibwalze nach links und tippte.

Bis zum Abend hatte Stefan den ersten seiner Romane gelesen. Die Handlung spielte in Neuengland, in Vermont. Das erklärte die umfangreiche Neuengland-Abteilung in seinem Bücherregal.

Bis zum Abend brachte ich nur diese drei Sätze aufs Papier. Zwischendurch schritt ich das Wohnzimmer mit großen Schritten ab, eine mittlerweile alberne Angewohnheit, als sei ich auf dem Weg zur großen Inspiration. Dabei war die Stelle in der Handlung überhaupt nicht kritisch, ich musste lediglich erzählen, wie es weiter geht … wie es weiter geht …

Um mich abzulenken blätterte ich bei Hermann Hesse, Narziß und Goldmund, brachte aber nicht genügend Ruhe auf und wechselte zu Kästner, Emil und die Detektive. Ein Band Kishon folgte, dann Frisch, Lenz, Remarque – ich türmte die Bücher aufeinander, legte einige Erinnerungen und Autobiographien oben auf und krönte den babylonischen Stapel mit dem einbändigen schwergewichtigen Literaturlexikon.

Statt eines weiteren Buches öffnete ich eine Flasche Rotwein. Ich bezweifelte, ob dies die richtige Form geistiger Anregung sei, brachte es aber nicht fertig, mich entsprechend dieser Erkenntnis zu verhalten. Ich musste dringend und gründlich durchlüften. Seit drei Wochen war ich nicht mehr beim Training gewesen. Jeden Donnerstagabend traf ich mich in einer Vorortturnhalle mit einigen ehemaligen Kommilitonen, verheiratete und geregelte Einkommensbezieher. Hermann kannte den Vorsitzenden des Sportvereins und hatte für uns eine eigene Abteilung gegründet, Fitness und Kondition, völlig unbeachtet vom allgemeinen Sportbetrieb. Auf dem Programm stand Zirkeltraining, doch das hinderte uns nicht, nach Herzenslust zu bolzen. Wir kippten zwei kleine Stapelkästen auf die Seite und benutzten die offenen Rechtecke als Tore. Wenn wir es zu toll trieben und übermütige Fernschüsse gegen die weiß getünchte Ziegelwand krachten, schreckten wir den Hausmeister auf, der uns ein weiteres Mal verwarnte. Fußballspielen war in der Halle strengstens verboten. Wir zeigten Reue und versprachen, was wir nicht halten würden und glichen wir unser Konto durch einen Kasten Weißbier aus Der Hausmeister nahm ihn mit einem anerkennend gnädigen Ihr Saubuamentgegen.

Es war noch nicht neun Uhr, als ich gähnte. Nicht wieder einschlafen, schärfte ich mir ein.

Ich lag nackt in der Badewanne, ohne Wasser und vollkommen trocken.

»Hast du gut geschlafen, mein Schatz?« fragte Pia. Sie stand in der Tür und hielt mit ausgebreiteten Armen ein großes Badetuch, so dass ich nur den Kopf und die nackten Füße sehen konnte. Sie lachte mich vielversprechend und warmherzig an.

»Soll ich dich abrubbeln?«

Eine Flasche polterte zu Boden und weckte mich. Ich saß mit verschränkten Armen an der Schreibmaschine, mit offenem Mund ,den Kopf zur Seite gekippt. Eine Viertelstunde nach Mitternacht, stellte ich fest. Gegen den steifen, schmerzenden Nacken hob ich den Kopf, dehnte und drehte den Hals. Die Triumph lachte. Wenn ich nicht betrunken gewesen wäre, hätte ich jeden Eid geschworen, dass ihr Lachen keine Sinnestäuschung war. Die Triumph trug ein Geheimnis in sich, da war ich mir inzwischen sicher. Sie war schwanger und würde in neun Monaten den Roman gebären, den ich an der Maschine schlafend nachts verfasst hatte! Im Aufstehen stieß ich die Flasche Beaujolais Villages zur Seite, Bierbüchsen schepperten. Für heute Nacht war Schreiben im Wachzustand sinnlos.

Ich schlief länger als sonst und nahm mir auch beim Frühstück Zeit. Der Tag hatte keine erkennbare Perspektive. Eine Weile schaute ich durch das Fenster den dünnen Regenfäden zu, dann setzte ich mich an die Maschine.

