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Willms Woche mit Buchstaben und Punkten statt Vornamen

Um kein anderes Buch gab es in den USA so viele Prozesse und Verbotsbestrebungen wie um J. D. Salingers »Der Fänger im Roggen«. Die Originalausgabe enthält unter anderem 255 »goddam«s und 44 »fuck«s und stand in angelsächsischen Ländern über viele Jahre hinweg auf dem Index. Seiner Popularität tat dies keinen Abbruch. Salinger erschuf mit Holden Caulfield den modernen Teenager schlechthin, gefangen zwischen Weltschmerz und jugendlicher Paradoxie, so authentisch, dass sich seit der Erstveröffentlichung viele verwirrte Seelen im »Fänger« verstanden fühlten. Der Mörder John Lennons zählte ebenso dazu wie Charles Manson und der »Una-Bomber«. Aber keine Angst, der Coming of Age-Roman macht nicht unbedingt gewalttätig. Neben ehrenwerten Fürsprechern wie Siegfried Lenz genießt der »Fänger« mittlerweile Kultstatus als Schullektüre. Sein Autor J.D. Salinger wird am Neujahrstag 89 Jahre alt.

Für verwirrte Seelen werden wohl von vielen Menschen auch die Anhänger von J. R. R. Tolkien gehalten. Der studierte Sprachwissenschaftler schuf mit »Der kleine Hobbit«, dessen Nachfolgegiganten »Der Herr der Ringe« und dem Mythenschatz »Das Simarillion« nicht nur eine vollkommen neue, bis ins Detail perfekt erdachte Welt, sondern auch eine Fangemeinde, die bei Wind und Wetter in schweren Rüstungen und edlen Gewändern vor Kinos rund um den Globus stundenlang auf die lang ersehnte Verfilmung ihrer »Bibel« warten. Mittlerweile hat sich neben der fiktiven Welt Mittelerde ein ganzer Kosmos an Fantasy- und Mittelalterliteratur entwickelt. Geschichten um Zwerge, Elben und fremde Welten sprießen wie Pilze aus dem Boden. Für Fantasybegeisterte ist und bleibt Tolkien jedoch der »Herr aller Dinge«. Am 3. Januar wäre er 116 Jahre alt geworden.

Abgekürzte Vornamen sind diese Woche trumpf: E. L. Doctorow dürfen wir am 6. Januar gratulieren; er wird 77 Jahre alt. Bisher eher in den USA bekannt, dürfte der Schriftsteller und Publizist bald auch die deutschen Leser fesseln. Gerade erschien sein Roman »Der Marsch« auch bei uns. Wie so oft widmet sich der gebürtige New Yorker der amerikanischen Historie. »Der Marsch« hat keine Hauptperson, sondern schildert mit häufigen Wechseln in der Erzählperspektive Chaos und Barbarei im amerikanischen Bürgerkrieg. Vom »Spiegel« befragt, ob er nicht über die jüngere amerikanische Geschichte – den 11. September und seine Nachwehen – schreiben wolle, spricht Doctorow eine traurige Wahrheit gelassen aus: »Wissen Sie, warum ich einen solchen Roman nicht schreiben kann? Weil es noch nicht vorbei ist.«

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