Textkritik: Perspektivverwirrung im Blumenladen

Textkritiker Malte Bremer hält einen Prosatext für sehr gelungen, da auf überflüssige Erklärungen verzichtet wird.

Probleme bereitet nur ein unvermittelt auftretender Perspektivwechsel.

Im Blumenladen

von Stella Brandner
Textart: Prosa
Bewertung: 4 von 5 Brillen

Ein Läuten ertönte, als die Tür aufging, und die Frau, die den Blumenladen betrat, brachte einen frostigen Windstoß mit sich. Mitten im Juni. Sie blieb einen Schritt hinter der Schwelle stehen, Rücken gerade wie ein Admiral der alten Schule, und glättete die hochgesteckten Haare, bei denen Kastanie noch immer die Oberhand über Grau besaß.

Esther ließ ihren Blick über die Waren wandern. Dass diese Läden überall gleich riechen, dachte sie. Eine Mischung aus süß und schimmlig, Gedeihen und Verderben drang in ihre Nase. Irgendwie passend, das Aroma, dachte sie.

Auf der anderen Seite der Theke stieß die Floristin einer rosa Gerbera Blumendraht ins Genick und fügte sie einem halbfertigen Strauß hinzu. Im Gegensatz zu ihrem Sortiment vermisste die Frau Farbe. Beige auf beige. Vielleicht hatte sie aufgegeben, mit den Blüten konkurrieren zu wollen. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Verkäuferin mit einem Lächeln auf den Lippen.

»Das bezweifle ich. Aber sie können mir Blumen verkaufen.«, entgegnete Esther.

Das Lächeln der Floristin wankte, während ihre Kundin den Laden durchschritt. Scharlachrote Pumps klackerten auf Steinboden. Esther streifte ihre darauf abgestimmten Lederhandschuhe ab und tappte mit den Nägeln auf den Tresen. »Ich will einen Strauß kaufen. Groß, bunt, teuer. Etwas, das Lebensfreude ausstrahlt. Meinetwegen pink oder gelb oder was auch immer. Es soll sagen: ›Heute beginnt ein neues Kapitel, und du wirst das Buch lieben.‹«

»Oh, da hätte ich schon ein paar Ideen«, sagte die Verkäuferin. Esther zweifelte nicht daran; bei ›teuer‹ hatte das Lächeln der Floristin seine Brillanz zurück gewonnen.

»Wir haben heute früh ganz tolle Sonnenblumen hereinbekommen, wie klingt das? Vielleicht mit pinken Rosen?«

»Fabelhaft.«, entgegnete Esther und beobachtete, wie die Frau von einer Vase zur nächsten huschte.

»Haben Sie ein Budget im Sinn?«, fragte sie und fischte einige Pfingstrosen aus einem der Gefäße.

Esther zupfte ihren Mantel zurecht. »Nicht wirklich. Machen Sie einfach.« Während der Strauß wuchs, zog sie ihre Taschenuhr hervor. Halb zehn. Noch eine gute Stunde. Sie hätte sich vorher noch in ein Café setzen sollen, aber bei dem Gedanken an Lungo aus einem Automaten, der auch Cappuccino und Kakao ausspuckte, verdrehte sich ihr der Magen. Und der würde heute ohnehin einiges ertragen müssen, Oliver hatte sich für den Abend angekündigt. Hoffentlich beließ er es bei einem Anruf und höflichen Belanglosigkeiten.

»Was sagen Sie hierzu?«, riss die Stimme der Verkäuferin sie aus den Gedanken. Esther sah auf.

Die beige Frau verschwand hinter einer Wand aus hauptsächlich pinkfarbenen Blüten. »Alles fröhliche Töne, ein echter Mädchentraum, nicht wahr?«

»Perfekt!«, sagte Esther. »Könnten Sie ihn mir in farblich passendem Papier einpacken? Und verkaufen Sie auch Karten?«

»Natürlich, gleich dort drüben.« Die Verkäuferin deutete auf den Kartenständer, der gut versteckt hinter einem Regal voller Orchideen lauerte.

Esther ging hinüber und studierte die Auswahl mit zusammengezogenen Brauen. »Hm.«, sagte sie und zog eine Karte hervor. »Das ist nicht ganz, was ich suche. Aber ich schätze, man muss immer Abstriche machen.«

»Die mit den Musikbotschaften sind bei uns der Renner.«, entgegnete die Floristin und befestigte die Papierhülle mit einem Klebestreifen. »›Happy birthday‹ ist natürlich der Klassiker.«

»Nein, das würde Adelheid mir übelnehmen.«

»Bitte?«, fragte die Verkäuferin.

