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Folge 10 vom 11. April 2007

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Erstes Kapitel

Als die Lektorin Stefanie eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem erfolglosen Schriftsteller verwandelt.

Stefanie wollte ihr blondes Haar bändigen, das sich jede Nacht im Schlaf widerspenstig ausbreitete, und suchte, noch mit geschlossenen Augen, nach den Strähnen. Überrascht setzte sie sich auf. Aus der verspiegelten Tür des Schlafzimmerschrankes blickte ihr ein Gesicht entgegen, welches ihr eigenes hätte sein können, wenn es nicht durch das Dunkelblond und den männlich kurzen Schnitt verfremdet worden wäre.

Stefanie schrie, fasste sich an den Kopf und glaubte, der böse Traum müsse gleich vorbei sein. Vorsichtig spähte sie durch die Finger.

Es war kein Traum.

Ein merkwürdig gespanntes, bisher unbekanntes Gefühl machte sich in ihrem Schoß breit. Erstaunt tastete sie unter der Bettdecke, griff arglos zu und fiel in Ohnmacht.

Ich drehte die Walze mit dem Blatt nach oben, um den Text besser lesen zu können. Der Anfang ist gelungen, lobte ich mich, du hast der Lektorin einen ordentlichen Schock versetzt. Wie sollte ich die Geschichte weiterspinnen? Ich könnte Stefanie nach Belieben quälen, doch fehlte mir dazu das nötige Maß an Sadismus. Die Arme war wehrlos, sie sollte nur ein bisschen leiden.

Mehrfach las ich die fünf Absätze, bis die Szene wie ein Film in meinem Kopf ablief. Seltsam war, dass ich den Mann in dunkelblond nicht sah, sondern eine attraktive Frau mit blonder Löwenmähne.

Neben der Schreibmaschine lag noch das blindlings aus dem Regal gegriffene Buch. Ich öffnete den Deckel. Alles Gute zum Geburtstag, Pia.Richtig, der Kafka war ein Geschenk von Pia. Ich hatte mir zwar ein Literaturlexikon gewünscht, doch 49 Euro waren wohl zuviel für eine Studentin. Ich bekäme das Literaturlexikon, wenn ich drin stehen würde, hatte Pia gesagt, dann jedoch gleich die fünfzehnbändige Gesamtausgabe.

Ich stellte das Büchlein auch diesmal ungelesen ins Regal mit dem festen Entschluss, den unbekannten Kafka nicht weiter zu kopieren.

Stefanies nächste Wahrnehmung war eine große helle Fläche, die sie zunächst nicht zuordnen konnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Schlafzimmerdecke erkannte. Schlagartig war die entsetzliche Erinnerung wieder da. Mit einem lauten Schrei sprang sie auf, hieb einige improvisierte Karateschläge gegen das Bild in der Schranktür – umsonst. Mit Spiegelfechtereien kam sie nicht weiter.

Mit zwei Fingern hob sie das kurze Nachthemd.

Stefanies Nachbarin, die fünfundvierzigjährige ledige Verwaltungsangestellte Berta Böttcher, hörte den in ein wimmerndes Stöhnen übergehenden Schrei und presste die Lippen dünn zusammen. Die Bruhks hatte sogar morgens jemanden …

Der Text geriet mir aus den Fugen. In diese Richtung wollte ich eigentlich nicht hemmungslos werden. Seltsam, wie mir die Formulierungen zuflogen, als schreibe die Maschine und nicht ich. Verwunderlich war auch der eigentümlich melodische Anschlag. Hatte die Triumph einen eingebauten Resonanzboden?

Ich xte den letzten Satz durch. Neue Zeile.

Superblogs 2007: Billige Marketing-Idee für unter 1.500 Euro

Superblogs auf technoratiDer Podcast des literaturcafe.de wurde für die Superblogs 2007 nominiert. Wir haben dankend abgelehnt und gebeten, uns von der Liste der Nominierten zu streichen. Bei einem solchen »Wettbewerb« wollen wir nicht dabei sein.

Warum? Weil es eigentlich kein Wettbewerb ist. Der Veranstalter Hitflip (www.hitflip.de), der in der Vergangenheit bereits durch aggressive, nervige und zum Teil höchst dubiose Marketingkampagnen aufgefallen ist, will damit nur ein paar Bauern fangen, um seinen Tauschdienst bekannter zu machen. Und Wettbewerbe sind ein beliebtes Mittel der Bauernfängerei. Übrigens auch im Literaturbereich, wo sie häufig den schwarzen Schafen der Zuschussverlage helfen, neue Opfer zu finden.

Folge 9 vom 10. April 2007

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Ich befand, dass einzig die Triumph würdig war, das geplante Werk zu vollbringen, ohne Rechtschreibprüfung und automatische Seitennummerierung, ohne zigmal überarbeitete Ausdrucke. Um sicherzugehen, dass ich nicht etwa durch einen gedankenlosen Druck auf den Einschaltknopf rückfällig wurde, zog ich den Netzstecker des Computers.

Vorsichtig hob ich die Maschine aus dem Regal und stellte sie auf den Schreibtisch. Das Farbband war nach so langer Zeit sicherlich eingetrocknet. Ich nahm einen Bogen Papier aus dem Drucker und spannte ihn ein. Das ratschende Geräusch der Walze kribbelte über meinen Rücken. Ich tippte meinen Namen – das Papier blieb ziemlich unbeeindruckt. Hastig zog ich die Schreibtischschubladen auf und suchte nach dem Ersatzfarbband. Ich war sicher, eines gekauft zu haben. Mit dem Klopapier halte ich es genauso, es ist immer eine Ersatzrolle im Haus.

Zehn Minuten später war das Farbband eingefädelt. Ich probierte die Buchstaben, sie waren sauber. Nur die Typenhebel waren nicht justiert. Das hüpfende r störte mich nicht weiter. Dadurch erhielt das Manuskript eine äußerliche Unverwechselbarkeit, die dem Inhalt voraussichtlich abgehen würde.

Mit einem Ruck zog ich den Probebogen aus der Maschine, knüllte ihn zu einem Ball zusammen und warf ihn über die Schulter. Sorgfältig spannte ich einen neuen Bogen ein, richtete ihn aus und stellte den Rand auf 10 Grad ein. Über welches Thema sollte ich schreiben?

