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StartseiteAlmtraumFolge 32 vom 3. Mai 2007

Folge 32 vom 3. Mai 2007

An der Kasse verflog der Zauber der blonden Perücke schlagartig und die beklemmenden Gefühle und das unangenehme Schwitzen kehrten zurück. Gott, lass es gut gehen, nur noch dieses eine Mal, sandte er einen Hilferuf, nicht an die göttliche Instanz, sondern an eine unbekannte Allmächtigkeit. Direkt nach diesem Einkauf würde er nach Hause gehen und sich umziehen, um endlich ein richtiger Mensch zu werden.

Übrigens, mein Name ist Alfred, sagte die Stimme. Wenn ich gewusst hätte, dass ein kleiner Chauvinist in dir schlummert … Ich bin eine SaB.

»Es a be?«

Seele auf Bewährung. Noch nicht Engel, aber auch kein Teufel.

»Kein Teufel?« wiederholte Stefan fassungslos.

Die Frau in der Reihe vor Stefan drehte sich um.

Sag bloß, du hast keine Ahnung! Seit der Sache in Bedford Falls dachte ich, die ganze Welt wüsste Bescheid über die postmortalen Klassifizierungen. Einer meiner Vorfahren, er nannte sich nach seiner Auswanderung Clarence, wurde nach seinem Tod sofort Engel zweiter Klasse. Wahrscheinlich war mein Sündenregister länger, ich habe es wohl zu toll mit den Frauen getrieben. Na ja, er bekam den berühmten Einsatz in Bedford Falls. Verhinderung eines Selbstmordes. Hast du den Film nicht gesehen? ‘Immer wenn ein Glöcklein klingelt, bekommt ein Engel seine Flügel.’

»Immer wenn ein Glöcklein klingelt«, formten Stefans Lippen tonlos. »Aha.«

Musst du mir unbedingt alles nachsprechen? Ich bin gekommen, weil du jetzt auf der anderen Seite bist. Auch wenn ich noch nicht Engel zweiter Klasse bin.

»Ist Ihnen schlecht?« fragte die Kassiererin. »Sie sind ja vollkommen weggetreten.«

Stefan legte mechanisch die Hose auf die Theke, obenauf die Scheckkarte. Die Kassiererin nahm die Karte und ihre Kollegin die Hose. Das Etikett wurde von der Hose abgerissen und eingelesen, die Hose verschwand sorgfältig zusammengelegt in einer Plastiktüte, ein kurzer Ruck – die Tüte lag griffbereit auf der Theke.

»Können Sie sich ausweisen?« fragte die Kassiererin. »Sie sind doch nicht Stefan Bruhks.«

Stefan glaubte in seinem Rücken die feixenden Blicke der Wartenden zu spüren. Bloß jetzt keine Vorstellung, comedy live. Das heillose Durcheinander in seinem Kopf reichte lediglich zu der Frage, die Alfred ihm an der Kasse im Erdgeschoss souffliert hatte: »Ist die Lastschrift nicht durch die Bank bestätigt?«

»Soweit sind wir noch nicht. Da kann schließlich jede daherkommen. Womöglich ist die Karte geklaut.« Die Kassiererin sah ihn herausfordernd an. Sie war so jung wie er und machte nicht den Eindruck, als ob er ihr etwas vormachen konnte.

Stefan riss sich die Perücke vom Kopf. »Beantwortet das ihre Frage?« Er stülpte die Haare wieder über.

»Ist das ein Beweis?« fragte die Kassiererin schnippisch.

Aus der Warteschlange tönte ein empörtes: »Das gibt’s doch nicht!« Stefan schaute sich um. Drei Kundinnen entfernt stand die Begegnung aus dem Hausflur, mit einem Gesicht, in dem deutlich geschrieben war, wie sehr das Bild über die nachbarschaftlichen Verhältnisse aus den Fugen geraten war. Stocksteif hielt die Nachbarin in der Rechten ein dunkelblaues Sommerkleid halb hoch, gleichsam wie Abwehr und Verlockung.

»Haben wir ein Problem?« Ein kleiner untersetzter Mann schob sich an der gaffenden Kundschaft vorbei nach vorne.

»Diese Kundin – nein, dieser Mann hat versucht, mit einer auf einen Mann ausgestellten Karte … « Die Kassiererin brach ab.

»Kommen Sie mit. Ich bin der Hausdetektiv.« Der kleine Mann fasste Stefan und zog ihn von der Kasse. Im Weggehen griff Stefan die Tüte mit der Hose.

»Ich habe Sie beobachtet. Diebstahl einer Perücke.« Der Detektiv öffnete die Tür zum Treppenhaus. »Nach oben. Vierter Stock.«