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Startseite Buchkritiken und Tipps Walden: Auch der Literaturclub des Schweizer Fernsehens diskutiert über Henry David Thoreau

Walden: Auch der Literaturclub des Schweizer Fernsehens diskutiert über Henry David Thoreau

Der Schweizer Literaturclub vom Mai 2020: Moderatorin Nicole Steiner, Gast Sarah Spale und Kritiker Martin Ebel. Ganz links per Bildschirm zugeschaltet: Raoul Schrott. (Foto: Screenshot YouTube)
Der Schweizer Literaturclub vom Mai 2020: Moderatorin Nicola Steiner, Gast Sarah Spale und Kritiker Martin Ebel. Ganz links per Bildschirm zugeschaltet: Raoul Schrott. (Foto: SRF/Screenshot YouTube)

Für die aktuelle Ausgabe hat auch der Literaturclub des Schweizer Fernsehens »Walden« von Henry David Thoreau gelesen und über Buch und Autor diskutiert. Das Urteil der vier Kritiker ist zwiespältig. Ist Thoreau ein Scheinriese?

Anlass für die Walden-Besprechung war neben dem »Durchhalte- und Wartezustand, in dem wir uns befinden« (Moderatorin Nicola Steiner) vor allen Dingen das Buch »Palast der Stille« des Schweizer Autors Hansjörg Schertenleib, der ein halbes Jahr in einer winterlichen Hütte in Maine verbrachte.  Schertenleib bezieht sich auf »Walden« von Thoreau, und sein Buch beginnt mit einer Szene am Walden-See.

Die Sendung, die am kommenden Samstag (14. Juni 2020) um 10:20 Uhr auf 3Sat ausgestrahlt wird und im Schweizer Fernsehen bereits zu sehen war, wurde ohne Publikum im Papiersaal in Zürich aufgezeichnet. Neben Moderatorin Nicola Steiner nahmen aus dem Kritikerteam der Sendung Martin Ebel und Raoul Schrott teil. Letzterer war per Web-Stream zugeschaltet. Als Gast war die Schauspielerin Sarah Spale dabei.

Nicola Steiner musste gestehen, dass sie die Walden-Lektüre »mühsam« fand. Sarah Spale hätte gerne wie in einer Bibel immer wieder darin gelesen. Das erste Drittel habe ihr am meisten gegeben, die Gesellschaftskritik habe ihr gefallen. Durch die Naturbeobachtungen musste sie sich jedoch »durchzwingen«.

Martin Ebel führt die Popularität des Buches darauf zurück, dass »wir alle Momente haben, wo wir uns fragen, ob wir nicht im falschen Leben sind und was das richtige sein könnte. (…) Könnte man nicht ganz anders, ganz einfach leben?«

Das Buch sei eine Weltanschauung und ein »Anti-modernes-Buch«. Thoreau sei gegen die Eisenbahn, gegen die Zeitungen und gegen das moderne Leben. Diese Radikalität der Haltung behagte Ebel jedoch nicht.

Raoul Schrott bescheinigte »Walden« zunächst, dass das Werk »stilistisch gut gemacht und eine Robinsonade nach dem Vorbild von Humboldt« sei.

»So spannend die Naturbeobachtungen sind, so unsympathisch ist mir die Haltung dahinter«, urteilte Schrott. Die philosophischen Vermengungen des Transzendentalismus (siehe Video »Wer war Thoreau?«) führten laut Raoul Schrott zu einer seltsamen Blüte. Die Entdeckung des »Ich« bei Thoreau sei letzten Endes auch die Entdeckung der Selbstgerechtigkeit. »Wenn wir das Gute in uns entdeckten, dann ist das so allgemein und ein Standpunkt, der uns über den Staat hinaus erhebt«, fast Schrott Thoreaus Haltung zusammen. »Das wäre eine schöne philosophische Anarchie, wenn sie nicht so selbstgerecht wäre«, so Schrott. Das mache das Buch für ihn »sektiererisch, humorlos und arrogant«.

»Ist Thoreau eine Art Scheinriese?«, wollte Nicola Steiner wissen.

Für Kritiker Martin Ebel ist »Walden« ein Grundlagenwerk. Aber auch ein Buch, das man irgendwie kenne, ohne es wirklich zu kennen. Er selbst habe es bis zu dieser Sendung auch noch nie zuvor ganz gelesen.

Thoreau sei für ihn ein »Kulturriese«. Ebel: »Er war gebildet bis zum »Geht-nicht-Mehr«. Vieles vom heutigen Amerika, die Staatsfeindlichkeit und das Misstrauen gegenüber dem Staat, finde sich bereits bei Thoreau.

Und Schrott ergänzte aus seinem Arbeitszimmer, dass diese Haltung Thoreaus ihn heute auch zur Identifikationsfigur für die amerikanische Alt-Right-Bewegung und die Survivalists mache. Thoreau lehnt in »Walden« selbst Kaffee und Tee ab und behauptet, Musik habe das griechische und römische Reich zum Untergang gebracht. »Wenn du das liest, dann weißt du, mit wem du es zu tun hast«, war Schrotts abschließende Bemerkung über Thoreau.

»Er muss ja auch sehr lustfeindlich insgesamt gewesen sein, weil er ja auch mit Frauen, soweit das erkennbar ist, nicht sehr viel anzufangen wusste«, beendete Moderatorin Nicola Steiner die Walden-Besprechung im Literaturclub.

Video: Die Walden-Diskussion im Schweizer Literaturclub vom 26.05.2020 (ab Minute 27:52)

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Sarah Spale zu Gast im Literaturclub | Der Literaturclub im Mai | SRF Kultur

Für die aktuelle Ausgabe hat auch der Literaturclub des Schweizer Fernsehens »Walden« von Henry David Thoreau gelesen und über Buch und Autor diskutiert. Das Urteil der vier Kritiker ist zwiespältig. Ist Thoreau ein Scheinriese? Anlass für die Walden-Besprechung war neben dem »Durchhalte- und Wartez

Mehr zu Thoreau und seinen Widersprüchlichkeiten im Video des literaturcafe.de »Henry David Thoreau – Wer war der Walden-Autor wirklich?«

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Henry David Thoreau: Wer war der Walden-Autor wirklich?

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