Ratlos betrachtete ich mein Bücherregal. Auf den Platz der Schreibmaschine stellte ich die leere Flasche Aquavit. Ich könnte die Technik, mit geschlossenen Augen zuzugreifen, einsetzen. Dann abschreiben? Nicht wörtlich, sondern thematisch, fantasierend. Und sehen, was dabei herauskommt. Also griff ich blind zu, wenn auch zögernd und mit der verdrängten Erkenntnis, dass mein Standort vor dem Bücherregal dem Zufall ins Handwerk pfuschte.

Ich hielt ein dünnes Bändchen von Kafka in der Hand, schlug es auf und musste ein paar Seiten zurückblättern, um an den Anfang der Erzählung zu kommen. Die Verwandlung, lautete die Überschrift. Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.

In diesem Augenblick überkam mich eine ungeheure Eingebung. Eine Verbindung zwischen Kafka und Amanda versprach reizvoll zu werden. Wenn ich es geschickt genug anstellte, musste es keine literarische Kakerlake werden. Der Größe des Kopierten würde es keinen Abbruch tun. Wahrscheinlich, so beruhigte ich mein Gewissen, waren sich seine Leser und meine zukünftigen so fremd wie Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und würden sich niemals begegnen.

Der Titel? Ich entschied, mir darüber später Gedanken zu machen und einfach mit dem ersten Kapitel zu beginnen.

Folge 8 vom 9. April 2007

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Der Film gestern mit Ellen Barkin auf Kanal 7 schien mich nachhaltig beeindruckt zu haben. Die Handlung rankte sich um einen Frauengebraucher, Steve, er war in freudiger Erwartung eines Liebesspiels zu viert in der Luxuswanne halb ersäuft und dann erschossen worden, durfte aber nicht in die Ewigkeit abtreten und musste zur Bewährung als Frau zurück. Notgedrungen gab er sich als seine Halbschwester aus, Amanda Brooks; eine originelle Variante eines nicht mehr taufrischen Einfalls.

In meinem Kopf bildete sich urplötzlich ein klarer Gedankenstrom, von dem ich mich willig erfassen ließ. Man müsste die Stoffe weniger intellektuell angehen, mehr kolportieren und hemmungslos erfolgreiche Rezepte kopieren, überlegte ich. Niemand interessierte sich für ein Original, also würde ich ihnen Kopien liefern. Sie wollten es nicht anders, und obendrein passte es wunderbar in diese Welt, in der jede Begebenheit des Lebens mehrfach gewendet auf Bildschirmen und Leinwänden erscheint.

Ich griff zur Flasche, schraubte den Verschluss ab und versuchte, den Papierkorb neben meinem Schreibtisch zu treffen. Erfolgreich! In einem Zug trank ich den angewärmten Rest Aquavit. Hemmungslos. Mit der leeren Flasche in der Hand durchmaß ich mit großen Schritten das Zimmer. Mein Geist, meine Gedanken bekamen Flügel, und mit dieser altgedienten Metapher befand ich mich schon auf dem richtigen Weg. Jetzt brauchte ich nur noch den Einstieg zu finden. Kallweit, der Klempner, kam mir spontan in den Sinn. Olga, wo is der Trauschein? – Dat weisse doch, im Rahm hintam Hochzeitsbild! Hhm, wer die Satire von Kishon nicht kannte, würde meine Pointe nicht verstehen. Witze zu produzieren und einen Roman darum herum zu basteln, war wenig Erfolg versprechend.

Meine Wanderung endete vor dem Bücherregal. In einem Fach in Augenhöhe links standen dekorative Kleinigkeiten, in der Mitte die alte Schreibmaschine, Marke Triumph, die einst meiner Oma gehörte. Mit den Fingerspitzen fuhr ich die Konturen der silbrig umbördelten Tasten nach. Oma Käthe war aus der Sicht unserer Kinderaugen eine wundersame alte Frau gewesen. Damals waren wir davon überzeugt, Feen seien niemals jung und hübsch, sondern runzlig alt und gütig. Mit ihrer dunklen warmen Stimme erzählte sie uns Märchen, deren geheimnisvolle Begebenheiten aus der zittrigen Art des Vortrags zusätzliche Spannung bezogen. Später – es war nach ihrem Tod – stellte sich heraus, dass Oma das Wundersame zumeist aus gewöhnlichen Märchenbüchern bezogen hatte, wie alle anderen Omas auf dieser Welt, bis auf die Geschichte von dem kleinen Mädchen mit den blonden Haaren und den blauen Augen, dem auf einem Waldspaziergang ein Zwerg begegnet. Weil die Sonne sich schon neigte, nahm der Zwerg das Mädchen mit in seine unterirdische Behausung unter einer mächtigen Buche. Oma erzählte diese Geschichte in Fortsetzungen, und weil gute Geschichten nie aufhören sollten, drängten wir sie erwartungsvoll, sooft wir sie sahen. Oma, komm bald wieder, bettelten meine Schwester und ich zu jedem Abschied. Mutter seufzte, sah Vater an und meinte, sie könnten nächste Woche wieder einmal ins Kino gehen. Vater machte dann ein gutmütiges Gesicht, strich uns über die Köpfe und sagte etwas über Leidenschaft, was wir nicht verstanden.

Als Oma starb und ich ihre Märchenbücher erbte, war ich acht Jahre alt. Zu meiner Enttäuschung fand ich die Zwergengeschichte, wie wir sie nannten, nicht in den Büchern. Meine Mutter tröstete mich. Oma hatte das Märchen für sie auf der Schreibmaschine verfasst und ihr schon als Kind erzählt. Oma wäre gerne Kinderbuchautorin geworden.

»Meine Ambitionen hingegen waren beträchtlich«

In der aktuellen April-Ausgabe unseres Literatur-Quiz‘, in Zusammenarbeit mit der Schiller Buchhandlung in Stuttgart, suchen wir nach einer Autorin, die in diesem Jahr ihren 100sten Geburtstag feiern würde. Raten Sie mit? Oder wissen Sie es?

Folge 7 vom 8. April 2007

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Vergnüglich angeheitert legte ich mich aufs Sofa und verschränkte die Arme. Die Zimmerdecke bot nichts Aufregendes, nur ein lästiges streich mich. Vor den ungeliebten Notwendigkeiten schloss ich gern die Augen.

Amanda balancierte auf ihren Stöckelschuhen ins Büro, mit dem rechten Arm ständig Gleichgewicht suchend. Sie trug ein hautenges rosafarbenes Trägerkleid, darüber ein offenes Bolerojäckchen in gleicher Farbe und ebenso offenes Dekolleté. Alles an ihr war Vamp.