Folge 26 vom 27. April 2007

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Auf dem Rückweg zur Wohnung begegnete ich meinem abgestellten Auto, einem Polo. Endlich wieder einmal volltanken! Ich griff zur Innentasche der Jacke, wo das Geld steckte. Von einem Augenblick zu anderen verschwand das Glücksgefühl und ich sah den Besuch des Geldbriefträgers in seiner wahren Bedeutung: Ich hatte Pia an Mutter verkauft! Dabei war ich mir noch nicht einmal klar darüber geworden, ob ich Pia zurück wollte oder nicht.

Als nächstes sah ich silbern umbördelte, grinsende Tasten. Das Geld reicht, um den Roman ungestört zu Ende zu schreiben, hörte ich. Das war eine klare Botschaft und sie enthob mich der Entscheidung, das Geld empört zurück zu schicken oder mich von Mutter gekauft zu fühlen. Wenn es nun schon einmal da war, würde ich mich zunächst beim Discounter mit dem Nötigsten versorgen. Auf dem Weg dorthin summte ich No woman, no cry.

Ich verließ den Discounter mit vier Einkaufswagen. Vor dem Haus fand ich keinen Parkplatz, also blieb mir nur die radikale Lösung. Ich schaltete die Warnblinkanlage ein und parkte in der zweiten Reihe. Heute konnte ich mir sogar ein Strafmandat leisten.

Kallweit stützte seine Oberarme wie gewöhnlich auf das goldbraune Sofakissen im Fensterrahmen. Ohne eine Miene zu verziehen sah er mir zu, wie ich zwölf Kartons Rotwein nach oben schleppte, mehrere Papp-Paletten mit Dosenbier und einige große Kartons mit allem Möglichen, was ein Einpersonenhaushalt braucht, bevorzugt Essbares mit Verfalldaten, die ich teilweise durch das Fernrohr nicht erkennen konnte. Eine schöne Formulierung, die ich mir nach einem der Aufstiege in die dritte Etage sogleich notierte.

Ich war ziemlich geschafft und durchgeschwitzt, trotz meiner auf Bergwanderungen erprobter Kondition, musste aber den Polo noch strafzettelfrei parken.

Drei Querstraßen weiter zwängte ich mich in eine Lücke, die eine junge blonde Frau mit einem kleinen Fiat hinterließ. Während sie einstieg und ich blinkend wartete, erinnerte ich mich daran, dass wir im Gymnasium eine Zeit hatten, in der wir die Mädchen nach ihren Fahrgestellen zu taxieren pflegten. Dabei wussten wir nicht einmal, wie man richtig fährt.

In der Küche sortierte ich die Einkäufe, das Trinkbare unter und neben den Tisch, Essbares in den viel zu kleinen Vorratsschrank und kunstvoll aufgeschichtet auf den Tisch. Zufrieden schaute ich mich um. Die Küche war nun wieder begehbar und es gab keinen Grund, mit der Arbeit nicht fortzufahren; alles Profane, was mich ablenken konnte, hatte ich mit einem Schlag erledigt.

Textkritik: Erhängte Kinder mit drei Brillen

Maltes Meinung - Die Textkritik im literaturcafe.deMalte Bremer bespricht in unserer Rubrik »Textkritik« diesmal einen Prosatext. Der Inhalt ist grausam und der Text altertümlich. Die Kombination könnte durchaus passend sein, wenn da nicht ein paar inhaltliche Merkwürdigkeiten stören würden.

