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Willms Woche der Neurotiker

Es ist eines der meist unterschätzten Werke der Welt: Da man sie aus Kinder- und Schullektüren maßlos hinauskürzt, kennt kaum jemand die bissige Satire, die »Gullivers Reisen« in sich birgt. Zu Lebzeiten des Autors wusste man da schon eher um dessen »Biss«. Jonathan Swift galt als leicht reizbar, unhöflich und exzentrisch. Bereits seinen Dozenten an der Dubliner Universität war er als »rebellisch« aufgefallen. Vermutlich hatten sie mit dieser Einschätzung recht. Swifts Abhandlung über Fäkalien mit dem lieblichen Titel »Menschlicher Kot«, die er unter dem Pseudonym Dr. Shit veröffentlichte, lässt auf ein Mindestmaß an Exzentrik schließen. Am 30. November feiern wir, etwas höflicher als der Autor, Swifts 340. Geburtstag.

Bevor Samuel Clemens sich Mark Twain nannte, war er – nach kurzer Selbstständigkeit in der damals boomenden Goldgräber-Branche – als rasender Reporter unterwegs und versorgte die Bürger von Virginia City mit Tratsch und Klatsch aus den Saloons.

Die literarische Antwort darauf, warum man seine Kinder verhungern lässt

Michael Kumpfmüller: DurstEltern, die ihr Kind verhungern lassen, sind ein boulevard-medialer Glücksfall. Betroffen kann man die Frage nach dem »Warum?« stellen und sich über das auflagenfördernde Interesse der Öffentlichkeit freuen. Die Frage lässt sich nicht beantworten. Doch gerade das macht sie so faszinierend-interessant, und darüber hinaus darf man sich an der eigenen Abscheu erfreuen. »Hast du das gelesen? Unglaublich, dass sowas in Deutschland… da müssen doch die Behörden…«

Wie sowas passieren könnte, ist Michael Kumpfmüller in seinem 2003 erschienen Roman »Durst« nachgegangen. Mit einer nüchternen sachlichen Sprache schildert er in seinem Buch, wie es dazu kommt, dass eine Mutter ihre beiden Söhne in der Wohnung verdursten lässt. Wir weisen daher aus aktuellem Anlass auf unsere Buchbesprechung von damals hin.

Die Frage lässt sich nicht beantworten, aber die Lektüre von Kumpfmüllers Buch ist erhellender und intelligenter als die B***-Zeitung.

Michael Kumpfmüller: Durst: Roman. Gebundene Ausgabe. 2003. Kiepenheuer&Witsch ISBN/EAN: 9783462033168 16,90 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Michael Kumpfmüller: Durst: Roman. Kindle Ausgabe. 2012. Kiepenheuer & Witsch eBook 8,49 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

BoD versteigert 1 Kochbuch

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Sarah Wiener hat die Patenschaft für das Buch übernommen (Foto: BoD)Da BoD damit wirbt, dass dort Bücher bereits ab der Auflage 1 gedruckt werden, wird nun konsequenterweise das Unikat eines Buches bei eBay versteigert. Noch bis zum 1. Dezember 2007 kann für das zwei Kilo schwere Mitmach-Kochbuch geboten werden. Im Rahmen eines groß angelegten Aufrufs hatte BoD für dieses Kochbuch Rezepte gesammelt. Neben originell klingenden Beiträgen wie »Eintopf der Elfen« und »Draculabutter« gibt es darin auch Rezepte von Klassikern wie »Sauerbraten«. Rezepte konnte jede und jeder für das Kochbuch beisteuern, und die Starköche Sarah Wiener, Eckart Witzigmann und Ralf Zacherl haben die Patenschaft für das Projekt übernommen. Darüber hinaus haben auch andere Promis Rezepte beigesteuert. 561 Kochanleitungen sind insgesamt enthalten.

BoD verlost das Kochbuch für einen guten Zweck und stiftet den Erlös des von Sarah Wiener signierten Buches dem Hospiz von Hamburg Leuchtfeuer. Billig wird der Endpreis des Buches nicht werden, allerdings hat man damit definitiv ein einmaliges Weihnachtsgeschenk, das versandkostenfrei ins Haus geliefert wird. Die Versteigerung findet sich bei eBay im Bereich »Stars & Charity«

Amazon präsentiert Kindle: Die Zukunft des eBooks hat schon wieder begonnen

Newsweek-Titel von dieser WocheDer Online-Buchhändler Amazon.com hat am Montag, 19.11.2007, ein neues eigenes eBook-Lesegerät mit dem Namen Kindle präsentiert. Für deutsche Augen liest sich das recht schwäbisch. Übersetzt bedeutet »to kindle« so viel wie »anzünden«. Ein im Zusammenhang mit Büchern nicht unbelasteter Begriff.

Aber egal: Im alten Europa wird das neue Lesegerät ohnehin auf absehbare Zeit nicht erhältlich sein. Und an eine Bestellung in den USA sollte man nicht denken, denn das Gerät kann hierzulande technisch nicht betrieben werden, da es zum Empfang der Textdaten den us-amerikanischen Mobilfunkdienst EVDO benötigt. Allerdings dürften bei einer Kaufsumme von 399 Dollar für das Gerät auch amerikanische Käufer nicht begeistert sein. Für diesen Preis erhält man lediglich Gerät und Zubehör, aber noch keinen Text zum Lesen.

Duden Korrektor im Test: Wahnsinnig umgangssprachlich

In der Ausgabe 23/2007 hat die Computerzeitschrift c’t die Qualität von Rechtschreibprüfungen getestet. Bewertet wurden sowohl die Funktionalitäten, die Anwendungen wie Microsoft Office oder Open Office von Haus aus mitbringen, als auch die von Online-Schreibprogrammen wie Google Text & Tabellen und die externer Programme wie des Duden Korrektors. Eindeutiger Testsieger war der Duden Korrektor, der die meisten Fehler im Demo-Text erkannte.

Der DUDEN Korrektor prüft den Wahnsinn

Dies war für die Redaktion des literaturcafe.de der Moment, an dem wir beschlossen haben, das Programm zu erwerben und auf einem Redaktionscomputer zu testen.

Willms Woche: Genie und Wahnsinn in 3 Absätzen

Selma Lagerlöf gehört wie die letzte Woche gefeierte Astrid Lindgren zu den europäischen Größen der schreibenden Zunft. Nicht nur, weil ihr als erster Frau überhaupt im Jahr 1909 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, sondern auch weil sie uns mit »Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen« das vermutlich liebevollste Portrait Schwedens geschenkt hat. Zwar ist sie als Nazi-Sympathisantin umstritten, Fakt ist jedoch, dass sie sich für die Rettung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland einsetzte. Nicht nur die Schriftstellerin Nelly Sachs verdankte der stets gesellschaftlich engagierten Selma Lagerlöf das Leben. Am 20. November gedenken wir Lagerlöfs 149. Geburtstag.

