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Folge 21 vom 22. April 2007

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Stefan ging zurück ins Wohnzimmer. Keine seiner bisher aufgestellten Theorien konnte ihn überzeugen. Handtasche und Frauengarderobe ließen sich arrangieren, Erinnerungen konnten selbst Freunde, die sich einen besonders schlechten Scherz ausgedacht hatten und ihn perfekt inszenierten, nicht manipulieren. Bis auf seinen Namen und eine Menge Dinge, die er wie selbstverständlich tat, wusste er nichts über sich. Sogar das Zeitgefühl hatte er über Nacht verloren. Das Fernsehen teilte ihm den Wochentag mit, Samstag. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn niemand im Büro vermissen würde, war also hoch. Dabei war er sich gar nicht sicher, ob er überhaupt in einem Büro arbeitete.

Halt! Seine persönlichen Papiere könnten ihm Aufschluss geben, die er in zwei blauen Leitz-Ordnern aufbewahrte.

An der Stelle im Schrank klaffte eine Lücke.

Stefan zwang sich zur Ruhe. Für diese Art der Standortbestimmung in seinem Leben musste er systematisch vorgehen. Die bekannten Dinge, auf die er schon gestoßen war, legte er auf den Couchtisch: Ausweis und Führerschein, ein Portemonnaie mit vier Fünfzig-Euro-Scheinen und etwas Kleingeld, eine Scheckkarte. Seine ganze Hoffnung konzentrierte sich auf das kleine Notizbuch aus rotem Leder. In ihm lag vermutlich der Schlüssel zur Außenwelt: Adressen und Telefonnummern.

Stefans Puls beschleunigte sich.

Im Notizbuch fand er weniger Einträge als erwartet und erhofft. Er wählte die Nummer von Melanie.

"Hallo, hier ist Stefan", meldete er sich.

"Ja?" Melanies Stimme blieb kühl.

"Ich bin’s, Stefan", sagte er mit Nachdruck.

"Was wünschen Sie?"

Stefan legte den Hörer auf.

Bei Ulla, Betta, Lisa und Klaus blieb er ebenfalls erfolglos. Nur mit Thomas kam er ins Gespräch. Thomas stellte nach drei Minuten fest, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsste.

Stefan schlug die erste Seite des Notizbuches auf – es gehörte Stefanie Bruhks!

Hab ich sie bei einer Schlamperei ertappt, meinte die Stimme fröhlich.

"Wer hat geschlampt?" fragte Stefan. Die Stimme antwortete nicht.

Stefan zweifelte nicht, dass Notizbuch und der Inhalt des Kleiderschrankes zusammen gehörten. Noch fehlte das Bindeglied, das ihn mit diesen Dingen in Beziehung brachte. In dieser Wohnung lebte nur eine Person, entweder eine Frau oder ein Mann. Er war nicht verheiratet, glaubte er, zumindest kamen ihm bei dieser Überlegung keine Zweifel. Während er in seiner Erinnerung nach einer möglichen Frau forschte, fiel ihm die Lösung zu: Ich bin in der Wohnung meiner Schwester! Warum war er nicht früher auf die Lösung gekommen?

Der Berg, der auf Stefan lastete, bröckelte, doch das befreite Glücksgefühl wollte sich nicht einstellen. Hoffentlich erkennt meine Schwester mich, dachte er skeptisch. Sie war ihm so fremd wie die Namen im Notizbuch. In seinem Bauch ballte sich eine ohnmächtige Wut zusammen.

Ungewöhnlich lange reflektierte ich an dieser Stelle. Ohnmächtige Wut … Stefan sollte nicht toben, ich wollte keine Aggression beschreiben, es gab auch niemandem, den Stefan anschreien konnte. Die Geschichte war noch nicht auf ihrem Höhepunkt und da mussten die Gefühle steigerungsfähig bleiben. Sollte ich Enttäuschung und Verzweiflung beimischen, um die Wut zu dämmen? Teuflisch, sagte ich mir, du denkst wie ein Alchimist in menschlichen Emotionen.

Mein Argwohn wuchs. Selten schrieb ich längere Passagen in einem Stück, ich überlegte und formulierte zwischendurch im Kopf. Diese Pause war keine gewöhnliche, mir fehlten einfach die Worte, um mit der Wut von Stefan umzugehen! Ich selbst war nie ausfallend geworden und lenkte die Wucht der Verlagsabsagen stets nach innen und gab mich nach außen deprimiert.

Folge 20 vom 21. April 2007

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Das Telefon klingelte. Vorsichtig stapfte ich über die Fliesen, nahm im Vorbeigehen ein Badetuch und den Bademantel vom Haken und rannte ins Wohnzimmer. Pia hatte eingesehen, dass ihre Reaktion überzogen war und wollte sich mit mir versöhnen. Versöhnungen sind romantisch und vielversprechend.

»Mein Junge«, sagte meine Mutter, nachdem ich mich gemeldet hatte. »Ist alles in Ordnung?«

»Ja.«

»Du lässt überhaupt nicht mehr von dir hören.«

Ich ging auf den gewohnten Vorwurf nicht ein. »Ich erwartete einen anderen Anruf.« Mit einer Hand versuchte ich, mich so gut wie möglich abzutrocknen.

»Von einem Verleger?« erkundigte sie sich, aufreizend hoffnungsvoll.

»Nicht direkt.«

Die nächsten zehn Minuten des Telefonats verliefen wie die anderen vorher. Wenn ich doch endlich wieder einen anständigen Beruf ergreifen würde, dann sei sie eine große Sorge los. Ich beteuerte wie üblich, erwachsen genug zu sein, und versprach, mich nach etwas anderem umzusehen. Demnächst. Das Manuskript, an dem ich derzeit schrieb, müsste selbstverständlich erst fertig werden. Sonst wäre die ganze Mühe umsonst gewesen.

Unnötige Mühe? Mutter verstand. Wie das Buch denn heißen solle.

»Es ist ein Manuskript!« bellte ich gereizt in den Hörer.

