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Von Feen und leiser Zivilisationskritik: Alina Bronskys Jugendroman »Spiegelkind«

Alina Bronsky (Foto: Birgit-Cathrin Duval)
Alina Bronsky (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Abgelebte Holzstühle und Tische mit Kratzern und Einkerbungen, auf einer Regalzeile an der Wand hinter der Theke reihen sich bunte Spirituosen. So die Atmosphäre des schnuckeligen Cafés »Linie 3«, das Alina Bronsky für das Gespräch ausgewählt hat. Unweit davon wohnt die junge Schriftstellerin mit ihren drei Kindern. Als sie in grünem Parka und mit Hund Akira, einem Eurasier, zur Tür hereinkommt, kann sie den hibbeligen Vierbeiner kaum ruhig halten. Es schließt sich eine angeregte Unterhaltung über ihr neues Buch »Spiegelkind« an.

Christian Hoffmann war in Darmstadt und hat sich mit Alina Bronsky unterhalten.

Vorlesewettbewerb: Eine Expedition in literarische Parallelwelten

VorlesewettbewerbWarum spielt in den Castingshows die Literatur keine Rolle? Milena Moser hat eine solche Fernsehsendung in ihrem Roman »Möchtegern« entworfen. Es gibt den Bachmannpreis, bei dem vorgelesen wird, bei dem es aber um Inhalt statt Auftritt geht. Und es gibt Poetry-Slams, bei denen oftmals Auftritt vor Inhalt geht.

Doch es gibt sie: Vorlesewettbewerbe. Allerdings finden sie weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Es wird Zeit, sich in die Parallelwelt zu begeben, die in diesem Fall im futuristischen Porsche-Museum in Stuttgart beginnt. Wolfgang Tischer hat die Reise angetreten.

Cornelia Travnicek liest in Klagenfurt und wir lesen ihren Roman »Chucks«

Herzlichen Glückwunsch! Cornelia Travnicek wird in diesem Jahr beim Bachmannpreis in Klagenfurt lesen. Ob sie selbst daran geglaubt hat, als sie genau vor fünf Jahren hier im literaturcafe.de den ersten Teil ihrer Serie »Bis Klagenfurt anruft« schrieb?

Unser Textkritiker Malte Bremer hat ihr literarisches Talent bereits im Jahre 2003 erkannt, als er das Gedicht »maßnehmen« der damals 15-Jährigen mit 5 Brillen bewertete.

Im Frühjahr 2012 erschien Cornelia Travniceks erster Roman »Chucks«. In Leipzig haben wir mit ihr ausführlich darüber gesprochen, und sie hat ihre Serie mit einem »Reloaded«-Teil fortgesetzt. Malte Bremer hat nun Cornelia Travniceks Erstling »Chucks« gelesen.

Das Mörderspiel ums Urheberrecht

Quelle: Das Syndikat / Armin Zedler
Quelle: Das Syndikat / Armin Zedler

Von David Gray – Reden wir über Mord. Und tun wir es mit einem der ganz besonderen Säulenheiligen der Literatur, von dem der bemerkenswerte Satz überliefert ist: »Wir haben lange genug aus Not gemordet, tun wir es jetzt mit Überzeugung und Geschmack.«

Weshalb wir hier über Mord reden sollten und dann auch noch im Sinne des berüchtigten Marquis de Sade, denn von keinem anderen stammt der oben zitierte Satz?

Weil Mord derzeit in aller Munde ist. Außerdem Geschmack und Not.

Vermeintlicher Mord nämlich an uns Autoren und unserem Einkommen, vermeintlicher Mord auch an der Kultur und dem literarischen und künstlerischem Niveau ganz allgemein.

Drama mit dem Drama: Es gibt zu tun in Hülle und Fülle

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N: (rülpst) Ich habe mich wieder überfressen.

Z: Wenn du unglücklich bist, solltest du lieber hungern. Sonst sieht es nur erbärmlich aus, aber zum Erbarmen reicht das nicht. (ein bisschen mitleidig, ein bisschen verächtlich)

N: Wenn mein Liebster
Wüsste, wie ich bin,
wenn ich nicht seins bin,
und in seinen Armen nicht meins.

A: Ein bisschen kümmerlich, aber immerhin empfindsam. Poesie ist aber nicht, wenn man mit Rotwein im Blut Jammereien von sich gibt.

Z: Sie glaubt es aber wirklich. Und ich dachte, so etwas ist heute Sache der Katholiken.

N: (sinnend) Ob ich wohl bald Stimmen höre? Dass endlich überhaupt etwas passiert.