Ein weiterer Nobelpreisträger hätte diese Woche was zu feiern: André Gide wäre am 22. November 138 Jahre alt geworden. Seine Biographie besteht zum größten Teil aus dem, was wohl die meisten Menschen naivromantisch unter der Lebensweise eines Schriftstellers verstehen: Reisen – andere kreative Leute treffen – Schreiben.

Buchstabensuppe: Vier Texte zu zwei Buchstaben

BuchstabensuppeDa es kalt geworden ist und obendrein an diesen Tagen auch noch Leute auf zugigen Bahnsteigen stehen (gab es dieses tolle Wortspiel schon?) und oftmals vergeblich auf den Zug warten, gibt es heute zumindest eine literarische Suppe (Für diejenigen die diesen Text erst in ferner Zukunft lesen werden: Im November 2007 gab es den damals längsten Streik in der Geschichte der Bahn. Die Lokführer wollten mehr Geld. Wie und wann dieser Streik endete, das wissen Sie, denn Sie lesen diesen Text ja in ferner Zukunft. Und kommen Sie uns jetzt nicht mit den Fragen: Welcher Streik? Wurde damals gestreikt? Gab es damals noch Menschen, die die Züge steuerten?).

Vier neue Texte sind zur Buchstabensuppe hinzugekommen, und wir haben diesmal bewusst je zwei Texte zum gleichen Buchstaben ausgewählt, dem z und dem v.

Willms Woche: Zeitlose Helden mit Knollennase, Enterhaken und Ringelstrümpfen

Vicco von Bülow, vermutlich besser bekannt als Loriot, verdanken wir nicht nur urkomische Geschichten über Jodeldiplome, Steinläuse oder »Puff« machende Atomkraftwerke. Der beliebte Komödiant setzt sich vor allem für den Erhalt der deutschen Sprache ein. Die Rechtschreibreform sei vollkommen in Ordnung, sagte er einmal, jedoch nur, wenn man weder lesen noch schreiben könne. Aus diesem Grund engagiert er sich seit 3 Jahren als Ehrenmitglied im »Rat für deutsche Rechtschreibung« und setzt in seinen Werken auf die herkömmliche Schreibweise. Am 12. November feiert der Erfinder des Knollennasenmännchens seinen 84. Geburtstag.

Textkritik: Der Tote im Container – Prosa/Krimi

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Hamburg, Containerhafen. Joshua Riedmann, Inspektor der Mordkommission Hamburg betritt einen Schiffscontainer. Im schummrigen Licht seiner Taschenlampe erkennt er in der hinteren Ecke eine menschliche Gestalt. Er tritt näher und leuchtet den Körper ab. Eine Kopf Wunde und diverse Prellungen und Abschürfungen an Armen und Beinen. Durch die hermetische Versiegelung des Containers ist der Leichnam noch gut konserviert und kaum zerfallen. Seine Kleidung ist mit Matsch verschmiert und ein Schuh fehlt.
Er wendet sich ab und tritt ins Freie, dort sieht er die Gerichtsmedizinerin Julia Kant vom pathologischen Institut der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf neben dem Krankenwagen stehen. Die Luft richt nach Fäulnis, ein durchdringender Gestank der von dem Körper aus geht. Die Sonne ist gerade untergegangen und die Nachtschicht der Kriminalpolizei beginnt ihren Dienst.
Er geht zu ihr und begrüßt sie Herzlich: »Schön dich mal wieder zu sehen Julia, wie geht es dir und deiner Familie?«
»Danke ganz gut. Die Kinder machen mal wieder was sie wollen und mein Mann sitzt vor der Glotze. Wie geht es dir?«
»Die Arbeit frisst mich auf, aber ansonsten auch gut, danke der Nachfrage
»Was haben wir heute?«
»Das Opfer ist weiß, männlich, ca. 1,70 groß, hat braune Haare und trägt verschmutze, nicht vollständige Kleidung.«
»Fein, bist du dann hier soweit, dass ich hinein kann
Joshua dreht sich um und schaut zum Container, Die Leute der Spurensicherung haben mittlerweile große Scheinwerfer aufgestellt und arbeiten schnell und gewissenhaft daran, alle Spuren zu dokumentieren und zu sichern. Von Zeit zu Zeit erleuchtet ein Blitz die Nacht, jeder Winkel des Fundorts und der Leiche werden fotografiert um spätere Ermittlungen anzustellen.
»Ja, du kannst, aber sei vorsichtig
»Das bin ich doch immer. Wir sehen uns nachher in der Autopsie.«
Mit diesen Worten nimmt sie ihre Tasche, dreht sich Richtung Container und geht zielstrebig darauf zu.
Julia Kant kniet neben dem Leichnam und betrachtet ihn. Dabei beginnt sie wie immer mit dem Toten zu reden: »Du warst mal ein ganz Hübscher, du hast schöne Haare. Wollen wir mal sehen, wie lange du schon Tot bist.« Sie holt aus ihrer Tasche ein Leberthermometer und steckt es dem Toten in das Abdomen. Nach einigen Augenblicken piepst das Thermometer und Zeigt die Außentemperatur an. »So so, du bist also schon eine ganze Weile Tot.«. Sie hebt den Arm und versucht ihn zu Beugen. Sie verfährt ebenso mit dem Kiefer: »Na ja, wir nehmen dich mal besser mit.« Sie richtet sich wieder auf und ruft den zwei Sanitätern außerhalb des Containers zu: »Sie können ihn jetzt mitnehmen, passen sie auf, dass Sie ihn möglichst wenig bewegen.« Als die Sanitäter den Container mit einer Bare betreten, geht Julia zu ihrem Auto und setzt sich hinters Steuer. Sie nimmt ihr Handy und will gerade bei Joshua Riedmann anrufen, als es zu klingeln beginnt. Sie drückt auf einen Knopf und hält sich das Gerät ans Ohr: »Julia Kant, Gerichtsmedizin
»Gut, dass ich sie erreiche, kommen sie bitte zum Bruno-Georges-Platz 1?«, es war Joshua Riedmann.
»Zum Präsidium? Was ist denn los?«
»Wir haben eine Weitere Leiche, direkt vor unserer Tür.«
»Kaum 10 Minuten im Dienst und schon zwei Leichen. Ich komme, bis gleich.«
Mit diesen Worten legt sie das Telefon auf den Beifahrersitz und startet den Motor.

