Kein Fastfood: »Fütter mich« von Cornelia Travnicek

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»Fütter mich« steht auf dem kakelbunten Cover, auf dem sich Hariboteilchen drängeln: Cornelia Travnicek serviert uns Lesern schlichte, aber alles andere als leichtverdauliche Kost: 11 Erzählungen über Menschen, die nach sehr Unterschiedlichem hungern.

Mit »schlicht« ist hier beileibe nicht der Inhalt gemeint, sondern die klare, einfache, ja schmucklose Sprache: kein Wort zu viel – nichts wird uns Lesern vorgekaut, sondern wir müssen selbst herausfinden, was mit den Protagonisten los ist; kein Etikett à la mager- oder fresssüchtig klebt darauf!

Der Erzähler lässt die Protagonisten ihren jeweiligen Hunger implizit entwickeln, da heißt es aufmerksam lesen, mitdenken, sich einfühlen.

Und wir werden feststellen, dass es Kleinigkeiten sind, die diesen Hunger auslösen, winzige Ereignisse, z. B. ein Wort im falschen Augenblick, und ein Protagonist verliert den Boden unter den Füßen. Und wir mit ihm. Oder das Schreckliche verliert seinen Schrecken.

Unfassbar Verrücktes, Unheimliches, Erschreckendes

Es empfiehlt sich nicht, alle Erzählungen auf einmal lesen zu wollen – technisch sicher kein Problem bei 112 Seiten Text. Wir müssen sie einzeln verdauen; sie wirken nach, beunruhigen, verstören, werfen Fragen auf.

Unfassbar Verrücktes gibt es da, Unheimliches, Erschreckendes. Man liest noch mal nach, blättert zurück, stellt dann vielleicht fest, dass man etwas vorher gar nicht verstanden hat – aber jetzt, am Ende der Erzählung wird es klar(er).

»Jan, du weißt nicht zufälligerweise, wer das schöne Papier von meinen Pralinen genommen hat?« Dabei sah sie ihn von der Seite an. Der kleine Junge zuckte nur mit den Schultern. »Keine Ahnung.« »Bist du dir da ganz sicher?«, fragte sie noch einmal nach. »Vielleicht war es die Elster«, meinte Jan dann und schob die Unterlippe trotzig nach vorne. »Die Elster? Die Elster aus dem alten Apfelbaum?« Mia bemühte sich, ihre Stimme weiter ernst klingen zu lassen. »Ja«, sagte Jan und nickte heftig, so als wäre er fest davon überzeugt, »ganz sicher war sie das.« (Im Baum die Elster, S. 24)

Nein: »Fütter mich« ist kein Fastfood! Cornelia Travnicek kann schreiben und weiß, wovon sie schreibt – sonst würden die Protagonisten nicht so lebendig in unseren Köpfen entstehen: Meisterhafte Erzählungen!

Mir ging es beim Lesen manchmal so wie Mia: [Mia] war nicht traurig, sie war nur wütend. Auf Dinge, für die niemand etwas konnte. Und auf Personen, die schon gar nichts dafür konnten.

Malte Bremer

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