Lesen Sie die vollständige Textkritik zu »Vater und Söhne«… 

Textkritik: Vater und Söhne – Prosa

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Zweig stand mit seinem Vater und seinem elf Jahre altem Bruder in einem der Zimmer des Hauses auf der Waldlichtung, welches bis vor kurzem noch sein Großvater bewohnt hatte. Der Großvater war gestorben und die Räume nun sämtlich leer geräumt. Das Haus, alt und heruntergekommen, stand zum Abriss bereit. Zweig und sein Vater blickten zum Fenster hinaus. Viele Menschen gingen draußen am Waldesrand spazieren. In zwei besonders hohen Tannen hingen dort zwei Kinder mit ihrem Kopf in Schlingen aufgeknüpft. Ihre toten Körper, durch den Wind bewegt, schwangen schlaff und von den lustwandelnden Spaziergängern kaum beachtet, im hohen Geäst der Bäume.
»Recht ist geschehen, dieses Lumpenpack. Mögen sie als Warnung für alle anderen dienen, die sich an fremden Eigentume vergreifen wollen«, sagte der Vater.
»Aber es waren noch Kinder! Welches Verbrechen könnten sie schon schuldig sein als dass sie den Tod verdienten!« entgegnete Zweig ungehalten.
»Schweig still, Sohn. Was verstehst denn du schon von der Welt dort draußen, in der weder Zucht noch Ordnung herrschen können, da weichherzige Menschen wie du einer bist durch ihr ständiges Gerede von Vergebung und Milde schuldig an Verbrechen werden, die von genau diesem Gesindel, welches dort in den Bäumen hängt, zukünftig noch begangen werden, wenn einmal wieder die Barmherzigkeit über erforderlicher Härte obsiegt hat! Jawohl, ich sage schuldig! Schuldig für Verbrechen an unschuldigen Seelen, die durch Strenge hätten verhindert werden können.«
»So hängt mich doch neben sie! Wie sollen solche Kinder mit ihrem unausgebildeten Verstande unterscheiden können zwischen Recht und Unrecht von Taten, die sie aus ihrer Not, aus der bloßen Notwendigkeit zu überleben begangen haben. Ihr habt gut Reden, Euch mangelt es nicht an Essen und Kleidung und einem Dache über Eurem Kopfe. Oder würdet Ihr am Ende gar an Eurem jüngsten Sohne, der im gleichen Alter wie die Armen dort, solches Recht verüben?«
»Ja, das würde ich, mit aller Härte, die nicht vor Stand und Ansehen halt machen darf.«
Fassungslos starrte Zweig seinen Vater an.
»Ihr wollt Recht und Strenge? So sollt Ihr es erhalten und erfahren am eigenen Leibe!«, sprachs und sprang auf den überraschten Vater los, legte von hinten seine Arme um ihn und zerrte ihn zu Boden. Mit dem ganzen Einsatz seines Körpergewichtes drückte er mit beiden Händen die Kehle seines Vaters zu, der wahnsinnig vor Wut begann, um sich zu schlagen. Der kleine Bruder schaute ängstlich zu der schrecklichen Szene, als Zweig ihn anrief:
»Komm her, kleiner Bruder und tue Recht an deinem Vater, für all die Verbrechen, die er an dir zukünftig noch verüben wird, komm her zu mir und nimm diesen Schuh
Der kleine Bruder schien wie betäubt, und doch lenkten seine Schritte ihn zum Kampfgemenge, wo er zögernd den von seinem älteren Bruder ausgezogenen und ihm nun hingereichten linken Schuh ergriff.
»Und nun schlag zu, mit dem Absatz genau hier an diese Stelle auf den Hals, wo unserem Vater eigentlich eine Schlinge besser stände
Während Zweig seinen in Panik schnaufenden und ringenden Vater weiter fest an den Boden drückte, schlug der kleine Bruder wie befohlen auf den bloßgelegten Kehlkopf ein, und waren die ersten Hiebe noch zögerlich und schwach, so waren die folgenden, angefeuert durch laute Zurufe seines ältern Bruders, immer härter und unbarmherziger, bis schließlich nur noch das erschöpfte Keuchen der beiden Brüder zu hören war.

© 2007 by Matthias Kastner. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Der altertümelnde Stil macht den grausamen Inhalt noch drastischer: Zweig ist ein würdiger Zweig im Stammbaum seines Vaters – der müsste eigentlich stolz auf seinen Sohn sein, wenn er noch könnte …
Das Bemühen um den veralteten Stil ist nicht immer erfolgreich, und der inhaltliche Unfug bei der Beschreibung dieses Kampfes muss dringend beseitigt werden!

