Obwohl der Wettbewerb in diesem Jahr nur im Fernsehen und online stattfindet, schmückt das Klagenfurter Rathaus das Banner zu den 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur (Foto: Tischer)
Heute Abend (17.06.2020) werden in Klagenfurt die 44. Tage der Deutschsprachigen Literatur eröffnet, besser bekannt als »Bachmannpreis«. Diesmal werden weder die 14 Autor:innen noch die 7 Juror:innen vor Ort sein. Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de ist jedoch in Klagenfurt und berichtet bis Sonntag per Podcast, Twitter und Instagram. Hier finden Sie alle Links und Termine – auch die der TV-Ausstrahlung auf 3sat.
Der Schweizer Literaturclub vom Mai 2020: Moderatorin Nicola Steiner, Gast Sarah Spale und Kritiker Martin Ebel. Ganz links per Bildschirm zugeschaltet: Raoul Schrott. (Foto: SRF/Screenshot YouTube)
Für die aktuelle Ausgabe hat auch der Literaturclub des Schweizer Fernsehens »Walden« von Henry David Thoreau gelesen und über Buch und Autor diskutiert. Das Urteil der vier Kritiker ist zwiespältig. Ist Thoreau ein Scheinriese?
Zwei Jahre lebte Henry David Thoreau in einer selbst gebauten Hütte im Wald. Er wollte herausfinden, was man wirklich zum Leben braucht, und schrieb über diese Zeit das Buch »Walden«. Oft wird aus dem Klassiker zitiert, doch die wenigsten dürften ihn ganz gelesen haben. Vieles erscheint merkwürdig und widersprüchlich bei Henry David Thoreau. Wer war er wirklich?
Das Literarische Quartett vom 05.06.2020. Von links nach rechts: Thea Dorn, Sven Regener, Jan Fleischhauer und Juli Zeh (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Manches muss sich einpegeln, so wie Sanduhr und keine Zuschauer. Beides war beim Literarischen Quartett vom 5. Juni 2020 wieder da beziehungsweise immer noch weg. Da waren hingegen – neben Gastgeberin Thea Dorn – drei sehr unterschiedliche Mitdiskutanten. Konnte das gut gehen? Es konnte!
Von der angekündigten Hilfe für Künstlerinnen und Künstler fällt für Autorinnen und Autoren kaum etwas ab (Screenshot der Website des Baden-Württembergischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst)
Rasch versprachen Bundesregierung und die Länderregierungen die berühmte »schnelle und unbürokratische Hilfe« durch Corona-bedingte Verdienstausfälle. Doch während Angestellte bei vollem Lohn staatlich gefördert daheim bleiben können, erhalten Schriftsteller und andere Solo-Selbstständige oft kein Geld. Im Gegenteil: Ihnen droht die Rückzahlung bereits überwiesener Beträge – oder sogar Strafen.
Die Bombe schlug ein, während sie schliefen. Abrupt fiel das Haus in sich zusammen, Steine flogen durch das Schlafzimmer, seine Frau blutete am Kopf, die Töchter schrien nach ihrer Mutter. Durch die Trümmer trug er die Frau hinaus in den Garten, dabei stolperte er immer wieder über das Geröll. Er wusste nicht, ob sie bewusstlos oder tot war, und legte sie auf die Erde. Dann ging er zurück zu seinen Töchtern, die jüngere war unter einem Holzbalken eingeklemmt, sie war mittlerweile still und schneeweiß im Gesicht, während die andere noch immer nach ihrer Mutter schrie. Er befreite die Kleine und trug sie ebenfalls nach draußen, die ältere Tochter folgte ihm. Draußen stellte er fest, dass seine Frau nicht mehr atmete, den Kindern sagte er nichts. Er strich beiden übers Haar und ging zurück ins Haus, um Geld und Ausweispapiere zu suchen. Mühsam schaffte er sich mit blutenden Händen einen Weg durch das Geröll, während die Kinder im Staub bei ihrer Mutter weinten. Er wollte seine Frau begraben, aber die Erde war gefroren, so dass er sie nur mit einem Tuch bedeckte.
Sein Haus war ausgebombt, die ganze Straße war ausgebombt, das Stadtviertel ein Trümmerfeld. Apokalyptische Bilder. Tote Menschen und einzelne Körperteile, Hände, Beine, Arme lagen zwischen den Trümmern, aus denen schwarze Rauchsäulen aufstiegen.
