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Evangelische Erotik von der Volksbank gefördert

Anregende Frisur: Christian Friedrich Hunold alias MenantesJa gibt es das denn? Einen Literaturpreis für erotische Dichtung, der von einer evangelischen Kirchengemeinde ausgeschrieben und von den Volks- und Raiffeisenbanken gestiftet wird?

Ja, gibt es: den Menantes-Preis für erotische Dichtung der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben in Thüringen. Mitmachen kann jeder und jede, der oder die ein unveröffentlichtes erotisches Gedicht oder eine Kurzgeschichte geschrieben hat. Vergeben werden ein Jurypreis (1.000 Euro) und ein Publikumspreis (500 Euro). Zudem werden die 5 besten Autorinnen zu einer öffentlichen Lesung im Pfarrhof in Wandersleben eingeladen. Die 25 besten Texte erscheinen in einer Anthologie. Einsendeschluss ist der 31. März 2008, und die genauen Teilnahmebedinugnen sind auf der Website des Menantes-Literaturpreises nachzulesen.

Benannt ist der Preis nach dem Barokdichter Christian Friedrich Hunold alias Menantes, der in Wandersleben geboren wurde.

Jetzt bewerben: Der 12. Klagenfurter Literaturkurs ist ausgeschrieben

Jetzt in Klagenfurt beworbenAn den vier Tagen vor den 32. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (Bachmann-Preis), findet auch in diesem Jahr wieder der Klagenfurter Literaturkurs statt (22.-25. Juni 2008). Intensiv wird dort über die bei der Bewerbung eingereichten eigenen Texte diskutiert. Reisekosten, Unterkunft und Verpflegung werden vom Veranstalter übernommen. Eine der Stipendiatinnen im letzten Jahr war Fee Katrin Kanzler.

Wie immer gilt: Wer sich bewerben will, sollte zuvor die Voraussetzungen und Kriterien für eine Bewerbung gut durchlesen und einhalten. Wer zu den maximal 10 Teilnehmern gehören möchte, der oder die darf z. B. nicht älter als 35 Jahre alt sein und sollte mindestens eine literarische Veröffentlichung vorweisen können. Texte im Eigenverlag oder Veröffentlichungen im Internet zählen dabei nicht. Alles weitere ist auf der Website des Musilmuseums nachzulesen.

Irseer Pegasus Ob das fette Brauerei-Ross wirklich Flügel hat?

Gespannte Erwartung in Irsee (Klick zum Vergrößern) - Foto: Cornelia TravnicekDer Irseer Pegasus ist ein seit zehn Jahren stattfindendes Autorentreffen im Kloster Irsee. Um teilnehmen zu können, muss man sich bewerben und im Falle einer erfolgreichen Bewerbung ca. 200 Euro Teilnahmegebühr bezahlen. Ob sich das lohnt, wollte Cornelia Travnicek wissen. Ein weiterer Praxisbericht.

Warum ich gerade hier, im Burger King am Münchner Bahnhof, in eine Stimmung absoluter Traurigkeit und Einsamkeit verfalle, und das nur, weil schon das dritte gefühlsduselige Lied hintereinander im Radio läuft, das weiß ich nicht. Vielleicht, weil ich für drei Stunden heimatlos bin, solange dauert es noch bis mein Zug nach Hause abfährt. Der Irseer Pegasus 2008 ist zu Ende.

Cornelia Travnicek

berichtet im literaturcafe.de seit 2006 von ihrer bisherigen Autorenlaufbahn und davon, wohin es führen kann, wenn man eines Tages beschließt zu schreiben. Interessant für alle, die Ähnliches selbst erlebt haben, noch erleben wollen oder sich vielleicht nach der Lektüre entschließen, es doch besser zu lassen. Seinerzeit schrieb Cornelia unter dem Motto »Bis Klagenfurt anruft« sieben Berichte und einige Bonusfolgen u.a. über Veröffentlichungen, Preise, Lesungen, Literaturforen und die eigene Website.

Cornelia Travnicek: Chucks (Buchcover)Im Frühjahr 2012 erscheint Cornelia Travniceks erster Roman »Chucks« in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA). Wie ergeht es einem als österreichische Autorin, wenn man zu einem großen deutschen Verlag wechselt? Erfüllt sich ein Autorinnentraum? Ist es der Karrieredurchbruch?

Unter dem Titel »Bis Klagenfurt anruft. Reloaded« setzt Cornelia Travnicek 2012 ihre Berichte im literaturcafe.de fort.

Im Juli 2012 las sie dann tatsächlich in Klagenfurt und gewann den mit 7.000 Euro dotierten Publikumspreis. 2012 ist sie Stadtschreiberin in Kärnten.

