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Beitrag vom 3. März 2018 | Rubrik: Literarisches Leben

Das Literarische Quartett: Trotz und wegen Philipp Tingler gut

Zack! - Philipp Tingler watscht wortgewaltig ab (Foto: ZDF)

Zack! – Philipp Tingler watscht wortgewaltig ab (Foto: ZDF)

Natürlich zittert die Hand über der Tastatur. Natürlich war der Kalauer vorbereitet. Philipp Tingler zu Gast im Literarischen Quartett. Also, dass Tingler jetzt offenbar durch die Literatursendungen … aber nein. So billige Sprachspiele sind diesem sprachgewaltigen Schriftsteller nicht angemessen. Denn Tinglers Gegenwart und Wortgewalt schien das Quartett in neue Höhen zu schrauben.

Der Mitstreiter aus der Geschwistersendung

Der Schweizer Literaturclub wurde von Volker Weidermann in der Anmoderation und Vorstellung als »Geschwistersendung« bezeichnet, eine Bauchbinde titulierte Philipp Tingler als »›Mitstreiter‹« im Literaturclub des SRF«.

Man kann sich über diese Einfallslosigkeit bei der Gastbesetzung echauffieren. Die Immergleichen in den immergleichen Runden. Philipp Tingler ins Literarische Quartett zu holen, ist null Risiko. Da kann man nichts falsch machen. Und dennoch liegt da noch Weidermanns unvergessliches Wort in der Luft, dass er sich auch einmal einen Buchhändler als Gast gut vorstellen könne. Aber bislang war die Gästeauswahl nicht von Innovation geprägt, selbst mit Thomas Gottschalk nicht.

Auf der anderen Seite ist Philipp Tingler nun mal ein sehr eloquenter Literaturkritiker, der Spitzen gegen Bücher und Mitdiskutanten unvergleichlich charmant setzen kann.

Und doch wirkte seine Stimme am Anfang schwach, man merkte ihm die Aufregung und die für ihn ungewohnte Runde an. Doch  dauerte das nicht lange, »sein« Buch war das erste des Abends: Monika Maron: »Munin oder Chaos im Kopf«.

Beste Diskussion, die die Sendung je erlebt hat

Tingler betonte, dass er das Buch auch wegen seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive ausgewählt habe. Die Ich-Erzählerin steht für Menschen in Deutschland, denen es gut geht und dennoch von Angst getrieben sind. Angst vor dem Islam, Angst vor der politischen Korrektheit und dem »Was man nicht mehr sagen darf«. Selbst bei Literaturkritikern ist bei solch einem Reizthema die Gefahr groß, Autorin und Erzählerin zu verwechseln oder gleichzustellen. Die differenzierte Diskussion über diese Unterscheidung und dieses Buch war wahrscheinlich die beste, die die Sendung je erlebt hat. Tingler, Weider- und Westermann waren begeistert, nur Thea Dorn forderte etwas bräsig von der Autorin am Ende einen moralischen Zeigefinger, den Maron ihr einfach verweigert hat.

Weidermanns Vorstellung und Einführung zum nächsten Autor und Titel geriet überaus lang. Es war dies der in neuer Übersetzung durch Miriam Mandelkow erschienene Roman »Von dieser Welt« von James Baldwin, ursprünglich 1953 erschienen. Der Verlag hatte das Erscheinen des Titels wegen der Sendung einige Tage vorgezogen. Es sollte sich gelohnt haben, den Baldwin wurde ebenfalls sehr gelobt. Und Weidermanns nicht unbedingt kurze Einführung war dennoch informativ und präzise und fernab der sonst üblichen schlechten Nacherzählung der Handlung. Es geht doch!

