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Startseite Almtraum Folge 3 vom 4. April 2007

Folge 3 vom 4. April 2007

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»Ach du meine Güte«, begrüßte mich Pia. Sie langte nach einem dreiviertelvollen Bierglas und ließ einen kräftigen Strahl hineinschießen. Während ich auf dem Hocker Platz nahm, stellte sie das Bierglas vor mich auf die Theke. Es war noch wenig Betrieb in der Szene. Freitag abends ging es erst gegen elf richtig los, dafür dann bis fünf Uhr morgens.

Vor einem Jahr hatte ich Pia in dieser Kneipe kennen gelernt. Sie war damals dreiundzwanzig und frisch in Germanistik eingeschrieben, ich war vierunddreißig und verdiente mir meinen Lebensunterhalt als Taxifahrer. Ein Fahrgast versetzte mich in der Szene, und weil es schon spät in der Nacht war, blieb ich auf ein Bier und kam mit Pia ins Gespräch. Sie tröstete mich, ich sei nicht der einzig sitzen Gelassene, und erzählte mir freimütig, wie ihre Beziehung vor drei Wochen in die Brüche gegangen war. Ich redete das übliche Zeug über Mädchen, die zu hübsch sind, um allein zu bleiben, und wurde auch mal eindeutig, obwohl ich nicht viel für solche Redensarten übrig habe. Dass ich überhaupt so viel redete, verdankte ich Pia. Sie schuf durch ihre Offenheit von Anfang an eine Vertrautheit, als seien wir zusammen zur Schule gegangen. Unsere Freundschaft begann gleich mit diesem Gespräch an der Theke, für mich an dem Punkt, als sie feststellte, von allem Schwachsinn, den sie hier zwangsläufig höre, sei der meine kultivierter, und ich ihr daraufhin eingestand, dass ich vom Taxi fahren leidlich und vom Schreiben überhaupt nicht leben konnte.

Wir kannten uns etwa vierzehn Tage, als wir bei mir im Bett landeten. Sie erledigte die Sache routiniert und ohne Leidenschaft, und ich merkte, dass meine Gefühle deutlich stärker waren als ihre. Für sie musste es ein Test gewesen sein, wobei mir nicht klar wurde, ob sie oder ich der Gegenstand ihrer Prüfung war. Ich machte den Fehler, mit ihr nicht darüber zu reden. Ihre Art hielt mich zurück, die beherrschte Distanz und ihr Auftreten, mit dem sie mühelos jedem Gefühl auswich, ohne kühl zu wirken. Ich sprach und sie setzte den Punkt, gleich damals bei mir im Bett: Ich wollte sie in die Arme nehmen, doch sie schlüpfte in meinen Bademantel, noch bevor sie die Bettdecke ganz zurückgeschlagen hatte. Punkt – und der Anfang einer unausgesprochenen Übereinkunft, nicht mehr miteinander zu schlafen. Soweit ich ihre Bekanntschaften überblickte, schien sie keinen anderen Freund zu haben. In meinen sarkastischen Momenten fragte ich mich allerdings, ob ich überhaupt ihr Freund war – sie wurde meine Kritikerin, Beraterin, Mutter, und meine Sponsorin, weil ich längst nicht alles bezahlte, was ich in der Szene trank.

Heute trug sie ein oben wie unten kurzes Sommerkleid mit schmalen Trägern, aus einem dünnen dunkelblauen Stoff, bedruckt mit kleinen weißen Blümchen. Alles an ihr war dunkel, die schulterlangen Haare, die Augen, der Teint. Ich beobachtete sie, wie sie Bier zapfte, Gläser spülte, einen Aschenbecher leerte und mit dem Pinsel reinigte. Zwischendurch wechselte sie mein leeres Glas ohne Bestellung aus. Sie bewegte sich flink innerhalb des Rechtecks, das die Theke inmitten des Raumes bildete.

»Dein Gesicht spricht Bände«, unterbrach Pia meine Gedanken. »Ich merke sofort, wenn ein Verlag wieder einmal abgesagt hat.«

Ich gab keine Antwort.

»Ist es so schlimm?«

»Noch zwei Biere«, tönte es von rechts.

