Anzeige
StartseiteAlmtraumFolge 16 vom 17. April 2007

Folge 16 vom 17. April 2007

Kallweit verzog keine Miene. Ich fragte mich, ob er mich verstanden hatte, und wurde das Gefühl nicht los, dass er mich nicht ernst nahm.

»Im Färnsehn, da kammanes ja im Vorspann bring. Dieset Programm is nur für Doofe, oder inne Programmzeitschrift ausdrucken: Nur wat für Oberschlaue, Doofe bitte auf Kanal siem umschalten.«

»So habe ich das doch nicht gemeint. Niemand soll ausgegrenzt werden.«

»Wie soll dat denn sonns gehn? Manchmal willze einfach Stuss sehn, bei deme dich totlachen kanns. Dat Elend vonne Welt hasse sowieso inne Tagesschau. Kannze nich mehr hinkucken, sonns musse dirn Strick nehm.«

»Darum brauchen wir die gesellschaftliche Auseinandersetzung, im Fernsehen genauso wie in der Literatur. Wir müssen die Leute aufrütteln, ihnen die Probleme vor Augen führen …«

»Meinze, du siehs dat alles richtich?«

Ich ließ mich nur ungern unterbrechen, bei Kallweit übte ich jedoch Nachsicht. »Warum nicht? Ich denke …«

»Siehße«, unterbrach er mich erneut, »du denks wieder. So wie in deim Buch.«

Der Mann imitiert doch jemanden, fuhr es mir durch den Kopf. Ich überlegte, kam aber nicht drauf.

»Träumße? Du sachs ja nichs mär.«

Die Anspielung auf das Denken konnte er unmöglich bewusst gemacht haben. Soviel Grips hatte er nicht.

»Es ist ein Manuskript, noch kein Buch«, antwortete ich. »Die Unschuld des Herbert Koslowski.Wie soll ich mich mit dem Thema auseinandersetzen, wenn ich mein Gehirn nicht benutzen darf? Das ist es ja, was ich an vielen Menschen so vermisse, sie denken zu wenig und lassen andere für sich denken: Politiker, Gewerkschaftsbosse, Unternehmer, Behörden, Vorgesetzte.«

»Da kannze ja Recht haam. Abba wat du so schreibs – nä. Warße schomma inne Fabrik, ma am Hochofen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Dat hab ich gleich gemärkt. Du schreibs übber uns, abba du bis keiner von uns. Wie so einen, der von oben da ma ehm reinkuckt. Erwin Dombrowski, mein Meister, der hatte sonne Masche auffem Bau. Wenn wir noch nichts installiert hatten und der Bauherr kam, isser hinn und hat gesacht: Gut, dasse komms, Chef, wir finn nämmich dat Badezimmer nich, wo doch noch nichs drin is. Dann hat der Bauherr meist ganz wichtich gekuckt und uns dat Badezimmer gezeicht und wo die ganzen Teile hinsolln. Und hintaher hat sich der Erwin totgelacht und gesacht, wieder son Oberschlauen, der glaubt, in unsam Kopp sin auch nur diese leern Rechtecke wie auffem Bauplan.«

Ich schluckte. Ausgerechnet Kallweit, der von nichts eine Ahnung hatte, am wenigsten von Literatur, maßte sich ein Urteil an.

»Schönen Tach noch«, verabschiedete ich mich.

Sonja hielt bei zweihunnertachtenfümfzich inne.

»Willze dat Buch nich zurück haam?« rief er mir nach.

»Kannze dirn Arsch mit abwischen«, rief ich zurück, ohne mich umzudrehen.

»Spa ich mir ne Rolle Klopapier«, antwortete Kallweit und griff zur Flasche. Sein Mund war schon geöffnet, als er jäh in der Bewegung innehielt und rief: »Nä! Da krichich nur schwaaze Striem am Hintan. Ich leechs dir auffe Matte.«