Die Kritik im Einzelnen

Die Grammatik verlangt hier »alten« Bruder – aber besser wäre noch … und seinem elfjährigen Bruder zurück
Großvater ist Einzahl, Räume sind Mehrzahl – folglich kann sich das war nicht auf Räume beziehen, sondern es müsste wiederholt werden: … war gestorben und die Räume waren nun … Das ist aber höchst unschön; besser wäre, Räume durch Haus zu ersetzen, dann bliebe es bei 1 war. zurück
Dieser Satz ist von seinem Informationswert überflüssig, denn des Hauses Abrissnähe hat nichts mit der folgenden Handlung zu tun! Sollte er aber symbolisch gemeint sein, das heißt, dass es in dem Text um – angeblich – veraltete Ansichten geht, wäre das ebenfalls gedoppelt, da die bewusst altertümelnde Sprache das Gleiche zur Genüge leistet.
Übrigens habe ich nur deshalb zuvor den Ersatz von Räume durch Haus angeraten, alldieweil die Entfernung dieses Satzes, welcher bekanntlich mit Das Haus beginnt, die Wiederholung eben dieses Wortes vortrefflichst verhindert. Aber genug der altertümelnden Schreibweise, ich werde jetzt wieder normal – es hat mich halt gereizt … zurück
Das Wort ist überflüssig, schließlich ist der Ort eindeutig festgelegt durch die beiden Tannen. zurück
Diese Formulierung ist unglücklich, denn aufgeknüpft bedeutet ja, dass sie ihre Köpfe in Schlingen haben und hängen! Die einfachste Lösung wäre, das aufgeknüpft durch ein Komma abzutrennen: Dann würde damit betont, dass die Kinder sich nicht selbst erhängt haben, sondern eben aufgeknüpft wurden. zurück
Hier tummelt sich ein zuvieles Komma: hinweg! zurück
Hier schreien Grammatik und das gesunde Sprachempfinden nach einem Genitiv: Verbrechens zurück
Dieser Satz läuft aus dem Ruder! Dieses als steht völlig sinnlos im Satz herum; löschte man es und fügte nach sein ein Komma ein, würde der Satz sinnfällig. zurück
Hier hat der Vater offenbar den Faden verloren: Aufgeknüpft wurden die Kinder, weil sie sich an fremdem Eigentum vergriffen haben – was aber hat das Eigentum mit unschuldigen Seelen zu tun? zurück
Das Komma möge entfernt und der Satz mit einem großem Sprachs weitergeführt werden, so waren anno dunnemals die Gepflogenheiten! zurück
Das müssen wir uns jetzt einmal ganz genau betrachten: Zweig packt also seinen Vater von hinten und zerrt ihn zu Boden. Da der Vater die Arme frei hat, um um sich zu schlagen, muss Zweig unter den Vater geraten sein: so wäre er auch relativ sicher vor dessen Schlägen. Gleichzeitig steht da aber, dass er mit dem ganzen Einsatz seines Körpergewichtes mit beiden Händen die Kehle seines Vaters zudrückte (zweimal mit =3: mit 2 Händen und mit 1 Körpereinsatz! Besser: unter Einsatz …). Folglich befindet er sich er über dem Vater und gibt so eine gute Zielscheibe ab. Warum der Vater hier wahnsinnig vor Wut sein soll und keine Panik schiebt, bleibt unerfindlich. Ganz und gar unglaubwürdig wird angesichts dieser (sehr unklaren) Situation die im nächsten Absatz folgende, höchst gediegen gedrechselte Ansprache an den kleinen Bruder. zurück
Es reicht doch, dass der kleine Bruder zuschaut. Es gibt in dem leeren Zimmer außer dieser Rauferei schließlich nichts zu sehen. Wenn es denn unbedingt sein müssen sollte, dass der kleine Bruder diese Szene betrachtet, dann sollte er nicht zu der Szene schauen, sondern auf sie; und dass diese Szene schrecklich ist, muss nicht mit dem Holzhammer in die Leserköpfe getrieben werden: hinweg mit diesem albernen Adjektiv! zurück
Das ist dieser völlig unglaubwürdige Satz angesichts der Situation! Zumindest hat er etwas unfreiwillig Hochkomisches! zurück
Die Hochkomik setzt sich fort: Man stelle sich Zweig vor, der unter Einsatz seines Körpergewichtes mit beiden Händen die Kehle seines Vater zudrückt, dabei formvollendet umständlich seinen kleinen Bruder zu sich bittet und währenddessen mit der an seinem dritten Arm befindlichen Hand den linken (prima, dadurch gewinnt man eine genauere Vorstellung von dem Ort, an dem ihm der dritte Arm entsprießt). Schuh ausgezogen hat und nun seinem kleinen Bruder darreicht. Dazu fällt mir nichts mehr ein! zurück
Der altertümelnden Sprache zulieb empfehle ich hier stünde. Empfehlen würde ich dem kleinen Bruder auch, auf diese Stelle am Hals zu schlagen, da man gemeinhin auf etwas schlägt (außer beim Anschlag). zurück
Die Situation klärt sich, der Erzähler hat wieder festen Boden unter seinem Stift, seine kurzzeitige Verwirrnis ist verflossen: Zweig drückt den ringenden Vater an den Boden, dieser darf endlich Panik schieben, um sich schlagen tut er auch nicht. zurück

