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StartseiteAlmtraumFolge 31 vom 2. Mai 2007

Folge 31 vom 2. Mai 2007

Nur wenige Schritte wären notwendig gewesen, um im I. Obergeschoss auf die Rolltreppe zum II. Obergeschoss umzusteigen. Statt dessen ging er geradeaus, folgte einem plötzlichen Interesse für die junge Frauenmode und lief ihr direkt vor die Füße. Sie stand inmitten einer Gruppe gut gekleideter Frauen, trug eine pinkfarbene zweite Haut mit zweifelhaft anständigem Ausschnitt, darüber eine Art Bolerojäckchen, sehr kurz und sehr offen. Stefan interessierte sich nicht für ihre toten Reize. Sein Blick hing an den schulterlangen blonden Haaren mit dem fransigen Pony. Das spöttisch wirkende Lächeln mit dem leicht nach oben gezogenen rechten Mundwinkel gab dazu einen reizenden Kontrast ab. Ihr rechter Arm war seitwärts nach oben abgewinkelt, Balance suchend, obwohl sie auf ihren Stöckelschuhen sicher stand.

Eine andere Kundin bat Stefan, vorbeigehen zu dürfen. Er trat an die Seite, ging ein paar Schritte, blieb wieder stehen, ohne die Kleiderpuppe aus den Augen zu lassen. Deutlich hatte er den Kick verspürt, den aussetzenden Herzschlag, wenn man, ohne darauf vorbereitet zu sein, plötzlich vor der Frau seiner Träume steht.

Die Haare! Das sind meine Haare, dachte er.

Um nicht im Weg zu stehen, ließ er sich mittreiben und umkreiste die Gruppe der Kleiderpuppen. Vorsichtig spähte er die Umgebung aus; je mehr Betrieb, je weniger würde er auffallen. Ein kurzer Griff, dann verschwand die Perücke in der Einkaufstüte. In der Nähe bemerkte er den offenen Vorhang einer einzelnen Umkleidekabine. Ehe er noch richtig begriff, was er getan hatte, verließ er die Umkleide und fand sich auf der Rolltreppe wieder – eine selbstbewusste blonde Frau.

Im II. Obergeschoss war es merklich ruhiger. Stefan suchte nach dem Gestell mit den Jeans. Welche Größe hatte er? Erneut stand ihm eine Schwierigkeit bevor, an die er bis jetzt nicht gedacht hatte: Würde man eine Frau in die Anprobe lassen?

Unauffällig hielt er eine Hose seitlich an und prüfte die Länge. In Ordnung. Die Weite? Die amerikanischen Maßangaben waren ihm nicht vertraut und er hängte die Hose wieder ein. Am Gestell nebenan gab es verschiedene Größen eines deutschen Fabrikates. 50, das müsste es wohl sein, dachte er. Unschlüssig stand er mit der Hose in der Hand.

Ein junger Verkäufer näherte sich eilfertig. »Das ist eine Herrenhose«, sagte er im Kommen.

»Das ist mir nicht entgangen«, entgegnete Stefan geziert und bemühte sich, in eine höhere Stimmlage zu wechseln.

»Ich dachte …«. Der junge Mann verzog entschuldigend das Gesicht. »Die Kasse ist eine Etage tiefer.«

Ohne Zweifel übte Stefan Wirkung aus. Der Verkäufer schien noch unsicher gegenüber Frauen, die zehn Jahre älter waren. Stefan dachte weder an Zahlung noch an die neuerlichen Komplikationen an der Kasse. Ob es ihm gelang, mit einem betörenden Lächeln Verwirrung zu stiften? Immerhin war er eine blonde Schönheit, einen Tick verrucht, begehrlich, betörend – dicht schritt er an dem Verkäufer vorbei und drehte sich im Weggehen um. Der Verkäufer starrte ihm bis er auf die Rolltreppe nach.