Klicken Sie hier, um alle bislang erschienenen Teile zu lesen »

www.corneliatravnicek.com

Cornelia Travnicek: Chucks: Roman. Taschenbuch. 2014. btb Verlag. ISBN/EAN: 9783442747023. EUR 8,99 » Bestellen bei amazon.de Anzeige)

Weil Gert Heidenreich der laut Vorstellung durch Herrn W. nicht nur Schriftsteller ist, sondern auch der Mann von Elke Heidenreich war angemerkt hat, er vermisse das Abweichen vom geradlinigen Erzählen, darum beginne ich im ersten Absatz am Ende. Zäume den Pegasus also von hinten auf. Oder vielleicht mit diesem Absatz wohl eher von der Seite. Alles eine Frage der Perspektive.

Der Irseer Pegasus definiert sich selbst als Autorentreffen und fand heuer zum zehnten Mal statt. Sich zu bewerben kostet nichts, das Eingeladenwerden allerdings doch. Warum bewirbt sich also eine Autorin, die sonst nie im Leben Teilnahmegebühren für einen wie auch immer gearteten Wettbewerb zahlen würde, bei einem Seminar, das Unkosten von ca. 350 Euro mit sich bringt (Seminarbeitrag von 199 Euro, Zug, Taxi und nicht inkludierte Getränke). Die Wahrheit ist: sie hat sich etwas davon erhofft, mit dem sie sich im Nachhinein rechtfertigen könnte.

Was am Ende davon blieb, außer dem nun aufgebrauchten Weihnachtsgeld: Hauptsächlich Müdigkeit. Denn die Tage des Seminars (3. bis 5. Januar 2008) sind bis zum Letzten vollgestopft mit Anwesenheitspflicht. Lesungen, Textbesprechungen und Diskussionen, bei denen grundsätzlich der Zeitplan nicht eingehalten wird was zu einer Verkürzung der ohnehin knapp bemessenen Pausenzeit führt. So ist man fast pausenlos (und) im Verzug.

Laut Ausschreibung sollten alle Teilnehmer mindestens eine eigenständige Veröffentlichung vorweisen. Oder Vergleichbares. Die meisten der Teilnehmer hatten Vergleichbares. Der Anteil an männlichen und weiblichen Autorinnen war ausgewogen, der Altersdurchschnitt war eher im oberen Bereich der Skala anzusiedeln. Gert Heidenreich war leider nur für die Lesung aus seinem Buch und die Teilnahme an der Podiumsdiskussion anwesend.

Am Ende des Workshops wird jedes Jahr ein Preis vergeben, der von den Autoren selbst bestimmt werden kann. Man bewertet alle seine Kollegen auf einer Skala von Null bis Fünf, die Punkte werden dann addiert. Sich selbst bewerten alle von vornherein mit Fünf, um auf eine einheitliche Basis zu gelangen, soweit ganz fair. Zusätzlich wird ein Jurypreis vergeben. 3. Platz und Jurypreisträger dürfen sich über die Deckung ihrer Ausgaben freuen, 2. Platz und 1. Platz kassieren da schon etwas mehr. Die Preisverleihung hat sich Gert Heidenreich nicht mehr angesehen.

Warum es gut war: Weil man wieder einmal unter andere Autoren kam, sich ausnahmsweise auch wieder mit dem handwerklichen Teil des Schreibens beschäftigte und einige nette Leute kennenlernte. Das Essen war auch gut. Warum es nicht so gut war: Weil es etwas gekostet hat und das nicht wenig, weil die meisten Autoren sich nicht einmal Notizen zur Kritik, die sie bekommen haben, machten, was eigentlich eine Diskussion unnötig macht, weil es viel zu viel in zu kurzer Zeit war. Und weil es traurig war.

Klinke in Irsee (Klick zum Vergrößern) - Foto: Cornelia TravnicekIch möchte hier einen sehr ehrlichen Absatz über junge Autoren schreiben. Wir glauben doch alle im Geheimen, dass wir ES irgendwann schaffen. Was dieses ES ist, das definieren wir nicht so genau. Einen Bestseller landen, den Deutschen Buchpreis gewinnen, den Nobelpreis, was auch immer. Genau darum ist der Irseer Pegasus traurig. Weil dort so viele Menschen waren, die es eben nicht geschafft hatten. Noch immer nicht haben. F. titulierte das ganze »B-Veranstaltung«. Da war also die B-Seite der Literatur. Regional »erfolgreiche« Autoren – auch unter den Veranstaltern. Als junger Autor hat man eine gewisse Vorstellung von dem Alter, in dem man es geschafft haben möchte. Die meisten der Kollegen lagen da leider darüber, manche sogar weit. Und irgendwie keimt dann in einem selbst die Angst, auch einmal in diesem Alter hier zu sitzen und noch immer zu warten. Darauf, dass es passiert. Und dahinter wieder steht die Angst, dass es nie passieren könnte.