Eine ehemalige Schule war als Notunterkunft eingerichtet worden, ein Saal überfüllt mit Menschen, erschöpft, verzweifelt und schockstarr, manche weinten leise vor sich hin. Hier kauerte er neben seinen Töchtern, es gab weder Wasser noch Nahrung noch Worte. Immer wieder ging er nach draußen, um Wasser und etwas zu essen zu suchen, kam aber stets unverrichteter Dinge zurück. Die Nächte waren eisig kalt, und er wusste nicht, worum es in diesem Krieg ging. So wie manche Tiere sich gegenseitig wärmen, umschloss er seine zitternden Töchter mit beiden Armen.
Nach einigen Tagen beschloss er, das Flüchtlingslager aufzusuchen, von dem ihm jemand erzählt hatte. Kurz vor Morgengrauen machten sie sich auf den Weg. Sie begegneten drei Soldaten, deren Gewehre lässig an den Schultern hingen. Er hielt den Atem an, doch die Soldaten gingen gleichgültig an ihnen vorüber. In der Nacht suchte er Unterschlupf in einem zerbombten Gebäude und deckte seine Kinder mit zerfetzter Kleidung zu, die er in den Trümmern fand, und am nächsten Tag gab es gegen Geld etwas Wasser und eine Schüssel Reis von einem Mann, der plötzlich vor ihnen stand.
Am zweiten Tag erklärte sich ein Mann bereit, sie auf seinem Pritschenwagen zu einem Camp mitzunehmen, das von einer Hilfsorganisation eingerichtet worden war. Am dritten Tag fuhr der Wagen auf eine Landmine, beide Töchter, sie saßen im Führerhaus, und der Fahrer waren sofort tot, die Körper zerfetzt. Er blieb am Leben, hatte lediglich Blessuren am ganzen Körper. Eine Weile starrte er vor sich hin, dann richtete er den Blick zum Himmel und murmelte: „Es gibt keinen Gott. Alles Lüge.“
Das Problem dieses Textes ist: Es wird zuviel gewollt! Er ist gut gemeint, aber verfehlt sein Ziel. Es soll eindrücklich sein, aber das wird wegen abgedroschener bzw. schräger Bilder sowie Übertreibungen und inhaltlicher Fehler zunichte gemacht! Deswegen erlaube ich mir, diesen Text einzudampfen auf das inhaltlich Wesentliche. Sie finden diese Version unten nach der Einzelkritik.
Wieso abrupt? Das Haus fiel zusammen! Geschähe das abrupt, gäbe es keinen Raum für herumfliegende Steine! zurück
Das liest wie eine schlechter Schüleraufsatz: Wieso wusste er nicht, ob seine Frau bewusstlos war oder tot? Das lässt sich ganz einfach daran feststellen, ob seine Frau atmet oder nicht! Dann ging er zurück zu seinen Töchtern – aber das kann er gar nicht, er war doch noch nicht bei den Töchtern seiner Frau gewesen (Sind das also nicht seine Töchter?) – folglich kann er dahin auch nicht zurück! zurück
Das ist überflüssig! Warum denn blutend? Wer sich in solcher Situation befindet, dem ist das egal. Das muss einem nicht aufgezwungen werden, die Situation spricht für sich! zurück
Der Staub ist so selbstverständlich, dass er nicht genannt werden muss! zurück
Diese Steigerung ist kitschig, denn sie enthält zu viel: Haus ausgebombt, Straße ausgebombt Das geht überhaupt nicht: Eine Straße kann man nur zerbomben. Das Stadtviertel ein Trümmerfeld … Es genügte: das Stadtviertel ein einziges Trümmerfeld! Denn das beinhaltet auch die Körperteile usw. zurück
Auch hier ist alles sattsam bekannt, da viel zu oft und immer gleich beschrieben. Und warum es noch eine intakte Schule gibt mit einem Saal, bleibt rätselhaft: Das ist eine Folge dieser übertriebenen Beschreibungen: Angeblich ist ein ganzes Stadtviertel ein einziges Trümmerfeld – dennoch steht da ein intaktes Schulgebäude … Die Konzentration sollte ausschließlich auf dem Vater und den beiden Kindern liegen! Erschwerend kommt hinzu, dass hier ein schräges Bild entsteht: Wie umarmt der Vater seine beiden Kinder? So wie manche Tiere sich gegenseitig wärmen! Mit Verlaub: Das habe ich noch nie bei Kühen noch Katzen noch Hunden noch Elchen Ratten gesehen – allenfalls bei Affen! zurück
Der da vor ihnen steht, ist der berüchtigte Deus-Ex-Machina: Irgendwie müssen die drei ja überleben, also bekommen sie jetzt Reis (gekochten? Oder nur die Körner und dazu das Wasser? Aber wie sollen sie den kochen? Und was sollen die Soldaten: Aller guten Dinge sind drei? Überflüssig! zurück
Nanu? Es gibt doch den Gott des Krieges! So ist schließlich der Titel. Warum soll es den jetzt plötzlich nicht mehr geben? Hier hilft nur eines: Er darf das nicht sagen, sondern muss ihm drohen, z. B. mit der erhobenen Faust. zurück
Der Gott des Krieges – gekürzte Version
von Ulrike Haas. Überarbeitung: Malte Bremer.