A: Will sie uns beleidigen?

Z: Na, so wie du aussiehst, wird sich ja wohl kaum jemand anderes mit dir abgeben.

(N richtet sich trübselig auf, geht zum Bett und lässt sich fallen, A piekst ihr beim Gehen in den Bauch und in den Po, Z schnippst mit dem Finger über ihr Kinn)

Z: (lacht) Nicht so eilig! So wie du wackelst, könntest du jeden Moment einstürzen!

A: Sie ist nicht, sie wabert. Ihre Schenkel sind haarig, fleckig, picklig, dellig. Unnütze Haut, alles an ihr. Sie sollte Sport machen, sie sollte einfach weniger werden. Man kann ja kaum ihr Geschlecht erkennen, wenn sie sitzt.

N: Ich glaube, draußen ist Revolution. (geht zum Fenster) Doch nicht.

© 2012 by Julian Staff. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Ein sehr missglückter Dramenbeginn
Theatertexte haben ihre eigenen Gesetze: Es gibt zu tun in Hülle und Fülle!

Die Kritik im Einzelnen


Es handelt sich um den Beginn eines Dramas. Nun ist es bei modernen Dramen zwar nicht unüblich, dass auf die Angabe von Ort, Zeit sowie Personen verzichtet wird. Allerdings wäre es in diesem Fall wohl sinnvoll, das zu ergänzen, damit einem Leser die äußeren Umstände klar werden: Was ist das für ein Raum? Schlafzimmer, Küche oder Garage? Sitzen die Personen auf Stühlen oder auf dem Boden usw. Es geht dabei nicht um Details, sondern nur um eine grobe Orientierung!
Textproduzentinnen beiderlei Geschlechts sollten selbstverständlich ganz genaue Vorstellungen haben von diesen Umständen, damit Drama funktionieren kann!
(Allerdings kenne ich den Romannicht, von dem wohl der Titel  stammt – vielleicht wäre dann ja alles klarer? Doch sollte niemand, der schreibt, davon ausgehen, dass alle das Gleiche gelesen haben wie man selbst.) zurück

Hier tummelt sich ein Hauptproblem: Welche Regieanweisungen sind hilfreich, welche überflüssig? Und wie verhalten sie sich zum Text? Da N zu Beginn rülpst, könnte man den nachfolgenden Satz einfach streichen, denn der Zuschauer sieht ja die dicke Frau und hört das Rülpsen: Wozu also diese Rechtfertigung? Andererseits könnte auch auf die Anweisung rülpst verzichtet werden: Dann könnte die Schauspielerin sich entscheiden, ob sie von einem überladenen Teller essend sitzt oder z. B. aufstößt oder eine entsprechende Bewegung mit der Faust aufs Brustbein macht oder oder oder … zurück

Sinnvollerweise sollte diese Regieanweisung am Anfang stehen – wenn sie denn notwendig ist ich glaube das nicht, denn der Sprachstil wird aus dem schönen Wortspiel erbärmlich-Erbarmen schon allein deutlich. Zudem wird hier wiederholt, dass es ums Essen geht: Damit gäbe es noch ein Argument, warum der vorangegangene Satz bzw. die Regieanweisung überflüssig wären! zurück

A hat Recht: Das Gedicht ist inhaltlich schlecht: seins und meins gibt keine Auskunft darüber, wie jemand ist, sondern was! Dann müsste es sein und mein heißen.
Völlig überflüssiger Weise handelt es sich jedoch auch sichtbar um ein schlechtes Gedicht: Dabei bekommt es ein Zuschauer gar nicht zu sehen! Es wäre problemlos möglich, JEDEN Vers mit Großbuchstaben beginnen zu lassen (oder NUR den ersten), Seins und Meins groß zu schreiben und am Ende des dritten Verses das Komma zu streichen! zurück

Sprachlich behagt mir »Jammereien von sich gibt« so gar nicht, da es im Nominalstil vor sich hin stelzt: Warum nicht das klare »vor sich hin jammert«? Wir haben so wunderbare Verben! Aber inhaltlich hat A meine volle … (Erwischt! Das kommt davon, wenn man dieses Politikergesabbel in den Nachrichten anhören muss … nochmals von vorne:)  Aber inhaltlich unterstütze ich A aus leidiger Erfahrung: Allein diese Flut von Weltschmerz auskotzenden Jammergedichten, die eine öffentliche Besprechung wünschen und mir den Rechner zumüllen … Da nützt es gar nichts, ab und zu eines in die Pfanne zu hauen: Denn wer solche Gedichte schreibt, der liest nicht. zurück