Folge 25 vom 26. April 2007

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Am nächsten Morgen schreckte mich heftiges Klingeln aus dem Bett. Ich warf mir den Bademantel über und stolperte benommen zur Wohnungstür. Vor der Tür stand der Briefträger, in der dritten Etage – ein Wunschtraum war in Erfüllung gegangen!

»Grüß Gott«, sagte er und las mir fragend meinen Namen vor.

»Das bin ich«, bestätigte ich und nahm ihm den Einschreibebrief ungefragt aus der Hand. Von meiner Mutter. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was zwischen Mutter und mir wichtig genug für eine solche Förmlichkeit sein könnte. Ich riss den Umschlag auf und zog den Brief heraus.

Mein lieber Junge!

Nachdem Du mir am Telefon von der Trennung mit Pia erzählt hast und nun so schnell keine Aussicht auf eine Heirat besteht, habe ich mich entschlossen, Dir das Geschenk Deines verstorbenen Großvaters auszuzahlen. Er hatte Dir das Geld für Deine Hochzeit zugedacht. Du bist ja inzwischen in dem Alter, wo andere schon die Scheidung hinter sich gebracht haben. Mir ist es aber so herum lieber, auch wenn ich die Sorge um Dich endlich in liebevolle jüngere Hände legen würde. Ewig werde ich nicht leben, um für Dich da zu sein.

Der Briefträger bückte sich und hob ein kleines Stück Papier auf. »Bitt‘ schön, der Herr«, sagte er und reichte mir den Scheck, den ich mit dem Schreiben meiner Mutter aus dem Kuvert gezogen hatte.

Zweitausendfünfhundert Euro!

»Hier brauch‘ ich noch eine Unterschrift.« Ich kritzelte meinen Namen.

Der Briefträger tippte mit dem Zeigefinger irgendwo zwischen Auge und Ohr und wünschte einen schönen Tag.

»Ja, ja«, antwortete ich abwesend.

Den Anruf bei Mutter verschob ich auf die Abendstunden mit dem günstigeren Tarif. Eine halbe Stunde später verließ ich das Haus im Eilschritt. Die Filiale der Sparkasse, bei der ich in Erwartung der Tantiemen ein Konto unterhielt, lag zwei Straßenecken entfernt und damit nah genug, um meine Ungeduld bis dorthin zu zügeln. Ich übergab den Scheck einem Angestellten und bat um Auszahlung von fünfhundert Euro. Der Angestellte schaute skeptisch, immerhin konnte er den Scheck nur Eingang vorbehalten gutschreiben, wie er mir sagte, und die Sparkasse kannte mich nicht als guten Kunden, denn weder hatte ich viel Geld noch einen Haufen Schulden, ich war immer nur knapp bei Kasse. Von meiner Mutter, fühlte ich mich verpflichtet zu erwähnen, während der Angestellte den Zahlungsbeleg ausstellte. Ich bekam auf diese Erklärung keine Antwort und ärgerte mich über meine Unsicherheit. In diesem Schalterraum war ich ebenfalls unbedeutend.

Ob ich das Geld in einen Urlaub investieren sollte? Mal ausspannen, das Gehirn frei machen … Der Angestellte zählte flink das Bargeld vor mir ab.

Folge 24 vom 25. April 2007

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Zweites Kapitel

Stefan verbrachte die Nacht auf der Couch. Am Morgen nahm ihm der Nacken die unbequeme Lage übel.

Auf dem Couchtisch standen die Reste einer Abendmahlzeit und eine leere Flasche Chianti Classico, unter dem Tisch lag ein Blatt. Er hob es auf, es war die Manuskriptseite, bis zu der er den Text gelesen hatte.

Im Badezimmer zog er sich aus und warf die Kleidungsstücke über den Wannenrand. Beim Einseifen unter der Dusche zögerte er unten herum und nahm den Waschlappen vom Haken. Auch beim Abtrocknen ging er behutsam vor.

