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Startseite Literarisches Leben Das Literarische Quartett im Juni 2020: Eine beseelte Sache?

Das Literarische Quartett im Juni 2020: Eine beseelte Sache?

Das Literarische Quartett vom 05.06.2020. Von links nach rechts: Thea Dorn, Sven Regener, Jan Fleischhauer und Juli Zeh (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Das Literarische Quartett vom 05.06.2020. Von links nach rechts: Thea Dorn, Sven Regener, Jan Fleischhauer und Juli Zeh (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Manches muss sich einpegeln, so wie Sanduhr und keine Zuschauer. Beides war beim Literarischen Quartett vom 5. Juni 2020 wieder da beziehungsweise immer noch weg. Da waren hingegen – neben Gastgeberin Thea Dorn – drei sehr unterschiedliche Mitdiskutanten. Konnte das gut gehen? Es konnte!

Immer gleich drei Mitglieder des Quartetts auszutauschen, könnte jedem Quartett eine ganz eigene Diskussionsfärbung geben. Trotz unterschiedlichster Gäste in den letzten drei Sendungen des »nochmals neuen Quartetts«, ist das nicht passiert. Das mag an der guten und stringenten Moderationsführung durch Thea Dorn liegen. Sie hat die Diskutanten im Griff, sagt deutlich ihre Meinung, lässt aber stets genügend Raum für die anderen drei.

Diesmal saßen »Herr-Lehmann-Autor« und Musiker Sven Regener, der konservative Kolumnist Jan Fleischhauer und die »Unterleuten-Autorin« und Juristin Juli Zeh in der Runde. Das schien eine hohe Bandbreite an Egos zu repräsentieren. Corona-bedingt fehlte auch diesmal im Foyer des Berliner Ensembles das Publikum.

Zunächst richtete sich Thea Dorns Blick nach oben zum Kamerakran und symbolisch zum Gründervater des Literarischen Quartetts: Marcel Reich-Ranicki, der am 2. Juli 2020 100 Jahre alt geworden wäre. Als persönliche Ansprache nah am Kitsch konzipiert, doch die Kamera senkte sich dann doch wieder in Bodennähe und Dorns Gedenkansprache fand den richtigen Ton, um Reich-Ranicki und seine Verdienste um die Literatur zu würdigen. Schön die Idee, Reich-Ranickis damaliges Urteil aus dem Jahre 2001 über Regeners »Herr Lehmann« einzuspielen. Regener konnte sich seinerzeit über ein positives Urteil freuen, bekannte Reich-Ranicki doch, bei diesem Buch nie unter seinem Niveau gelacht zu haben.

Nach der einführenden Ranicki-Reminiszenz ging’s dann um die vier Bücher, bei denen keines wirklich bekannt oder größer in der literarischen Diskussion aufgefallen ist.

Und die Sanduhr war wieder da, die nach der Einführung in der letzten Folge verschwunden war. Mit dem analogen 90-Sekunden-Zeitmesser soll eine allzu ausufernde Buchvorstellung vermieden werden. Gleichzeitig erwähnte Thea Dorn diesmal nicht nur die Autor*innen und Titel der vier Bücher, sondern gab ihnen zwei bis drei Sätze zum Inhalt mit. Ein sinnvoller Anreißer zur ersten Einordnung.

Über die Qualität von Susanne Kerckhoffs »Berliner Briefe« aus dem Jahre 1948 und jetzt im Berliner Verlag »Das Kulturelle Gedächtnis« wiederaufgelegt, waren sich alle vier einig, die drei anderen Titel wurden ambivalent diskutiert. Erfreulicherweise aber nie, indem man in überflüssige Nacherzählungen abdriftete. Die Sendung war ein erfreuliches Beispiel dafür, wie man über Bücher reden und sehr beiläufig und selbstverständlich Handlungselemente einfließen lassen kann. Nie baute sich ein großer künstlich-theatralischer Konflikt auf, die Diskutanten redeten eng am Buch und ließen gegenteilige Meinungen gelten. Gelegentlich fiel Regener ins Wort oder beanspruchte es für sich, aber das hielt sich in Grenzen.