Neben all dem war das alte Benediktinerkloster Irsee eine schöne Kulisse, von der man durch den Stress leider wenig sah. Ganz am Schluss wurde auch noch eine Respektlosigkeit an den Autoren begangen, welche die Stimmung Mancher dann doch etwas ins Negative schlagen ließ, wenn ich das so ausdrücken darf. Es ist ja toll, wenn man in einem schönen Barockzimmer ein Streichquartett aufspielen lässt und Reden schwingt und in all dem Pomp Autoren Geld schenkt. Dass man diese vier Autoren aber fünf Minuten bevor die Zeremonie beginnt, vor den Augen aller anderen in Grüppchen wartenden Autoren zu einem Foto mit der Presse bittet und somit banal und rüde zu verstehen gibt, wer nun die Preisträger sind, das ist in meinen Augen und auch in denen anderer Teilnehmer einfach respektlos und nichts anderes. Dann braucht man nämlich die ganze Zeremonie nicht mehr, es gibt keine Spannung dahinter und manche Autoren bleiben dann auch nicht so lange, sich nochmal diese vier Texte anzuhören, die sie teilweise ja erst am Vormittag lange und breit diskutiert haben.

Zusätzlich entstand manchmal der Eindruck einer Werbeveranstaltung. Oder dass manche Leute sich viel zu gerne selbst reden hören. Aber egal. Wer einen der gut dotierten Preise verliehen bekommt, bei dem mag sich das Ganze im Nachhinein durch eine rosa Brille betrachten lassen. Bei F. und mir, da war das etwas anders. Wir haben beschlossen: einmal und nie wieder. Nie wieder für etwas zahlen müssen. Lieber das Geld nehmen und Urlaub machen. Und die netten anderen Autoren im Internet kennenlernen (einige der Teilnehmer findet man unter anderem im Poetenladen). In die Liste von »keine Teilnahmegebühren« und »keine Zuschussverlage« reihten sich der Irseer Pegasus und vergleichbare Veranstaltungen, die nicht vollkommen kostenlos sind. Abgehoben sind wir also nicht.

Warum es am Samstag nach 20 Uhr nur eine einzige Verbindung von München nach Österreich gibt, die über Salzburg hinausgeht, ist mir ein Rätsel. Auf Bahnhöfen befindet man sich in einer Art Zwischenwelt. Hier am Ende dieses Berichts sind es nur noch zwei Stunden bis Mitternacht und damit zur Abfahrt meine Zuges. Die Lieder im Radio werden auch nicht fröhlicher.

Cornelia Tavnicek

Willms Woche: Irdische Genüsse mit und ohne Nikotin

Kaum ist er gestorben, da wird er auch schon wieder geboren: Kurt Tucholsky, dessen Todestag wir im Dezember noch gedachten, wäre am 9. Januar 118 Jahre alt geworden. Das Aushängeschild der literarischen Anti-Nazi-Bewegung schrieb seinerzeit unter mehreren Pseudonymen, darunter Kaspar Hauser, Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel. Ob er diese wirklich nur für die Arbeit brauchte, ist unklar: Tucholsky galt als Frauenheld, der stets mehrere Affären nebeneinander gehabt haben soll. Von seiner ersten Ehefrau ist jedenfalls folgender Ausspruch überliefert: »Als ich über die Damen wegsteigen musste, um in mein Bett zu kommen, ließ ich mich scheiden.«

So wichtig wie Tucholsky für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war, so entscheidend beeinflusste Heiner Müller die zweite.

»Die soziale Logik des Kleinbürgers läuft in der Konsequenz immer entweder aufs Aufhängen oder Wegsperren hinaus«

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Ausriss aus dem FOCUSDie Litotes ist ein sprachliches Stilmittel. Indem man das Gegenteil einer Aussage verneint, mildert man sie ab (»Was du sagst ist nicht ganz richtig« statt »Was du sagst, ist falsch«) oder verschärft sie je nach Kontext ins Ironische (»Er war an der Aktion nicht unbeteiligt«). Insbesondere der Schwabe verwendet die Litotes gerne, um beispielsweise ein Essen überschwänglich zu loben (»I muaß scho saga, Ihre Schpätzla schmeckat net schlecht«). Der Litotes kann – muss aber nicht – als doppelte Verneinung auftreten (»Ich sage das nicht ohne Grund«).

Gerade mit der doppelten Verneinung kann man oftmals Dinge in einen Zusammenhang bringen, bei denen dieser sehr grenzwertig ist (»Ohne Hitler gäbe es keine Autobahn«).