»Schrei mich nicht an«, beschwerte sie sich. »Ich bin schließlich deine Mutter!«

»Schreib, wenn du kannst.«

»Wieso ich? Du kannst doch schreiben, oder?«

»Das ist der Titel, Mutter.«

»Du hast seltsame Einfälle! Kein Wunder, dass du keinen Verleger findest.«

Ich lenkte das Gespräch auf erfreulichere Dinge, zum Beispiel, dass mit Pia Schluss war. Über Pia hatte ich Mutter nur das Notwendigste erzählt, aber sie hatte sich mit dem ihr eigenen Instinkt aus dem Wenigen ein Bild gemacht. Sie konnte Pia nur bedingt leiden und schwankte zwischen der eigenen Meinung und dem notwendigen Respekt vor meiner Entscheidung; Pia war ihr zu entrückt, sie verstand offenbar kaum etwas vom Haushalt und ließ sich keine Kinder machen. Mutter tröstete mich. In Bochum gebe es genug anständige Mädchen, erst neulich die freundliche Krankenschwester, als sie für eine Woche zur Beobachtung im Krankenhaus gelegen hatte. Wie ich Mutter kannte, hatte sie in höchsten Tönen von mir als dem angehenden Literaturpreisträger geschwärmt. Wie ich Krankenschwestern kannte, hatten sie freundlich und geduldig zugehört, weil meine Mutter eine liebenswerte alte Dame ist, der man solche Dinge nachsieht.

»Schön, dass du angerufen hast«, sagte ich wehmütig, als sie ihre Krankenhausepisode abgeschlossen hatte. »Ich komme demnächst einmal hoch. Dann reden wir bei einem guten Glas Rotwein.«

»Das wäre eine Freude! Aber denke an die anstrengende Fahrt. Überleg es dir gut, ja?«

Das Auf-Wiedersehen-Sagen dauerte noch einmal fünf Minuten.

Ich warf mir den Bademantel über. Auf dem Rückweg ins Bad musste ich an der Triumph vorbei.

Folge 19 vom 20. April 2007

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Ich drehte das vollgeschriebene Blatt aus der Walze und legte es zur Seite. Mehrfach drückte ich den schmerzenden Rücken durch, dann setzte ich die Ellbogen auf den Schreibtisch und presste das Gesicht in die offenen Handflächen. Ein Augenblick Ruhe und Entspannung würde mir gut tun.

Die veränderte Perspektive irritierte mich. Viel tiefer als sonst blickte ich über den Boden, als sei ich zwar nicht gerade winzig, doch viel kleiner geworden. Merkwürdig, dass ich meinen Körper nicht sehen konnte. Mühsam hob ich den Kopf. In der Zimmertür stand eine junge Frau. Ein Träger ihres Sommerkleides war gerissen. Obwohl sie die rechte Hand vor den Mund hielt, sah ich sie schreien. Ein anhaltendes Kreischen auf ‚aah‘ stellte ich mir vor, denn hören konnte ich sie nur gedämpft, wie durch Watte. Sie verschwand kurz und kehrte, immer noch mit vor Schreck geweiteten Augen, zurück. Das erste Buch verfehlte mich nur knapp, das zweite traf hinter dem Kopf. Ungeachtet des dumpfen Schmerzes versuchte ich zu fliehen und unter das Bett zu kriechen. Trotz meiner Vielbeinigkeit blieb ich auf der Hälfte stecken. So sehr ich mich anstrengte – mein länglicher Körper mit dem käferhaft gewölbten Rücken saß fest. Panik befiel mich. Ein zweites Mal lief die Frau ins Wohnzimmer. Als sie wieder in der Tür erschien, hielt sie in beiden Händen das Literaturlexikon. Ich schrie, während die zwei Kilo durch den ausholenden Schwung zur tödlichen Waffe wurden.

Ich schreckte hoch und rieb mir Wange und Kinn an den Stellen, die nicht auf meinen verschränkten Armen, sondern in der Nähe der Typenhebel gelegen hatten. Alpträume begannen meine Spezialität zu werden. Von Kafka gab es meines Wissens kein Werk, welches Die Rachehieß.

Von der Straße drangen vereinzelte Verkehrsgeräusche herauf. Die Schreibtischuhr zeigte einen Sonntagmorgen im Juni, acht Uhr dreizehn. Aus meinem Magen meldete sich ein intensives Hungergefühl und verdrängte die nachlassenden Schmerzen im Gesicht.

In der Küche aß ich ein Gabelfrühstück aus Heringen in Tomatensauce. Die restliche Sauce aus der Dose stippte ich mit trockenem Brot auf.

Allzu viel Abwechslung bot meine Wohnung nicht. Ich entschied mich wieder für ein Bad; es würde mich erfrischen und beleben, befand ich. Auch wenn der Tag warm genug zu werden versprach, ließ ich heißes Wasser in die Wanne ein. Langsam versenkte ich mich bis zum Kinn ins Wasser, diesmal ohne Lesestoff. Heftige Bewegungen musste ich vermeiden, damit das Wasser nicht über den Rand schwappte.

Müdigkeit stellte sich ein und ich fragte mich, wie lange ich letzte Nacht gearbeitet hatte. Den trägen Lidern nach zu urteilen musste es spät geworden sein. Mehrmals schärfte ich mir Nicht einschlafen!ein, weil ich nicht in der Badewanne ertrinken wollte. Eigentlich fürchtete ich mich nicht vor dem Einschlafen, ich misstraute dem Aufwachen. Seit Pia mich aus der Beziehungskiste gestoßen hatte, veränderte das Aufwachen mein Leben. Ich war vom Sofa aufgestanden und hatte einen Roman begonnen, ohne die üblichen Recherchen, Notizen und Skizzen, im Aufwachen überwand ich die Krise und schrieb weiter. Auch in meinem Roman schien dem Schlafen und Aufwachen eine besondere Bedeutung beizukommen. Diesen Umstand bewertete ich allerdings nicht über; beim Schreiben waren unbewusste Übertragungen normal.

Einschlafen, Aufwachen, Veränderung – die Bewandtnis dieser wiederkehrenden Abfolge wollte mir nicht einleuchten. Eine Freundin zu verlieren war nicht ungewöhnlich, eher schon, den Computer zu ächten und sich mit der Schreibmaschine einzulassen. Ob das Sofa, auf dem ich eingeschlafen war, Teil eines Komplotts gegen mich war, angeführt durch die Schreibmaschine? Das Sofa stand regungslos in seiner verblichenen Pracht, nur die Tasten der Schreibmaschine grinsten mich an, sobald sie meiner ansichtig wurden. Wer jemals behauptet hätte, hinter Oma Käthe verberge sich ein Geheimnis, den hätte ich glatt ausgelacht. Ganz sicher war ich nun nicht mehr. Heftig rutschte ich mit dem Gesäß nach vorne, prustete Luftblasen und tauchte wieder auf. Kleine Wellen hüpften über den Wannenrand und platschten auf dem Boden. Auf dem Fußboden verbanden sich die kleinen Pfützen zu einer Seenplatte. Wie praktisch, dachte ich, beim Aufwischen würde ich aus den Sphären der überspannten Einbildungen in das reale Leben zurückkehren.