Steves Sekretärin schaute vom Bildschirm hoch.

»Neuigkeiten?« fragte Walter, der hinter Amanda durch die Tür in das Vorzimmer drängte.

»Nein, Steve hat sich noch nicht gemeldet«, antwortete Steves Sekretärin. »Sehr merkwürdig.«

»Das ist Amanda, die Schwester von Steve«, sagte Walter.

»Freut mich, Sie kennen zu lernen«, lächelte Amanda. Sie hatte einen breiten Mund und zog den rechten Mundwinkel beim Lachen spöttisch schief, als sei Steves Verschwinden ein Gag, über den nur das Büro nicht lachen konnte. Mit einer Hand versuchte sie die schulterlangen blonden Haare zu bändigen.

Walter zeigte auf die offene Tür zu Steves Büro. »Vielleicht hat er auf dem Schreibtisch eine Nachricht hinterlassen.«

»Ja, vielleicht«, ermunterte ihn Amanda.

Steves Sekretärin erhob sich und trat an die Tür zu Steves Büro. Sie war schlank, hatte ein intelligentes Gesicht und lange dunkle Haare, die zu einem Zopf zusammengebunden waren.

Merkwürdig, dachte Amanda, Pia trug die Haare immer offen. Und seit wann braucht sie eine Brille? Auch ihr Teint war heller …

Steve durchwühlte das Papier und hob die Schreibtischunterlage hoch.

»Nein, da ist nichts«, sagte Pia. »Ich habe den Schreibtisch schon aufgeräumt.« Sie wandte sich Amanda zu und betrachtete die rosarot eingehüllte Blondine mit nicht verhohlener Ungläubigkeit. »Sie sind Steves Schwester?«

»Ich bin seine Halbschwester.«

Pia schüttelte den Kopf. » Steve hat mir nie von einer Schwester erzählt. Übrigens, er ist um neun verabredet, eine Besprechung, in der ‚Szene‘ …«

Ich fuhr hoch. Die Verabredung um neun mit Pia – ich hatte sie glatt verpennt! Kerzengerade saß ich auf dem Sofa und raufte mir durch die Haare. Herrgott nein, das war doch vorige Woche! Ich ließ mich hintenüber fallen, die Hände vor dem Gesicht.

Ganz ohne Verlag: Jelineks neuer Roman erscheint im Internet

Auch ein Romancover von Frau JelinekNicht für Geld in Buchform, sondern kostenlos auf ihrer Website veröffentlicht Elfriede Jelinek ihren neuen Roman. »Neid« heißt das jüngste Werk der Literaturnobelpreisträgerin von 2004. Das erstes Kapitel ist unter www.elfriedejelinek.com zu finden (Bereich Aktuelles/2007). Bereits 63 Seiten umfasst dieser »Privatroman«, der jedoch ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden darf.

Daher zitieren wir lediglich aus der Besprechung im Standard: Der Text, wie er da steht, immateriell, kostenlos, flüchtig, mit ein paar Tippfehlern, eignet sich immerhin zur romantischen Ironie – er selbst erinnert die Netzleserschaft an ihre Lizenz zum Schließen und Löschen. Jedoch: Fortsetzung folgt.

Folge 6 vom 7. April 2007

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Kallweit lag wie üblich am späten Vormittag im Fenster und beobachtete das Leben. Bis vor einer Woche war ich mit einem unpersönlich gehaltenen Guten Tag vorbeigegangen. Seit der Sache mit dem Dietrich und der Aufdeckung des strafrechtlich nicht unbedenklichen Lauschangriffs war mehr Freundlichkeit geboten. Weil mir nichts Besseres einfiel, erwähnte ich: »Sie haben noch einen Aquavit bei mir gut.«

»Nachem Essen. Ich komm dann rauf.«

Ich gratulierte mir herzlich zu meinem Einfall, beruhigte mich dann aber wieder. Irgendwann musste es ohnehin sein. Warum also nicht heute?

Wenige Minuten nach zwei Uhr klingelte es. Ich bat Kallweit, auf dem Sofa im Wohnzimmer Platz zu nehmen und holte den Aquavit und zwei Gläser. Eigentlich mochte ich keinen Schnaps. An die Flaschen war ich während eines verlängerten Ostseewochenendes gekommen. Das Wetter war nicht besonders und eine Fahrt mit der Fähre von Puttgarden nach Rødbyhavn schien die einzig sinnvolle Flucht vor der Langeweile.

»Schriftsteller bisse?«

»Richtig.«

»Abba die Bücha sind nich alle von dir?« Kallweit deutete auf das dreiteilige Holzregal, Kiefer unbehandelt und gut mit Literatur gefüllt.

»Sie sind ein Witzbold.« Ich trank den Aquavit in kurzen Schlucken und beobachtete Kallweit über den Rand des Glases. Versprechen eingelöst. Kallweit konnte nun wieder in das Erdgeschoss zurück und die Arme auf das Sofakissen im Fenster legen.

»Hasse die alle gelesen?«

Mein Holzregal war gehaltvoller als jeder überdurchschnittliche Wohnzimmerschrank, für Kallweit wohl ein bisschen zu viel. »Nicht alle«, antwortete ich. »Die Nachschlagewerke liest man nicht, man gebraucht sie.«

»Du bissen Oberschlauen, was?«

»Es war nicht so gemeint«, sagte ich, und weil das halb gelogen war, goss ich ihm nach.

»Is denn schonnen Buch gedruckt?«

»Von mir? Nein.« Ich schenkte mir ebenfalls ein, blickte Kallweit auffordernd in die Augen und kippte diesmal das Zeug hinunter.

»Die ganze Maloche is umsons?«

»So ist das nun mal. Vor die Veröffentlichung hat der Herrgott die Lektorinnen und die Verleger gesetzt«, erklärte ich.

»Abba wennze nich gedruckt wirs, macht dat doch kein Sinn. Die ganze Aabeit.«

Ich zuckte mit den Schultern. Wir sollten alle streiken, dachte ich, wohl wissend, dass Streik keine Lösung war. Gab es überhaupt eine Lösung? Nicht alles Ungleichgewichtige endet so wie bei David und Goliath in der Bibel.