»Nichts.«, entgegnete Esther. »Senile Seniorin spricht mit sich selbst. Ich nehme einfach die hier. Hätten Sie einen Stift?« Sie nahm den Füller, den die Floristin ihr reichte, entgegen und riss die Plastikhülle von der Karte. Unter einem vierblättrigen Kleeblatt und einer Comic-Torte mit Kerzen prangte in Schnörkeln gedruckte Schrift ›Man wird nicht älter, sondern besser‹. Esther schrieb: ›Herzliches Beileid, bla, bla. Ich hoffe, unser Trip nach Argentinien fällt jetzt nicht ins Wasser. In stiller Anteilnahme, Esther.‹ Sie blies die Tinte trocken und sah auf.

Die Verkäuferin blinzelte ertappt und räusperte sich. »Wir hätten auch Kondolenzkarten. Dritte Reihe, nach der goldenen Hochzeit.«

»Ist mir nicht entgangen. Was macht das alles?«

Die Floristin übergab Esther den verpackten Strauß – den die kaum mit einer Hand greifen konnte – und hackte auf die Tasten der Kasse ein. »Zweiundachtzig Euro, genau. Es sei denn, Sie suchen vielleicht eher ein Trauergesteck?«

»Nein, ich bin wunschlos glücklich.« Esther legte die Blumen auf dem Tresen ab, um an ihre Börse zu gelangen, und blätterte, bis sie einen Hunderter fand. Sie nahm das Wechselgeld entgegen, verabschiedete sich von der verdutzten Frau und trat hinaus in den Sommermorgen.

Was nun? Die Trauerfeier würde erst in einer Dreiviertelstunde beginnen, und sie hatte vergessen, ihren E-Reader einzustecken. Großartig, dachte Esther. Hoffentlich holt der Priester nicht so weit aus.

Sie atmete tief durch und hielt mit den Blumen im Arm auf das Tor zu, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Friedhof führte. Vielleicht ein kleiner Spaziergang? Wenn man die Grabsteine außen vor ließ, könnte man um diese Jahreszeit fast glauben, durch den botanischen Garten zu wandeln. Mal schauen, was die Konkurrenz so für Blumen springen lässt, dachte Esther und überquerte die Straße.

© 2017 by Stella Brandner. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Vorbildlich im Verzicht auf überflüssige Erläuterungen, präzise im Ausdruck, aber Probleme bei der Erzählperspektive.

Esthers Charakter wird deutlich durch ihr Verhalten, und nicht durch »Erklärungen«. So soll das sein! Die Autorin teilte mit, dass dieser Ausschnitt der Anfang eines »unvollendeten Romans« sei, schrieb die Autorin! Nun: Wenn das so weiter geht, wie es begonnen hat, freue ich mich darauf!

Allerdings mit einer Einschränkung: Aus wessen Sicht wird hier eigentlich erzählt? Zunächst beschreibt der auktoriale Erzähler eine Person, die einen Blumenladen betritt. Und kaum ist das geschehen, ist da plötzlich eine Esther (vermutlich die Person, die gerade eingetreten ist). Und die sieht eine Person auf der anderen Seite der Theke – also ist das jetzt die Sicht von Esther. Oder doch die des auktorialen Erzählers?

Das führt zu einer Verwirrung! Es wäre einfacher, wenn von vornherein eine Esther den Laden beträte und der auktoriale Erzähler getilgt würde.

Die Kritik im Einzelnen

Ich würde das gewohnte Gedeih und Verderb hier empfehlen, auch wenn das andere durchaus auch seinen Reiz hat! zurück

Eine überaus gelungene, da eindrückliche Variante zu der vor Ökofuzzis verkündeten Ermahnung, dass auch Blumen Lebewesen seien! zurück

Esther kann nicht wissen, ob die Frau Farben vermisste; das ist auch gar nicht gemeint, sondern: »Im Gegensatz zu ihrem Sortiment ließ die Frau Farbe vermissen.« zurück

Diese Wort darf weg, denn Esther nahm den Stift! zurück

Einfach nur herrlich, diese rituell sinnentleerten Floskeln als das schriftlich zu fixieren, was sie sind: Bla bla! zurück

Sehr gelungen, da entlarvend ist hier der Kontrast zwischen »Trauergesteck« und »wunschlos glücklich«. zurück

© 2018 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.