»Sofort«, nickte Pia.

Später kam sie wieder zu mir und stützte Arme und Oberkörper auf die Theke. Ich fand diese Haltung nicht fair, nicht in dieser depressiven Stimmung, die nach Anlehnung schrie.

»Du hörst ja nicht auf mich.«

»Seit wann gibst du dich mit Pauschalvorwürfen ab?« fragte ich.

»Allein schon deine Titel: Unschuld und Sühne. Oder der letzte: Die Unschuld des Herbert Koslowski, oder so ähnlich. Man könnte meinen, du hättest deine noch – wenn ich es nicht besser wüsste.«

Meine Augen verließen ihre Augen, stolperten über den Mund, wurden aufgefangen und blieben hängen. Pia richtete sich auf.

»Ach was«, sagte sie, und ich atmete durch. Sie ersparte mir eine Neuausgabe ihrer Predigt über meine handwerklichen Schwächen, in der sie sich über Stil, Satzmelodie und Satzgefüge verbreitete. Seit Pia kannte ich die These, dass Sätze mindestens aus vierzehn Wörtern bestehen müssen. Mein Durchschnitt lag darunter. Ich schrieb knapp, manchmal zu knapp, und das machte meinen Stil spröde. Mein Stil sei brüchig, so drückte es Pia aus.

»Du magst, wie ich Stimmungen aufbaue«, erinnerte ich sie.

»Die hoffnungslos traurigen«, sagte sie, »dass ich zum Kleiderschrank gehen und mir die tristesten Klamotten anziehen möchte. Und dann verwendest du Worte mit hellen, fröhlichen Vokalen statt mit dunklen, bedrohlichen.«

Ich kam also doch nicht ungeschoren davon. Finsternis und Düsternis, das war ihr überspanntestes Beispiel. Danach hatten wir uns zwei Wochen nicht gesehen.

»Du wiederholst dich«, bemerkte ich. »Wie gut, dass du nicht zum Bücherschrank gegangen bist und Bonjour tristesse herausgeholt hast.«

Pias Augen warfen Blitze.

»Ich hatte Düsternis schon zwei Seiten vorher gebraucht«, behauptete ich. Jeder Satz in dieser Diskussion war zu viel, trotzdem konnte ich mich nicht zurückhalten. Meine Laune war jetzt beinahe so schlecht wie auf der ersten Treppenstufe. »Erinnerst du dich an deine eigenen Ratschläge? Farbe und Abwechslungsreichtum der Sprache.«

»Streichst du dein Wohnzimmer nur deshalb schwarz, weil die Wände in der Diele schon weiß sind?« konterte Pia.

»Wirkliche Synonyme, davon gibt es nicht allzu viele.« Meine Zunge formte das Fremdwort ungelenk. »Finsternis wird wohl der treffendste Ausdruck gewesen sein.«

»Und der präziseste für deine Karriere.« Pia servierte die beiden Biere. Für mich war eines mit abgefallen. Der Kuli glitt zwar über meinen Bierfilz, er verlängerte die schmale Reihe der schwarzen Striche jedoch nicht.

Pia und ich zankten noch eine Weile, bis sie soviel zu tun hatte, dass keine Unterhaltung mehr möglich war. Ich saß, Stunde um Stunde, beobachtete die Menschen um mich herum und formulierte Sätze, sinnvolle und abstruse, solange ich noch einigermaßen denken konnte. Irgendwann drängte sich mir ein anderer, ebenfalls betrunkener Einzelgänger auf. Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den Lärm aus Musik und Quatschen mehr recht als schlecht verständigten, eigentlich nur mit Worten bewarfen, zog er aus meinem Zustand die falschen Schlüsse und konstatierte, ich sei ein Arsch, ebenso wie er, ein richtiger Saufkopp, und hieb mich vor Begeisterung fast vom Hocker. Während ich mit rechts mein Gleichgewicht an der Theke ausbalancierte, schüttelte er mir die Linke und sagte: »Jau, du bis auch nördlich der Gürtellinie gebor’n«, wohl froh darüber, dass ich nicht die einheimische Einfärbung des Hochdeutschen sprach.