Kapitel 2 – Der Nächste

Hamburg vor dem Polizeipräsidium. Julia Kant steigt aus ihrem Wagen und geht auf die Absperrung zu, ein Polizeibeamter hebt das Band mit dem der Gehweg abgesperrt ist hoch und lässt sie durch. Joshua Riedmann dreht sich in diesem Moment um und sieht sie kommen: »Schön, dass du so schnell kommen konntest, was sagst du dazu? Erschossen, direkt vor dem Eingang zum Präsidium. Die werden auch immer dreister.«
»Es hat so den Anschein. Lass mich mal sehen.« Sie kniet sich wieder neben die Leiche und beginnt sie zu untersuchen. Dabei spricht sie für das Protokoll auf einen Kassettenrecorder: »Weiß, männlich, sehr füllig, trägt gute Kleidung. Wurde am Kopf von einer Kugel getroffen, sie hat das Gehirn durchschlagen und ist am Hinterkopf wieder ausgetreten, ein glatter Durchschuss. Sonst keine weiteren Verletzungen sichtbar, der Schuss ist die wahrscheinliche Todesursache, deutliche Schmauchspuren an der Wunde, geringe Schussdistanz. Näheres kann ich erst sagen, wenn ich ihn auf dem Tisch habe
Sie steht auf und gibt Anweisungen den Toten ebenfalls mit zu nehmen.
»Passanten haben gesehen, wie er erschossen wurde, sie sagen, es sei ein Mann gewesen, groß und sportlich, er habe einen Kapuzenpullover getragen, er habe dem Oper auf die Schulter getippt, etwas gesagt und ihm dann in den Kopf geschossen. Als das Opfer zu Boden ging soll er sich gebückt haben ihm an den Kopf gefasst und einen Umschlag an sich genommen haben. So sagt es einer der Zeugen, ein Taxifahrer, der hier an der Ecke auf einen Fahrgast gewartet hat.«
Sie verabschiedet sich von Joshua und fährt zum Universitätsklinikum um dort die Sektionen an den beiden Opfern durch zu führen.Mit einem Blauen OP-Kittel, Gummihandschuhen und einem Plastikvisier vor dem Kopf betritt sie die Autopsie. Sie geht zu dem zweiten Tisch, auf dem die Leiche des Mannes vor dem Präsidium liegt. Ein Assistent hat sie schon ausgezogen und auf den Tisch gelegt. Sie greift zum Wasserschlauch um die Wunde zu reinigen, als das Blut mit dem Wasser verdünnt zur Seite rinnt, sieht sie etwas metallisches auf blitzen. Sie stoppt den Wasserstrahl sofort und versucht mit einer Pinzette das Metallstück zu fassen. Als sie es aus der Wunde entfernt hat, betrachtet sie die runde Metallscheibe im Licht der Lampe die über dem Tisch hängt. Es war ein Geldstück, ein kupferfarbenes 1-Cent Stück. Sie greift nach einer Papiertüte um es als Beweisstück sicher zu stellen und beginnt mit der Entnahme der DNS und Fingerabdrücken.
Mit einem Summen meldet die Tür, dass eine weitere Person die Autopsie betreten hat. Sie dreht sich um und sieht Joshua Riedmann, der ebenfalls blau gekleidet mit Visier den Raum betreten hat. »Guten Abend, Julia! Hast du schon was herausgefundenen?«
»Ich habe gerade erst begonnen, es war viel Verkehr auf der Straße und ich hab 20 Minuten vom Präsidium bis hier her gebraucht. Wie machst du es eigentlich, immer so schnell von einem Ort zum nächsten zu kommen?«
»Ich kenne mich eben aus in dieser Gegend. Ich lebe hier seit ich ein kleiner Junge war. Damals bin ich schon überall herumgelaufen und habe alles genau beobachtet. Ich kenne diese Stadt so gut wie kaum ein anderer.«
»Du könntest mir ruhig mal ein paar Abkürzungen zeigen. Ich hab was für dich gefunden.«, sie greift zur Tüte und lässt das Geldstück auf ein weißes Blatt Papier fallen, »Das habe ich in seiner Schusswunde am Kopf gefunden. Das muss da jemand rein gesteckt haben. Vielleicht der Mörder?«
Joshua sieht sich den Cent an: »Der Taxifahrer sagt aus, der Mörder habe dem Toten an den Kopf gefasst. Die Münze ist aus dem Jahr 2001, das bedeutet nichts Gutes
»Du meinst es ist der Münzmörder?«
»Wenn du ihn so nennen magst, wir glauben es ist ein Auftragskiller, er wird dafür bezahlt hohe Tiere in Politik und in der Wirtschaft zu liquidieren. Auf sein Konto gehen schon 13 Morde, mit diesem sind es dann 14.«
»Und ihr habt noch keine Idee, wer er ist?«
»Nein, nur dass bei jedem Opfer eine ein Cent Münze aus dem Jahr 2002 in der Wunde gefunden wurde, und dass wir nie irgendwelche Spuren von ihm gefunden haben. Einige Kollegen sagen er sei ein Phantom, andere behaupten es seine mehrere Personen, die sich den Modus operandi teilen.«
»Ich bring das Geldstück mal ins Labor, vielleicht finden die was. Bis später, du erreichst mich auf meinem Mobiltelefon.«Ballistisches Labor. »Nein, tut mir leid, wir konnten nichts besonderes an dem Geldstück feststellen, es ist Pressfrisch von 2002 und es befinden sich weder Hautpartikel noch Fingerabdrücke auf der Münze. Wenn sie dann Bitte hier unterschrieben würden?« Der Laborbericht verhärtet den Verdacht von Joshua nur noch mehr. Mit einem müden Gesichtsausdruck begibt er sich in sein Büro und greift nach der Kaffeekanne. Sein Handy klingelt: »Ich habe jetzt die erste Autopsie beendet, wenn du bei der zweiten dabei sein willst, musst du dich beeilen.«
»Ich werde kommen.« mit diesen Worten greift er nach seiner Jacke und eilt über den langen Gang nach draußen zu seinem Wagen.

© 2007 by Bastian Neumann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Diagnose: Zerebraler Durchfall, verursacht durch eine Überdosis von CSI-Serien
Dabei habe ich mich gefreut: Endlich versucht sich einmal jemand an dem schwierigen Krimi-Genre! Stattdessen ist es nicht einmal ein Versuch, sondern ein einziges Drehen, Treten, Greifen und Mit-diesen-Worten-Hantieren, eine sinnentleerte Aneinanderreihung von Klischees und haarsträubendem Blödsinn. Was soll das werden? Etwa ein Roman ohne erstes Kapitel? Ist der Roman gar schon fertig? Den Fortschritt eines solchen Romanes kann schließlich nur ein Schreibkrampf oder ein endgültiger Computerabsturz verhindern. Immerhin habe ich eine geeignete Müllhalde empfohlen (wer sucht, der findet), wo der Text deponiert werden kann.