Folge 18 vom 19. April 2007

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Die Uhr zeigte viertel vor zehn, also musste er noch einmal eingeschlafen sein. Er drehte das Gesicht aus dem feuchtwarmen Fleck des Kissens und hob langsam den Kopf, wie ein lauerndes, jagdbereites Tier. Heute morgen war etwas Ungewöhnliches geschehen. Die Erinnerung daran war blass und gewann nur allmählich an Schärfe. Natürlich, er hatte ein Problem: Jemand behauptete, er sei nicht sie, sondern sie sei er. Wer war er?

Der Personalausweis! Die Gründlichkeit der deutschen Verwaltung würde allen Zweifeln ein Ende bereiten. Vermutlich steckte der Ausweis in der Handtasche auf dem Wohnzimmertisch.

Mit einem Satz sprang er auf und griff sich aus dem geöffneten Kleiderschrank einen Morgenmantel. Der Kleiderbügel polterte gegen die Schranktür und fiel auf den Boden. Als er sich rechts in den Ärmel einfädelte, hielt die Naht unter der Achsel der ausholenden Bewegung des Armes nicht stand. Im Gehen verknotete er den Gürtel.

Eine Handtasche? Wenn das kein Indiz war – also sie! Unsinn, verwarf er die Schlussfolgerung, der Kleiderschrank war vollgestopft mit Frauengarderobe, was bedeutete da schon eine Handtasche? Zu welchem Zweck brauchte er überhaupt Beweise? Er war doch Stefan Bruhks.

Weil niemand widersprach, schöpfte er Hoffnung, dass sich die Frage erledigt hätte.

Hastig kippte er den Inhalt der Handtasche auf den Tisch: ein Portemonnaie, ein Scheckheft, ein kleines Notizbuch, der Ausweis in einer dünnen Brieftasche. Bruhks, Stefan, geboren am 15.10.1970. Deutsch. Die Unterschrift.

Er sank in den Sessel und vergrub den Kopf in den Händen. Aus einem Grund, der ihm nicht verständlich war, erwartete er eine tiefe Depression. Nichts.

Ich bin Stefan Bruhks.

Du gibst aber schnell auf, sagte eine unbekannte Stimme. Er hörte sie laut und deutlich, doch sie kam nicht aus dem Zimmer.

Verdammt noch mal, eine Menge Ungereimtheiten gaben sich bei ihm ein Stelldichein. Was bedeutete die Frauenbekleidung? Hatten sie gestern Abend Geburtstag gefeiert oder eine Beförderung? Sie waren allesamt betrunken gewesen und seine Freunde hatten sich einen schlechten Scherz mit ihm erlaubt, oder? Aber wer waren seine Freunde? Was arbeitete er? Wurde er nicht vermisst, wenn er nicht zur Arbeit erschien? Mit wem ging er ins Bett?

„Das darf nicht wahr sein!“ sagte er laut.

Im Schlafzimmer untersuchte er den Inhalt des Kleiderschrankes noch einmal genauestens. Komplett weiblich, verführerisch weiblich, befand er, und gut riechend. Vielleicht war er einfach nur in der falschen Wohnung? Einfach nur? In dieser Wohnung kannte er sich aus, glaubte er sicher zu wissen.

Stefan probierte mehrere Slips, bis er merkte, dass es am schmalen Schnitt lag. Beim Anziehen fielen ihm seine gepflegten Hände auf, ohne Anzeichen von handwerklicher oder gar körperlicher Arbeit. Für einen winzigen Moment hatte er den Eindruck rot lackierter Fingernägel.

Er wählte hellblaue Leinenjeans aus. Sie hatten die richtige Länge, saßen aber nicht in der Hüfte und im Schritt. Auch die anderen Hosen passten ihm nicht. Fluchend zog er sich ein Sommerkleid über. Es spannte in den Schultern und hing vorne. Die Frau, die dieses Kleid ausfüllte, musste eine geile Figur haben.

Na, na, du gewöhnst dich aber flott an die neue Denkweise, bemängelte die Stimme.

Stefan verharrte regungslos vor dem Kleiderschrank. Er konnte die Stimme nicht weiter ignorieren, sie klang zu deutlich, als sei er nicht allein im Raum, und sie verunsicherte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Was sich derzeit in seinem Kopf abspielte, unterschied sich von den gewöhnlichen kritischen Gedanken erheblich und klang mehr nach einem zweiten Ich.

Ich bin schizophren! Mit der Stirn schlug er heftig gegen die Schranktür.

Wenn du schizophren wärst, würde es dir nicht bewusst sein, erklärte es aus ihm.

Er schaute in die Spiegeltür. Der Einwand war logisch, es musste demnach eine einfachere Erklärung für seinen Zustand geben. Einfach, aber nicht naheliegend. Mit der Zeit würde er es herausfinden, tröstete er sich.

Von dritter Seite gab es keinen Widerspruch.

Langsam, als wollte er in sich hineinsehen, näherte er sich seinem Spiegelbild, den graublauen Augen, dem Mund, ebenso weich wie die Konturen seines Gesichtes. Der flüchtige Eindruck einer Frau entstand … blond … ich wäre hinreißend … Sein Gesicht mochte als weiblich durchgehen, nicht aber der kurze Haarschnitt. Die Leute würden ihn für einen Transvestiten halten. Mit einer Stola aus Straußenfedern, lässig um die Schultern geworfen – perfekt!

„Um Himmels Willen“, stöhnte er und versuchte, die bedrängenden peinlichen Vorstellungen wegzuschieben. Ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als sich als Frau auszugeben, wenn er an die dringend benötigte Männerbekleidung kommen wollte.