Rodja Smolny und Lindbergh & Well: Tipps für betroffene Autorinnen und Autoren

Vertragsformulare von Lindberg & Well und MerkammerDas literaturcafe.de sprach mit Rechtsanwalt Wolfgang Schimmel vom Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di

Rodja Smolny trat als Literaturagent einer angeblich aus Schweden stammenden Agentur Lindbergh & Well auf. Er schrieb offenbar Hunderte von unbekannten Autoren an und schloss mit ihnen einen Agenturvertrag ab. Kurze Zeit später stellte er den Autoren die Vermittlung an einen Verlag in Aussicht, wenn diese zuvor bereit seien, das Manuskript auf eigene Kosten lektorieren zu lassen (wir berichteten). Beträge von mehreren Tausend Euro wurden hier genannt. Einträge im Handelsregister wiesen aus, dass Smolny mit dem Verlag und dem empfohlenen Lektoratsservice in Verbindung steht oder stand. Hierüber berichtete auch der NDR.

Obwohl dem literaturcafe.de bislang keine Fälle bekannt sind, bei denen die Autoren die zunächst geforderten 12.000 Euro für das Lektorat bezahlt haben, offerierte Smolny später ein »günstigeres« Angebot. Hier haben Autoren durchaus einige Hundert Euros bezahlt.

Doch selbst, wer nicht bezahlt hat: Zahlreiche Autorinnen und Autoren haben mit Smolny einen Agenturvertrag abgeschlossen. Viele Autoren haben die Frage an uns gerichtet, ob dieser gültig sei und wie sie nun reagieren sollten. Außerdem sorgen sich einige Autorinnen und Autoren um ihre Manuskripte, die sie Smolny geschickt haben. Sie haben Sorgen, Smolny könnte diese widerrechtlich für andere Zwecke missbrauchen.

Wir haben zu all diesen Punkten Wolfgang Schimmel befragt. Schimmel ist als Rechtsanwalt bei ver.di tätig und arbeitet für den zu ver.di gehörenden Verband deutscher Schriftsteller (VS). Daher kennt er die Branche und vor allen Dingen auch ihre dunklen Seiten sehr gut.

Kein & Aber mit kostenlosem Hörbuchradio auf der neuen Website

Internetradio von Kein & AberBislang noch relativ unbemerkt hat der Verlag Kein & Aber noch vor dem Weihnachtsfest seine Website neu gestaltet. So können nun auch die Termine der Verlagsautoren und die aktuellen Buch- und Audioproduktionen des Verlages per RSS-Feed beobachtet werden.

Highlight des neuen Internet-Auftritts ist jedoch ohne Frage das »Internetradio«, in dem nonstop verlagseigene Hör(buch)-Produktionen abgespielt werden, darunter Gerhard Polt, Harry Rowohlt oder auch Eckhard Henscheid. Der notwendige Flashplayer öffnet sich dabei praktischerweise in einem eigenen kleinen Browserfenster, sodass man weiterhören kann, auch wenn man bereits auf einer anderen Website surft oder – nicht nur am Computer – anderen Tätigkeiten nachgeht.

Eine feine Idee der Schweizer Verlagsmenschen, denn viele Produktionen machen Lust auf mehr, wie z.B. der Live-Mitschnitt des Saufens nach Regieanweisung mit Harry Rowohlt.

Wir wünschen Ihnen alles Gute für 2008 mit unserem Jahresrückblick 2007

2007: Bilder eines JahresMit einem ganz persönlichen literarischen Jahresrückblick auf 2007 begrüßen wir Sie im neuen Jahr.

Das literaturcafe.de wünscht Ihnen für 2008 alles Gute und vor allen Dingen Glück, Zufriedenheit und Gesundheit!

Von einigen Dingen und Leuten wird man sicher auch in diesem Jahr noch einiges hören, doch blicken und linken wir zurück, auf das was uns 2007 bewegt hat. Aufgeteilt haben wir den Rückblick nach Monaten, auch wenn mache Dinge im vergangenen Jahr durchaus länger Thema waren.

Willms Woche mit Buchstaben und Punkten statt Vornamen

Um kein anderes Buch gab es in den USA so viele Prozesse und Verbotsbestrebungen wie um J. D. Salingers »Der Fänger im Roggen«. Die Originalausgabe enthält unter anderem 255 »goddam«s und 44 »fuck«s und stand in angelsächsischen Ländern über viele Jahre hinweg auf dem Index. Seiner Popularität tat dies keinen Abbruch. Salinger erschuf mit Holden Caulfield den modernen Teenager schlechthin, gefangen zwischen Weltschmerz und jugendlicher Paradoxie, so authentisch, dass sich seit der Erstveröffentlichung viele verwirrte Seelen im »Fänger« verstanden fühlten. Der Mörder John Lennons zählte ebenso dazu wie Charles Manson und der »Una-Bomber«. Aber keine Angst, der Coming of Age-Roman macht nicht unbedingt gewalttätig. Neben ehrenwerten Fürsprechern wie Siegfried Lenz genießt der »Fänger« mittlerweile Kultstatus als Schullektüre. Sein Autor J.D. Salinger wird am Neujahrstag 89 Jahre alt.

