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Beitrag vom 30. April 2016 | Rubrik: Literarisches Leben

Literarisches Quartett: »Reden wir hier über Bücher oder reden wir über Biller?«

Das literarische Quartett (Foto: ZDF)

Das literarische Quartett (Foto: ZDF)

Gute Fernsehsendungen schaffen unerhörte Einblicke und bringen uns Dinge nahe, die wir nie zuvor für möglich gehalten haben. Seit der letzten Ausgabe des literarischen Quartetts wissen wir daher: Das Magazin FOCUS hat einen Literaturchef!

Der war diesmal Gast in der literarischen Streitrunde. Denn das gilt es festzuhalten: Im literarischen Quartett gilt die Maxime des Streits, wie es Gastgeber Volker Weidermann immer wieder betont: »Wir wollen keinen Konsens suchen, sondern Streit.« Der jedoch besteht seit einigen Sendungen allein aus Maxim Biller. Doch dessen Streitwerkzeug wiederum besteht nur aus Dazwischenquatschen und Rechthabenwollen. Besonders Ersteres macht es dem Fernsehzuschauer schwer, der Gesprächsrunde akustisch zu folgen.

»Reden wir hier über Bücher oder reden wir über Biller?«, fragt daher Uwe Wittstock nochmals nach, als das erste Buch des Abends abgehakt wird. Wittstock ist jener »Literaturchef FOCUS« wie ihn die Bauchbinde betitelt. Im Grunde und sogar für sich genommen ist das ein sehr schöner Satz, wo doch Billers aktuelles Buch »Biografie« von der Kritik nicht gerade als Meisterwerk angesehen wird. Aber als so filigran platzierter Tiefschlag war der Satz ja gar nicht gemeint.

Braucht diese Runde Biller? Liest man während der Sendung auf Twitter mit, ist die Meinung eher: »Nein!« Aber dann mag man dem Trugschluss unterliegen, wie er hin und wieder bei Buchbloggerinnen stattfindet, die den Antagonisten einer Geschichte doof finden und dabei völlig vergessen, dass auch die Antipathie für den Bösen die Leserin ans Buch bindet. Und auch das literarische Quartett braucht den Bösen. Allerdings ist Biller für einen guten Schurken nicht vielschichtig genug und seiner Arroganz und Besserwisserei fehlt die sichtbar ironische Brechung.

Biller: »Sie sind alle überfordert von dem Buch, ‘tschuldigung.«

Westermann: »Nein!«

Weidermann: »So einfach ist es vielleicht nicht, aber … ähm … es gibt … ähm …«

Biller: »Fast. Fast so einfach.«

Westermann: »Aber warum? Also warum sind wir die Blöden und Sie sind der Gescheite?«

Biller: »Weil ich den besseren Geschmack habe? Keine Ahnung, woher das kommt.«

Frau Westermann, so scheint es mittlerweile, sitzt nur in der Runde, dass der geschmackvolle Mann Biller die gefühlsduselige Frau abwatschen kann, die ohnehin nichts von guten Büchern versteht. »Bekannt aus ›Zimmer frei‹, noch bekannter als Bücherschwärmerin«, assistiert da die eingeblendete Bauchbinde.

Die Literaturkritik bleibt wie immer auf der Strecke. Wenn Biller dem Buch »Mauerläufer« von Nell Zink attestiert, es sei »wahnsinnig gut geschrieben« und man könne sich auf jeder Seite 10 Stellen anstreichen und es fünfmal wiederlesen, dann wird dem nur entgegengesetzt, es sei »langweilig«, als ob es sich dabei um eine literaturkritische Bewertung handle. Und wie schon in den Sendungen davor wird insgesamt zu viel Handlung referiert und nacherzählt und darüber gesprochen, wie gut, glaubhaft oder doch nur langweilig diese oder jene Handlung oder Figur sei. Selbst Wittstock, der als untrainierter Gast der Runde seine Argumente ruhig und sachlich vorträgt – auch dann wenn Biller dazwischenredet –, referiert und spoilert große Teile der Handlung von David Grossmans Roman.

Wenn hin und wieder beklagt wird, dass nach dem Tode von Reich-Ranicki und Karasek die großen meinungsbildenden (und verkaufsfördernden) Literaturkritiker fehlen, dann zeigt das literarische Quartett leider vor laufender Kamera, dass diese eitlen meinungsgetriebenen Gesellen nicht wirklich literaturkritische Kompetenz ausstrahlen. Alle Vorurteile werden bestätigt.