Ich verstehe nur Flugzhafen (mal was anderes als der doofe Bahnhof): Was glaubt N wirklich? Dass sie nicht weiß, wie sie ist? Und das sei heute Sache der Katholiken, nicht zu wissen wie sie sind, damals jedoch wussten sie es noch? Rätsel über Rätsel … Nicht einmal Verbesserungen kann ich vorschlagen (klingt doch echt besser als »[…] Verbesserungsvorschläge kann ich machen«), da ich schlicht nichts dieser Äußerung begreife! zurück

Die Regieanweisung sinnend ist überflüssig, denn das Sinnen zeigt bereits die indirekte Frage! Aus dass würde ich damit machen, um die Absicht zu verdeutlichen, und am Ende ein Fragezeichen setzen, damit die Äußerung die indirekte Frage weiter führt. zurück

Da mir die Situation nicht klar ist, weiß ich nicht genau, an welches Du sich Z wendet: An A, da A ja direkt zuvor mit Z über N gesprochen hat? Oder an N? Beides ist möglich. In Dramentexten fände man hinter Z um der Klarheit willen eine Regieanweisung (zu A) bzw. (zu N). zurück

Allerhöchst verwirrend, diese Regieanweisung: N geht zum Bett (Aha: Schlafzimmer? Obdachlosenasyl? Bettenladen? Darum wäre eine Ortsbenennung zu Beginn so wichtig!) und lässt sich fallen: Ins Bett? Vors? Nebens? Aufs? Sitzt sie? Liegt sie? Bäuchlings? Rücklings? Seitlich? Und wieso richtet sie sich auf, wo befand sie sich denn zuvor? Lag sie auf dem Boden? Dass sie sich trübselig aufrichtet, sagt mir gar nichts: trübselig ist keine Aufrichtungsart. Und wohin geht A? Und wieso ist wichtig, ob er beim Gehen oder Stehen oder Sitzen piekst? Und wie kann er ihren Bauch und Po gleichzeitig pieksen, wenn N doch so umfangreich ist? Hüpft er vielleicht er neben ihr her? Oder geht N an A vorbei auf dem Weg zum Bett (Warum geht sie überhaupt an A vorbei? Oder verstellt A ihr den Weg?)? Und wie kann man jemandem mit dem Finger über das Kinn schnipsen (mit einem p)? Man kann daran zupfen, darüber streichen, es stupsen und oder vor/unter/neben dem Kinn mit den Fingern schnipsen – aber wie um Himmelswillen schnipst man mit 1 Finger? Das erinnert mich an diese berühmte Aufgabe für einen Schüler des Zen-Buddhismus: »Lausche auf das Klatschen einer Hand«. So erfüllen Regieanweisungen niemals ihren Zweck! zurück

Jetzt wird es völlig kurios: N befindet sich doch laut Regieanweisung bereits im/nebem/unterm/vorm Bett: Wie kann sie da einstürzen??? Oder sagt Z das, während N zum Bett geht? Dann – ja dann müsste die Regieanweisung aufgeteilt werden, damit sich eine vernünftige Reihenfolge ergibt … ich versuchs mal (reibt sich die Augen, richtet sich auf, seufzt ausgiebig, lockert die Finger, grübelt, schüttelt den Kopf, kopiert wirre Regieanweisung nebst Zetts Satz in das Dokument und legt los):

N: (steht auf, will an A und Z vorbei zum Bett)
A: (piekst ihr in Bauch und Po)
Z: (schnipst gegen ihr Kinn, lacht) Nicht so eilig! So wie du schwabbelst, könntest du jeden Moment einstürzen!
N: (lässt sich aufs Bett fallen)

Bei der Gelegenheit habe ich das unpassende wackelst (N ist kein starres Gebilde) sowie das Einfingerschnipsen gleich mit bereinigt – wenn schon, denn schon! zurück

Oha: N ist nicht! Das duftet schwer nach tiefenphilosophischem Auswurf, denn damit wird Ns umfangreiche Existenz verneint. Trotz derer Nichtexistenz folgt aber eine detaillierte Beschreibung der Schenkel  die also sind, existieren außerhalb von N?
Selbst wenn N wäre, fragt sich, aus welchem Grund und mit welcher Absicht ihre Schenkel eigentlich so beschrieben werden: Ist da sonst nichts zu sehen? Was hat der Zuschauer davon? Sieht er diese Person denn nicht (Vergaß: Die Person existiert ja gar nicht …)? Wieso ist die Haut unnütz? Der Zuschauer sieht diese Person – ihm muss man keine Abscheu einreden – die entwickelt sich ganz von selbst, sofern der Maskenbildner was taugt!
Von diesem Geschwätz würde ich nur Folgendes übrig lassen: »Sie sollte einfach weniger werden. Man kann ja kaum ihr Geschlecht erkennen, wenn sie sitztzurück