Er entschied sich für einen kurzen Hosenrock, den er am Bund mit einem Gürtel schließen konnte, und eine weit geschnittene Bluse. Die beiden Kleidungsstücke vermittelten ihm am ehesten das Gefühl, wie ein Mann angezogen zu sein. Jetzt fehlten noch Schuhe. Ohne Schuhe konnte er das Haus nicht verlassen. Seit dem Einzug in diese Wohnung hatten die Schuhe ihren Platz im Einbauschrank in der Diele. Der Gedanke überraschte ihn nicht sonderlich, ebenso wenig, dass der Schrank kein einziges Paar Herrenschuhe enthielt. Lediglich im Fach unten standen Badelatschen, ein Stück länger als die Sandalen daneben. Die Wohnungsinhaberin hatte wohl gelegentlich Herrenbesuch über Nacht, dachte er. War er etwa der Herrenbesuch?

Ihm schwindelte.

Im Internet gibt es keine Literaturkritik mehr

Amazon-RezensionNeuerdings wandert wieder eine Welle der Verwunderung durchs Internet, die offensichtlich durch einen Spiegel-Online-Artikel ausgelöst wurde. Dieser wärmt die bekannte Tatsache auf, dass man Rezensionen bei Amazon nicht immer glauben sollte.

Hinlänglich bekannt ist, dass viele Autoren positive Besprechungen über ihre eigenen Bücher schreiben. Ebenso unrühmlich bekannt ist der Fall des Rockbuch Verlags: Durch bewusst schlechte Kritiken auf Amazon wurde versucht, dem Verlag zu schaden. Auch Bernd Röthlingshöfer schilderte vor einiger Zeit, wie er wegen einer schlechte Besprechung zu leiden hatte. Er lässt deutlich durchblicken, dass er dem Rezensenten Absicht unterstellt.

Anlässlich der aktuellen Diskussion möchten wir nochmals auf den etwas älteren aber lesenswerten Artikel »Der Troll als Leser« auf telepolis.de hinweisen. Volker König schildert hier neben dem Rockbuch-Fall weitere interessante Ungereimtheiten bei Amazon-Buchbesprechungen, wie beispielsweise private Rezensionen, bevor ein Buch überhaupt im Handel erhältlich ist.

Folge 17 vom 18. April 2007

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Kallweit war für mich gestorben.

Ich ärgerte mich über meine emotionale Reaktion, die nicht unbedingt ein Zeichen von Souveränität war. Als Rechtfertigung ließ ich gelten, dass ich mich auf einem Tiefpunkt in meinem Leben befand; erfolglos, die Freundin verloren und von den eigenen Phantasien verfolgt, statt sie zu bändigen und in wohlgesetzten Worten zu Papier zu bringen. Um auf heitere Gedanken zu kommen, las ich einen bislang vor Pia versteckten Roman von Heinrich Spoerl. Ich vergnügte mich am pointenreich geschilderten Kleinstadtmilieu mit seiner biederen Bürgerlichkeit und fühlte mich versöhnter, als ich das Buch aus der Hand legte. Kallweits Beerdigung verschob ich bis aufs Weitere, vielleicht würde ein Wunder geschehen und Kallweit wiedererweckt, dann würde ich die vermeintliche Leiche noch gebrauchen. Kein Zweifel, Spoerl hatte Poe nicht aus meinem Kopf verjagt, er spukte bei diesen Gedanken noch dort, wenn auch unter strenger Beaufsichtigung, damit er nicht neuerlichen Schrecken verbreiten konnte.

Ich legte mich auf das Sofa und streckte mich aus, um zu entspannen. Es gelang mir, mich von angenehmen Träumen entführen zu lassen. Die dunkle Pia war für mich erledigt und so ergab ich mich der blonden Stefanie.

Als ich die Augen öffnete, stand die Dämmerung im Zimmer. Die roten Leuchtziffern der Schreibtischuhr zeigten halb zehn. Ich ignorierte den knurrenden Magen und setzte mich an die Schreibmaschine. Der Abend und die frühe Nacht waren meine kreative Zeit.

Die Zeitung auf der Schreibmaschine warf ich in den Papierkorb. Ich bewegte die Finger, um sie für die bevorstehenden schnellen Anschlagfolgen zu lockern, in meinem Kopf würden sich jetzt Sätze bilden … Hmm, dachte ich, warum zieht mich die Schreibmaschine an ihren Platz, wenn es nichts zu schreiben gibt? Imma ruich bleim, ermahnte ich mich, nach der selbst verordneten Pause musste ich mich erst in das Thema zurück schreiben. So nannte ich diesen Zustand, als ich noch nicht mit dem Computer, sondern auf der Reiseschreibmaschine arbeitete, die mir meine Eltern mit vierzehn zu Weihnachten schenkten. Die feinen Gebrauchsspuren am blauen Metallgehäuse entdeckte ich erst Wochen später, so glücklich war ich.

Stefanie hielt das Nachthemd bis zu den Hüften hoch und betrachtete sich in der Spiegeltür des Kleiderschrankes. Lächerlich, dachte sie, da steht eine Frau, die aussieht wie ein Mann und sich in erotischen Fantasien ergeht. Entschlossen zog sie das Nachthemd über den Kopf, um sich anzukleiden. Alle Achtung, ich würde mir gefallen, urteilte sie über ihr Spiegelbild, das ihr einen schlanken, nicht zu athletisch gebauten Körper zeigte. Sie drehte sich zur Seite, strich prüfend über das Gesäß, die Seiten hoch und über den Brustkorb. Hier vermisste sie etwas, was ihr fehlte wie das eigene Ich und wofür ihr der anderweitige Zuwachs keine ausreichende Kompensation war.

Stefanie warf sich in einem neuerlichen Anfall von Panik auf das Bett, trommelte wild mit den Fäusten und biss in das Kissen. Danach lag sie erschöpft, bis sich ihr Atem beruhigte.

Es ist zwecklos, noch weiter zu toben, sagte sie sich, ich ändere nichts mit Gewalt. Die Metamorphose ist über Nacht gekommen, vermutlich wird sie auch über Nacht gehen. Heute oder morgen, irgendwann.

Stefanie hielt die Tränen nicht zurück. Ihre Zuversicht gründete sie auf Hoffnung.

Du bist ein mieser Kerl, tadelte ich mich, du quälst eine Frau, die dir nichts Böses getan hat.

Sie ist eine Lektorin, rechtfertigte ich mich, und es schadet nichts, wenn sie am eigenen Leibe erfährt, wie es in einem abgelehnten Schriftsteller aussieht.

Sie weiß es doch gar nicht. Und er ahnt auch nichts.

