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Startseite Almtraum Folge 24 vom 25. April 2007

Folge 24 vom 25. April 2007

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Zweites Kapitel

Stefan verbrachte die Nacht auf der Couch. Am Morgen nahm ihm der Nacken die unbequeme Lage übel.

Auf dem Couchtisch standen die Reste einer Abendmahlzeit und eine leere Flasche Chianti Classico, unter dem Tisch lag ein Blatt. Er hob es auf, es war die Manuskriptseite, bis zu der er den Text gelesen hatte.

Im Badezimmer zog er sich aus und warf die Kleidungsstücke über den Wannenrand. Beim Einseifen unter der Dusche zögerte er unten herum und nahm den Waschlappen vom Haken. Auch beim Abtrocknen ging er behutsam vor.

Auf der Suche nach Hautcreme öffnete er den Wandschrank. Die Fächer enthielten Cremes in Tuben und Gläschen, Wimpernroller und verschiedene Make-up in aufklappbaren Plastikdöschen. Die Markennamen waren ihm aus der Werbung geläufig, doch überforderten die Aufschriften teilweise seine Sprachkenntnisse. ‘Moisture on-line’? Die helle Creme roch unaufdringlich. Eine andere, gleichfarbige hieß ‘Exceptionally soothing cream for upset skin’. Er stellte das kleine Glas zurück an seinen Platz neben ein tiefblaues, ‘Fruition Extra Multi Action Complex’. Keine weitere Erklärung, keine aufgedruckte Gebrauchsanweisung. Vielleicht zur Unterstützung der Fruchtbarkeit bei Frauen? Oder zur sexuellen Anregung?

Die andere Seite des Wandschrankes enthielt Medikamente, Aspirin, ein Schnupfenspray und eine Schachtel mit kompliziertem Namen, darunter in kleineren Buchstaben ‘Ovulationshemmer’. Im oberen Fach standen einige Eau-de-Toilette-Fläschchen, vorzugsweise Gucci und Channel. Im Schrank neben dem Waschtisch waren frische Badetücher aufgestapelt, in der Schublade lag allerlei Kram wie Lockenwickler, Haarspangen, Schleifen, und ein kleiner Rasierapparat. Stefan fühlte mit den Fingerspitzen über Kinn und Wangen. Die Haut war glatt.

Nach dem Duschen probierte er einen Teil der Garderobe, bis ihm die Sache zu dumm wurde und er den Morgenmantel überzog, der durch den ausgerissenen Ärmel in der Schulter passabel geweitet war. Zur Tagesgestaltung fiel ihm nichts ein, also spülte er das Geschirr und räumte auf. Dann nahm er sich den kleinen Stapel Blätter und setzte die Lektüre fort. Seine Romane zu lesen war ihm wichtiger als zu frühstücken. Er wunderte sich über den stark ausgeprägten Sinn für eine schlanke Figur.

Um zwei Uhr nachts wachte ich an der Maschine sitzend auf. Schlafen an der Schreibmaschine schien zur Gewohnheit zu werden. Der Regen hatte nicht nachgelassen, meine Blumen waren durch das offene Fenster begossen und breite Streifen Spritzwasser über die Fensterbank und die Tapete auf den Teppichboden gelaufen. Mit dem achtlos über das Sofa geworfenen Badetuch betupfte ich die Tapete und rieb über die feuchten Stellen des Teppichbodens.

Ich machte mich an die Durcharbeitung des zweiten Kapitels, auch wenn es erst wenig mehr als eine Seite lang war; ich hobelte, glättete, feilte. Schließlich gab ich auf. Wortschatz und Ausdruck versagten gegen die aneinander gereihten Alltäglichkeiten, die Handlung wollte mir nicht gefallen und die Witzchen über kosmetische Produkte wirkten wie eingeklebte Effekthascherei, ohne eigentlichen Bezug zum Thema. Mit der Hand kehrte ich die schwarzgrauen Rubbeln meines Radiergummis auf der Schreibtischplatte zusammen, das Ergebnis von einer Stunde Anstrengung.

Am Vormittag rief ich bei Engelmayr vom Abendblatt an. Er würde erst Dienstag wieder in der Redaktion sein, hieß es. Somit konnte ich die nächsten Tage nicht einkaufen gehen. Es war wieder einmal Tütensuppenzeit, und mein Talent musste ich von jetzt an auch nüchtern beweisen. Statt Bier gab es gekühlten schwarzen Tee, der nicht lange gezogen hatte, weil ich die Teebeutel streckte.

Den weiteren Tag verbrachte ich vor dem Bücherregal mit Literaturstudien auf der Suche nach geeigneten Textstellen, die sich als Versatzstücke für meine Hemmungslos-Kopiertechnik eignen würden. Abends sah ich mir einen Film mit Kim Basinger und Bruce Willis an. Ich beneidete den Drehbuchautor um seine zündenden Einfälle, ohne mir damit den Spaß und das Vergnügen zu verderben.