Auf der Suche nach Hautcreme öffnete er den Wandschrank. Die Fächer enthielten Cremes in Tuben und Gläschen, Wimpernroller und verschiedene Make-up in aufklappbaren Plastikdöschen. Die Markennamen waren ihm aus der Werbung geläufig, doch überforderten die Aufschriften teilweise seine Sprachkenntnisse. ‚Moisture on-line‘? Die helle Creme roch unaufdringlich. Eine andere, gleichfarbige hieß ‚Exceptionally soothing cream for upset skin‘. Er stellte das kleine Glas zurück an seinen Platz neben ein tiefblaues, ‚Fruition Extra Multi Action Complex‘. Keine weitere Erklärung, keine aufgedruckte Gebrauchsanweisung. Vielleicht zur Unterstützung der Fruchtbarkeit bei Frauen? Oder zur sexuellen Anregung?

Die andere Seite des Wandschrankes enthielt Medikamente, Aspirin, ein Schnupfenspray und eine Schachtel mit kompliziertem Namen, darunter in kleineren Buchstaben ‚Ovulationshemmer‘. Im oberen Fach standen einige Eau-de-Toilette-Fläschchen, vorzugsweise Gucci und Channel. Im Schrank neben dem Waschtisch waren frische Badetücher aufgestapelt, in der Schublade lag allerlei Kram wie Lockenwickler, Haarspangen, Schleifen, und ein kleiner Rasierapparat. Stefan fühlte mit den Fingerspitzen über Kinn und Wangen. Die Haut war glatt.

Nach dem Duschen probierte er einen Teil der Garderobe, bis ihm die Sache zu dumm wurde und er den Morgenmantel überzog, der durch den ausgerissenen Ärmel in der Schulter passabel geweitet war. Zur Tagesgestaltung fiel ihm nichts ein, also spülte er das Geschirr und räumte auf. Dann nahm er sich den kleinen Stapel Blätter und setzte die Lektüre fort. Seine Romane zu lesen war ihm wichtiger als zu frühstücken. Er wunderte sich über den stark ausgeprägten Sinn für eine schlanke Figur.

Um zwei Uhr nachts wachte ich an der Maschine sitzend auf. Schlafen an der Schreibmaschine schien zur Gewohnheit zu werden. Der Regen hatte nicht nachgelassen, meine Blumen waren durch das offene Fenster begossen und breite Streifen Spritzwasser über die Fensterbank und die Tapete auf den Teppichboden gelaufen. Mit dem achtlos über das Sofa geworfenen Badetuch betupfte ich die Tapete und rieb über die feuchten Stellen des Teppichbodens.

Ich machte mich an die Durcharbeitung des zweiten Kapitels, auch wenn es erst wenig mehr als eine Seite lang war; ich hobelte, glättete, feilte. Schließlich gab ich auf. Wortschatz und Ausdruck versagten gegen die aneinander gereihten Alltäglichkeiten, die Handlung wollte mir nicht gefallen und die Witzchen über kosmetische Produkte wirkten wie eingeklebte Effekthascherei, ohne eigentlichen Bezug zum Thema. Mit der Hand kehrte ich die schwarzgrauen Rubbeln meines Radiergummis auf der Schreibtischplatte zusammen, das Ergebnis von einer Stunde Anstrengung.

Am Vormittag rief ich bei Engelmayr vom Abendblatt an. Er würde erst Dienstag wieder in der Redaktion sein, hieß es. Somit konnte ich die nächsten Tage nicht einkaufen gehen. Es war wieder einmal Tütensuppenzeit, und mein Talent musste ich von jetzt an auch nüchtern beweisen. Statt Bier gab es gekühlten schwarzen Tee, der nicht lange gezogen hatte, weil ich die Teebeutel streckte.

Den weiteren Tag verbrachte ich vor dem Bücherregal mit Literaturstudien auf der Suche nach geeigneten Textstellen, die sich als Versatzstücke für meine Hemmungslos-Kopiertechnik eignen würden. Abends sah ich mir einen Film mit Kim Basinger und Bruce Willis an. Ich beneidete den Drehbuchautor um seine zündenden Einfälle, ohne mir damit den Spaß und das Vergnügen zu verderben.