Videos und Rückschau: Digitales Selbstverlegen auf der re:publica 2012

Wolfgang Tischer im Interviewdctp.tv hat für SPIEGEL online mit literaturcafe.de-Herausgeber Wolfgang Tischer über das Thema »Selfpublishing« gesprochen. Wolfgang Tischer war einer der Teilnehmer der Diskussionsrunde »Was Autoren vom Self-Publishing erwarten können (und was nicht)« auf der re:publica 2012. Der Mitschnitt der Veranstaltung ist ebenfalls online.

Lob für diese Diskussionsrunde und für unseren Ratgeber »Eigene E-Books erstellen und verkaufen« kam zudem von völlig unerwarteter Seite.

Unsere kleine Rückschau dokumentiert die Blog- und Medienberichte zum Thema.

E-Book-Autor Xander Morus: »Reichtumsträume sind erst mal verschoben«

Xander Morus: Ausschnitt aus dem Cover »Horror Stories«Obwohl zunächst geplant, hat Xander Morus seine Kurzgeschichten nicht an Verlage und Agenten geschickt, sonder gleich via Amazon als Kindle-E-Books veröffentlicht.

Das hatte Erfolg und brachte dem Autor durchaus ein paar Euros im Monat ein. Doch der Markt scheint sich zu ändern und die Umsätze stagnieren.

In seinem Gastbeitrag für das literaturcafe.de beschreibt Xander Morus mögliche Ursachen und nennt die drei Dinge, die ein E-Book erfolgreich machen.

Buch mit Albtraumprotagonistin: Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe

Umschlag: Der Hals der GiraffeEin Buch über eine Lehrerin? Über die Schule fachsimpelt doch sehr ausgiebig Hinz und Kunz, denn jeder in unserem Kulturkreis ist schließlich einmal zur Schule gegangen, und jeder kennt sich folgerichtig aber so was von total aus und weiß Bescheid.

Dieses Buch soll ich besprechen im Rahmen einer öffentlichen literarischen Gesprächsrunde – nun gut. Dann werde ich es mir mal vorknöpfen.

E-Book-Ratgeber: »Interessantes und lehrreiches Experiment für Selfpublisher und Verlage«

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Chart as ArtIm Mai 2011 publizierte literaturcafe.de-Herausgeber Wolfgang Tischer sein E-Book Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen bei Amazon im Selbstverlag. In einem Praxisbericht schreiben wir seitdem über Aktivitäten im Umfeld und dokumentieren die Verkaufszahlen des Titels.

»Ein interessantes und lehrreiches Experiment für Selfpublisher und Verlage gleichermaßen«, meint Verlagsprofi Sebastian Posth. Wir veröffentlichen seinen Artikel aus dem Blog Publishing Hurts mit freundlicher Erlaubnis auch an dieser Stelle.

Tipps zur Covergestaltung: Die neue Ausgabe unseres E-Book-Ratgebers für Autoren ist da!

Teil des Covers der 5. Ausgabe: Eigene E-Books erstellen und verkaufenAb sofort ist unser Ratgeber »Amazon Kindle: Eigene E-Books erstellen und verkaufen« in der neuen und fünften Ausgabe erhältlich.

Ein umfangreicher Extrateil widmet sich erstmals dem Thema Covergestaltung speziell für E-Books. Denn obwohl die digitalen Bücher nicht mehr in den Buchhandlungen ausliegen, ist das Umschlagbild eines der wichtigsten Verkaufsinstrumente.

Der Inhalt der 5. Ausgabe wurde komplett durchgesehen, aktualisiert, erweitert und berücksichtigt auch den Kindle Touch.

Trotz der umfangreichen neuen Inhalte bleibt der Preis unverändert bei günstigen 2,99 Euro. Käufer der früheren Ausgaben erhalten die aktuelle Version kostenlos.

Beschwerliches Blättern: Amazons Kindle Touch im Test

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Getestet: Der Kindle Touch von AmazonNachtrag vorweg: Seit dem 11. Oktober 2012 schien der hier getestete Kindle Touch Geschichte zu sein. Amazon hatte ihn aus dem Programm gestrichen. Stattdessen kann ab sofort der von uns ebenfalls getestete wesentlich bessere Kindle Paperwhite bestellt werden. Doch seit dem 23. Oktober ist der Touch in der WLAN-Version wieder zu haben – und das sogar günstiger.