»Nä«, sagte Kallweit, »dat is wie als wennich ne Wassaleitung durchs Haus leech und nich anschließ.«

»Ein kleiner Unterschied ist schon da. Ich schreibe ohne Auftrag. Was mir so einfällt, und von dem ich glaube, es könnte die Leser interessieren.«

»Klempner is doch wat ganz anners als diese Schreiberei«, urteilte Kallweit. »Da drehsse den Hahn auf und wenn Wasser kommt, bisse häppi. Oder dat Haus fliechtich umme Ohrn. Bei Gas.«

Seine Augen verrieten mir, wie köstlich er sich über mich amüsierte. Ich spendierte die dritte Runde.

»Bis vielleicht dochen feinen Kerl. Prost.«

Wir tranken und ich wurde langsam rauschig. Ich hätte vorher zu Mittag essen sollen.

»Wie alt bisse eintlich?«

»Fünfunddreißig.«

Kallweit musterte mich. »Schonne kleine Plauze.«

»Drei Kilo.«

»Mehr nich? Bei deine einssiebzich. Fürn Aabeitslosen bisse gut genährt. Kannze mir mal son Buch von dir geem?«

»Wann haben Sie denn zum letzten Mal gelesen?«

»Heute. Stellenanzein inne Zaitung.«

»Egal«, sagte ich laut, schüttete Aquavit ein und trank ihn gleich aus. Aus dem Regal holte ich den Umschlag mit dem Manuskript über Herbert Koslowski und reichte ihn Kallweit. »Lesense dat«, sagte ich. »Wegen dem Kabel.«

Kallweit sah mich argwöhnisch an.

»Noch einen, zum Einlesen?« Ich hielt ihm auffordernd die Flasche hin.

»Nä«, meinte er nach kurzem Überlegen. »Ich hau dann getz ab.«

Ich schenkte mir noch einmal ein. Der Aquavit ging deutlich zur Neige. »Sagense mir ruich, wenn Ihnen wat nich gefällt.«

»Machich.«

Ich leerte das Glas und begleitete Kallweit zur Tür.

Seltsam, was ich da veranstaltet hatte. Immerhin, der Bildungsnull hatte ich es ordentlich gegeben, an dem Manuskript würde er sich die Zähne ausbeißen.

Erfolg mit Kindersoldaten: Starbucks wird zum Literaturcafe

Literarische Online-Diskussion von Starbucks und gather.comIn den USA verkauft die Café-Kette Starbucks jetzt auch Bücher. Dabei setzt der Kaffee-Spezialist nicht auf eine Auswahl an Titeln, sondern bietet jeweils immer nur einen für einen begrenzten Zeitraum an. Starbucks geht hierbei nicht den Weg einer eigenen Edition, sondern wählt ein Buch aus der aktuellen New-York-Times-Bestsellerliste.

Wer nun erwartet, dass Starbucks bei solchen Aktionen auf leichtverdauliche Lesekost setzt, der irrt. Im aktuell erhältlichen Titel »A Long Way Gone« berichtet der heute 26-jährige Ishmael Beah von seinen Erlebnissen als Kindersoldat in Sierra Leone, eine blutige und brutale Geschichte. Als Ishmael zwölf ist, wird sein Dorf von Rebellen überfallen. Zusammen mit anderen Kindern flüchtet er in den Urwald. Regierungssoldaten erzählen den Kindern, dass sie an den Rebellen Rache nehmen und jeden einzelnen töten müssen. Den Sieben- bis Siebzehnjährigen werden russische AK-47-Gewehre in die Hand gedrückt, und ihre Ausbildung zu Soldaten beginnt.

Folge 5 vom 6. April 2007

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Wahllos zog ich ein schmales Bändchen aus dem Bücherregal, schlug es auf und las den ersten Satz.

Ich brauche jetzt Ruhe.

Holla, woher wusste die Autorin das? Die Schwierigkeiten in meiner Unruhe zu suchen, war wohl eine nahe liegende Vermutung. Ich irrte im Nebel der Einleitung meines neuen Romans und suchte nach dem ersten Satz, der zündet und den Leser hineinreißt in den Strudel der Ereignisse, ihn an die Worte kettet, Lesevergnügen verspricht und dieses Versprechen über mehrere hundert Seiten hält.

Ich stellte das Taschenbuch zurück und nahm einen gebundenen Band.

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

Ich träumte gerne und war nicht unbedingt das, was heutzutage ein harter Kerl genannt wird. An den Ohren litt ich auch, denn ich hörte nicht auf alles, was man mir weismachen wollte. Vor einem Jahr hatte ich mich an ein ähnliches Thema gewagt, Befehl und Gehorsam in der Arbeitswelt. Ob die Verlage an meiner Version interessiert waren? Auch wenn die gestrige Absage von Weigold nicht zählte, hatte ich keine Lust, das Exposé erneut zu versenden.

Das Buch schloss die Lücke in der Reihe für einen kurzen Moment, bis ich seinen Nachbarn herausgegriffen hatte.

Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereingangs von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm;

Ich hielt mit dem Lesen inne und suchte den Punkt am Satzende, fand ihn schließlich nach weiteren elf Zeilen, betrachtete ihn bewundernd, als enthalte er auf kleinstem Raum die Aussage des Satzes, der seinerseits majestätisch mehr als die Hälfte der Seite für sich beanspruchte, ein Königssatz also, dem sich der Leser unterwirft und bis zur letzten Seite folgt.

Resigniert stellte ich das Buch zurück. Ich wohnte nicht in einem Kloster sondern in der dritten Etage eines Mietshauses, dessen Haustür kein von Doppelsäulchen getragener Rundbogen zierte und vor dem für eine Kastanie auf dem schmalen Bürgersteig kein Platz war, ganz zu schweigen von dem Lichtraumprofil, das die Oberleitung der Straßenbahn für sich beanspruchte.

Mit den Studien über erste Sätze konnte ich meinen Kopf nicht füllen. Ich komme dann auf dumme Gedanken. Elf Uhr war längst vorbei und ich erwartete keine Post. Trotzdem nahm ich den Briefkastenschlüssel vom Haken in der Diele. Altbauwohnungen seien gemütlich, hatte ich Pia vorgeschwärmt, als sie eine neue Wohnung suchte und ich im Stillen hoffte, sie würde bei mir einziehen, unpraktisch seien nur die Briefkästen Parterre im Hausflur. Ob ich glauben würde, in ihrem Neubauklotz käme die Post in die achte Etage, fragte Pia. Wer weiß, antwortete ich, wenn der Postmann zweimal klingele … Pia drehte sich um, zeigte mir ihr hübsches Hinterteil und bediente die Männer auf der anderen Seite der Theke.