Die wichtigsten Tipps eines Verlagslektors

Screenshot (Ausschnitt) von ard.deEin Beitrag auf ARD.de, in dem es um anscheinend boomende Literaturportale im Internet geht, führte uns über die verwandten Beiträge auf ein sehr interessantes, drei Monate altes Interview mit Andreas Paschedag, der seit sechs Jahren Lektor beim Aufbau-Verlag ist. Seine Tipps, wie man bei einem großen Verlag unterkommt oder zumindest welche Fehler man vermeiden sollte, lesen sich wie eine Zusammenfassung all dessen, was immer wieder im literaturcafe.de zu finden ist. Wir erlauben uns daher eine Zusammenfassung der Zusammenfassung der häufigsten Fehler.

Folge 23 vom 24. April 2007

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Ich rührte Ochsenschwanzsuppe aus der Tüte an und servierte sie mit zwei Scheiben trockenem Brot. Das Brot tunkte ich in die heiße Suppe.

Komm, lachte die Triumph. Ich machte mir nicht die Mühe, den Teller wegzuräumen, zog den Gürtel des Bademantels fester und setzte mich an den Schreibtisch.

Neuerliche Gewissensbisse setzten mir zu. Stefanies verzweifelte Hilflosigkeit ließ mich nicht kalt und ich hatte beim Schreiben der letzten Absätze daran gedacht, ihr einen tröstenden Hinweis zu geben. Ehrlich gesagt – ich liebte sie und wäre gerne zu ihr auf das Papier gestiegen. Zwar schrieb ich über einen Mann, doch blieb hartnäckig die blonde Frau in meinem Kopf haften. Weit und breit war auch niemand außer Stefanie, dem ich meine Gefühle entgegen bringen konnte. Pia? Ich machte mir nicht den geringsten Vorwurf, dass ich betrunken über sie hergefallen war. Höchstens einen klitzekleinen – ich hätte mir beizeiten eine andere suchen sollen, eine für das Herz und die Seele, die mich nicht nur als Sprachverbieger schätzte. Späterer Gebrauch des Verstandes nicht ausgeschlossen.

Meine Gefühle für Stefanie waren für den Fortgang des Romans ausgesprochen hinderlich. Wie sollte ich mich mit der Allmacht der Lektorinnen auseinandersetzen, wenn ich meine Lektorin liebte, kaum dass ich sie auf wenigen Seiten skizziert hatte, und von ihren blonden Haaren in meinen Fingern träumte! Hatte ich so etwas wie einen Marilyn-Monroe-Komplex? Ich versuchte mich zu konzentrieren. Schwarz oder weiß, entweder gegen die Lektorinnen oder es sein lassen Ich musste mich entscheiden.

Die Triumph grinste nach wie vor. Klar, sie wollte benutzt werden. Mein Blick fiel auf den roten Schnellhefter im Regal, eingezwängt zwischen zwei Ausstellungskataloge. Ich zog den Hefter heraus und blätterte durch die gesammelten Absagen. Multipliziert mit drei bis fünf Stunden pro Absage kam eine Menge Hausarbeit zusammen. Mit sämtlichen auffindbaren Stecknadeln heftete ich die Absagen an die Wand über dem Schreibtisch. Wenn ich den Kopf von der Schreibmaschine hob, war das Ziel vor Augen. Die alte Kampfesstimmung kehrte zurück, gegen die Stefanie machtlos blieb. Als Traumfrau konnte sie sich gegen die gelebten Gefühle nicht durchsetzen.

Entschuldigung, Stefanie. Wenn ich erfolgreich bin, brauche ich dich nicht mehr. Ein schrecklicher Gedanke. Wild trommelte ich auf die Maschine ein, bis ich mir an der Kante des Walzenkorbes die Handballen aufritzte und Blut auf das eingespannte Blatt tropfte. Der Schmerz und der rote Fleck gaben mir meine Beherrschung zurück. Ich ging ins Badezimmer und schnippelte mit der Nagelschere Heftpflasterstreifen zurecht. Von nun an musste ich den frischen Schmerz ertragen, wenn ich die Finger bewegte.

Folge 22 vom 23. April 2007

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Ich markierte die nächste Zeile durch eine Klammer ohne Text. Auf diese Weise half ich mir, wenn Übergänge in der Handlung oder in Gedankengängen fehlten, die ich später nacharbeiten musste.