Mit dem Kindle Touch ist in Deutschland jetzt ein drittes Kindle-Modell auf dem Markt. Wie bei Amazon üblich, wurde es zunächst in den USA angeboten, bevor es ein halbes Jahr später auch in Europa erhältlich ist.

Interessanterweise bringt der Touch vieles zurück, was der Kindle Keyboard vor einem Jahr schon längst hatte: (virtuelle) Tastatur, MP3-Player, Kopfhöreranschluss, Vorlesefunktion und die Datenübertragung per Mobilfunk.

Die wesentliche Neuerung ist die Bedienung per Fingertipp. Doch just die wird zum Nachteil bei der wichtigsten Lesetätigkeit: dem Umblättern.

Bücher sind kein Freibier: Wer Romane verschenkt, macht sich verdächtig!

Coverausschnitt: Peter Stamm: Agnes - Sonderausgabe zum Welttag des Buches 2012Von wegen »Kostenloskultur«! Wer in der Fußgängerzone einer deutschen Kleinstadt einen guten Roman verschenken will, hat es verdammt schwer.

Ich will wildfremden Menschen ein Buch schenken, nämlich den Roman »Agnes« von Peter Stamm. Ich bin einer von 33.333 Lesefreunden am Welttag des Buches. Ich darf 30 Exemplare einfach so verteilen.

Begleitet von einer Reporterin des SWR ziehe ich los und muss die Erfahrung machen, dass Menschen, die etwas verschenken wollen, verdächtig sind. Eine zweite gewonnene Erkenntnis ist sogar noch erschreckender.

Heiliger Pillendreher: So haben Sie den Mistkäfer noch nie gehört

Jean-Henri Fabre: Der heilige PillendreherEin Hörbuch über einen Mistkäfer? Eine CD, auf der 53 Minuten lang beschrieben wird, wie das Insekt eine Kugel aus einem Kuhfladen formt und diese in ein Versteck rollt?

Ja! Und es ist ein wunderbares Hörerlebnis voller Poesie.

Der Hörbuchverlag Buchfunk hat einen Ausschnitt von Jean-Henri Fabres »Erinnerungen eines Insektenforschers« in ein »elektroakustisches Hörbuch« verwandelt. So kunstvoll wurde noch nie ein Mistkäfer beschrieben.

Textkritik: Innenhof der Bibliothek mit wenigen überflüssigen Wörtern

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graue Pflastersteine im Geviert
in der Nessel die Hummel
die Vergissmeinnicht
leuchten blau

dicke Buchsbaumkugeln
am Pflasterweg
das Steintier, gekrönt,
frisst die Mondsichel

im Viereck der Häuser
schläft der Sonnenschirm
aus uralten Fenstern
schauen die Bücher

© 2012 by Gabriele Knoten. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Feines Simmungsbild

mit wenigen überflüssigen Wörtern

Die Kritik im Einzelnen

Dass Vergissmeinnicht in Blautönen leuchten, ist trivial, da redundant wie kalter Schnee oder grünes Gras. Ich würde sie einfach nur leuchten lassen und zudem den bestimmten Artikel entfernen: Bei der Nessel leuchtet dieser ein, da es sich offenbar um eine Nessel handelt, in der eine Hummel zugange ist – dadurch werden beide zu etwas Besonderem. Problem: Dann würde eine Zeile wegfallen, es sei denn, man verteilt Vergissmeinnicht leuchten auf zwei Zeilen. zurück

Auch hier ist das dick bei den Buchsbaumkugeln eines dieser völlig nichtssagenden Adjektive: Wer bei Buchsbaumkugel nicht automatisch an dick denkt, weiß entweder nicht, was ein Buchsbaum ist, oder – ganz doll schlimm – was eine Kugel ist … zurück

Vollmundiger und ausgewogener Körper: Sprachhumor in der Werbung

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Weinwerbung?Humor ist in der Werbung viel zu finden, vor allem in Filmen – aber selten in Texten. Deshalb haben wir uns gefreut, als wir einem Speiserestaurant folgendes fanden:

»Ein vollmundiger und ausgewogener Körper sowie ein harmonischer, lang anhaltender Abgang bringen Vorfreude auf den nächsten Schluck.«

Was daran besonders sein soll, wo doch Weinwerbung für solcherlei Gesummse heftigst berüchtigt ist?