Die Bombe schlug ein, während sie schliefen, und das Haus fiel in sich zusammen. Steine flogen durch das Schlafzimmer, seine Frau blutete am Kopf, die Töchter schrien nach der Mutter. Durch die Trümmer trug er seine Frau in den Garten, wobei er immer wieder stolperte. Er legte sie zu Boden und eilte zu seinen Töchtern: Die jüngere lag eingeklemmt unter einem Holzbalken, sie war mittlerweile still und schneeweiß im Gesicht, während die andere noch immer nach ihrer Mutter schrie. Er befreite die Kleine und trug sie ebenfalls nach draußen, die ältere Tochter folgte ihm. Draußen stellte er fest, dass seine Frau nicht mehr atmete. Er strich beiden übers Haar und ging zurück ins Haus, um Geld und Ausweispapiere zu suchen. Mühsam schaffte er sich einen Weg durch das Geröll, während die Kinder im Staub bei ihrer Mutter weinten. Dann wollte er seine Frau begraben, aber die Erde war gefroren. So bedeckte er sie nur mit einem Tuch.
Das ganze Stadtviertel war ein einziges Trümmerfeld. Zwischen den Trümmern lagen Tote, auch einzelne Körperteile. Eine ehemalige Schule war als Notunterkunft eingerichtet worden, der Saal überfüllt mit Menschen, erschöpft, verzweifelt und schockstarr, manche weinten leise vor sich hin. Es gab weder Wasser noch Nahrung noch Worte. Er kauerte sich neben seine Töchter. Ab und zu ging er nach draußen, um Wasser und Essen zu suchen, kam aber stets unverrichteter Dinge zurück. Er wusste nicht, worum es in diesem Krieg ging. Er umschloss seine zitternden Töchter mit beiden Armen.
Schließlich beschloss er, das Flüchtlingslager aufzusuchen, von dem ihm jemand erzählt hatte. Kurz vor Morgengrauen machten sie sich auf den Weg. Sie begegneten Soldaten, deren Gewehre lässig an den Schultern hingen. Er stockte, doch die Soldaten gingen gleichgültig an ihnen vorüber. In der Nacht suchte er Unterschlupf in einem zerbombten Gebäude und deckte seine Kinder mit zerfetzter Kleidung zu, die er in den Trümmern fand. Am nächsten Tag gab es gegen Geld etwas Wasser und eine Schüssel warmen Reis von einem Mann, der plötzlich vor ihnen auftauchte.
Am nächsten Tag erklärte sich ein Mann bereit, sie auf seinem Pritschenwagen zu einem Camp mitzunehmen, das von einer Hilfsorganisation eingerichtet worden war. Am dritten Tag fuhr der Wagen auf eine Landmine. Beide Töchter – sie saßen im Führerhaus – und der Fahrer waren sofort tot. Er blieb am Leben, hatte lediglich Blessuren am ganzen Körper. Eine Weile starrte er vor sich hin, dann richtete er den Blick zum Himmel und hob drohend die Faust.
In (fast) eigener Sache: #bwbleibtkreativ heißt eine Aktion der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Das Projekt appelliert mit Infos, Videos und Podcast an alle Kreativ- und Kulturschaffenden, den Mut aber vor allem die Ideen nicht zu verlieren, Allianzen zu bilden, Projekte aus der Schublade zu holen und einfach weiter zu machen. Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de ist einer der Protagonisten der Kampagne. In den kommenden Wochen gibt es zudem zahlreiche Webinare zu Digitalthemen.