Für verwirrte Seelen werden wohl von vielen Menschen auch die Anhänger von J. R. R. Tolkien gehalten.

Unendlich dank Deutschlehrer

Unendliche Geschichte im KalenderDer Harenberg-Literaturkalender erinnert mich heute daran, dass es lange vor Harry Potter bereits ein Kinderbuch an der Spitze der Bestsellerliste gab. Vor 25 Jahren, also im Jahre 1982, war Michael Endes Unendliche Geschichte das meistverkaufte Buch.

Das Kalenderblatt erinnert mich auch daran, dass uns unser damaliger Deutschlehrer im Unterricht daraus vorgelesen hat. Ja, solche Lehrer gab es, die nicht nur die Klassiker behandelt haben. Auf meinem Weihnachtswunschzettel stand dann die Unendliche Geschichte ganz oben. Es war wohl das erste Buch, das ich mir explizit gewünscht habe. Also ist klar, in welcher Lektüre ich dank meines Deutschlehrers vor genau 25 Jahren versunken war.

Wolfgang Tischer 

Jaan Kross ist tot

Bücher von Jaan KrossWie sein amerikanischer Kollege Philip Roth wurde auch der estnische Schriftsteller Jaan Kross immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Man hatte ihm sogar schon den Anruf aus Schweden prophezeit. Doch er kam nie, und Kross wird ihn auch nicht mehr erleben, den er starb am vergangenen Donnerstag im Alter von 87 Jahren nach einer schweren Krankheit.

Kross‘ hat sich oft den historischen Stoffen gewidmet und seine Protagonisten waren meist der realen Geschichte Estlands entnommen. Die Sprache Jan Kross‘ ist präzise und detailreich und obwohl er damit seinen Figuren scheinbar sehr nahe kommt, bleibt ihr Innerstes doch dem Leser verborgen und unbegreiflich. Da ist beispielsweise der loyale Diplomat Friedrich Fromhold Martens (Professor Martens‘ Abreise), der in seiner politischen Karriere alles erreicht hat und doch damit hadert, dass er mit den politischen nicht immer auch die menschlichen Ideale verfolgt hat. Oder Timotheus Eberhard von Bock, der der Verrückte des Zaren genannt wird, der in Verbannung und Haft leben muss, obwohl er nicht verrückt ist – und er dies später dann doch sogar selbst behauptet. Im geschichtlichen Stoff zeichnete Kross immer wieder Parallelen zu jüngsten Geschichte Estlands und Russlands. Doch als Leser muss man dies nicht wissen, um seine Romane zu lieben und einiges über die estnische Seele zu erfahren. Leider sind nur zwei seiner Bücher derzeit auf Deutsch lieferbar.

Jaan Kross; Helga Viira (Bearbeitung); Helga Viira (Übersetzung): Der Verrückte des Zaren: Historischer Roman. Gebundene Ausgabe. 1990. Carl Hanser. ISBN/EAN: 9783446160392
Jaan Kross; Irja Grönholm (Übersetzung): Wikmans Zöglinge: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. Osburg Verlag. ISBN/EAN: 9783955101299. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Jaan Kross; Helga Viira (Übersetzung); Barbara Heitkam (Übersetzung): Das Leben des Balthasar Rüssow: Roman. Gebundene Ausgabe. 1995. Carl Hanser. ISBN/EAN: 9783446163874
Jaan Kross; Helga Viira (Übersetzung): Die Frauen von Wesenberg oder Der Aufstand der Bürger: Roman. Gebundene Ausgabe. 1997. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783446191204

Beisetzungsanzeige: Ruht sanft meine Hoffnungen

Beisetzungsanzeige

Zwischen all der Weihnachtspost erreichte uns heute per Postkarte diese Beisetzungsanzeige, die wir der Trauergemeinde nicht vorenthalten wollen. Der vermutete Tathergang ist hier und hier nachzulesen und hier anzusehen. Wir sprechen unser tief empfundenes Beileid aus.