Ich ging am Briefkasten vorbei und aus dem Haus, als wollte ich einkaufen.

Folge 4 vom 5. April 2007

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Meine nächste Wahrnehmung war eine große helle Fläche, eine einfache Struktur, die ich aber nicht zuordnen konnte. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich eine Zimmerdecke erkannte und feststellte, dass ich mit Unterwäsche bekleidet in meinem Bett lag und das Dröhnen nicht von draußen kam. Vorsichtig erhob ich mich, und das Tosen schwoll bedenklich an. Ich schleppte mich nach nebenan ins Badezimmer. Praktischerweise war es direkt vom Schlafzimmer aus zugänglich. Dafür fehlte im Bad das Klo. Es lag abgeteilt am Ende der Diele, was ich wiederum für unpraktisch hielt, denn ich musste morgens wie jeder andere erst einmal pinkeln. Ich unterdrückte das Bedürfnis, holte Alka Seltzer aus dem Spiegelschrank und bereitete mir ein belebendes Getränk. Auf der Badewannenkante sitzend wartete ich auf Besserung. Ich bewegte mich erst wieder, als ich den Druck nicht mehr aushalten konnte.

Von der Toilette aus ging ich ohne besonderen Grund ins Wohnzimmer. Das Rollo war heruntergezogen. Ich wunderte mich und zog an der Schnur, bis der Mechanismus griff und mir die Schnur aus der Hand glitt. Das Rollo ratterte und überschlug sich mehrfach.

»Ruhe!« fauchte es von meinem Sofa. Pia lag dort blinzelnd unter einer Wolldecke. Die Anweisung war unnötig, denn zu Gesprächen fühlte ich mich noch nicht in der Lage, und das Hämmern in meinem Kopf konnte sie nicht hören. Ich versuchte, eine Frage zu formulieren, kam damit aber nicht auf Anhieb zurecht.

»Entsetzlich, wie du abgestürzt bist«, sagte Pia mit vorwurfsvollem Gesicht. »Im Taxi hast du die halbe Zeit gepöbelt, weil der Fahrer nicht den Weg genommen hat, den du dir eingebildet hast. Und weil er nur gebrochen Deutsch sprach und dich nicht verstand. Dabei hättest du dich hören sollen! Der Versuch eines neuen, lautmalerisch orientierten Dialektes!«

Pia stand auf, hielt sich die Wolldecke vor die Brust und ging zum Sessel. Sie drehte mir den Rücken zu, ließ die Wolldecke fallen und zog sich hastig das Kleid über. Der rechte Träger war abgerissen und brachte das Kleid in eine aufreizende Schieflage.

»Hast du wenigstens eine Sicherheitsnadel?« Pia hielt den Träger in der Hand und funkelte mich an. »Wenn das der Dank dafür ist, dass ich dich nach Hause geschleppt habe. Du bist über mich hergefallen.«

»War ich erfolgreich?« Hatte sie mir deshalb den Anblick ihrer Brüste beim Überziehen des Kleides nicht gegönnt?

Pia ging auf mich los. »Frag dein Schienbein.«

Mein Schienbein antwortete nicht. Pias Attacken mussten unerheblich gewesen sein. Es gelang mir, ihre Arme zu fassen, bevor sie tätlich werden konnte, und ich küsste sie; sie wandte den Kopf ab, aber ich griff ihn mit der rechten Hand und fing ihren Mund wieder ein. Während sie versuchte, mich an den Oberarmen wegzuschieben, schloss und öffnete sie abwechselnd ihre Lippen. Sie berauschte mich mit ihrem Zappeln und ich nahm mir, was ich mir sehnlichst gewünscht hatte.

Ich ließ erst von ihr ab, als sie stocksteif stand und ihr Dulden die Erkundungen meiner Hand auf ihrem Körper zu kneten und befummeln abstufte. Mit einer Mischung aus Wut und Neugier schaute sie mich an, und selbst in meinem Zustand brauchte ich keine Reaktionszeit um zu erkennen, dass mir eine verbale Hinrichtung bevorstand. Noch ehe sie etwas sagen konnte, quälte sich die Linie 9 quietschend durch die Kurve aus der Emmanuel-Müller-Straße. Ich las Du Schwein! von ihren Lippen. Eine Allerweltsformulierung, wunderte ich mich; sie musste in diesem Moment ganz sie selbst gewesen sein.

Weil sie sich umdrehte statt auf mich zuzugehen, wartete ich ab. Sekunden später knallte die Wohnungstür.

Im Verlaufe der nächsten Stunde tröpfelten mir die Konsequenzen ins Bewusstsein, mit der wachsenden Fähigkeit, meinen Verstand wieder klar zu gebrauchen. Pia würde mir nie verzeihen. Bei jeder anderen Frau hätte ich meine Begierde zu Du bist wahnsinnig begehrenswert! geredet und sie mit Leidenschaft begründet. Erschreckt stellte ich fest, dass nicht der Verlust einer Freundin, sondern das Alleinsein mein Fühlen bestimmte.

Dem Schockwellenreiter sein Buch: Nur echt mit Krawatte

BuchcoverJörg Kantel, als deutsches Weblog-Urgestein besser bekannt unter dem Namen »Der Schockwellenreiter«, hat ein Buch geschrieben. Es ist ein EDV-Fachbuch, erschienen beim bekannten O’Reilly-Verlag. Der Titel »RSS und Atom – kurz & gut« mag sicherlich nicht für jeden verständlich sein, das ist bei einem Fachbuch aber auch nicht die Voraussetzung.

Interessant jedoch, dass Kantel mit einer kleinen, aber netten Verlosungsaktion in seinem Weblog für das eigene Buch wirbt. Wer zum Buch-Eintrag einen netten Kommentar schreibt oder einen blog-üblichen Trackback absetzt (wieder so ein Fachbegriff), der oder die kommt in einen Verlosungstopf: Kantel verlost fünf Exemplare seines Buches. Und wo und wann findet die Verlosung statt? Am Ostermontag in seiner Stammkneipe. Eine nette kleine Aktion, die zeigt, wie man das eigene Blog fürs eigene Buchmarketing einsetzen kann.