Und das ZDF setzt dem noch eins drauf, indem es über den Twitter-Account zur Sendung  im Ton einer Kindergartentante fragt:

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 29.04.2016 besprochenen Bücher:

6 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Karl Martin schrieb am 30. April 2016 um 14:36 Uhr

    Sehr verehrte Redakteure,
    Sie haben mit vielem recht, doch Langeweile oder Spannung sind ganz entscheidende Punkte, die kein Kritiker je in einer Rezension unerwähnt lassen sollte. Natürlich muss er auch darstellen – warum. Und den Handlungsverlauf in einer Kritik darzulegen, ist ebenso notwendig. Ich möchte als Leser schon wissen, spielt der Roman in Griechenland oder am Bodensee. Ist es eine Liebesgeschichte oder ein Krimi. Und ob ich das Ende eines Romans schon vorher wusste, hat meinem Lesevergnügen noch nie geschadet. Eine Liebesgeschichte endet mit Glück oder Trennung, ein alter Autor stirbt am Ende des Romans, wegen des Endes lese ich nicht. Mich interessiert das Drama, das menschliche Leid, das Glück der Protagonisten. Nicht, dass am Ende des Krimis der Schuldige verhaftet wird. Das sind Banalitäten.
    LG
    Karl Martin

  2. Mia schrieb am 1. Mai 2016 um 20:01 Uhr

    Herrlich …. vielen Dank für diesen Artikel. Er deckt sich so wunderbar mit meinem eigenem Empfinden und ich frage mich, wie lange es diese Sendung wohl noch geben wird?!

  3. Hans Walter Grössinger schrieb am 3. Mai 2016 um 16:46 Uhr

    Es gibt im TV zu wenig Sendungen, die sich mit Büchern befassen. Aber mit Diskussionsteilnehmern wie Maxim Biller wird das Zuschauen und vor allem Zuhören für mich zur Qual. Ob ein anderer Moderator diesen Mann zähmen könnte?

  4. Renate Blaes schrieb am 20. Mai 2016 um 11:37 Uhr

    Lieber Wolfgang Tischer, ich bin mir nicht sicher, ob der Satz “… die ohnehin nichts von guten Büchern versteht …” auf Herrn Billers (mutmaßliche) Meinung abzielt. Aber die Buchempfehlungen Westermanns, denen ich gefolgt bin, waren für mich ein Flop. So zum Beispiel “Die Frau des Zeitreisenden”. Andere Leser sehen es anders, ich weiß, aber für mich war die Lektüre dieses Buches derart anstrengend, dass ich nach einem Drittel aufgehört habe. Ich will mich beim Lesen nicht anstrengen, sondern entspannen.

  5. Mr. Plotter schrieb am 25. Juni 2016 um 09:23 Uhr

    Klar, das Möchte-gern-Magazin Focus ist immer für einen Witz gut. Und dass die einen Chef für Literatur haben (sollen), ein echter Brüller.
    Aber, Wittstock hat andere Verdienste und war an diesem Abend der einzige, der verständlich reden konnte und auch sich von dem Schwätzer Biller nicht unterbrechen ließ. Von dem Stammler Weidermann – angeblich der Leiter der Sendung – versteht man etwa ein Drittel, und das wiederum besteht zur Hälfte aus Wiederholungen der Argumente der anderen. Der Mann ist nett und lieb, aber völlig überfordert. Vielleicht kann er gut schreiben, öffentlich reden kann er nicht. Würde etwa Wittstock diese Sendung leiten, wäre das durchaus ein Gewinn.

  6. Ronald Wendt schrieb am 8. Februar 2017 um 12:40 Uhr

    Das letzte literarische Quartett habe ich hoch interessiert verfolgt. Und nun bedauere ich das der Herr Biller geht. Hatte ich früher mit Herrn Marcel Reich Ranicki eine Folge versäumt war Traue in mir. Ich möchte sie alle, damals. Biographie von Herrn Biller lese ich gerade. Was ich nicht so toll fand war die Auasage von Herrn Biller über den russischen Schriftsteller Lew Tolstoi, der zu weitschweifig schreiben würde. Da sollte Herr Biller, meiner Meinung nach, sich seine Biographie noch einmal vornehmen, tolles Buch, aber etwas zu lang scheint es doch auch. Ich stelle gerade mein Erstlingswerk “Breiter” in Leipzig zur Buchmesse 2017 aus. Will sehen ob es ankommt. Freundliche Grüße Ronald Wendt

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