Maltes Weihnachtsgeschenk: Hartz IV

Textkritik im CaféVor Weihnachten sollte man keine schlechte Nachrichten überbringen. Stattdessen gibt es für Anne Bentkamp eine überaus gute Nachricht: Ihr Text erhielt von unserem Kritiker Malte Bremer die Höchstwertung von 5 Lesebrillen! Und da nicht viel an ihrer Kurzgeschichte auszusetzen war, ist die Kritik im Einzelnen sehr kurz. Darf ja auch mal sein, denn schließlich gab es in unserer Textkritik auch in diesem Jahr genügend Fälle, bei denen sich unser Kritiker offensichtlich eingehender mit dem Text beschäftigt hat als die Autorin oder der Autor selbst. Freuen Sie sich also auf die Lektüre von HARTZ IV.

Textkritik: HARTZ IV – Prosa

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Ich gehe so langsam wie möglich. Haben Sie je versucht, so langsam wie möglich zu gehen? Es ist schwierig, besonders, wenn man die Strecke gut kennt.
Immer wenn ich von der Jobbörse zurückkomme, weils mal wieder nichts für mich gab, gehe ich so langsam wie möglich. Denn es ist viel zu früh am Morgen, man muss vor 7.00 Uhr da sein. Wer bis 7.00 Uhr nicht verteilt ist, hat Pech gehabt. Der Tag hat noch gar nicht angefangen.
Wenn man die Zeit hätte verschlafen können, wäre nicht ganz so viel übrig. Aber so viel Zeit für einen Tag.
Im Rosenweg gibt es schräg gegenüber der Arbeitsvermittlung eine Kneipe, dort ist das Bier echt preiswert, sie hat ab 7.00 Uhr geöffnet. Aber ich gehe ganz langsam daran vorbei.
Meine Sachbearbeiterin in der Agentur für Arbeit, Frau Dietz, findet es üblich, dass ich immer wieder zur Jobbörse gehe. Das erhöhe meine Chancen, meint sie. Ich finde es löblich, dass ich langsam an der Kneipe vorbei gehe.
Ich fahre nicht mit dem Bus. Ich biege in die Vosselerstraße ein, dort sind kleine Vorgärten mit Blumen, vor einigen Häusern auch Gartenzwerge. Ich erzähle den Gartenzwergen, dass ich heute mal wieder leer ausgegangen bin. Eigentlich finde ich Gartenzwerge albern.
Die Vosselerstraße endet an der Binzstraße. Dort ist immer viel Verkehr. Die Autos fahren viel zu schnell. Sie wechseln oft unvermittelt die Spur, hupen und fahren zu dicht auf. Ich bleibe stehen und warte auf einen Unfall. Aber es ist noch nie etwas passiert, wenn ich dort stand.
Nach der Kreuzung kommt man an einem großen Autohaus vorbei. Um diese Zeit ist es noch geschlossen. Ich bleibe stehen. Im Fenster steht ein leuchtend hellgrüner Jaguar. Wer solche Autos wohl kauft? Zuhälter.
Den Simonsplatz mag ich besonders gern. Es ist ein Springbrunnen in der Mitte und ein paar Bänke und sonst ist er gepflastert, ganz kahl. In der Zeitung steht immer, wie schrecklich kahl er ist. Aber ich sitze auf einer Bank und kann alles sehen. Auf der einen Seite geht der Leegerwall vorbei, die drei anderen Seiten werden von einer schmalen Einbahnstraße eingefasst, so dass man ganz drum herum fahren kann. Es parken immer Autos auf dem Platz, obwohl das verboten ist. Am Ende der Einbahnstraße steht heute ein Notarztwagen. Das Blaulicht dreht sich stumm.
Ein Mann kommt an seinem geparkten Auto gleichzeitig mit der Politesse an. Sie diskutieren, er mit weit ausladender Gestik, sie schreibt, während sie spricht. Schließlich nimmt er das Knöllchen entgegen und steigt kopfschüttelnd in seinen Passat. Er fährt durch die kleine Einbahnstraße und kann nicht an dem Krankenwagen vorbei. Quer über den Platz zu fahren ist ebenfalls verboten. Der Simonsplatz ist überhaupt für Autos verboten. Die Politesse schreibt Knöllchen für die anderen parkenden Autos aus. Hinter dem Passat kommt ein dunkelblauer Mercedes zum Stehen. Der Fahrer hupt, bedeutet seinem Vordermann, man könne doch über den Platz ausweichen. Er selber ist durch eine Bank und einen Papierkorb völlig eingekeilt. Schon naht das dritte Auto, die Leute wollen eigentlich parken, trauen sich aber wohl nicht mehr. Der Passatfahrer deutet auf die Politesse, er will nicht über den Platz fahren. Hinter ihm hupen jetzt alle. Die Politesse ist fertig und geht ganz langsam über den Platz ohne die Hupenden auch nur eines Blickes zu würdigen. Kaum ist sie um eine Hausecke verschwunden, setzen die Autofahrer teilweise zurück, alle fahren mit einem Affentempo über den Platz, als wäre es ein Wettrennen. Ich bin froh, dass ich am Springbrunnen sitze, da bin ich nicht in der Schusslinie. Der Mercedesfahrer gewinnt, er fädelt sich als erster in den Verkehr des Leegerwalls ein, indem er einem Bus die Vorfahrt nimmt.
Die Sanitäter tragen ein junges Mädchen aus einem der schön renovierten Häuser. Sie sieht wie leblos aus.
Ich stehe auf und gehe weiter über den Leegerwall in die Fußgängerzone.
Die meisten Läden haben noch nicht geöffnet, aber bei einem von diesen Schnäppchenläden stellen sie gerade die Ständer mit Ramsch auf die Straße. Alles hier kostet nur einen Euro. Ich habe nur 50 Cent in der Tasche, ich stecke nie Geld ein, wenn ich nicht wirklich was kaufen will. Aber ich brauche auch nicht so dringend ein großes Paket mit Plastik-Wäscheklammern oder einen Wackel-Elvis. Auch kein Feuerzeug, das Rauchen habe ich mir abgewöhne, erfolgreich, seit einem Jahr.