Die Kritik im Einzelnen

Zweimal Hamburg, zweimal Container, ein fehlendes Komma nach Mordkommission Hamburg… schon der Anfang überzeugt gar nicht! Muss es denn Hamburg, Containerhafen heißen? Ich weiß, dass es den gibt, aber wegen der hilflosen Wiederholung bei Schiffscontainer würde ich hier reduzieren: Hamburg, Hafen. Dass Joshua Riedmann von der Mordkommission Hamburg ist und nicht von der aus Waghäusel-Wiesel, versteht sich von selbst, denn dieser Ortsname müsste angegeben werden! zurück
Wie wichtig ist, dass er näher tritt? Ergibt sich das nicht logischerweise aus der nachfolgenden Beschreibung? Doch, ergibt sich! zurück
Diese Aufzählung ist grammatisch nicht korrekt: Es muss heißen: Einen Kopf, eine Wunde und diverse Prellungen … Wobei ich mich frage, wie viele Köpfe Joshua denn erwartet hat; oder ist hier Kopfwunde gemeint? Wenn: Warum steht es dann nicht so da? zurück
Also: Die Arme und Beine sind vollumfänglich sichtbar: Das merken wir uns für später! zurück
Donnerwetter: gut konserviert ist der Leichnam, und zusätzlich kaum zerfallen! Der vorherige war nämlich – da erinnert sich Joshua noch genau – gut konserviert und vollständig zerfallen … jahahaha, wenn der Inspektor erzählt, da spitzt unsereins gewaltig die Ohren! zurück
Wir erinnern uns: Arme und Beine sind vollumfänglich sichtbar; daraus schließen wir, dass die nicht näher beschriebene, aber matschverschmierte (dass es keine Schuhcreme oder eingetrockneten Fäkalien waren, hat der fachmännische Blick Joshuas im schummrigen Licht seiner Taschenlampe klar erkannt) Kleidung aus maximal T-Hemd und kurzen Shorts bestanden hat, zusätzlich noch ein Schuh; Socken hingegen fehlten. zurück
Umständlich: Im Freien sieht er Frau Dingsbums neben einem Auto! Soll er doch einfach ins Freie treten (treten tut er gerne, er betrat schon den Container) Punkt Die Gerichtsmedizinerin Julia Kant steht neben dem Krankenwagen Punkt Dass die aus Hamburg kommt ist etwa so interessant wie die Reifengröße vom Krankenwagen! Dass eine Gerichtsmedizinerin mit dem Krankenwagen zu einer Leiche fährt, halte ich für Blödsinn, denn Krankenwägen braucht man für Lebende (ich lasse mich aber gerne belehren), und falls nicht sie mit diesem Fahrzeug unterwegs war, hat es aus besagtem Grund schon gar nichts hier zu suchen: Was also soll der alberne Krankenwagen? Weil es so schön ins Krimi-Klischee passt? zurück
Die Luft richtet sich nach Fäulnis? Die Luft riecht nach Fäulnis? Und wir werden belehrt: Fäulnis bewirkt durchdringenden Gestank (und ich dachte immer, das ist ein Parfüm); und der geht vom Körper aus; Joshua befindet sich im Freien, im Container hat nichts gerochen! Welchen Körper gibt es noch? Genau: Julia Kant! Vielleicht hat sie zombiemäßig zumindest einen verwesenden Körperteil an sich (oder dabei? Manche Gerichtsmediziner sind ganz schön vergesslich, da bleibt beim Zusammennähen schon mal ein Nierchen übrig, das man klammheimlich entsorgen muss: Wir befinden uns schließlich mitten in einem schlechten Krimi). Die Leiche im Container hingegen ist geruchsfrei, da gut konserviert!
Lässlich, aber lästig: nach Gestank fehlt ein Komma! Der Gestank geht nicht von dem Körper aus in eine Waschanlage, sondern es ist ein Gestank, der vom Körper ausgeht, und im nächsten Satz muss es Kriminalpolizei heißen.
Im übrigen, gehe ich Ab jetzt nicht mehr ge zilt auf falsche recht Schreibung oder Zeichen Setzung ein allein bei – Flüchtiger durch Sicht. habe ich über 30 Versstöße Fest gestellt. zurück
Drei Zeilen Geschwätzgebabbel der überflüssigsten Sorte, da bis übern Stehkragen mit Klischees befüllt! zurück
Warum soll er hier (also bei Julias Krankenwagen) so weit sein? Sollte er noch etwas mit dem Zombie Julia im Krankenwagen vorhaben können sollen, da doch deren Mann vor der Glotze hängt? Wartet sie auf eine nette Bemerkung anlässlich ihres neuen Grufti-Parfüms? Was hindert sie am Betreten des Containers? zurück
Warum dreht Joshua sich um? Können die Betreffenden die Scheinwerfer nicht ohne sein Körpersignal aufstellen usw.? Doof sind die Leute der Spurensicherung selbstverständlich auch (in der Serie »Tatort« sollen sie deswegen auch ausnahmslos Dialekt sprechen), denn sie stellen zwar große Scheinwerfer auf, aber die Nacht, die während des halbstündigen Gesprächs zwischen dem verhinderten Liebespaar eingebrochen ist (dochdoch: bei Beginn des Gesprächs war die Sonne gerade untergegangen) muss mittels Blitzlicht erhellt werden, weil sie vergessen haben, die Scheinwerfer einzuschalten! Und die Doofmänner fotografieren sogar noch jeden Winkel der Leiche: auf die Aufnahmen wäre ich gespannt: »Nr. 3 markiert den dorsalen Leichenwinkel!« zurück
Genau, auch Blitzlichter brauchen mal eine Pause, und ohne diese Warnung würde Zombie-Julia bestimmt über die sinnlos aufgestellten Scheinwerfer stolpern und sich das Gehirn brechen …zurück
Räumliches Vorstellungsvermögen ist unabdingbar beim Schreiben, und wer das nicht hat, soll sich gefälligst eine Skizze vom Tatort und dem Standort der Personen machen! Also: Beim Verlassen des Containers (wir setzen, dass Joshua dabei geradeaus geschaut hat) sieht Joshua seinen Lieblingszombie, geht auf ihn zu und spricht mit ihm. Wenn wir davon ausgehen, dass er nicht mit Julias Hinterkopf redet, sondern ihr ins Gesicht schaut, dann müsste sie also, wenn er beiseite träte, direkt in den Container schauen können. Muss wohl so sein, denn Joshua dreht sich um und schaut zum Container, wo er die Trottel beim Winkelfotografieren sieht. Und was macht Julia? Sie nimmt mit diesen Worten die Tasche und dreht sich Richtung Container – wie, bitte, soll das geschehen? Hätte sie sich da nicht erst zu ihrer Tasche drehen müssen, die hinter ihr auf dem Boden stand (Frauen stellen ihre Taschen bekanntermaßen immer hinter sich ab, vielleicht wurde es deswegen nicht extra erwähnt)? Und vor ihr & mit dem Rücken zu ihr steht unser alter Kumpel Joshua und müsste folglich über den Haufen gerannt werden, falls sie zielstrebig (also: schnurgerade) zum Container geht.
So ist es halt beim Schreiben: Wer nicht aufpasst, verliert sich in überflüssigen Details und verirrt sich in seinen selbst geschaffenen Räumen. Warum müssen sich die Protagonisten alle naslang drehen und wenden? Warum beschäftigt man die Fantasie des Lesers mit absurden Details? Striche man diesen Satz, fehlte gar nichts, denn der nächste zeigt unsere Zombiene bei der Leiche; da ist es schnurz, ob sie dorthin zielstrebig oder in Kurven getanzt oder geflogen ist oder gar getragen wurde. Das braucht der Leser nicht zu wissen, aber er will wissen, ob die Alleinverdienerin ihr Handwerk beherrscht. Mensch, werde wesentlich! zurück
Eidiedei: Jetzt blödelt auch noch die Gerichtsmedizinerin herum: Durch die matschverschmierte Kleidung steckt sie dem Toten Toten ein Leberthermometer ins Abdomen, um die Außentemperatur zu messen. Ja, geht’s noch? Dacht ich mir!
Aber was ist eigentlich ein Leberthermometer? Ein Superthermometer, dass man irgendwo in den Bauch (Pardon: Abdomen, wir haben hier schließlich eine Gerichtmedizinerin vor uns) sticht (stecken kann man es nicht, der Bauch hat normalerweise keine Löcher) und das sich dann auf die Suche nach der Lebertemperatur macht? Oder ist das eine stinknormale Temperatursonde, mit der man unter der Haut die Temperaturen von allerlei Eingeweiden messen kann, sofern man sie trifft?
Ich lass aber nicht locker, sowas will ich wissen: Brockhaus und Pschyrembel haben keinen Schimmer von derartigem Gerät, also Internet. Wikipedia? Fehlanzeige. Google? Statt einem Fachversand für Leberthermometer schlappe 3 (drei!) Treffer, alle ausnahmslos aus Gerichtsmedizin-Film-Fan-Fan-Foren, darunter dieses Prunkstück: Aus dem Koffer neben mir kramte ich eben das Leberthermometer, als mir etwas einfiel. „Ryan, sag dem Detective Bescheid, dass er die Reservierung an der Rezeption überprüfen soll oder mach es selbst.“ Sein Schweigen verriet mir, dass meinen Seitenhieb wohl bemerkt hatte. Sieg für mich.
Ich nahm das Thermometer und steckte es- wo auch sonst- in die Leber des Toten.

Der Internet-Text bietet gleichfalls (und wen wundert’s) unsäglichen Sprachmüll und hat Probleme mit unserer Grammatik: Ich steckte das Thermometer wo? Korrekte Antwort: in der Leber. Fazit: Statt aus dem Glotzophon CSI-Müll zu saugen besser selbst denken und recherchieren; das ist allerdings mit Arbeit verbunden und nur etwas für Leute, die ernsthaft schreiben wollen. Alle anderen dürfen Zirbeldrüsen-Thermometer erfinden und ganze Nadelkissen in Abdomen stecken, wenn’s den Fan beglückt und zu solchem Gelobhudel führt wie dem von Sternenlicht, AnthonioDinozzoFan oder Maggie Parker. zurück
Sie hebt (ihren? den vom Leichnam?) den Arm und versucht ihn zu beugen. Kann man schon mal versuchen, manche nennen das Gymnastik, und es empfiehlt sich vor allem vor und nach exzessivem Leberthermometer-Stecken. Aber der eigentliche Hammer kommt noch: Sie verfährt ebenso mit dem Kiefer. Alles klar? Sie verfährt ebenso mit dem Kiefer. Als Klartext für den Erzähler: Sie hebt den Kiefer (ihren? den vom Leichnam?) und versucht ihn zu beugen. Auf solch schräge Einfälle muss einer erst einmal kommen! Zombie-Julia hat definitiv mehrere Schrauben locker und Räder ab – kein Wunder, dass die Kinder lieber machen, was sie wollen, als ihre Kiefer zu beugen, und der gestresste Ehemann forscht vermutlich in den diversen CSI-Serien nach Verantwortlichen für die desolate geistige Verfassung seiner Ehefrau.

Hinweis in eigener Sache: Wenn ich so weiter mache, brauche ich noch Wochen. Ich werde folglich nur noch gröbste Schnitzer sadistisch sezieren, denn dieser Text ist nicht zu retten. zurück
Das heißt nicht die Bare, sondern die Bar, und so etwas kann von zwei Sanitätern gewiss nicht getragen werden, so besoffen die auch sein mögen. Ansonsten hilft der Duden weiter oder das Lesen von Büchern, hören jedoch kann man den Unterschied selbst mit der besten Flachbildglotze nicht.
Wo kommt ihr Auto her? Ist das etwa doch der Krankenwagen? Nein, kein Mensch besitzt einen Krankenwagen! Warum wird das eigene Auto aber nicht beschrieben: Farbe, Polstergeruch (vermutlich »Fäulnis« von Gucchi), Tönungsgrad der Heckscheibe, Anzahl und Farbe der Neonschlangen in den Ablagen? Das ist doch wichtig, damit wir Leser uns ein noch genaueres Bild von der geistigen Verfassung dieser Möchtegern-Gerichtsmedizinerin machen können, ja, millionenmal wichtiger als die unaufgefordert mitgelieferte Bedienungsanleitung für Händis, die da lautet: Wenn’s klingelt, muss man einen Knopf drücken und das Händi ans Ohr halten! Oder ist dies der Nachweis, dass Zombie-Julia doch noch etwas anderes kann außer Kiefer beugen, nämlich ein Händi bedienen? Potztausend! zurück
Joshua scheint das zu wissen, denn statt die Kieferbeugerin mit dem schwierigen Wort Präsidium zu quälen, bestellt er sie zum Bruno-Georges-Platz 1, was wiederum Julia nicht versteht, aber sie weiß irgendwo irgendwie, wo Joshua als Polizist arbeitet, und so schließt sie messerscharf, dass das Präsidium gemeint sein muss: Welch gelungener Dialog! Und er endet mit einer akrobatischen Glanzleistung unserer verwirrten Julia: Während sie noch mit Joshua per Händi spricht (: Mit diesen Worten) legt sie das Telefon (gemeint ist wohl das Händi, mit manchen soll man sogar noch telefonieren können) auf den Beifahrersitz (und ihren Oberkörper gleich mit, wenn sie sich nicht von Hand, Mund und Ohr trennt, die bekanntlich mit dem Händi beschäftigt sind) und startet den Motor: Womit aber startet sie den Motor? Die rechte Hand ist am Händi und mit Ablegen beschäftigt, der Mund redet am Händi, das Ohr lauscht ebenda, ob Joshua noch etwas zu sagen hat – es muss der ganze Oberkörper sein, der sich mitsamt Händi auf den Beifahrersitz legt, nur dann hat die linke Hand genug Raum, den im Allgemeinen nur Rechtshändern zugänglichen Zündschlüssel zu drehen. zurück
Dunnerlüttchen: Haben wir schon ein ganzes Kapitel bearbeitet, ohne zu merken, dass da eines war? Jedenfalls kommt jetzt das zweite mit dem Titel Der Nächste. Fragt sich nur, ob der Leser darauf gespannt sein kann, schließlich wurde die Leiche bereits angekündigt. Das Kapitel hätte eigentlich früher beginnen können, um in bewährter Jeremias-Baumwoll-Tradition die Spannung auf die nächste Folge am Kochen zu halten. Doch bislang gab es nichts Spannendes außer Zombie-Julias Händi-Gymnastik, folglich lässt man die Kapitel wechseln wie die Orte: Hamburg, vor dem Polizeipräsidium, genau so, wie wichtigtuerische Filme den mitfiebernden Zuschauer von ihrer Authentizität überzeugen: eben mittendrin, satt, voll dabei! zurück
Statt dass Joshua gleich mit Julia spricht, muss sie erst noch aus dem Auto steigen, und ermüdet vom Kieferbeugen kann sie sich nicht einfach unter einem Absperrband durchbücken, nein: der vollbeamtete Ober-Absperrband-Hochlupfer, dieses dröge Standardinventar von jedem auch noch so dämlichen Kriminalfilm, ist selbstverständlich zur Stelle und hebt – ja was? Genau: – das-Band-mit-dem-der-Gehweg-abgesperrt-ist hoch! Welch unglaubliche Präzision! Ohne das hätte Julia niemals mit Joshua sprechen können, zumal ihr Händi wohl noch auf dem Beifahrersitz liegt, jedenfalls ist das Gegenteil nicht beschrieben, wo doch sonst jedes noch so überflüssige Detail breit gewalzt wird! Joshua dreht sich wieder einmal um, und Julia kniet sich wieder neben die Leiche, obwohl sie diese zum ersten Mal trifft, und dann beginnt sie wie immer mit dem Toten zu reden – halt, stimmt nicht! Schon bei ihrem zweiten Toten redet sie nicht wie immer mit selbigem, sondern plaudert mit ihrem Kassettenrekorder: Als Allerobererstes stellt sie gemäß dem amerikanischen Fernseh-Vorbild die Hautfarbe der Leiche fest (irgendwoher muss sie ja ihre fundierte Ausbildung und ihr Leberthermometer bekommen haben), dann kann sie nicht erkennen, wo die Kugel genau eingeschlagen hat (irgendwo am Kopf), aber die Austrittsöffnung diagnostiziert sie gekonnt – und zum krönenden Abschluss erzählt sie dem Kassettenrekorder, dass sie ihm Näheres erst sagen kann, wenn sie die Leiche auf dem Tisch habe: Das wird ihn aber freuen, den Kassettenrekorder, wenn er dann Näheres erfährt! Das Protokoll, für welches diese präzisen Sätze gesprochen wurden, möchte ich lieber nicht lesen, schließlich kenne ich Julias Geisteszustand … zurück
Wem gibt sie Anweisungen? Dem Ober-Absperrband-Hochlupfer? Joshua? Ist doch sonst niemand anwesend, nicht einmal Gaffer! Zudem will ich wissen, was diese Angewiesenen gerade am Mitnehmen sind, da sie den Leichnam ebenfalls mitnehmen können, wenn sie schon einmal dabei sind! Und als Drittes interessiert mich (eigentlich aber doch nicht), was denn die Anweisungen sind: Leiche mitnehmen ist nur 1 Anweisung. Je nun, so ist sie halt, die undurchschaubare Welt der Gerichtsmediziner: von allen guten Geistern verlassen!
Den Zeugen, der gesehen haben will, dass der Täter dem zu Boden gegangenen Opfer an den Kopf gefasst und einen Umschlag an sich genommen haben soll, würde ich sofort einem Alkoholtest unterziehen, denn an Köpfen befinden sich Bretter, Hüte, Kopfhörer, Brillen, Hörgeräte, falsche Bärte usw., aber bestimmt keine Umschläge! Zum Schluss werden wir davon überrascht, dass Julia allen Ernstes vorhat, beide Leichen zu sezieren (Auch das noch! Die steckt doch sicher wieder ihr Leberthermometer in Abdomen). Aber erfreulicherweise fährt sie dieses Mal einfach so zum Universitätsklinikum, ohne vorher mit Hilfe des Ober-Absperrband-Hochlupfers den Tatort verlassen und ihr Auto gefunden, die Autotür aufgeschlossen und das Händi aufgenommen zu haben, ohne eingestiegen zu sein und den Motor angelassen zu haben: Geht doch! Oder war der Erzähler einfach nur zu faul? Wenn, dann war er nicht faul genug, da der letzte Absatz eigentlich komplett wegfallen könnte. zurück