Walden nicht im Wald, sondern auf der Wiese: Wolfgang Tischer vor der Technik
Nach über 14 Stunden Lesezeit: »Walden« von Henry David Thoreau ist ab sofort als vollständige Lesung auf YouTube anzusehen und anzuhören. Zwei Wochen lang las Wolfgang Tischer den Klassiker der Weltliteratur frühmorgens im Wald. Im zehnten und letzten Teil gibt Tischer einen Einblick in die technische Realisierung der ungewöhnlichen Online-Lesung.
Sharon Dodua Otoo wird die Eröffnungsrede beim »Bachmannpreis spezial« halten. Das Foto zeigt sie beim Wettbewerb von 2016, den sie damals gewann.
Der ORF hat heute (28.05.2020) bekannt gegeben, wie der »Bachmannpreis spezial« im Jahre 2020 genau aussehen wird. Zunächst war der Literaturpreis Corona-bedingt komplett abgesagt worden. Nach Protesten – unter anderem von Jurymitgliedern – wird der Wettbewerb nun über vorbereitete Einspieler und ohne Publikum realisiert. Außerdem wurden die 14 Autorinnen und Autoren bekannt geben, die 2020 lesen werden.
Viele Menschen in und vor den Hallen: Die Frankfurter Buchmesse vor Corona
Es ist die Topmeldung des Tages: Die Frankfurter Buchmesse 2020 soll trotz der Corona bedingten Hygieneauflagen wie geplant vom 14. bis 18. Oktober stattfinden. Selbst das allgemeine Lesepublikum soll am Wochenende Zutritt haben. Die Bühnenveranstaltungen werden jedoch weitestgehend ins Digitale verlegt. Über den Ehrengastauftritt Kanadas wird aktuell noch beraten.
Ich habe »Walden« unterschätzt. Und seinen Autor Henry David Thoreau überschätzt. Sieben Stunden »Hölderin« am Stück. Jeden Tag »Die Pest« von Camus live vor 500 Zuhörer:innen. Welche Herausforderung kommt jetzt? Ein Buch drängte sich auf: »Walden«. Ein Mann lebt zwei Jahre einsam im Wald. Und ich werde sein Buch über diese Zeit in der Einsamkeit des Waldes lesen. In zehn Teilen. Vier liegen noch vor mir.
Im Jahre 1845 zog Henry David Thoreau für zwei Jahre in eine selbstgezimmerte Holzhütte in den Wäldern von Massachusetts. Über seine Erfahrungen schrieb er das Buch »Walden«.
Vom 18. bis zum 29. Mai des Jahres 2020 ging Wolfgang Tischer zwei Wochen lang jeden Morgen in die Einsamkeit des Schwarzwaldes und las in zehn Teilen »Walden« im Wald. Täglich war eine neue Folge auf literaturcafe.de und YouTube zu hören und zu sehen. Nun sind alle zehn Folgen komplett!
Warten in Violett: Michel Obama vor einem ihrer Auftritte (Foto: Netflix)
Seit Mai 2020 ist auf Netflix eine Dokumentation über Amerikas ehemalige »First Lady« Michelle Obama zu sehen. Anlass ist die Lesereise zu ihrer Autobiografie durch 34 US-amerikanische Städte. Die Doku heißt wie das Buch: »Becoming«. Neben dem Titel gleicht sich auch die Botschaft.
Es ist wichtig, Schreibanfängern zu vermitteln, dass Unternehmen, die vom Autor Geld wollen, keine echten Verlage sind. Umso verheerender ist ein Artikel im Kulturteil des Schwarzwälder Boten, der naiv und unreflektiert einem Zuschussverlag eine Bühne gibt – ohne journalistische Einordnung und Distanz.
Universumsblau, perlmuttweiß, puddinggelb – die Kapitelüberschriften im Roman »Leinsee« tragen Farbnamen. Die Autorin Anne Reinecke erzählt die Geschichte von Karl – die Geschichte einer besonderen Freundschaft und Liebe. Ein sprachlich außergewöhnlicher Debütroman, nicht nur für Menschen mit Farbfetisch.
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