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Das Beste kommt auch hier erst nachts: Die Frankfurter Buchmesse »Special Edition« im Selbstversuch

Auf der virtuellen Messe ist man viel allein: Warten auf Einlass
Auf der virtuellen Buchmesse ist man viel allein: Warten auf Einlass

Vieles ist 2020 ausgefallen. Die erstaunlichste Kommunikationsleistung hat jedoch die Frankfurter Buchmesse geschafft: Niemand redet von einer ausgefallenen Buchmesse. Stattdessen wird eine Ansammlung von Livestreams, Zoom-Konferenzen und eine unübersichtliche Website als »Buchmesse ›Special Edition‹« bezeichnet. Wie war die digitale Messe? Ein virtueller Rundgang am Messefreitag, der wie immer erst nachts gut wurde.

Alle reden von der Buchmesse, die es nicht gibt

Die Frankfurter Buchmesse habe ich sicherlich über 25 Mal besucht. Doch man sieht eigentlich immer nur »seine« Buchmesse: Termine, die man macht, und Menschen, denen man einmal im Jahr nur hier zufällig auf den Gängen begegnet. Schon seit einigen Jahren habe ich die festen Termine zugunsten der Zufallsbegegnungen reduziert. Fragen wie »Wie war die Messe?« oder gar »Was gab es Neues?« konnte ich nie so richtig beantworten. Denn es war ja nur »meine« Messe. Verleger, Autoren, Literaturagentinnen, sie alle erleben »ihre« Buchmesse.

Das Hin-und-Her um die Frankfurter Buchmesse war groß. Schon früh wunderte ich mich, dass sie in diesem Jahr nicht abgesagt wird, dann sollte sie doch stattfinden, obwohl fast alle großen Verlage ihre Teilnahme abgesagt hatten und am Ende war klar, was längst hätte passieren müssen: Die Messe wurde abgesagt.

Doch nein! Die Messe wurde nicht abgesagt. Es war das kommunikative Kunststück des Frankfurter Messe-Teams, dass nie von einer Absage die Rede war. Natürlich findet die Frankfurter Buchmesse 2020 wie gewohnt im Oktober statt. Lediglich die Präsenzveranstaltung in den Messehallen gibt es nicht. Heute nennt man sowas »Narrativ« oder »Framing«: Alle sprachen vom 14. bis 18. Oktober 2020 von der Frankfurter Buchmesse. Ja, es sei schon schade, dass man sich nicht persönlich in Frankfurt trifft. Aber dann eben nächstes Jahr wieder, und einmal keine wundgelaufenen Füße und Messeerkältung. Ist doch auch ganz schön.

Alles frei, alles umsonst – alles digital

Stattdessen also alles digital. »Frankfurter Buchmesse ›Special Edition‹« nannte sich das Ganze. Man konnte sich auch hier als Aussteller anmelden, konnte Veranstaltungen in den Messekalender eintragen. Alles frei, alles umsonst, auch für die Besucher.

Normalerweise stehe ich in Frankfurt auf der Bühne, in diesem Jahr also auch alles digital. Denn dabei sein sollte das literaturcafe.de schon.

Bedauerlich nur, dass so viele Verlage auch bei der digitalen Messe nicht mitmachten. Viele inszenierten ihre eigene Form der Buchmesse und waren im Kalender der Messe nicht zu finden.

Am Messefreitag, dem 16. Oktober 2020, mache ich dann den Selbstversuch. Ich gehe einen Tag von zuhause aus auf die virtuelle Messe.

Selbstversuch am Messe-Freitag: Was ist jetzt los?

Das größte Problem steht gleich am Anfang: Die Website der Frankfurter Buchmesse. Das Team der Frankfurter Buchmesse dürfte es in den letzten Wochen und Monaten wahrlich nicht leicht gehabt haben, doch leider hat man keine Website geschaffen, die die digitale Messe auch nur annähernd abbildet. Das erstaunt mich doch sehr, denn schließlich sollte die Organisation und Präsentation der digitalen Messe doch die Kernkompetenz der Messe sein. Auf der Website findet sich nichts davon. Man muss sich durch unzählige Unterpunkte hangeln, um Veranstaltungen zu suchen. Einiges – wie die ARD-Buchmessenbühne – wird prominent hervorgehoben. Aber wo finden gerade kleine Fachveranstaltungen statt? In irgendeinem Untermenü finde ich sie, aber oftmals um festzustellen, dass jetzt ab 11 Uhr gerade nichts stattfindet. