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Im Internet gibt es keine Literaturkritik mehr

Amazon-RezensionNeuerdings wandert wieder eine Welle der Verwunderung durchs Internet, die offensichtlich durch einen Spiegel-Online-Artikel ausgelöst wurde. Dieser wärmt die bekannte Tatsache auf, dass man Rezensionen bei Amazon nicht immer glauben sollte.

Hinlänglich bekannt ist, dass viele Autoren positive Besprechungen über ihre eigenen Bücher schreiben. Ebenso unrühmlich bekannt ist der Fall des Rockbuch Verlags: Durch bewusst schlechte Kritiken auf Amazon wurde versucht, dem Verlag zu schaden. Auch Bernd Röthlingshöfer schilderte vor einiger Zeit, wie er wegen einer schlechte Besprechung zu leiden hatte. Er lässt deutlich durchblicken, dass er dem Rezensenten Absicht unterstellt.

Anlässlich der aktuellen Diskussion möchten wir nochmals auf den etwas älteren aber lesenswerten Artikel »Der Troll als Leser« auf telepolis.de hinweisen. Volker König schildert hier neben dem Rockbuch-Fall weitere interessante Ungereimtheiten bei Amazon-Buchbesprechungen, wie beispielsweise private Rezensionen, bevor ein Buch überhaupt im Handel erhältlich ist.

Ebenfalls erhellend sind in diesem Zusammenhang auch die Untersuchungen von Professor Mikhail Gronas vom amerikanischen Dartmouth-College. Er hat mit einer speziellen Software Amazon-Kritiken ausgewertet. Er stellt fest, dass die Bewertung bestimmter Bücher relativ vorhersehbar ist, da sie eine spezielle Leserschaft und Fans anziehen, die zu gleichen positiven Bewertungen neigen. So ist es beispielsweise undenkbar, dass ein Harry-Potter-Band eine schlechte Durchschnittsbewertung erhalten wird. Interessant ist jedoch Gronas‘ Feststellung, dass sich bei Büchern mit einer mittelmäßigen Durchschnittsbewertung diejenigen besser verkaufen, deren einzelne Besprechungen kontroverser sind.

Umgekehrt empfiehlt daher das literaturcafe.de gerade unbekannten Autoren nicht, das eigene Buch an Freunde und Bekannte zu verschenken und diese zu bitten, eine Besprechung auf Amazon zu schreiben. Ohnehin neigt dieser Personenkreis natürlich dazu, das Werk positiv zu beurteilen. Und so finden sich folgerichtig in diesen Besprechungen eher gefühlsmäßige Aussagen und Phrasen wie „Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen“ oder unglaubwürdige Vergleiche wie „Spannender als ein Roman von Stephen King“. Die Motivation, ein Buch eines unbekannten Autors zu kaufen, das ausschließlich 5-Sterne-Wertungen besitzt, ist nicht sonderlich hoch, da hier jeder durchschaut, dass es Gefälligkeitskritiken sind.

Gronas hat auch den Inhalt der Kritiken analysiert. So findet er eher emotional gehaltene Besprechungen, die meist die Wirkung des Buches auf den Leser in den Vordergrund stellen und die Zeit betonen, in der das Buch gelesen wurde. Diese sind sprachlich meist einfacher gehalten. Dem gegenüber stehen die sowohl inhaltlich als auch sprachlich fundierten Kritiken. Es gebe, so Gronas, kaum Amazon-Besprechungen, die beides vereinen.

Buchbewertungen finden im Internet nicht nur bei Amazon und anderen Online-Shops statt. Doch auch an anderen Orten stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Literaturkritik im Netz. So betonte Jan Süselbeck von literaturkritik.de zwar in der Sendung Blogspiel des Deutschlandradios, dass sich Literaturkritik online und offline nicht unterscheide, doch geht er hierbei sicherlich zu sehr von der eigenen Plattform aus, denn literaturkritk.de ist eng mit der Uni Marburg verbunden, und hier kann man sich eine gewisse Unabhängigkeit und Qualität bewahren. Dem gegenüber stehen Literaturportale, bei denen nicht immer klar ist, ob es sich um eine PR-Plattform für Verlage handelt, bei der letztendlich durch möglichst positive Besprechungen versucht wird, das Buch zu verkaufen, am besten gleich über den eigenen Link auf Amazon – Portale also, die eher die Qualität von Kundenzeitschriften wie Buchjournal haben, in denen man nie einen Verriss lesen wird.

15 Kommentare

  1. Der Leser muss immer drei Entscheidungen treffen: Kauft er das Buch – kauft er es nicht? Liest er das Buch – liest er es nicht? Gefällt ihm oder nutzt er das Buch – missfällt es ihm oder sortiert er es aus?

    Die Kritik kann Aufmerksamkeit erzeugen, raten, ihren Standpunkt verdeutlichen. Dabei hilft ein guter Verriss einem Buch mehr als ein schlechtes Lob. Ich glaube, dass der Leser gescheit genug ist, auch Kritik richtig einzuordnen.

    Häufig werden schlechte Bücher (ich meine die, die ich für schlecht halte) gerne gekauft, so wie auch schlechte Fernsehsendungen (ich meine die, die ich für schlecht halte) gerne gesehen werden. Solange mich niemand zwingt desgleichen zu tun, kann ich damit gut leben.

  2. Mit nur ein wenig Übung kann man die Spreu vom Weizen trennen. Aus aktuellem Anlass habe ich mir die Amazonrezensionen zum Buch über „Jesus von Nazareth“ von Benedikt IV. angeschaut. Mir fiel auf, die beiden Rezensionen, die mit dem Erscheinungstag des Buches (16.April) datiert sind, sind so allgemein gehalten, dass ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, die Rezensenten haben vielleicht das Buch gar nicht gelesen.
    Es ist unglaublich aber wahr. Während ich diesen Kommentar schrieb, schaute ich noch einmal auf diese Buchrezensionen. Siehe da! Die erste Rezension über das Buch vom Papst war gelöscht, mit Recht. Wichtig ist zu versuchen, eine Rezension richtig einzuschätzen.

  3. Dass manche Rezension auf Amazon wohl nur PR ist, kann man schon am Sprachstil erkennen. Ich persönlich suche nach begründeten persönlichen Meinungen, die meinem Lesegeschmack ähnlich sein könnten. Da fand ich schon viel hilfreiches. Seltsam finde ich nur das Verhalten von Amazon selbst. Viele meiner mühsam erarbeiteten Rezensionen, meist durchaus positiv und von anderen Lesern als hilfreich beurteilt, wurden gelöscht, schlampig geschriebene und mit vielen Rechtschreibfehlern behaftete andere, die daneben standen, dagegen nicht. Mein Verdacht ist leider, dass Amazon selbst mitunter ein großer Trickser und Täuscher ist.

  4. Gegen Lob kannst du dich nicht wehren, heißt es ja bekanntlich. Deshalb ist auch die Frage zu stellen, wer denn überhaupt Rezensionen oder Kritiken schreibt?

    Findest du ein Buch mittelmäßig, dann ist die Motivation gering, es online/offline zu beschreiben. Ist es lesenswert und nicht in aller Munde, dann fühlst du dich eventuell berufen, es anderen zu empfehlen und schmackhaft zu machen (was dazu führt, dass es der beklatschende Rezensent übertreibt und über die gewohnt nüchternen Stränge schlägt).

    Denn, eines sollte man auch nicht vergessen, eine öffentliche Rezension auf amazon zu schreiben, bedeutet, von anderen gelesen und wahrgenommen werden. Wer will sich da eine Blöße geben?

    Schließlich und endlich besteht die beste Werbung und PR darin, in einem öffentlichen Medium genannt zu werden. Gewonnen hat in diesem Beitrag demnach – trarara – Amazon.

  5. Nun ich glaube man muss es auch erst mal lernen eine ordentliche Rezension zu schreiben. Ich selber kann es immer noch nicht wirklich, obwohl ich selber ne Seite betreibe wo man dieses tun soll. Ich versuche mich zwar zu verbessern, aber wenn man kein Vorbild hat von dem man lernen kann ist das ziemlich schwer. Deswegen hilft einen wohl auch bei Amazon ein großer Teil der Rezensionen nicht wirklich weiter, weil die Leute welche sie schreiben, nicht wirklich die Übung haben.

    Bei mir selber ist immer so die Frage, verrate ich jetzt zu viel vom Buch, oder ist es viel zu wenig, bringt das den Leser überhaupt weiter, oder sollte ich lieber noch einmal von vorne anfangen. Nur solange man kein Feedback in dieser Richtung bekommt kann man leider nicht wirklich lernen und kommt nicht weiter.

    viele grüße

  6. Eine Buchbesprechung zu schreiben ist nicht sehr einfach. Auf der einen Seite möchte man objektiv bleiben, auf der anderen Seite ist es so, dass man durchaus Bücher von Verlagen oder direkt vom autoren in die Hand gedrückt bekommt. Soll man da die Keule heruaholen und sagen dass es ein schlechtes Buch ist? Oder soll es eine höfliche Umschreibung sein? Und bei einem guten Buch das gleiche nur umgekehrt? Ich bemühe mich bei meinen Besprechungen, so gut wie nie nur 1 oder 5 Punkte zu vergeben. Das geschieht sehr selten und noch seltener dass gar kein Punkt vergeben wird. Wenn ich mir aber eine Besprechung bei amazon ansehe mit nur zwei Sätzen kommt mir das Grausen. Ich habe mir angewöhntnur noch ‚lange‘ Besprechungen von anderen zu lesen, weil da zudem noch eine Meinung rüberkommt, die mit einer Begründung belegt ist. Diese Leute geben sich Mühe!

  7. Ich schreibe seit etwa drei Jahren Rezensionen auf amazon.de und buch.de. Ich versuche in meinen Rezensionen nicht zuviel über den Inhalt des Buches zu verraten, aber auf der Basis des Geschilderten meine Meinung zum Buch zu benennnen. Bei mir kommen auch Autoren, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, durchaus schlecht weg: als Beispiele seien genannt Eva Hermann, Andrasch, Friedericke Mayröcker u.a. Bei meinen Rezensionen kommt es mir darauf an, (1) dass ich das Buch gelesen habe (eigentlich selbstverständlich!); (2) dass alle Autoren und ihre Bücher unabhängig von ihrer Bekanntheit oder öffentlichen Sichtbarkeit nach Maßgabe meiner persönlichen und sicher nicht immer objektiven Qualitätsmaßstäben beurteilt werden (3) dass ich eine Empfehlung gebe, ob ich das Buch noch einmal lesen würde (4) dass meine Rezension auch gegen die allgemeine öffentliche Meinung zu Autor und Buch verstoßen darf (wobei dann andere das Buch dennoch für gut halten dürfen). Ein prinzipielles Problem sehe ich in der Vergabe von Sternen 0-5 bzw. 1-5. Diese Bewertung ist zu pauschal, aber internet-typisch, da solches Bewerten dem Internet-Surfer dazu verhilft, eine Rezension gar nicht erst zu lesen, sondern rein nach Sternen Bücher zu kaufen. Sehr problematisch halte ich auch alle Rezensionen von wenigen Sätzen, die mit wenigen Worten sagen wollen, warum ein Buch gut oder schlecht ist. Viel mehr als viel Wind kommt dabei nicht heraus, aber oftmals genug eine positive Bewertung der Rezension. Denn wer macht sich denn schon die Mühe, im Internet eine lange Rezension zu lesen? Daher glaube ich nicht, dass das grundsätzliche Problem mit Internet-Rezensionen darin liegt, dass es im Internet zu viele schlechte Rezensionen gibt, sondern darin, dass dort zu viele sehr gute Stern-Bewertungen abgegeben werden.

  8. Das Problem bei diesem Beitrag und der nachfolgenden Diskussion ist meines Erachtens, dass hier Rezensionen und Leserkritiken in einem Topf geworfen werden. Es ist eben ein Unterschied, ob internettypisch jeder seinen Senf abgeben darf oder ob hinter einer Meinungsäußerung eine journalistische Redaktion mit ihrem Namen steht. Der Leserkritik kann man nur selber sehr kritisch gegenüber stehen, für den zweiten Fall gibt es durchaus gute Seiten im Internet.

  9. Zu Stefans Kommentar
    Ich sehe keinen Unterschied zwischen Leserkritik und Rezension. Eine Rezension schreiben nur solche, die entweder Journalisten sind und es eigentlich gelernt haben sollten, das ander sind private Personen, die eben das nur nicht mit ‚gesteltzten Worten‘ ebenfalls machen. Wenn ich da an den ‚Kritikerpabst‘ Marcel R:R: denke hat der nicht unbedingt recht mit seiner Meinung, aber alles was er sagt(e) hält man für die Weisheit letzter Schluß. Und warum sollte man der Leserkritik nur skeptisch gegenüber stehen? Ein Blick auf die Zeitschriften und Internetseiten zeigt mir doch, welche Werbung gerade geschaltet wurde und warum das dort beworbene Buch gut abschneidet. Wegen den Geldern, die durch die Werbung herein kommt. Also bin ich doch gerade dort kritisch.
    zu Büchermaxe:
    Ich denke, dass das, was du zu den Punkten 1 bis 4 geschrieben hast, jeder auf seine Weise umzusetzen versucht. In vielen Dingen gibt es aber auch das Problem, mehr zu sehen als da ist. Ich habe z. B. beim neuesten Buch von Boris Strugatzki versucht eine Verbindung zwischen Inhalt und heutiger russischer Politik herzustellen, weil ich der Meinung bin, diese Verbindung ziehen zu dürfen. Aber ich weiss nicht, ob Boris Strugatzki die Verbindung wirklich will. Somit ist eine Buchbesprechung immer ein Drahtseilakt.Ein Normalleser macht sich da vielleicht gar nicht die Mühe eine Verbindung herzustellen. Wenn ich dann schliesslich hingehe und Sterne, Punkte oder ähnliches Vergebe, so ist das für mich nur ein Hinweis darauf, in welche Richtung ich mit meiner Besprechung gehe. Ein non-plus-ultra der Bewertung darf so etwas nicht sein, denn jeder legt andere Maßstäbe an. Würden wir alle Bücher nach den gleichen Maßstäben bewerten, fiele meiner Ansicht nach die Vielfalt der Meinungen weg.

  10. Zu Amazon finden sich auch in der neuen Literaturkritik gleich zwei Artikel mit unterschiedlichen Meinungen, einer davon von mir:
    http://www.literaturkritik.de/public/inhalt.php?ausgabe=200704#toc_nr1083

    Sicher gibt es die getarnten „Promoter“, die eigene Bücher loben und die Trolle, die Konkurrenten niedermachen. Allerdings erkennt man schnell am Inhalt, wess Geistes Kind der Rezensent ist. Und viele Verlage, die über „Geschäftsschädigung“ jammern, sind oft nur sauer, weil die Rezensenten die Mängel ihrer Bücher beim Namen nennen.

    Hans Peter Roentgen

  11. Es geht um Leserrezensionen. „Gefühlte.“ Das ist wohl im Internet doch wie im richtigen Leben: Wir sind Affen. Wir machen nach – und wollen von anderen wissen, was sie essen – oder lesen. Daß eine Meinung eben immer nur eine Meinung ist – unabhängig wie und wo sie abgelassen wird – sollte doch allgemein verständlich sein.
    Und: daß jeder eine eigene hiervon hat.

    @Erik: „Vielfalt der Meinungen“ – ganz genau. Paradoxerweise neigt das Internet (wie im richtigen Leben) zur Monopolbildung. Und unser (affenartiger) Herdentrieb treibt uns dahin, wo „Leidensgenossen“ auch schon sind. Da wird ein Trend erzeugt, eine Hyterie. Da wird ein Buch (o.a.) in den Himmel gehoben – von seinen Vermarktern natürlich auch (unter dem Mantel der amateurhaften Leserkritik) und wenn sich genügend finden, wird jeder Mist einfach „cool“. Oder gut. Oder sonstwas.

  12. Das beste Beispiel für einen Troll ist „Harriet Klausner“ auf Amazon.com. Über 25.000 (!) Rezensionen in schlechtem Englisch, ausschließlich 4- und 5-Sterne-Bewertungen… Natürlich haben etliche das Spiel längst durchschaut und bekunden das auch in ihren Kommentaren, aber Amazon.com sieht offenbar keine Notwendigkeit, einzuschreiten. Ein Jammer!

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