Die Stimme, hier bei mir? Ich starrte die Schreibmaschine an, dieses großmäulige Etwas, deren Typenhebel ich schlecht mit Leukoplast verkleben konnte, um sie zum Schweigen zu bringen. Die Stimme war meine Erfindung, die ließ ich mir von der Triumph nicht kopieren. Ich suchte nach einer Erklärung – vermutlich hatte ich meine Gedanken unwillkürlich in die Stimme gekleidet, beruhigte ich mich. Mit dem Hören ist das so eine Sache, entweder oder, es gab kein zweites Mal, um zu verstehen. Wie auch immer, der Einwand der Stimme war berechtigt. Kopfschüttelnd machte ich mich wieder an die Arbeit. Jetzt müsste ich Stefanie endlich etwas anziehen. Sie lief schon viel zu lange nackt durch den Roman.

Folge 16 vom 17. April 2007

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Kallweit verzog keine Miene. Ich fragte mich, ob er mich verstanden hatte, und wurde das Gefühl nicht los, dass er mich nicht ernst nahm.

»Im Färnsehn, da kammanes ja im Vorspann bring. Dieset Programm is nur für Doofe, oder inne Programmzeitschrift ausdrucken: Nur wat für Oberschlaue, Doofe bitte auf Kanal siem umschalten.«

»So habe ich das doch nicht gemeint. Niemand soll ausgegrenzt werden.«

»Wie soll dat denn sonns gehn? Manchmal willze einfach Stuss sehn, bei deme dich totlachen kanns. Dat Elend vonne Welt hasse sowieso inne Tagesschau. Kannze nich mehr hinkucken, sonns musse dirn Strick nehm.«

»Darum brauchen wir die gesellschaftliche Auseinandersetzung, im Fernsehen genauso wie in der Literatur. Wir müssen die Leute aufrütteln, ihnen die Probleme vor Augen führen …«

»Meinze, du siehs dat alles richtich?«

Ich ließ mich nur ungern unterbrechen, bei Kallweit übte ich jedoch Nachsicht. »Warum nicht? Ich denke …«

»Siehße«, unterbrach er mich erneut, »du denks wieder. So wie in deim Buch.«

Der Mann imitiert doch jemanden, fuhr es mir durch den Kopf. Ich überlegte, kam aber nicht drauf.

»Träumße? Du sachs ja nichs mär.«

Die Anspielung auf das Denken konnte er unmöglich bewusst gemacht haben. Soviel Grips hatte er nicht.

»Es ist ein Manuskript, noch kein Buch«, antwortete ich. »Die Unschuld des Herbert Koslowski.Wie soll ich mich mit dem Thema auseinandersetzen, wenn ich mein Gehirn nicht benutzen darf? Das ist es ja, was ich an vielen Menschen so vermisse, sie denken zu wenig und lassen andere für sich denken: Politiker, Gewerkschaftsbosse, Unternehmer, Behörden, Vorgesetzte.«

»Da kannze ja Recht haam. Abba wat du so schreibs – nä. Warße schomma inne Fabrik, ma am Hochofen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Dat hab ich gleich gemärkt. Du schreibs übber uns, abba du bis keiner von uns. Wie so einen, der von oben da ma ehm reinkuckt. Erwin Dombrowski, mein Meister, der hatte sonne Masche auffem Bau. Wenn wir noch nichts installiert hatten und der Bauherr kam, isser hinn und hat gesacht: Gut, dasse komms, Chef, wir finn nämmich dat Badezimmer nich, wo doch noch nichs drin is. Dann hat der Bauherr meist ganz wichtich gekuckt und uns dat Badezimmer gezeicht und wo die ganzen Teile hinsolln. Und hintaher hat sich der Erwin totgelacht und gesacht, wieder son Oberschlauen, der glaubt, in unsam Kopp sin auch nur diese leern Rechtecke wie auffem Bauplan.«

Ich schluckte. Ausgerechnet Kallweit, der von nichts eine Ahnung hatte, am wenigsten von Literatur, maßte sich ein Urteil an.

»Schönen Tach noch«, verabschiedete ich mich.

Sonja hielt bei zweihunnertachtenfümfzich inne.

»Willze dat Buch nich zurück haam?« rief er mir nach.

»Kannze dirn Arsch mit abwischen«, rief ich zurück, ohne mich umzudrehen.

»Spa ich mir ne Rolle Klopapier«, antwortete Kallweit und griff zur Flasche. Sein Mund war schon geöffnet, als er jäh in der Bewegung innehielt und rief: »Nä! Da krichich nur schwaaze Striem am Hintan. Ich leechs dir auffe Matte.«

Folge 15 vom 16. April 2007

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Die Tür zum Hof quietschte über eine Steinfliese und fiel dann ungehemmt ins Schloss. Die Scheibe saß nicht mehr fest im Kitt und klirrte. Martha Sedlberger, Erdgeschoss links, humpelte über den Hof, einen Abfalleimer in der Hand. Ich taxierte kurz das Gewicht des Abfalls und blieb sitzen. Die Witwe Sedlberger musste um die siebzig sein. Sie trug ihren dunklen gemusterten Alltagskittel und die täglich gleichen dauergewellten grauen Locken.

»Die Hitz, na, die muss net ins Haus«, tadelte sie mit ihrer hohen Stimme, bei der ich die Augen zukneifen musste, um sie zu ertragen.

»Jo mei«, antwortete Kallweit, »die Sonja.«

Frau Sedlberger schloss heftig den Deckel der Mülltonne und drehte wortlos ab. Ich beobachtete das ungleichmäßige Auf und Ab der Hüften. Den Dreiklang der Hoftür – quietschen, zuschlagen, klirren – ersparte sie uns nicht.

Mir wäre nie in den Sinn gekommen, wie Kallweit einen Teil meiner Freizeit hier im Hof zu verbringen. Der Hof war für mich die Heimat der Mülltonnen, die Kallweit jeden Mittwoch an die Straße rollte und geleert an ihren Platz zurück brachte, eine triste Enge, die meine Gedanken erdrückte, und ein Symbol für Schmutz und Vernachlässigung. Aus den Mauern rechts und links drängten Backsteine durch den platzenden Putz ans Licht, vom Nachbarhaus lehnte sich ein baufälliger Schuppen an. In einer Ecke rostete ein Holzkohlengrill, daneben lagen die Reste eines Sandhaufens, auf dem Hundekot thronte. Grün gab es nur angrenzend zum gegenüber liegenden Haus, ein alter vielastiger Holunder, eine Forsythie und einige Edeltannen, die vor Jahren das Weihnachtsfest unbeschadet überstanden hatten.