Wir machen natürlich auch mit, und unser Grafiker hat das nebenstehende Buchcover entworfen. Nur echt mit der rot-grünen Krawatte! Und bitte mit dem Mauszeiger drüberfahren! Wer diese Anspielung nicht versteht, hat noch nie die das Blog des Schockwellenreiters gesehen.

Folge 3 vom 4. April 2007

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»Ach du meine Güte«, begrüßte mich Pia. Sie langte nach einem dreiviertelvollen Bierglas und ließ einen kräftigen Strahl hineinschießen. Während ich auf dem Hocker Platz nahm, stellte sie das Bierglas vor mich auf die Theke. Es war noch wenig Betrieb in der Szene. Freitag abends ging es erst gegen elf richtig los, dafür dann bis fünf Uhr morgens.

Vor einem Jahr hatte ich Pia in dieser Kneipe kennen gelernt. Sie war damals dreiundzwanzig und frisch in Germanistik eingeschrieben, ich war vierunddreißig und verdiente mir meinen Lebensunterhalt als Taxifahrer. Ein Fahrgast versetzte mich in der Szene, und weil es schon spät in der Nacht war, blieb ich auf ein Bier und kam mit Pia ins Gespräch. Sie tröstete mich, ich sei nicht der einzig sitzen Gelassene, und erzählte mir freimütig, wie ihre Beziehung vor drei Wochen in die Brüche gegangen war. Ich redete das übliche Zeug über Mädchen, die zu hübsch sind, um allein zu bleiben, und wurde auch mal eindeutig, obwohl ich nicht viel für solche Redensarten übrig habe. Dass ich überhaupt so viel redete, verdankte ich Pia. Sie schuf durch ihre Offenheit von Anfang an eine Vertrautheit, als seien wir zusammen zur Schule gegangen. Unsere Freundschaft begann gleich mit diesem Gespräch an der Theke, für mich an dem Punkt, als sie feststellte, von allem Schwachsinn, den sie hier zwangsläufig höre, sei der meine kultivierter, und ich ihr daraufhin eingestand, dass ich vom Taxi fahren leidlich und vom Schreiben überhaupt nicht leben konnte.

Wir kannten uns etwa vierzehn Tage, als wir bei mir im Bett landeten. Sie erledigte die Sache routiniert und ohne Leidenschaft, und ich merkte, dass meine Gefühle deutlich stärker waren als ihre. Für sie musste es ein Test gewesen sein, wobei mir nicht klar wurde, ob sie oder ich der Gegenstand ihrer Prüfung war. Ich machte den Fehler, mit ihr nicht darüber zu reden. Ihre Art hielt mich zurück, die beherrschte Distanz und ihr Auftreten, mit dem sie mühelos jedem Gefühl auswich, ohne kühl zu wirken. Ich sprach und sie setzte den Punkt, gleich damals bei mir im Bett: Ich wollte sie in die Arme nehmen, doch sie schlüpfte in meinen Bademantel, noch bevor sie die Bettdecke ganz zurückgeschlagen hatte. Punkt – und der Anfang einer unausgesprochenen Übereinkunft, nicht mehr miteinander zu schlafen. Soweit ich ihre Bekanntschaften überblickte, schien sie keinen anderen Freund zu haben. In meinen sarkastischen Momenten fragte ich mich allerdings, ob ich überhaupt ihr Freund war – sie wurde meine Kritikerin, Beraterin, Mutter, und meine Sponsorin, weil ich längst nicht alles bezahlte, was ich in der Szene trank.

Heute trug sie ein oben wie unten kurzes Sommerkleid mit schmalen Trägern, aus einem dünnen dunkelblauen Stoff, bedruckt mit kleinen weißen Blümchen. Alles an ihr war dunkel, die schulterlangen Haare, die Augen, der Teint. Ich beobachtete sie, wie sie Bier zapfte, Gläser spülte, einen Aschenbecher leerte und mit dem Pinsel reinigte. Zwischendurch wechselte sie mein leeres Glas ohne Bestellung aus. Sie bewegte sich flink innerhalb des Rechtecks, das die Theke inmitten des Raumes bildete.

»Dein Gesicht spricht Bände«, unterbrach Pia meine Gedanken. »Ich merke sofort, wenn ein Verlag wieder einmal abgesagt hat.«

Ich gab keine Antwort.

»Ist es so schlimm?«

»Noch zwei Biere«, tönte es von rechts.

»Sofort«, nickte Pia.

Später kam sie wieder zu mir und stützte Arme und Oberkörper auf die Theke. Ich fand diese Haltung nicht fair, nicht in dieser depressiven Stimmung, die nach Anlehnung schrie.

»Du hörst ja nicht auf mich.«

»Seit wann gibst du dich mit Pauschalvorwürfen ab?« fragte ich.

»Allein schon deine Titel: Unschuld und Sühne. Oder der letzte: Die Unschuld des Herbert Koslowski, oder so ähnlich. Man könnte meinen, du hättest deine noch – wenn ich es nicht besser wüsste.«

Meine Augen verließen ihre Augen, stolperten über den Mund, wurden aufgefangen und blieben hängen. Pia richtete sich auf.

»Ach was«, sagte sie, und ich atmete durch. Sie ersparte mir eine Neuausgabe ihrer Predigt über meine handwerklichen Schwächen, in der sie sich über Stil, Satzmelodie und Satzgefüge verbreitete. Seit Pia kannte ich die These, dass Sätze mindestens aus vierzehn Wörtern bestehen müssen. Mein Durchschnitt lag darunter. Ich schrieb knapp, manchmal zu knapp, und das machte meinen Stil spröde. Mein Stil sei brüchig, so drückte es Pia aus.

»Du magst, wie ich Stimmungen aufbaue«, erinnerte ich sie.

»Die hoffnungslos traurigen«, sagte sie, »dass ich zum Kleiderschrank gehen und mir die tristesten Klamotten anziehen möchte. Und dann verwendest du Worte mit hellen, fröhlichen Vokalen statt mit dunklen, bedrohlichen.«

Ich kam also doch nicht ungeschoren davon. Finsternis und Düsternis, das war ihr überspanntestes Beispiel. Danach hatten wir uns zwei Wochen nicht gesehen.

»Du wiederholst dich«, bemerkte ich. »Wie gut, dass du nicht zum Bücherschrank gegangen bist und Bonjour tristesse herausgeholt hast.«

Pias Augen warfen Blitze.

