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Startseite Literarisches Leben Das Literarische Quartett im Oktober 2020: Wer verführen will, der kocht Kartoffelsuppe

Das Literarische Quartett im Oktober 2020: Wer verführen will, der kocht Kartoffelsuppe

Die Besetzung des Literarischen Quartetts vom 09.10.2020: Thea Dorn, Bernhard Schlink, Sibylle Lewitscharoff und Juli Zeh. (Foto: ZDF/Jule Roehr)
Die Besetzung des Literarischen Quartetts vom 09.10.2020: Thea Dorn, Bernhard Schlink, Sibylle Lewitscharoff und Juli Zeh. (Foto: ZDF/Jule Roehr)

Gerne hätte der langjährige Rezensent des Literarischen Quartetts dieses als Podcast beim Joggen gehört. Doch leider wird dieser offenbar bewusst verzögert ausgeliefert. Also fährt der Rezensent eine Runde Mario Kart mit Thea Dorn und ihren Gästen.

Die Podcast-Neuerung wurde zur letzten Folge angekündigt, doch scheint es so angelegt zu sein, dass die Sendung am Freitag im ZDF ausgestrahlt wird und erst im Laufe des Montags vom Deutschlandfunk als Audio-Podcast bereitgestellt wird.

Hoffen auf »möglichst viele«?

Bild im Bild auf dem Smartphone: Thea und Mario
Bild im Bild auf dem Smartphone: Thea und Mario

Das ist schade, denn zum einen verliert das Literarische Quartett nichts, wenn man es nur hört (Mit der Ausnahme, dass auch diesmal Monika Köpfer als Übersetzerin nicht genannt wurde. Es wäre schön, wenn das ZDF dies künftig z. B. in der ersten Kurzvorstellung der Titel durch Thea Dorn mit einbaut.), zum anderen könnte man einfacher nebenher andere Dinge tun. Nunja, zumindest kann man die Folge am Sonntagmorgen im Bett mit dem iPhone schauen und dank des neuen Bild-im-Bild-Modus nebenher den neuen Mario-Kart-Cup fahren.

Offenbar gibt es diese Zeitverzögerung, damit möglichst viele die Sendung übers Wochenende in der ZDF-Mediathek schauen, soweit man auf »möglichst viele« hoffen kann. Solche künstlichen Format-Verzögerungen haben in der Vergangenheit selten funktioniert.

Das Verschwinden der Krawall-Vorgabe

Was die Sendung vom Oktober 2020 und die Diskussion angeht, so muss man das festhalten, was bereits für die vergangene Sendung galt: Die Moderation durch Thea Dorn, die nun drei wechselnden Gäste, das Verschwinden der Krawall- und Streit-Vorgabe und das Covid-bedingt fehlende Publikum haben aus dem Literarischen Quartett eine gute Literatursendung werden lassen, deren Gespräch man gerne und mit Interesse zuhört. Man braucht keine Aufreger und Knalleffekte, keinen Konflikt.

Der wäre diesmal gleich beim ersten Buch gegeben gewesen: Monika Maron und ihr Buch »Artur Lanz«. Und dazu noch die schwäbisch-grantelnde und ebenfalls kein Blatt vor den Mund nehmende Sibylle Lewitscharoff unter den Gästen. Eskalation garantiert!

Aber nein! Thea Dorn konstatierte, dass wie ein Torero dem Stier mit dem roten Tuch hier Monika Maron mit ihrem Text wedelt, um so ziemlich alles zu provozieren, was bei sprachlich und gedanklich sensiblen und aufmerksamen Menschen so möglich ist. Doch gerade das Quartett machte das nicht und redet über das Buch wie über ein Buch – ausgewogen mit Lob und Kritik.