»Du bis doch auch nich von hier«, nahm Kallweit das Gespräch wieder auf.

»Bochum.«

»Kein Wunner, dasse kein Buch verkaufen kanns. Wennze genauso kurz angebunn schreibs wiede sprichs …«

»Achtenneunzig!« brüllte Sonja und strahlte mich an. »Neuen Rekord!«

»Glückwunsch«, rief ich ihr zu.

»Wir sinn aus Doartmund. Warn Großauftrach für ne ganze Neubausiedlung. Dabei hat sich der Alte übernomm. Obbich nun in Doartmund sitz oda hier, is sowieso egal. Olga gefiel das Blauweiß auch ganz gut unda sinnwe gleich hier gebliem. An dat Bier kannze dich auch gewöhn.«

Ich schob die Versuchung an eine heimatliche Verbrüderung an die Seite. Die Fußballfans beider Städte mögen sich auch nicht besonders, wusste ich aus der Zeitung.

»Hammse Vawandte in Bochum?«

Die Frage war mir einfach so herausgerutscht. Kallweit guckte genauso komisch wie vor Tagen bei mir in der Wohnung.

»Willze mein Stammbaum haam?«

»Wo ich aufgewachsen bin, gibt es in der Nähe eine Klempnerei Kallweit. Ich dachte nur so.«

»Du denks zu viel.«

Jetzt war Kallweit zu weit gegangen.

»Das Denken unterscheidet uns Menschen von anderen Spezies«, belehrte ich ihn. »Mit einer Einschränkung. Es gibt Tendenzen zum Einheitsgedanken, wie ich es nenne, so eine Art genormte Betrachtungsweise. Das müssen Sie sich wie einen Hamburger von McDonalds vorstellen – jeder hat die gleiche Größe und das gleiche Gewicht. Nun darf der Gleichheitsgrundsatz uneingeschränkt für unsere Rechte gelten«, dozierte ich, »das heißt, jeder Mensch ist gleich, vor dem Gesetz, vor Gott, wie Sie wollen, das darf aber nicht als Alibi für allgemeine Volksverdummung herhalten. Schauen Sie sich das Fernsehen an: Auf jedem Kanal gibt es Quoten-Einheitsbrei auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner! Hauptsache, jeder versteht es. Oder überspitzt ausgedrückt: Je dümmer, je besser.«

Folge 14 vom 15. April 2007

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Vom Hof unten hörte ich, wie Kallweit seine Tochter anfeuerte.

»Un vier, un fünf, un sechs, un siem …« Ein Seilchen klatschte in gleichmäßigen Abständen auf das Pflaster.

Kallweit – das war das Leben, Realität, Vitalität, lauter Dinge, zu denen ich momentan nur schwer den Bezug halten konnte. Ich steckte den Wohnungsschlüssel ein und ging hinunter. Meine Einbildungen konnten sich unmöglich bis in Kallweits Nähe verirren.

Er saß auf einem Campingklappstuhl in der Nähe der Mülltonnen.

Sonja verfing sich bei achtundneunzig.

»Blass siesse aus«, begrüßte mich Kallweit. »Sonja, holihm mal nochen Klappstuhl aussem Keller.«

Sonja lief ins Haus.

»Du wills dich doch setzen, oder?«

»Die Sonne ist gut für den Teint.«

»Da solln sogar Vitamine drin sein im Licht, habich ma inna Zeitung gelesen.«

»Wie gefällt Ihnen mein Manuskript?«

»Möchtesse auchen Bier?«

»Bisschen früh am Nachmittag«, wich ich einer Antwort aus. Sonja war flink, sie rannte bereits wieder auf den Hof. Ich bedankte mich bei ihr für den Klappstuhl und setzte mich auf die den Mülltonnen abgewandte Seite. Sie lächelte mich an.

»Geh spielen,« sagte ihr Vater. Sonja zögerte.

»Männer, dat is noch nichts für dich. Komm, machen neuen Rekord.« Kallweit langte in einen neben ihm stehenden Pappkarton und förderte zwei Flaschen Bier zutage. Geschickt öffnete er den Kronkorken mit einem am Gürtel hängenden Schlüsselbund. »Hier.«

Das Bier war noch kalt. Wir stießen die Flaschen aneinander und tranken.

Kallweit rülpste die überschüssige Kohlensäure heraus. »Dat tut gut bei die Affenhitze.«

Ich beobachtete die hüpfende Sonja. Kallweits Gesellschaft sollte mich von der Bedrängnis in meiner Wohnung ablenken, doch die Distanz zu ihm blieb groß, für mich nicht überbrückbar, ich konnte nicht aus meiner Haut und zweifelte, ob ich mir die geeignete Gesellschaft ausgesucht hatte. Worüber sollte ich mit ihm reden?

»Wie sacht ihr dazu – idüllisch. Ich bin son richtich idüllischen Aabeitslosen, könntesse denken. Sitzt inne Sonne und is rundrum zufrien.«

»Ihre Situation ist sicherlich nicht einfach«, pflichtete ich bei.

»Getz trink ich schon währnt der Aabeitszeit. Ich hab nie währnt der Aabeit gesoffen. – Wat hat dein Vatter gemacht?«

»Beruflich? Er war kaufmännischer Angestellter. In der Buchhaltung.«

»Inne Fabrik?«

»Nein. Großer Werkzeughandel.«

Sonja zählte laut fümmenfümfzich.

Hätte Herr Oettinger mal lieber Siegfried Lenz gelesen

Siegfried Lenz: Ein KriegsendeDas kommt dabei heraus, wenn man sich ausschließlich im Internet informiert und einfach abschreibt, was auf Homepages steht. Da man über Tote bekanntlich nichts Schlechtes sagen soll, sagt man eben das, was die auf ihrer Website über sich selbst geschrieben hatten. Und plötzlich macht man aus einem überzeugten Nazi-Mitläufer einen überzeugten Nazi-Gegner – und merkt es gar nicht. Ups!

