Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der vierten Runde (März '02 - April '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von J. M. Coetzee eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Warten auf die Barbaren«. Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-010814-0. 19,90 EUR: Cover: Warten auf die Barbaren

Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat.

Identifizierter Alkoholiker
von Elke Kuehnel, 91460 Baudenbach (Deutschland)

Es wankte Herr Hans Ullrich Mohr*
stockbesoffen bis an das Tor,
doch man ließ ihn nicht 'rein
und er schlief d'rüber ein,
so daß Mohr vor dem Tor erfror.

*Dieser Name ist eine reine Erfindung der Verfasserin. Alle Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder auf gleichermaßen dramatischer Weise zu Tode gekommenen Personen sind rein zufällig!

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

So was aber auch!
von Heike Rau, 07318 Saalfeld (Deutschand)

Was mir letztes Jahr Weihnachten passiert ist, dass glauben Sie nicht! Ich erzähle es Ihnen trotzdem.
Gelangweilt sah ich aus dem Fenster. Die Kinder wuselten mir um die Füße und wollten einfach keine Geduld mehr aufbringen. Wo blieb bloß dieser verdammte Weihnachtsmann. Plötzlich entdeckte ich draußen etwas.
"Du", sagte ich ganz leise zu meiner Schwester und deutete aus dem Fenster. "Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an der Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengekauert hat."
Meine Schwester blinzelte mich nervös an. "Kinder geht mal in die Küche und esst noch ein paar Plätzchen."
Die Kinder nörgelten zwar ein bisschen rum, aber sie verzogen sich schließlich.
"Hat er einen roten Mantel an?", fragte meine Schwester und spähte ebenfalls hinaus. Er hatte und wir nickten uns vielsagend zu.
"Ich regle das", sagte ich, holte meine Jacke und ging hinaus. Tatsächlich lag der Weihnachtsmann draußen am Tor und er stank fürchterlich nach Alkohol.
Ich rüttelte an seinen Schultern. "Sag mal spinnst du? Du sollst den Kindern meiner Schwester die Geschenke bringen und jetzt liegst du hier und bist restlos besoffen."
Der Weihnachtsmann stöhnte und rappelte sich etwas auf. "Ich kann nichts dafür. Die Nachbarn haben gesehen, dass ich Weihnachtsmann spielen will und haben mich überredet ihren Kindern ebenfalls die Geschenke zu bringen."
"Und du konntest wieder nicht nein sagen", schimpfte ich und zog ihn mit aller Kraft auf die Füße.
"Ich kann wirklich nichts dafür. Der Nachbar hat mich zum Dank in die Kneipe geschleppt."
"Und da konntest du ebenfalls nicht nein sagen. Mensch, du weißt doch wie Kneipenbesuche enden."
Ich zerrte den Weihnachtsmann samt Sack in die Garage und zog ihn aus. Keine Sorge, ich habe den Mann schon öfter in Unterwäsche gesehen. Ich wickelte den Weihnachtsmann in meine Jacke und Decken und setzte ihn ins Auto. "Hier wartest du, bis du wieder nüchtern bist!", befahl ich, "so dürfen die Kinder dich keinesfalls sehen." Zum Glück war es in der Garage nicht so kalt.
Ich verkleidete mich nun selbst als Weihnachtsmann. Einer musste ja den Kindern die Geschenke bringen.
Und das eine sage ich Ihnen. Nie wieder bitte ich meinen Mann für die Kinder meiner Schwester den Weihnachtsmann zu spielen.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Das Geschenk
von Tiger im Park, 47506 Neukirchen-Vluyn (Deutschand)

Wenn ich mich anstrenge, kann ich ihn dort sitzen sehen. Er kauert vor der dunklen Ziegelsteinmauer, trägt eine dunkle Brille und hält die Hand auf. Er bettelt. Natürlich sehe ich ihn nur, wenn ich mich anstrenge. Denn in Wirklichkeit geht er hoch aufgerichtet die Straße hinunter. Er trägt eine dunkle Brille, ja, aber er bettelt nicht. Manchmal nimmt er die Brille ab, macht Späße, lächelt schief, oder gewinnend, oder verbindlich. Aber in diesem verbindlichen Lächeln ist meist schon etwas Bedrohliches. Ein Splitter Angriff. Der ist genau genommen auch schon im gewinnenden Lächeln. Und im schiefen? Nein, nein, da nicht. Da hat er die Welt vergessen. Für einen Augenblick. Und wenn ich es recht betrachte, ist es auch gar kein Betteln, sondern eine Forderung. Die Forderung, das Geschenk anzunehmen, das er in der Hand hält.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Heimkehr
von Olaf Meusel, 39118 Magdeburg (Deutschand)

Das Tor nur schemenhaft umrissen
entflieht dort in der Dunkelheit.
Kann nur erahnen niemals wissen
ob lang geworden dir die Zeit.
Schläfst oder wachst du dort am Tor.
Hab mich verspätet sehr.
Unendlich lang die Zeit bevor
ich endlich wiederkehr.
Hab dich vermisst,du fehltest mir.
War viel zu lange fort.
Drum kehre ich nun Heim zu dir.
An den vertrauten Ort.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Siggi
von Marie-Luise Wendland, 44805 Bochum (Deutschand)

Neben dem Tor kann ich,wenn ich die Augen anstrenge,den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an dieWand gelehnt sitzt oder sich schafend zusammengerollt hat.
Ein Schreck durchfährt mich. Das wird doch wohl nicht Siggi sein? Wo ist denn die Bank, die dort immer stand. Das war Siggis Bank. Tagsüber seine "Couch" und nachts sein "Bett".
Siggi ist obdachlos. Wenn ich zur Arbeit gehe, komme ich an Siggis Bank vorbei.
Ab und zu setze ich mich zu ihm. Er hat mir sein ganzes Leben erzählt.
Bei einem Zimmerbrand kamen seine Frau und seine Zwillinge ums Leben. Er ertränkte seinen wahnsinnigen Schmerz in Alkohol, verlor seine Arbeit und landete auf der Straße. Im Obdachlosenasyl wollte er nicht schlafen. Die Nähe der anderen ertrug er nicht. Oft sprach er davon, dass man ihn eines Tages tot auffinden werde, er wisse nur noch nicht wie. Immer wieder habe ich versucht, es ihm auszureden.
Daran muß ich jetzt denken, als ich die Umrisse des Menschen erkennen kann.
Es ist der 23. Dez., und wir hatten, laut Wetterbericht, die kälteste Nacht seit Jahren.
So schnell ich kann, laufe ich zu der Stelle, wo der Mensch sitzt. Ja, es ist wirklich Siggi. Ich rufe ihn an. Er rührt sich nicht. Ich fasse an seine Schulter. Steifgefroren.
Mit dem Handy rufe ich Krankenwagen und Polizei. Siggi wird weggebracht.
Später höre ich, dass Siggi tot ist. Mit Schlaftabletten und einer Flasche Schnaps hatte er sich betäubt und ist in der eiskalten Nacht erfroren.
Er wollte einfach nicht mehr leben.

Zurück zur Übersichtsseite des Satzfischers

Mehr Beiträge: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 Weiter
Zur Übersichtsseite des Satzfischers - Zu den Beiträgen der Runde 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

Hinweis: Für die Rechtschreibung und Zeichensetzung sind die Autoren selbst verantwortlich. Die Urheberrechte liegen beim jeweiligen Autor.