Julia betritt (kennen wir, alle treten hier) die Autopsie, und verwundert reibt sich der überraschte Leser die Augen: Was Julia nicht alles vor dem Kopf hat! 1 blauen OP-Kittel, eine undefinierbare Menge Gummihandschuhe und 1 Plastikvisier, vermutlich alles an das dort befindliche Brett genagelt (ein Zombie spürt so etwas nicht): Kann sie dann überhaupt noch etwas sehen? Zumindest hat sie jetzt heftig Halluzinationen, denn auf dem zweiten (Von wo? Oder haben Seziertische Nummern wie die Kneipentische beim Ball einsamer Herzen, wo der Herr von 19 der Dame von 3 per Tischtelefon ein trautes Miteinander andienert?) Tisch prangt ein komplettes Präsidium, und vor diesem liegt die Leiche!
Bevor das noch so richtig ins Hirn dringen kann, wird uns blöden Lesern zur Ablenkung schnell & eifrig erklärt, dass die Leiche sich da nicht etwa von allein hingelegt hat, oh nein, ein Assistent hat das getan, jawohl, und der hat sie zuvor ausgezogen, und zwar ganz! Und dann hat er sich blitzschnell im Kühlregal versteckt, als er Zombie-Julia mit all dem Zeug vor dem Kopf hat herantapern sehen.
Wenn etwas metallisch aufblitzt, dann ist das für die stark sehbehinderte Gerichtsmedizinerin logischerweise ein Metallstück, auch wenn es vielleicht ein Stück Folie sein könnte, aus Kunststoff z. B. Und wenn man kein Wasser mehr will, was macht man dann? Genau: man stoppt den Wasserstrahl – verblüffend! Wozu gibt es eigentlich Ventile und dergleichen, wenn man Wassersträhle einfach auch so stoppen kann? Anschließend versucht Julia mit einer Kopfwundenpinzette für metallisch Glänzendes (wenn schon, denn schon) das Metallstück zu fassen, aber bevor der Versuch glückt, entfernt sie das Metallstück bereits (wohl mit der Wasserstopp-Hand) und entdeckt ein kupferfarbenes 1-Cent-Stück (nein: kein silbernes, kein gelbes, auch kein schwarz-rot-gold gestreiftes, sondern ein kupferfarbenes; so etwas Rares soll es tatsächlich geben); und was macht sie damit? Weiß kein Schwein! Sie greift nach einer Papiertüte (sind ihr die Plastiktüten ausgegangen?), um es als Beweisstück sicher zu stellen (und nicht etwa ihrer farbenprächtigen Cent-Sammlung als Unikat zuzuführen) – und dann passiert irgendetwas Magisches, was die Ausführung dieser Absicht behindert, jedenfalls beginnt sie unvermittelt, der Leiche ihre DNS zu entnehmen. Merkwürdig: Ich dachte bislang, dafür reicht 1 Härchen, 1 Speicheltröpflein, 1 Hautschüppchen? Jetzt aber hört es sich dank beginnt mit der Entnahme so an, als begönne eine mehrstündige Schnibbelaktion innerhalb des Leichnams! Werden Fingerabdrücke auch entnommen? Falls nicht: Wie beginnt man Fingerabdrücke? (Wie war das doch gleich? ja: So ist sie halt, die undurchschaubare Welt der Gerichtsmediziner: von allen guten Geistern verlassen!) zurück
Der Raum wurde betreten, und Joshua hat ihn betreten (Ist doch großartig, wenn man erkannt hat, dass man etwas betreten kann, das kann man gar nicht oft genug wiederholen!) – er kann halt nicht anders. Ungewöhnlich verhält sich die Tür: Sie dreht sich nämlich um, nachdem Joshua hindurch ist, und sieht Joshua (vorher hatte sie wohl geschlummert und ist erst durch ihr Summen aufgeschreckt). Der Dialog beginnt – wie bei Gerichtsmedizinern und Politikern üblich – damit, dass eine klare Frage auf keinen Fall beantwortet wird. Die Nichtbeantwortung der Frage mündet in eine Ankündigung und eine Demonstration gerichtsmedizinischer Magie: Zombie-Julia greift zur Tüte und lässt das Geldstück auf ein weißes Blatt Papier fallen. Wie hat sie die Tüte in ein Geldstück verwandelt? Wo war die Tüte in der Zwischenzeit? Wieso greift sie immer nach allem? Wo kommt das weiße Blatt Papier her, sie steht doch am zweiten Tisch? Hatte der Assistent es ausgezogen und ebenfalls dort vor dem Präsidium deponiert? Wieso ist unserer versierten Gerichtsmedizinerin das nicht vorher aufgefallen? Joshua betrachtet das Prachtstück, wundert sich allerdings nicht über die Kupferfarbe, und erkennt den Jahrgang 2001, der ihm nichts Gutes verheißt! Recht hat er, wie wir bald sehen werden! zurück
Julia ist offenbar ansteckend, denn jetzt deliriert auch Joshua: 2001, das bedeutet nichts Gutes hat er besorgt verkündet! Und warum? Weil es nämlich einen Münzmörder gibt, der allen Opfern ein Münze aus dem Jahre 2002 in die Wunde stopft und wohl ein Auftragskiller ist und nie Spuren hinterlässt! Da die von der sehbehinderten Julia zutage geförderte Münze aber aus dem Jahre 2001 stammt, beginnt offenbar eine neue Serie von einem anderen Täter, und dann weiß der arme Joshua zweimal nix – nee, das ist wirklich nichts Gutes! Folgerichtig lässt Julia Joshua bei der Leiche zurück (da kann er sich mal ungestört aussprechen) und marschiert ins Labor (mit allem drum und dran). zurück
Stümper, Nieten, Versager, auch im Labor! Da pult jemand einem eine Münze aus dem Kopf, und auf der sollen überhaupt keine Hautpartikel sein? Nur weil sie pressfrisch war – was hier ja nur bedeuten kann, dass sie frisch in den Kopf gepresst worden war? Und sie trägt wider Joshuas Wissen den Stempel 2002, es gibt also keine neue Serie? Welcher Verdacht verhärtet sich denn dann, wenn er 1 weniger hat? Wieso ist er nicht erleichtert? Stattdessen bastelt er einen müden Gesichtsausdruck, und mit dem greift er nach der Kaffeekanne, als sein Händi klingelt und – ohne dass er einen Knopf drücken muss – sofort überträgt. Dem Gespräch ist zu entnehmen, dass das Labor unterbeschäftigt war, denn es hat die Münze sofort untersucht, den Bericht geschrieben und persönlich überbracht, während Zombie-Julia in der gleichen Zeit vom Labor zurück zur Autopsie getapert ist und nun bereit ist zur Obduktion der anderen Leiche – aber halt: Wieso ist Joshua inzwischen in seinem Büro? Egal: Hauptsache, er greift mit diesen Worten nach seiner Jacke (der müde Gesichtsausdruck hat Greifpause) und verlässt endlich die Szene. Preisfrage: Hat er die Jacke dabei, oder haben seine Worte voll daneben gegriffen? Fazit: Je nun, so ist sie halt, die undurchschaubare Welt der Gerichtsmediziner: von allen guten Geistern verlassen! zurück