»Ich hatte Düsternis schon zwei Seiten vorher gebraucht«, behauptete ich. Jeder Satz in dieser Diskussion war zu viel, trotzdem konnte ich mich nicht zurückhalten. Meine Laune war jetzt beinahe so schlecht wie auf der ersten Treppenstufe. »Erinnerst du dich an deine eigenen Ratschläge? Farbe und Abwechslungsreichtum der Sprache.«

»Streichst du dein Wohnzimmer nur deshalb schwarz, weil die Wände in der Diele schon weiß sind?« konterte Pia.

»Wirkliche Synonyme, davon gibt es nicht allzu viele.« Meine Zunge formte das Fremdwort ungelenk. »Finsternis wird wohl der treffendste Ausdruck gewesen sein.«

»Und der präziseste für deine Karriere.« Pia servierte die beiden Biere. Für mich war eines mit abgefallen. Der Kuli glitt zwar über meinen Bierfilz, er verlängerte die schmale Reihe der schwarzen Striche jedoch nicht.

Pia und ich zankten noch eine Weile, bis sie soviel zu tun hatte, dass keine Unterhaltung mehr möglich war. Ich saß, Stunde um Stunde, beobachtete die Menschen um mich herum und formulierte Sätze, sinnvolle und abstruse, solange ich noch einigermaßen denken konnte. Irgendwann drängte sich mir ein anderer, ebenfalls betrunkener Einzelgänger auf. Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den Lärm aus Musik und Quatschen mehr recht als schlecht verständigten, eigentlich nur mit Worten bewarfen, zog er aus meinem Zustand die falschen Schlüsse und konstatierte, ich sei ein Arsch, ebenso wie er, ein richtiger Saufkopp, und hieb mich vor Begeisterung fast vom Hocker. Während ich mit rechts mein Gleichgewicht an der Theke ausbalancierte, schüttelte er mir die Linke und sagte: »Jau, du bis auch nördlich der Gürtellinie gebor’n«, wohl froh darüber, dass ich nicht die einheimische Einfärbung des Hochdeutschen sprach.

Folge 2 vom 3. April 2007

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Ich erwachte aus meiner Reglosigkeit und steckte den Brief zurück in den Briefumschlag. Zu viel Intellektuelles würde dem Ruf des Verlages schaden, dachte ich, als ich die Treppenstufen langsam nach oben stapfte. Neulich, in der Szene, hatte Pia festgestellt, ich könne sehr sarkastisch sein und angedeutet, ich solle vielleicht das Genre wechseln. Sie forschte in meinem Gesicht und ich fühlte Interesse von ihrer Seite wie lange nicht mehr. Wahrscheinlich sei ich aber einfach nur neidisch, war nach einigen Sekunden die nüchterne Quintessenz. Ich bekämpfte meine Enttäuschung mit dem Bier, das sie vor mir auf den Tresen stellte.

»Verdammter Mist!« Ärgerlich betrachtete ich den Briefkastenschlüssel, mit dem ich versuchte hatte, die Wohnungstür zu öffnen. Ich warf den Briefumschlag auf die Fußmatte und hockte mich auf die Treppe.

Kallweit, natürlich! Im Haus wohnte ein Klempner, der nichts zu tun hatte. Schlosser oder Klempner, was machte das schon aus? Zwei praktische Hände waren gefragt. Ich ging hinunter und läutete. Kallweit öffnete selbst. Er trug seine Einheitskluft, blaue Hose, graues Unterhemd, die Ränder unter den Achseln von Schweiß verfärbt, und – so ziemlich das Letzte, was ich ihm zugetraut hätte – Filzpantoffeln.

»Na?« Kallweit war einen Kopf größer als ich, kräftig gebaut, ungefähr fünfzig, mit kurz geschnittenen dunkelblonden Haaren und Bartstoppeln, zu denen ich nicht sagen konnte, ob er schlecht oder gar nicht rasiert war.

»Ich wollte zu Ihnen, ja«, sagte ich. »Meine Wohnungstür ist zu. Präziser gesagt: Ich komme nicht mehr hinein. Der Schlüssel ist drinnen und ich bin draußen.«

»Du bis der Schnösel aussem dritten, nich?«

Von Kallweit musste ich mich nicht beleidigen lassen. »Hören Sie … «

»Der dat Kabel vom Klo runterlässt«, unterbrach er mich.

Ich schluckte. Ein Schriftsteller benötigt Anregungen, er kann sich nicht nur auf Eingebungen verlassen; der Grund, warum ich wohl das längste Mikrofonkabel in der Stadt besaß. Aus dem Badezimmerfenster hatte ich das Mikro langsam in den Hof heruntergelassen, ihre Gespräche aufgenommen und auch schon mal halbe Vormittage auf der unteren Treppenstufe verbracht, das Mikrofon im Ärmel der Jacke und den Eingangsregler voll aufgedreht.

»Ich lass mich nich verscheissan«, sagte Kallweit und gab mir mit zwei deftigen Ohrfeigen rechts und links keine Chance, nach einer Entschuldigung zu suchen. Die ganze Zeit hatte er Bescheid gewusst und sich nichts anmerken lassen! Ich setzte mich auf den Hausflur, rappelte mich wieder hoch, um mich trotz der Schuldgefühle in eine gleichwertige Position zu bringen. Meine Ohren dröhnten und beide Gesichtshälften brannten.

»Eins eins.« Kallweit hörte sich nicht verärgert, sondern wohlwollend an. Ich entschied, die Ohrfeigen als berechtigt abzuschreiben und traute mich, das Gesicht in beiden Händen, die Frage nach einem Dietrich zu stellen. Statt einer Antwort sah mich Kallweit einfach nur an, und das machte mich noch unsicherer.

»Es ist nicht so, wie Sie denken – mehr studienhalber, es war nicht persönlich gemeint«, stammelte ich in dem Glauben, eine Erklärung abgeben zu müssen.

»Wenichstens hasse keine große Klappe.« Kallweit drehte den Kopf in die Diele. »Olga!« rief er, »wie lang noch?«

»Zehn Minuten«, tönte es aus der Küche.

»Ich möchte nicht stören«, sagte ich, »und verantwortlich sein, wenn der Haussegen schief hängt.«

»Red nich so g’schert!« Aus Kallweits Mund klang die Verbindung von Ruhrpott und dem hiesigen Dialekt spaßig. »Ich hol dat Wärkzeug. Geh schomma rauf«, forderte er mich auf und schloss die Tür vor meiner Nase.