Manchmal ist es einfach nur schön

Fast schon routinemäßig unter ging der von Frau Westermann vorgestellte Titel »Speicher 13«. Dennoch halten wir einen von Westermanns Sätzen für den Instagram-Feed der Buchbloggerinnen fest: »Manchmal ist es einfach nur schön, ein schönes Buch zu lesen.«

Thea Dorn gefiel sich abschließend sehr darin, den neuen Roman »Prawda« von Felicitas Hoppe vorzustellen, als könne man mit einer Büchnerpreisträgerin einfach nichts falsch machen.

Wenn die Sendung ursprünglich mit dem Untertitel aufmachte, dass hier »über Bücher gestritten« werde, dann war es diesmal wirklich sehr schön zu sehen mit mehr oder minder versteckter Schadenfreude, wie das Buch und Frau Dorn abgewatscht wurden. Thea Dorn reagierte sichtlich pampig, dass niemand außer ihr in der Runde dem Buch etwas abgewinnen konnte. Und wir merken uns einen anderen schönen Satz Philipp Tinglers: »Dieses Buch ist wie ein alter, an Hospitalismus leidender Elefant in einem Zoo: Das schwankt nach links, nach rechts und dann kollabiert es mit debilem Grinsen.«

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 02.03.2018 besprochenen Bücher:

5 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Ein Dilettant schrieb am 4. März 2018 um 10:54 Uhr

    1. das Spiel der Vernichtung durch reine Kritik bleibt ohne Erkenntnis
    2. parataktischen Schachtelsätzen

    Bitte kurz mal nachschauen !

  2. Ein Dilettant schrieb am 4. März 2018 um 10:58 Uhr

    kurze Korrektur

    2. parataktische Schachtelsätze

  3. Christian aus Hamburg schrieb am 5. März 2018 um 13:04 Uhr

    Man sollte Tingler reinholen (obwohl der Literaturclub im SRF tatsächlich das bessere “Quartett” ist!) und Thea Dorn rauswerfen. Ihr Verhalten war kleinmädchenhaft und arrogant. Aber alles fügt sich, denn ich mag Thea Dorn’s Bücher nämlich auch nicht.

  4. Maik schrieb am 6. März 2018 um 19:47 Uhr

    Tingler echauffiert sich auf teils unschöne Weise: die Kommentarspalte ist begeistert. Dorn echauffiert sich auf teils unschöne Weise: die Kommentarspalte verurteilt.

    Genau das ist Sexismus.

  5. Hans schrieb am 14. März 2018 um 01:22 Uhr

    Interessant, wie verschieden die Eindrücke über die Sendung sind! Frau Dorn war mir bislang immer eher unsympathisch; in dieser Sendung fand ich sie am differenziertesten von allen und keinesfalls arrogant. Sie hat tapfer für „ihr“ Buch gekämpft. Dass sie erschüttert ist, wie alle (für mich durchaus nachvollziehbar) das von ihr geschätzte Buch verurteilen, muss sie nicht stoisch ertragene, um meinen Respekt zu behalten.
    Herr Tingler ist nicht in der Lage, andere ausreden zu lassen. Wenn er ein Buch ablehnt, gelingt es ihm nie (!) anderen ihre Begeisterung zu belassen. Dann erhebt er sich grundsätzlich oder versucht die Gegenseite zu diskreditieren. Damit zeigt er „Qualitäten“, die auch Herrn Biller auszeichneten. Insofern überrascht es nicht, wenn Biller-Fans tendenziell Tingler-Fans sind. (Auch im Literaturclub hat Tingler fast immer das erste Wort und erzwingt mehr Redebeiträge als er anderen zugesteht. Heidenreich zeigte dieses Verhalten früher auch gern. Die beiden neutralisieren sich dort z.T.)
    Menschen, die nicht eine gegenteilige Meinungneben ihrer akzeptieren können, befremden mich. Auch im Alltag versuche ich sie zu meiden. Im Fernsehen finde ich sie ebenfalls unangenehm.
    Was Frau Westermann in der Sendung macht, erschließt sich mir nach wie vor nicht.

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