15. open mike: Rückblick und Interview zum wichtigsten Nachwuchsliteraturwettbewerb

open mikeVom 3. bis 4. November 2007 gab es in der WABE der Berliner Literaturwerkstatt summa summarum acht Stunden Literatur aus deutschen Hinter- und Vorderlanden zu hören. Aus 660 Einsendungen wurden 21 Nachwuchsliteraten eingeladen, um exakt 15 Minuten ihre eingereichten Texte beim open mike vorzutragen.

Der open mike gilt als der wichtigste Nachwuchsliteraturwettbewerb – nicht etwa wegen des hoch dotierten Preisgeldes (die drei Finalisten teilen sich EUR 4.500), sondern wegen des großen Aufgebotes an Verlegern und Lektoren, die den Autoren lauschen und auch unter den Nicht-Finalisten Autorinnen und Autoren für Lesereihen oder Erzählungsbände »rekrutieren«. Auch dieses Jahr kamen zahlreiche Repräsentanten der großen und kleinen Verlage wie Piper, Rowohlt Berlin, S. Fischer, Luchterhand, Tisch 7, Mairisch und viele andere und natürlich die Literaturagenten.

Anhören und Abstimmen: ARD stellt Hörspiele kostenlos im Netz bereit

ARD HörspieltageWer sich für die Hörspielszene im Radio interessiert, der weiß, dass man einen langen Atem bei der Suche nach neuen Stücken haben muss. Die ARD setzt sich nun publikumswirksam für das Hörspiel ein, das beliebte Stiefkind der Literatur, das – mit Ausnahme von Dauerbrennern wie den Drei ??? – sich seinen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung doch immer wieder erkämpfen muss. Am 7. November 2007 starteten die ARD Hörspieltage im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) – und im Internet.

Die ARD-Hörfunksender und Deutschlandradio stellen hier ihre aktuellen Produktionen vor, es finden Workshops, Vorführungen und Diskussionen für Kinder und Erwachsene statt.

Vor allem aber wird auch der ARD Online Award für Hörspiele verliehen. Zehn Hörspiele wurden für den Preis nominiert. Gut zu wissen, denn jetzt können alle Stücke bis zum 12. November, dem Ende des Festivals, auf der Website angehört werden werden. Einige Produktionen stehen sogar komplett zum Download zur Verfügung, darunter »Tannöd« nach dem Roman von Andrea Maria Schenkel, »Enigma Emmy Göring« von Werner Fritsch (mit der grandiosen Schauspielerin Irm Hermann als Sprecherin) und »Graffitti Hero« von Christian Schiller. Über die Vergabe des Online Awards kann jeder abstimmen, der sich die Hörspiele angehört hat.

Daneben wird die beste Premiere eines bislang unveröffentlichten Hörspiels im Netz ausgezeichnet. Über die Vergabe entscheidet eine elfköpfige Fachjury aus Repräsentanten der ARD, des ZKM und von Deutschlandradio.

boersenblatt.net setzt Foren-Troll vor die Tür

Bitte keine Trolle füttern! (Bildquelle: wikipedia.net)Mit einer ausführlichen und interessant zu lesenden Begründung gibt boersenblatt.net bekannt, dass einer der dort »Diskutierenden« dies künftig nicht weiter tun darf. Im April 2007 wurde die Online-Ausgabe des Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel neu gestaltet. Erstmals wurde dabei zu jeder Meldung eine Kommentarmöglichkeit eingeführt. Während sich diese Meinungsäußerungen in der Regel in Grenzen hielten, fielen in letzter Zeit einige Nachrichten im Bereich Antiquariat auf. Hier gab es pro Nachricht teilweise bis zu 100 Kommentare. Auslöser für diese Flut an Kommentaren war wie so oft ein Troll, der von den anderen Teilnehmern reichlich gefüttert wurde und sich so mit seinen ausufernden Beiträgen im Kommentar- und Forenbereich des Börsenblatts so richtig gemütlich machte. Doch anders als im Forum des literaturcafe.de, in dem Trolle meist anonym agieren, war der Provokateur bei boersenblatt.net kein Unbekannter, sondern der Freiburger Antiquar Peter Mulzer. Mulzer wurde mit seinen eigenwilligen Beiträgen schon in anderen Foren auffällig.

Der schönste erste Satz lautet: »Ilsebill salzte nach.«

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Salzstreuer

Heute Abend (06.11.2007) wurden in der Frankfurter Oper die Gewinner des Wettbewerbs »Der schönste erste Satz« (eines deutschsprachigen Romans) gekürt. Der Wettbewerb war von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung lesen durchgeführt worden, und entschieden hat darüber endgültig eine Jury, die vor allen Dingen die leidenschaftlichste Begründung der Vorschlaggeber zu berücksichtigen hatte.

»Ilsebill salzte nach.« lautet der Gewinnersatz und umgekehrt wäre es interessant gewesen zu wissen, wie viele Leute gewusst hätten, wer ihn geschrieben hat. Es war Günter Grass und der Satz stammt aus seinem Roman »Der Butt«. Mehr darüber ist z.B. in der WELT Online nachzulesen. Dort sind die Begründung und weitere Preisträger zu finden. Peinlich und unverständlich, dass auf der Website der Aktion unmittelbar nach der Verleihung am 6. November die Preisträger noch nicht nachzulesen waren, geschweige denn die Begründungen zum Lesen bereitstanden.

Willms Woche: Wenn Dracula mit dem Medicus auf Tara feiert

Er ist eines der klassischen One-Hit-Wonder der Literaturgeschichte: Mit »Dracula« landete Abraham »Bram« Stoker den ganzen großen Coup, auch wenn er den ungeheuren Erfolg seines Buches nicht mehr selbst erleben durfte. Ein zentrales Thema in »Dracula« – die Wiederauferstehung von Toten – resultiert nicht zuletzt aus der Biographie des Autors: Bis zu seinem 8. Lebensjahr litt Stoker an einer für die Ärztewelt unheilbaren Krankheit, konnte ohne fremde Hilfe weder stehen noch laufen. Seine wundersame Genesung scheint ein Grund dafür, dass er zeit seines Lebens an Mystik und Übernatürlichem festhielt und in »Dracula« ein Denkmal setzte. Am 8. November feiern wir Bram Stokers 160. Geburtstag.

Will man Südstaatenromantik, Bürgerkriegsepos und viel Herzschmerz, so gibt es nur einen Ort im literarischen Kosmos, der all dies bietet: Tara.

Der Tote im Container macht aus Malte einen Sadisten

Maltes Meinung - Die Textkritik im literaturcafe.deEigentlich hatte sich unser Kritiker Malte Bremer auf diese Herausforderung gefreut: Endlich einmal gab es in der Textkritik einen Krimi zu besprechen. Doch was dann kam, war nur noch grausam, und zum Glück waren nur die ersten beiden Kapitel zu besprechen. Malte wurde angesichts dieses kriminellen Prosa-Textes zum Sadisten: »Ich werde nur noch gröbste Schnitzer sadistisch sezieren, denn dieser Text ist nicht zu retten.« Das Gesamturteil ist daher vernichtend: »Es ist nicht einmal ein Versuch, sondern ein einziges Drehen, Treten, Greifen und Mit-diesen-Worten-Hantieren, eine sinnentleerte Aneinanderreihung von Klischees und haarsträubendem Blödsinn.«

Lesen Sie hier die vollständige Kritik zu »Der Tote im Container« >