Kaum war ich oben angekommen, hörte ich schon Kallweits Schritte auf der Treppe. Alle Achtung, er war zuverlässig. Kallweit steckte den Dietrich in das Schloss, fummelte ein wenig – und klack, die Tür öffnete sich.

»Da habe ich noch mal Schwein gehabt«, seufzte ich erleichtert.

»Willze dir nichma ein Sichaheitsschloss anbring?«

»Bei mir gibt es nichts zu klauen«, antwortete ich.

Kallweit bückte sich und nahm den Briefumschlag von der Matte. »Deine Post.«

Die penetrante Duzerei gefiel mir nicht. Ich dachte an das lange Mikrofonkabel und wagte keinen Protest, sprach dem Du sogar eine gewisse Berechtigung zu. Schließlich war ich in Kallweits Privatsphäre eingedrungen und konnte nicht erwarten, ehrerbietig mit Sir angeredet zu werden. Eher schon mit Ohrfeigen begrüßt.

»Danke. Darf ich Sie zu einem Gläschen einladen?«

»Schnaps? Da sachich nich nein.«

Ich holte den Aquavit und zwei Schnapsgläser aus dem Eisfach.

»Dir fehlt ne Frau wie Olga«, sagte Kallweit. Überrascht drehte ich mich um. Wie selbstverständlich war er mir in die unaufgeräumte Küche gefolgt. »Die jungen Weiba heut, die hamm nur Flausen im Kopp. Sind alle hintam Geld her. Hass wohl keine Kohle, was?«

»Ich bin arbeitsloser Schriftsteller.« Ich drückte Kallweit die frostbeschlagenen Gläser in die Hand und goss vorsichtig ein. Wir prosteten uns zu.

»Dat is wat Reelles«, sagte er anerkennend.

»Möchten Sie noch einen?«

»Den habich gut,« winkte Kallweit ab. Er deutete mit dem Daumen nach unten. »Dat geht ihr nämmich anne Närven. Ärst kochtse, dann is keiner da. Wie bei Muttern. Da gabs wat hinter die Löffel.«

Der Mann war rücksichtsvoller, als mir die Tonbandaufnahmen offenbarten. Zumeist kommandierte er seine Familie, nur sein Sohn gab ihm Kontra. Olga pflegte ihn mit einem auf der zweiten Silbe langgezogenen, nur einen Ton ausmachenden Kalleinz zu rufen. Karl-Heinz musste Anfang zwanzig sein und eine eigene Bude haben, denn er kam und ging unregelmäßig. Ich schätzte seine Sprüche; du gehs mir auffen Senkel, Alter, war zwar nicht originell, aber sorgte für Stimmung zwischen Vater und Sohn.

Kallweit verabschiedete sich. »Wennze Zeit hass, kannze anschelln. Ich hab imma Zeit.«

Auch das noch. »Mach ich!« rief ich ihm in gekünstelter Heiterkeit nach. »Und nochmals danke.«

Ich stopfte den Aquavit ins Eisfach neben die Packung Rahmspinat. Das Eis war schon wieder dickbauchig und drohte, über die Kanten zu wachsen und die Eisfachtür zu sprengen. Die Dichtung war hinüber. Ich stocherte und hackte große und kleine Eissplitter aus dem Eisfach und nutzte die Gelegenheit, gleich mit der Hausarbeit fortzufahren. Bei schlechten Nachrichten wurde ich reinlich. Bisher kamen die Absagen zwar in etwa gleichmäßigen Abständen, aber nicht häufig genug, um mir zu einer durchgehend sauberen Wohnung zu verhelfen. Putzen gegen den Frust, davon hatte ich neulich in einer Zeitung gelesen. Pia, die zwei Semester Psychologie studiert hatte, bevor sie die Fakultät wechselte, diagnostizierte, ich wolle mich vom Makel des Misserfolges reinwaschen. Ich hielt nichts von dieser tiefenpsychologischen Interpretation. Lieber hätte ich Holz gehackt, da könnte ich einfach drauflos schlagen wie im Stall der Almhütte. Dort erhielt ich aber keine Post, dort war das Holzhacken Arbeit und keine Therapie, denn ohne Brennholz ist es auf sechzehnhundert Metern auch im Sommer verdammt kalt.

Nach drei Stunden mit Staub, Fettresten und festgetretenen Krümeln lehnte ich mutlos an der Küchentür. Keine Schlieren mehr, streifenfrei, trotzdem keine Aussicht, bis auf den Blick auf die alte Anrichte mit dem Aufsatz und den verglasten Türen, hinter denen mein Geschirr stand.

Das literaturcafe.de zu Gast im Deutschlandradio Kultur

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Ausschnitt aus der Website des DeutschlandradioDer Herausgeber des literaturcafe.de, Wolfgang Tischer, wird am kommenden Samstag, 7. April 2007, Gast in der Sendung »Blogspiel« des Deutschlandradio Kultur sein. »Blogspiel« ist eine wöchentliche Radiosendung, deren Themen sich um Weblogs und Podcasts drehen. In der kommenden Sendung geht es um Literatur und Weblogs. Der genaue Titel lautet »Literatur in, über, von, versus Blogs & Podcasts«.

Dabei handelt es sich um eine Sondersendung, denn normalerweise können zusätzlich über die Website blogspiel.de eigene Klangbeiträge hochgeladen werden. Diejenigen Beiträge, die von anderen Nutzern innerhalb einer Woche die meisten Stimmen bekommen, werden dann in der Sendung gespielt. Ein insbesondere für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr innovativer Ansatz, denn dort ist es beileibe keine Selbstverständlichkeit, dass Radiobeiträge von Nicht-Profis überhaupt eine Chance haben.

Die Sendung »Blogspiel« beginnt am 7. April 2007 um 16:30 Uhr. Deutschlandradio Kultur ist – bis auf wenige weiße Flecken – deutschlandweit per Antenne zu empfangen. Natürlich auch digital über Satellit oder per Internet-Livestream.

Wer am Karsamstag nicht die Möglichkeit haben sollte, Radio zu hören, der kann die Sendung kurz danach als MP3-Datei unter www.blogspiel.de herunterladen und in Ruhe zeit- und ortsunabhängig anhören. Und natürlich wird Wolfgang Tischer im literaturcafe.de berichten, wie’s denn im Studio in Berlin so zugegangen ist.