Folge 13 vom 14. April 2007

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Drei Tage strafte ich die Maschine mit Missachtung und schaute im Vorbeigehen über sie hinweg. Meine Einfälle notierte ich unterdessen auf allem, was ich gerade zur Hand hatte – Zeitungsränder, Quittungsrückseiten, Notizzettel. Die Notizen ließ ich dort liegen, wo ich sie verfasst hatte, ohne mir die Mühe zu machen, sie thematisch zu ordnen; ich vertraute darauf, dass ich das Chaos schon beherrschen würde. Ich hätte den Zettelkasten benutzen können, den ich mir zu Beginn meiner Laufbahn angeschafft hatte, doch den missbrauchte ich längst in der Küche zur Aufbewahrung von Gewürzen in Tüten und Gläschen, des Vanillezuckers und dem Rumaroma vom Königskuchen, den ich meiner Mutter zur Erinnerung an manches kindliche Teigausschlecken zum Geburtstag gebacken hatte, für Zimtstangen und einen Zuckerhut für die nächste Feuerzangenbowle. Pia war gegen Feuerzangenbowle. Wegen der Figur, wie sie sagte, was ich ihr nicht glaubte; tatsächlich befürchtete sie wohl, wir könnten am Ende selig trunken mehr als nur Erinnerungen an Schülerstreiche austauschen.

Am dritten Abend wurde ich nervös und schlecht gelaunt. Ich bestrafte mich für die Anleihe bei Kafka, indem ich den von Pia geschenkten Erzählband las, wobei ich mich von einem schwarzen Gesicht beobachtet fühlte, einem Gesicht mit rundlichen Ohren und offenem Mund, aus dem vier Reihen silbrig eingefasster Zähne lachten: Ich fresse jeden Text.

Vergeblich deckte ich die Schreibmaschine mit einer Zeitung ab, das Bild der grinsenden vier Zahnreihen war schon fest in meinem Kopf. Früher als sonst ging ich ins Bett, mit dem zweifelhaften Erfolg, mich dort unversehens in Betrachtungen über die Misere mit Pia wiederzufinden. Am Montag war ich in die Szenegegangen, um die Kontroverse mit ihr beizulegen. Sie war beschäftigt und unnahbar. Diesen nachtragenden Wesenszug kannte ich nicht an ihr. Verärgert machte ich mich nach einer Stunde von dannen, ohne zu bezahlen. Ärger und Enttäuschung sind keine guten Voraussetzungen zum Einschlafen. Ich grübelte, gab Pia den Laufpass, versöhnte mich mit ihr und liebte sie, um sie zu guter Letzt endgültig zu verstoßen.

Ich schlief unruhig und flach, auch wenn durch das geöffnete Fenster zum Hof die Geräusche nur gedämpft in das Zimmer drangen. In diesem Jahr kamen die schwülwarmen Nächte früher als sonst. Meine Gedanken schalteten nicht ab, und ich fand mich bei jedem Aufwachen im Manuskript vor dem Schlafzimmerschrank wieder, wälzte mich von einer Seite auf die andere und wendete die Bettdecke auf die vermeintlich kühlere Seite. Irgendwann hörte ich, wie ganz in der Nähe ein Fenster geöffnet wurde. Eine ruhige Melodie flog leise zu mir herüber, gespielt von einem Piano, zu dem sich bei den Wiederholungen des Themas eine Klarinette gesellte. Ich hörte ein drittes Instrument heraus, Violinen, die dem Piano Volumen und Klangfarbe verliehen, sobald die Klarinette verstummte. Entspannt schloss ich die Augen.

Am nächsten Tag war alles unverändert. Ich mied nicht nur die Schreibmaschine, sondern das gesamte Wohnzimmer. Was ich als Boykott beschloss, führte ich wie einen geordneten Rückzug durch. Mit reichlich Lesestoff und Papier setzte mich in die Küche und legte den Bleistift griffbereit.

Draußen war es heiß und die Luft in der Wohnung stickig. Gestern hatte ich vergessen, tagsüber das Rollo gegen die einfallende Hitze herunter zu lassen, und die Nacht brachte keine Abkühlung. In der Badewanne würde ich es besser aushalten können, meinte ich, klemmte mir einen Band Edgar Allan Poe unter den Arm und tauchte bis zum Hals in das kühle Wasser, sorgfältig das Buch hochhaltend.

Aus dem Abschnitt Faszination des Grauenswählte ich die Erzählung Das vorzeitige Begräbnis. Während ich Seite für Seite umblätterte, schob ich mich zentimeterweise aus dem Wasser. Die Emaille der Badewanne, das weiße Leinen des Sarges … noch vor dem Ertrinken in der Badewanne irrtümlich in ihr beerdigt … Zwanghaft schloss ich die Augen. Friedhofsstille, Dunkelheit und der modrige Geruch feuchtwarmer Erde umfingen mich.

Poe flog in hohem Bogen, wobei er den Schutzumschlag verlor und auf die Kante des Waschbeckens aufschlug, kurz überlegte und dann plumpsend ins Wasser zu den eingeweichten Socken fiel. Nicht er hatte mich ersäuft, sondern ich ihn, allerdings postum, so dass er sich wegen eines Begräbnisses bei lebendigem Leibe nicht ängstigen musste.

Zitternd stieg ich aus der Wanne und rieb mich sorgfältig trocken. Noch mehr solcher Hirngespinste, der Abwechslung halber in der Küche und im Schlafzimmer, und ich würde die nächste Nacht sitzend auf dem Klo verbringen.

Lyrische Fesseln: Das Bondageprojekt

Das BondageprojektDie Anfrage kam über unser MySpace-Profil, das wir vor einigen Wochen mit großem Erfolg angelegt haben: Das Bondageprojekt will dort unser Freund werden. Man zögert. Will man wirklich die Leute über seine MySpace-Freunde-Liste zu den Liebhabern ganz spezieller Praktiken führen? Man klickt natürlich auf das MySpace-Profil des Projekts, denn der Name macht neugierig. Und genau das ist Absicht.

Denn das Bondageprojekt ist ein Lyrik-Podcast von X & Goldstück. Jede Woche gibt es ein vertontes deutsches Gedicht zu hören, bislang sind Goethe, Trakl und Ringelnatz dabei. Interessant gesprochen, hörenswert und auf MySpace natürlich als Freund bestätigt.

Kurt Vonnegut ist tot

Kurt Vonneguts Alter Ego in Second LifeDer von vielen als »Kultautor« verehrte und geschätzte Autor Kurt Vonnegut ist tot. Er starb im Alter von 84 Jahren. Vonnegut verband in seinen Werken meist Science Fiction und Sozialkritik. Zuletzt kritisierte der überzeugte Pazifist in »Mann ohne Land« den Irakkrieg und die Umweltpolitik der US-Regierung.