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Mit einiger Mühe zwang er sich, weiter zu forschen. Den Computer durchsuchte er nach Programmen und Daten, die ihm Aufschluss über sich geben könnten. Vier große Textdateien entpuppten sich als Romane, dazu gab es Briefe an verschiedene Verlage. „Beigefügt übersende ich Ihnen …“, „erlaube ich mir, Ihnen meinen neuen Roman zu übersenden …“, „wünsche ich Ihnen viel Spaß beim Lesen.“

Ich bin ein Schriftsteller, dämmerte es ihm. Wo waren die Antworten auf seine Schreiben?

Der rote Schnellhefter, instruierte ihn die Stimme.

Der gut gefüllte Plastikhefter steckte im Bücherregal zwischen zwei Ausstellungskatalogen. Hier müsste er auch die Verlagsabrechnungen finden. Obenauf befand sich die Absage des Angelmann-Verlages. Er blätterte weiter. „… müssen wir Ihnen leider mitteilen … erhalten Sie beigefügt Ihr Manuskript zurück … wünschen wir Ihnen viel Erfolg.“ Noch eine Absage, die nächste Absage, eine weitere Absage, ausschließlich Absagen.

Ich bin ein erfolgloser Schriftsteller, befürchtete er und wusste gleichzeitig, dass es der Wahrheit entsprach. Und dann sagte die Stimme, ohne die bisherige freundliche Nachsicht: Wie fühlst du dich, Lektorin?

Stefan verstand nicht. Ebenso wenig wie die Frage selbst konnte er sich die ihn überkommende Traurigkeit erklären.

Vier Romane hatte er geschrieben, Gott sei Dank keine Sachbücher. Die vier Romane waren Stücke aus ihm selbst, also galt es sie zu lesen, wenn er mehr über sich erfahren wollte. Weder in den Schubladen noch im Bücherregal fand er die Manuskripte. Offensichtlich gab es keine Ausdrucke.

Der Drucker war zwei Stunden beschäftigt, dann lagen tausendachtundfünfzig Blatt vor ihm.

Der Hunger löste mich von der Schreibmaschine. Die Sonne war inzwischen hinter einer grauschwarzen Wolkenwand verschwunden und es hatte zu regnen begonnen. Durch das Fenster ließ ich abgekühlte Luft ins Zimmer.

Der Küchenschrank bot nicht mehr die große Auswahl. Spaghetti Napoli, eine Dose Linsen, Tütensuppen. Der Bierkasten war bis auf zwei Flaschen geleert und von meinem Lieblingsrotwein aus dem Supermarkt – einem Chianti Classico zu einsneunundvierzig für dreiviertel Liter – gab es nur noch eine volle und eine angebrochene Flasche. Ich musste ans Geldverdienen denken. Gleich morgen würde ich Engelmayr vom Abendblatt anrufen, meine Geldquelle in Notfällen. Er ließ mich gelegentlich kurze Artikel schreiben, wenn ihm die Sachverhalte zu technisch waren und er sich nicht auskannte oder einfach zu faul zum Recherchieren war. Der arme Schlucker, sagte Engelmayr zu seinem Kollegen in der Buchhaltung und sorgte dafür, dass ich mein Honorar in bar ausgezahlt bekam. Beim Taxi fahren verdiente ich mehr. Die lohnenden Fuhren gab es jedoch erst abends und nachts, ich tauschte sozusagen Geld gegen Kreativität ein und verhedderte mich tagsüber in meinen Romanhandlungen. Oft setzte ich dann mit dem Schreiben ganz aus.

Vortrag des literaturcafe.de am 3. Mai in Second Life: Online-Marketing für Verlage, Buchhandel und Autoren

Avatare im literarischen Gespräch»Lesen jetzt in Web 2.0?« heißt der Vortrag, den der Inhaber des literaturcafe.de, Wolfgang Tischer, am 3. Mai 2007 um 20 Uhr (MESZ) in der digitalen Welt Second Life halten wird. Welche Möglichkeiten bieten Weblogs, Podcasts, MySpace, YouTube und Second Life für das Marketing im Buch- und Literaturbereich? Erreicht man damit neue Zielgruppen oder sollte man besser abwarten, um kein Geld zu verbrennen? Der Vortrag wird die Möglichkeiten anhand von Praxisbeispielen erläutern.

Sie können bei diesem Ereignis live dabei sein, dem Referenten Fragen stellen und das Gehörte gemeinsam diskutieren. Wie das funktioniert, ist hier genau beschrieben.