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StartseiteLiterarisches LebenDas Literarische Quartett im Februar 2021: Ohne Männer ging's ganz gut

Das Literarische Quartett im Februar 2021: Ohne Männer ging’s ganz gut

Das Literarische Quartett vom 26.02.2021 und von links nach rechts: Thea Dorn, Jagoda Marinić, Sibylle Lewitscharoff und Juli Zeh (Foto: ZDF/Jule Roehr)
Das Literarische Quartett vom 26.02.2021 und von links nach rechts: Thea Dorn, Jagoda Marinić, Sibylle Lewitscharoff und Juli Zeh (Foto: ZDF/Jule Roehr)

Als wollten sie es dem WDR beweisen: Nach dem Tiefpunkt der Dezember-Ausgabe, diskutierten im Literarischen Quartett diesmal Jagoda Marinić, Sibylle Lewitscharoff, Juli Zeh und Thea Dorn ohne kuscheligen Lesetipp-Duktus.

Ein klein wenig bekam man es nach der letzten Dezember-Sendung mit der Angst zu tun. Würde man beim ZDF ab sofort die Gäste nach Skandalfaktor und Instagram-Followerzahl besetzen, um dem Literarischen Quartett mehr Quote zu bringen?

Maxim Biller wetterte im Dezember brav und medienwirksam, dass man mit Lisa Eckhart das Erbe von Quartett-Gründe Reich-Ranicki verraten würde, doch die Sendung selbst brachte keine Aufreger – dafür aber Andrea Petkovic.

Petkovic schien für das zu stehen, was der WDR dann etwas später mit den Literaturkritiken in seinem Radioprogramm machte, indem er den altehrwürdigen Sendeplatz strich: Die Literaturkritik müsse raus aus der Kulturecke! Sie müsse bunter werden. Mehr Inhaltsangabe statt Textkritik, mehr Lesetipp und Service-Charakter, Bücher zum Wohlfühlen. Mit dem Euphemismus »Literatur muss bunter werden« wird dieser Niedergang vom WDR umschrieben.

Wird also auch die Besetzung des Literarischen Quartetts nicht mehr nach Kompetenz, sondern nach Bekanntheit und Massentauglichkeit besetzt? Mehr Inhaltsangabe und gefühlte Kritik gab es schließlich schon unter Diskussionsleiter Weidermann und Teilnehmerin Westermann.

Nach der Sendung vom Februar 2021 kann man aufatmen. Die Dezember-Folge schien ein Ausrutscher gewesen zu sein, ein dummer Zufall in der Zusammensetzung der Gäste. Das übliche Auf und Ab.

Denn in der Sendung vom Februar ging es mit den Gästen Jagoda Marinić, Sibylle Lewitscharoff und Juli Zeh wieder aufwärts. »Mit Frauenpower ins Neue Jahr«, schreibt das ZDF über die erstmals rein weibliche Besetzung der Vierer:innenrunde. Gleichzeitig war die Runde ausschließlich mit Schriftstellerinnen besetzt, Sibylle Lewitscharoff und Juli Zeh im Quartett bereits erprobt.

Es war eine Freude! Die Inhaltszusammenfassungen wurden auf das notwendigste begrenzt. Man sah, dass es keine schlecht nacherzählte Handlung braucht, um als Zuschauer eine Ahnung zu haben, worum es in den besprochenen Büchern geht. Stattdessen wurde über Perspektive, Stil, Rhythmus, Form, Sprache, Übersetzung, Genre, Figur und Autorin gesprochen und ob das denn alles zum jeweiligen Buch passe. Es ging um das Verhältnis von selbst Erlebtem zum Erfundenen, und der Klassiker 1984 wurde nicht – wie oft in den vergangenen Sendungen – so besprochen, als sei das Buch gestern erst erschienen, sondern die Vier gingen verstärkt der Frage nach, was die Lektüre uns heute noch bringe und ob man das Werk überhaupt immer auf die aktuelle Zeit projizieren müsse. Es sei ja schließlich eine Dystopie und keine Zukunftsvorhersage. Hier wurde der Übersetzer Frank Heibert erwähnt, während Annette Kopetzki und Brigitte Walitzek als Übersetzerinnen der anderen Bücher leider wieder einmal ungenannt blieben. An der selbstverständlichen Nennung der Übersetzer:innen sollte man beim ZDF noch arbeiten.

Auch die Diskussionskultur der diesmaligen Viererrunde war angenehm. Man war zwar nicht immer einer Meinung, Frau Lewitscharoff verwendete in gewohnter Weise neben schönen alten Wörtern (Gastereien, Kawentsmann) auch heftige Worte gegen die Mitdiskutantinnen (»Das halte ich für absoluten Quatsch!«), doch ließ man das so stehen ohne in Bauerntheater oder Twittergekeife zu verfallen.

Die Vier zeigten, wie man differenziert und angemessen über Bücher sprechen kann, wie man bunter wird, wie man Service-Charakter für eine kleine Zielgruppe bietet, ohne elitär und abgehoben zu sein.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 26.02.2021 besprochenen Bücher:

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