99,9 Prozent ohne Glück

Schon der Einstieg in die Sendung war ehrlich und gelungen, indem auch Thea Dorn gestand, dass sie »zu den 99,9 Prozent der Menschen« gehöre, die zuvor noch nie etwas von der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück gehört hatten. Ähnlich erfrischend ehrlich waren auch Ijoma Mangold und Volker Weidermann. Wenngleich Dorn natürlich – wie jede und jeder, der etwas auf sich hält – die Preisträgerin »Glick« aussprach, allerdings nicht ohne das ebenfalls obligatorische Wortspiel.

Von außen betrachtend erwähnte Dorn, dass eine Zeitung die Lyrikerin lobte, eine andere Kitsch der Alarmstufe rot attestierte. Dorn las dann eines der glückschen Gedichte, das wahrlich mehr nach gymnasiale Literatur-AG als nach Literaturnobelpreis klang. Aber es war ja nur eines. Hoffen wir, dass all die anderen preiswürdig sind.

Nachtrag zu Louise Glück: Einen sehr lesenswerten, anderen und differenzierteren Blick auf die Lyrik der Nobelpreisträgerin wirft deren Übersetzerin Ulrike Draesner auf zeit.de: »Die Verzweiflung der Schneeglöckchen«. Ein absoluter Lesetipp!

Juli Zeh und Bernhard Schlink saßen diesmal ebenfalls mit in der Runde und zwischen allen entspannten sich angenehme und erhellende Gespräche über die vorgestellten Bücher. Sibylle Lewitscharoff brachte schöne Sätze (»Wer verführen will, der kocht Kartoffelsuppe«) und schwäbisch intonierte »Kackwürtschle« wurden in die literarische Diskussion gebracht.

Es war wieder gut. Mehr ist nicht mehr zu sagen. Oder doch? In den Kommentaren unten wäre Platz.

Wolfgang Tischer

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 09.10.2020 besprochenen Bücher:

6 Kommentare

  1. Mit Juli Zeh, Sibylle Lewitscharoff und
    Bernhard Schlink war das Literarische Quartett zweifellos hochkarätig besetzt.
    Dies gilt auch für die besprochenen Bücher.
    Ärgerlich erneut die Moderatorin Thea Dorn, sicherlich hochbelesen und klug, aber leider in ihrer Art einmal mehr künstlich, affektiert, besserwisserisch, wichtugtuerisch.
    Schade.

    • Genauso habe ich es empfunden. Um es noch deutlicher zu sagen: Thea Dorn hat mich so verärgert, dass mir die Lust auf weitere Sendungen mit ihr vergangen ist. Ihre undifferenzierte, stimmlich akzentuierte und pauschale Abwertung der Lyrik von Frau Glück, von der sie uns – ins Deutsche übersetzt! – ein einziges ihrer Gedichte vorlas, empfand ich geradezu als Herausforderung. Da wurde mir mit erhobenem Zeigefinger verkündet, lies bloß nichts von dieser Person! Wie wohl die meisten von uns, war mir die Autorin nicht bekannt, aber auf diese Weise möchte ich keine/n Lyriker/in Autor/in vorgestellt bekommen.
      Saint Exupéry: Ein Gedicht muss man sich erarbeiten, wie man einen Berg erklimmt. Frau Dorn ist für mich dabei abgestürzt,

      • Volle Übereinstimmung mit Frau Noack.
        Frau Dorn,die zuvor bekannt hat, die Gedichte von Louise Glück nicht zu kennen, ist dann gleichwohl mit einem schnellen Urteil bei der Hand. Das hat mir seriöser Literaturkritik nicht viel zu tun.
        Und warum sollte eigentlich nur Lyrik und Literatur überhaupt etwas taugen, die sich in ein (nebulös apostrophiertes) “Diskursgetümmel” stürzt?
        Da vertraue ich dann doch lieber auf einen eigenen kritischen Blick, den ich mir in langsamer Betrachtung erarbeiten möchte, sowie z.B. auf den sehr aufschlussreichen Beitrag der Übersetzerin von Louise Glück, Ulrike Draesner. Und dann wird man vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass Louise Glücks Lyrik engagierter und diskursive ist als so manches bemühte Diskursgetümmel-Literatur.

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