Fein, dass bei Rob van Essens Buch »Der gute Sohn« immer über den Erzähler geurteilt wurde und der Autor fast nicht auftauchte.

Schade jedoch, dass die Übersetzerinnen und Übersetzer – wie so oft – nicht genannt wurden, sondern nur in den Titeleinblendungen auftauchten.

Schade auch, dass kein einziges Buch einer zeitgenössischen deutschsprachigen Autorin oder eines Autors dabei war. Es entstand der Eindruck, im deutschsprachigen Raum wird derzeit nichts geschrieben, worüber es zu reden lohnt.

Trotz der vermeintlich illustren Runde mit großen Egos war es eine gute Diskussion, die Lust darauf machte, sich die Bücher näher anzuschauen.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 05.06.2020 besprochenen Bücher:

1 Kommentar

  1. Besonders geärgert haben mich die Plattitüden bzw. Falschaussagen von Herrn Fleischhauer zum Thema Antifaschismus und DDR Er behauptete, in der DDR gab es diesen nicht. Kurz nach Kriegsende wurden ca. 60 Prozent der Lehrer wegen der Nazivergangenheit entlassen und stattdessen Neulehrer eingestellt. Die Lerninhalte wurden verändert und es wurden viel Positives wie das Bemühen um den Erhalt des Friedens und am Anfang sogar um ein einheitliches Deutschland vermittelt. Schon kurz nach Kriegsende gab es den bedeutenden Defa-Spielfilm.Die Mörder sind unter uns – ein Film, der einen Nazitäter, der versucht, unerkannt normal weiterzuleben anklagt. Im Westen fand man so etwas vergeblich. Auch die Justiz wurde völlig verändert – all dies gab es nicht im Westen. Kriegsverbrecher wurden gesucht und bestraft, viele flohen in den Westen, wo sie meist unbehelligt blieben. Sicherlich gab es Einzelfälle – Täter, die nicht ausreichend bestraft worden sind – aber es waren in der DDR Einzelfälle. Antikriegsfilme, antifaschistische Bücher und Filme waren stark verbreitet, u.a. “Nackt unter Wölfen”. spielte im KZ Buchenwald wo ein jügdisches Kind von Kommunisten gerettet wurde usw. Menschen, die unter den Nazis verfolgt wurden und im Gefängnis saßen, kamen in Regierungspositionen u.a. Honecker, im Westen kamen Täter in Regierungspositionen…. die Beispiele ließen sich fortsetzen. Kurzum, einmal mehr gab es die dümmliche Propaganda, die DDR sei auch nicht besser gewesen als die BRD in Bezug auf die Aufarbeitung der NS-Zeit. In der BRD gab es das lange nicht und dann, um 1968 abrupt und mitunter wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet- Dieses Thema beschäftigt mich u.a. weil mein Vater im Gegensatz zu seinen Geschwistern extra im Osten blieb und nicht in den Westen ging weil er es nicht ertragen konnte, dass im Westen viele Nazitäter in Amt und Würden blieben. All diese Tatsachen will man bis heute nicht wahrhaben, da viele Westler es bis heute nicht ertragen können, an der DDR auch etwas Positives zu sehen, dieser Staat m u s s einfach schlechter sein als der eigene. Wenn man die Tatsachen nicht kennt, sollte man schweigen. Ansonsten liebe ich diese Sendung, weil ich Bücher lieben. Von den vorgestellten Büchern würde ich nur das über Mussolini lesen. Das von Thea Dorn vorgestellte macht mich misstrauisch. Besonders moralisch finde ich eine Frau, die ihre drei Kinder im Stich lässt leider nicht und misstraue auch ihrer LIteratur deshalb.

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