Und vielleicht ist ja Second Life doch nicht so schlecht, denn immerhin konnten wir im letzten Jahr an einer seiner Lesungen virtuell teilnehmen.

Schön auch das derzeitige Start-Bild auf seiner Homepage: Es zeigt als einfache Strichzeichnung einen geöffneten Vogelkäfig und darunter steht: Kurt Vonnegut, Jr. 1922-2007

Folge 12 vom 13. April 2007

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Stefanie fasste sich an den Kopf. „Ich bin Stefanie Bruhks“, sagte sie mechanisch und nickte zur Bekräftigung.

„Alias Stefan Bruhks“, antwortete eine innere, ihr bisher unbekannte Stimme.

„Ich bin Stefanie Bruhks …“

„Alias Stefan Bruhks“, tönte das Echo.

Stefanie hielt den Atem an. Das war keine Sinnestäuschung, sie hatte die Stimme deutlich gehört. Mit einem zornig geknurrten ‚Aaaaaah!‘ zog sie ihren Kopf mit beiden Händen und schüttelte ihn.

Ob er an einen Wackelkontakt glaube, fragte die Stimme.

„Ganz ruhig“, sagte Stefanie laut und bewegte die offenen Hände mit gespreizten Fingern langsam auf und ab. Man muss es nur fest wollen, ganz fest, dann geht es. „Ich bin Stefanie Bruhks …“

„Alias Stefan Bruhks“, sagte die Stimme unbeirrt.

Auf diese Weise kam sie nicht weiter. Statt eines andauernden Ping-Pong müsste sie den Beweis antrete. Es gab Menschen, die sie kannten, die „Guten Tag, Stefanie“ sagten, wenn man sich begegnete, oder „Frau Bruhks“, zum Beispiel ihre Arbeitskollegen.

Wo arbeite ich eigentlich? fragte sie sich. Die Anstrengung, sich zu erinnern, steigerte ihre Angst und Verwirrung noch. Ob dieser Stefan wohl Tabletten im Haus hat? Eine Handvoll Valium könnte nicht schaden. Nein, besser nicht, sie brauchte einen klaren Kopf zur Ordnung ihrer taumelnden Gedanken.

Stefanie massierte die Schläfen mit den Fingerspitzen und regulierte den Atem. In ihrem Unterleib verstärkte sich der bis jetzt verdrängte Druck. Auch das noch. Musste Mann die Verrichtung üben oder war sie angeboren?

Resigniert legte ich den Kopf auf die Schreibmaschine. Meine Gedanken konnten beim Schreiben die Spur nicht halten. Ich fragte mich, ob es überhaupt eine gab, ich folgte bisher meinen unmittelbaren Einfällen und keinem Konzept, das den Konsequenzen der Verwandlung Rechnung trug. Wie würde ich reagieren, wenn über Nacht wichtige Teile fehlen und dafür andere vorhanden wären, mit deren Handhabung ich nicht vertraut war? Ich grübelte, ohne zu einem Ergebnis zu kommen, bis die Zweifel an meiner Fantasie mit der Überlegung verschwanden, dass man keine Frau zum Manne machen kann, ohne auf den Unterschied einzugehen. So gesehen gab es keinen Grund, mit mir zu hadern.

Stefanie setzte sich wie üblich aufs Klo und es funktionierte. Danach ging sie ins Schlafzimmer und stellte sich vor den Spiegel. Sie wollte diese – Funktion – einmal ausprobieren, dachte intensiv an unbekleidete Männer, starke Männer mit breiten Schultern und schmalen Hüften – es tat sich nichts. Plötzlich dämmerte ihr der Grund:

Das ging zu weit. Heftig riss ich das Blatt aus der Maschine. Die Triumph beschwerte sich durch ein helles Singen der Walze.

Folge 11 vom 12. April 2007

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Es war kein Zweifel möglich: Stefanie war ein Mann. Sie riss den Kleiderschrank auf: Kleider, Blusen, ein kleines Schwarzes, auffallend viele Kostüme, Jacken, Blazer und Röcke, wie sie von erfolgreichen Frauen im Beruf bevorzugt werden. Aus den Schubladen förderte sie Slips und Hemdchen in verschiedenen Farben und einen BH. Alles war reichlich vorhanden, aber nichts zu gebrauchen. Sie ließ die Dessous auf den Boden fallen und stürmte ins Wohnzimmer.

Nichts kam ihr fremd vor. Im Raum stand ein mächtiges Bücherregal, ein Computertisch, eine Couch mit Glastisch, zwei Sessel. Sie fuhr mit dem Finger die Reihen der Buchrücken entlang. Das waren ihre Bücher.

Der Computer! Sie schaltete das Gerät ein, tippte wie selbstverständlich das Passwort und startete die Textverarbeitung. Sie kontrollierte die zuletzt geöffneten Dateien – da war nur ein einziger Eintrag, eine Abkürzung, die sie nicht kannte. Hastig blätterte sie durch den Text – es war ein Manuskript. In der Fußzeile jeder Seite stand:(c) 2004 Stefan Bruhks. Und die Adresse.

Stefanie schrie erneut lang und ausdauernd.

Berta Böttcher dachte, wie ungerecht das Leben doch zu ihr war. So ein ausdauerndes Mannsbild war ihr nie über den Weg gelaufen. Dabei hatte der Tag so harmonisch angefangen, mit einem Frühstück zu zweit mit Fridolin, dem Wellensittich. Und nun diese Unruhe, die sie bisher nur von den späten Abendstunden kannte. Sie streichelte ihr Knie und das Bein oberhalb, fahrig, mit wütendem Übergang zu festem Druck, bis es schmerzte.

Bei mir versteifte sich die Vorstellung, Oma Käthe könnte an dieser Maschine nicht nur Märchen geschrieben haben. Das Schreiben an der Triumph entrückte mich mehr, als ich es vom Computer gewohnt war. Beinahe wäre ich rückfällig geworden und hätte den Computer eingeschaltet; wie gut, dass ich den Stecker herausgezogen hatte.

Ich nahm einen Bleistift aus der von Pia mit Folie beklebten Konservendose. Vorsichtig, damit die Bleistiftspitze nicht durch das Papier brechen konnte, strich ich den letzten Absatz des Manuskriptes.