Eine junge Frau kauft eine Packung mit 3 Spagetti-Sieben. Wofür braucht man 3 Spagetti-Siebe?
Sie hat ihre blonden Locken total raffiniert hoch gesteckt, jeweils eine Locke kringelt sich über den Ohren, sieht toll aus. Ich überlege, wie das halten kann. Sie merkt wohl, dass ich sie anstarre, und dreht sich um. Da beschäftige ich mich schnell mit den Mikrofaser-Putzlappen im Regal vor mir. Als sie bezahlt hat, gehe ich ihr nach.
Sie geht die Gerbergasse hinunter. Die Fußgängerzone füllt sich hier langsam, ich glaube, sie sieht mich nicht. Sie geht in eine Bäckerei. Ich sehe durch die Scheibe, wie sie sich einen Kaffee und ein Brötchen bestellt. Ich begutachte die Auslagen der Schaufenster in der Nähe.
Sie kommt aus der Bäckerei und schlenkert die Plastiktüte mit den Spagetti-Sieben hin und her. Sie geht wippend in ihren engen Jeans. Die Sonne kommt raus, es wird ein schöner Tag. Wir haben das Ende der Fußgängerzone erreicht. Sie schaut nach links und rechts, bevor sie an der Braunstraße über eine rote Ampel geht. Könnte sein, dass sie mich gesehen hat. Ich lasse mich etwas zurückfallen. Glücklicherweise springt die Ampel im richtigen Moment auf Grün.
Ich sehe, wie sie in die kleine Ammonsgasse abbiegt. Das ist eine Abkürzung zum Hochwall. Als ich die Gasse betrete, dreht sie sich vor der Kurve gerade zu mir um. Jetzt hat sie mich ganz sicher gesehen und auch wieder erkannt. Ich kann nirgendwohin ausweichen und schlendere betont lässig weiter. Sie dreht sich abrupt wieder um und geht jetzt wesentlich schneller. Schade, ich würde sie gern noch einmal aus der Nähe sehen. Ich beschleunige ebenfalls. Auf dem Hochwall wendet sie sich nach links stadtauswärts. Nach vielleicht 50 Metern rennt sie völlig unerwartet über die vierspurige Straße, einfach so querbeet in der Mitte zwischen zwei Kreuzungen. Ein Auto erwischt sie fast. Die Bremsen quietschen. Wenn ich jetzt bis zur nächsten Ampel gehe, ist die bestimmt rot. Also mache ich es ihr nach, wenn auch etwas vorsichtiger. Ich verliere kostbare Zeit. Gott sei Dank ist der Hochwall hier ganz gerade. Weit hinten sehe ich sie rennen. Jetzt ist schon alles egal. Ein Dauerlauf wird mir gut tun.
Ich sehe gerade noch, wie sie im Gebäude der Techniker-Krankenkasse verschwindet. Da muss ich wohl noch mal einen Zahn zulegen. Ich bin es nicht mehr gewöhnt, so zu rennen. Völlig außer Atem komme ich vor der Eingangstür an.
Es ist eine große Drehtür. Ich liebe Drehtüren, ich schlängele mich hinein, fast ohne das Glas zu berühren. Drinnen fragt mich ein Portier sehr freundlich: Guten Morgen, zu wem möchten Sie bitte?
Ich stottere: hem … guten Morgen ich glaube Die Drehtür nimmt mich wohlwollend wieder auf und bringt mich weg von dem Portier.
Nette Ringellöckchen waren das.
Ich muss mich erstmal orientieren und wieder zu Atem kommen. Die Techniker-Krankenkasse ist am Hochwall nicht weit vom Stadtpark. Da kann ich ja heute durch den Park nach Hause gehen, ist nur ein kleiner Umweg.
Im Park kann man die Leute morgens an Werktagen grob in zwei Gruppen unterteilen: Mütter (seltener Väter) mit Kleinkindern und Leute, die allein sind und nichts zu tun haben (mit und ohne Hund).
Heute ist ein Mütter-und-Kinder-Tag.
Manchmal setze ich mich auf eine Bank und höre den Gesprächen der Mütter zu.
… Cynthia ist ja erst vier, aber sie kann schon ihren Namen schreiben, wir haben ihr dieses neue Computerprogramm gekauft, du weit schon, Kids Training oder wie das heißt, das ist super, total kindgerecht. … Ja, weit du, Chiara habe ich jetzt in der Ballettschule angemeldet. Sie ist ja so musikalisch. Aber die musikalische Früherziehung bei uns im Kindergarten ist wirklich grottenschlecht, da muss man halt Alternativen suchen … Chiara, pass auf, nicht, das ist Hundedreck … ach, Chiara!
Heute gehe ich schnell weiter, plötzlich geht mir der Kinderlärm total auf die Nerven. Irgendwie geht mir der ganze Park auf die Nerven, die Grünflächen, die Blumen, die Sonne. Ich komme am Hudekampsweg heraus.
Auf der linken Seite ist der große Supermarkt. Dort gehe ich um diese Zeit immer hinein. An der Käsetheke stelle ich mich in die Schlange und probiere von den Käsehäppchen. Dann schlendere ich weiter, ohne Käse zu kaufen. Manchmal gibt es auch eine aufgeschnittene Ananas oder eine neue Schokoladensorte zu probieren. Heute ist eine Weinprobe, ich nehme Käse und Wein. Das ist mein zweites Frühstück.
Jetzt bin ich schon im Berggartenviertel, das sieht ganz anders aus als es heißt, ziemlich viele Hochhäuser aus den siebziger Jahren hier. Noch 200 Meter den Ohlsenring hinunter, Nummer 23.
Ich bin zu Hause, der Fahrstuhl ist schon wieder außer Betrieb. Ich wohne im 5. Stock Einraumwohnung mit Balkon. Treppensteigen ist gesund.

