Seit man mich auf diesem Planeten abgesetzt hat, sehe ich mich mit unzähligen Regeln konfrontiert. Die meisten davon habe ich nie verstanden. Doch ich weiß, dass es sie gibt und dass ich mich gefälligst daran zu halten habe. Tue ich das nicht, gibt es Probleme.
Soziale Interaktion erfordert Anpassung. Nun bin ich durchaus bereit, mich den Regeln unterzuordnen, ob ich sie nachvollziehen kann oder nicht. Doch die Regeln sind nur innerhalb einer Gruppe gültig. In einer anderen Gruppe gelten wiederum andere.
Ein mühsam erlernter Verhaltenskodex hält mich fest, zieht mich hinein in die Gruppe, der ich mich zuordne, gar unterwerfe. Wechsle ich, aus welchem Grund auch immer, das soziale Umfeld, habe ich umgehend die dort gültigen Vorschriften zu befolgen. Es gibt keine Schonfrist, keine Übergangsphase. Die Regeln der ehemaligen Gruppe taugen nicht mehr; sie aus Unkenntnis, Verzweiflung oder Dummheit anzuwenden, katapultiert mich umgehend in ein gesellschaftliches Aus.
Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, in einer industriell geprägten Gegend aufzuwachsen und von der Arbeiterklasse sozialisiert zu werden. Das dort gültige Reglement ist in mich hineingewachsen und in jede Zelle meines Körpers eingebrannt. Es gab nicht viele Regeln, eine Handvoll nur, doch sie mussten beachtet und gelebt werden. So habe ich beizeiten gelernt, dass Argumente mit den Fäusten ausgetauscht werden und körperliche Überlegenheit ein absolutes Muss war. Zwar war ich ein schwächliches Kind, unterzog mich jedoch, der Notwendigkeit gehorchend, dem mühsamen Prozess der körperlichen Ertüchtigung. Es hat funktioniert. Ich gewann zunehmend an Überzeugungskraft, denn meine Fäuste argumentierten hart und schnell, und ich kletterte zügig die Leiter innerhalb der prekären Hierarchie empor.
Die wichtigste Lehre dieser Zeit: Wer als letzter noch steht, hat recht!
Dann kam mein Absturz. Abitur, Studium, neue soziale Gruppe, andere Regeln. Plötzlich sah ich mich mit der Forderung konfrontiert, mit Worten zu argumentieren. Wie sollte das gehen? Niemand hatte mir beigebracht, rhetorisch zu bestehen. Ein kläglich gescheiterter Versuch nach dem anderen ließ die Erkenntnis in mir reifen, mich nicht in mein neues soziales Umfeld integrieren zu können, zumindest nicht vollständig. Denn in meinen Zellen wirkt immer noch das alte Regelwerk.
Und deshalb stottere ich, wenn ich rede, finde keine passenden Worte und balle gleichzeitig meine Fäuste, bereit, unvermittelt und brutal zuzuschlagen. Ein penetranter Begriff tobt in diesem Zustand stets orkanartig durch mein verwirrtes Ich: Nix verstehn!
Wann kommt endlich ein verdammtes Raumschiff, um mich abzuholen?