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Das Literarische Quartett vom September 2023: Angenehm unterhalten

Die Quartett-Besetzung vom 15. September 2023 (von links): Adam Soboczynski, Thea Dorn, Cara Platte und Juli Zeh (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)
Die Quartett-Besetzung vom 15. September 2023 (von links): Adam Soboczynski, Thea Dorn, Cara Platte und Juli Zeh (Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

»Es wäre eine Bereicherung«, war vor Monaten im literaturcafe.de zu lesen, wenn das ZDF jemanden aus den U21-Sendungen zwischen die Immergleichen des Literarischen Quartetts setzen würde. Endlich hat man es gewagt. Die 17-jährige Abiturientin Cara Platte war eine Bereicherung für die Runde. Selten wurde im Quartett so angenehm über Bücher diskutiert.

Zwei Spezialausgaben des Literarischen Quartetts mit Menschen unter 21 Jahren hat das ZDF bislang gesendet. Schon nach der ersten Ausgabe im April 2022 musste man sich fragen: Warum lädt das ZDF fürs »normale« Quartett die immergleichen Kritiker und Autoren ein, wo es die Jüngeren bisweilen sogar besser machen?

Auch die zweite U21-Ausgabe von der Leipziger Buchmesse 2023 war beeindruckend. Natürlich sind diese Jugendlichen unter vielen ausgewählt und gecastet, denn »normal« für ihr Alter ist deren Diskussionsniveau und Ausdrucksweise sicherlich nicht. Es mag auch ein klein wenig beängstigend wirken, wenn man Cara Plattes eloquente und vielleicht einen Tick zu beflissentlich und ernst vorgetragene Buchanalysen hört. »Streber!«, hätten wohl einige in der Schule gerufen, und immer schwingt bei dieser Bezeichnung Neid mit.

Cara Platte aus Leipzig saß nun in der regulären Ausgabe des Quartetts zwischen Thea Dorn, dem ZEIT-Literaturchef Adam Soboczynski und Autorin Juli Zeh.

Es war seit langem die angenehmste literarische Diskussion des Quartetts, und man könnte den Grund bei Cara Platte suchen. Es mag aber auch daran liegen, dass diesmal kein eitler Selbstdarsteller in der Runde saß. In angenehmer und unaufgeregter Weise wurden Argumente ausgetauscht und bisweilen sogar angenommen. Man hatte den Eindruck, dass hier nicht um der Show willen die Argumente aufeinanderprallen, sondern dass alle die Diskussion mit neuen Erkenntnissen verlassen wollten. Man war an den Meinungen der anderen interessiert und wollte nicht nur die eigene in den Raum stellen.

Könnte man das Ende von Nele Pollatscheks Roman »Keine Probleme« nicht auch anders deuten? Wie hat die Juristin Juli Zeh die Gerichtsbeobachtungen von Emmanuel Carrère zum Bataclan-Terroranschlag gelesen? Thea Dorn erwähnte sogar die Übersetzerin Claudia Hamm.

Wer darf und kann noch über wen schreiben? Auch diese Fragestellung zog sich unaufgeregt durch die Sendung. Überhaupt waren die Autoren im Gespräch sehr präsent, indem oft das Augenmerk darauf lag, ob und wie gelungen die Romanfiguren gezeichnet sind und welches Ziel die Autoren vor Augen hatten.

Als Zuschauerin und Zuschauer stand man nicht außerhalb, dachte man nie: »Worüber reden die?« Man wurde im besten Fall zur Lektüre animiert (Pollatschek, Carrère) oder wusste, dass man aus den unterschiedlichsten Gründen nicht alles lesen muss (Kopetzky, Hettche).

Für die Frankfurter Buchmesse ist auf der Bühne wieder ein Literarisches Quartett mit »normalen« Menschen geplant, das wahrscheinlich nicht im Fernsehen oder in der Mediathek zu sehen sein wird.

Es wird das Format weiterhin bereichern, wenn nicht die Immergleichen des Literaturbetriebs im Quartett sitzen. Das ZDF sollte diesen Weg unbedingt fortsetzen.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 15.09.2023 besprochenen und erwähnten Bücher:

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6 Kommentare

  1. In einigen Bereichen stimme ich überein. Doch: das amputierte Gendergefasel von Cara Platte war unerträglich (“Richter SCHLUCK Innen”, “Täter SCHLUCK Innen” usw.). Für jemanden, der sich mit Sprache, Klang und Ästhetik auseinandersetzt ein Armutszeugnus. Gerne kann man darauf in diesem Format zukünftig verzichten und stattdessen Jugendliche einladen, die nicht derart indoktriniert auftreten.

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