Es ist kurz nach zehn, als ich den Fernseher anmache Brisant, die Wiederholung vom Vortag.

© 2007 by Anne Bentkamp. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Wunderbar & erschreckend!
Lakonisch, einfach, schmucklos, präzise beobachtet, komisch (Ringellöckchen) und dabei grausam, wenn man sich vorstellt: Was macht der Ich-Erzähler jetzt den Rest des Tages? Der Woche? Des Monats? Des Lebens?

Die Kritik im Einzelnen

Wie sieht jemand wie leblos aus? Steckt dahinter die Hoffnung, die Betroffene lebe entgegen dem äußeren Anschein noch? Da aber bislang wesentlich äußere Eindrücke wiedergegeben werden, würde ich wie streichen: Sie sieht leblos aus. zurck
Das Stottern wird anschließend sichtbar es braucht also diesen Warnhinweis gar nicht: Streichen! zurck

Kostenloser Online-Workshop für Autoren

Coverausschnitt: Ein Roman in einem JahrAnlässlich des neuen Buches »Ein Roman in einem Jahr«, das im März 2008 erscheinen wird, startet der Autorenhaus-Verlag einen kostenlosen Online-Workshop, der im Januar 2008 beginnt. Jede Woche gibt es dann ein neues Kapitel des Buches zu lesen und jede zweite Woche eine Übungsaufgabe, zu der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Übungstexte eintragen und mit anderen Autoren lesen und kommentieren können.

»Ein Roman in einem Jahr« ist die deutsche Ausgabe eines Lehrbuches über kreatives Schreiben von Louise Doughty. Basis war eine Literatursendung der BBC.

Der Autorenhaus-Verlag hat sich mit seinem Programm auf Fach- und Sachbücher für Autorinnen und Autoren spezialisiert. Schon seit Jahren gibt er das Deutsches Jahrbuch für Autoren, Autorinnen heraus, das neben dem Handbuch für Autorinnen und Autoren des Uschtrin-Verlags ein Werk ist, das jede(r) Schreibende besitzen sollte.

Louise Doughty (Übersetzung); Kerstin Winter (Übersetzung): Ein Roman in einem Jahr: Eine Anleitung zum Kreativen Schreiben in 52 Kapiteln. Broschiert. 2008. Autorenhaus-Verlag. ISBN/EAN: 9783866710351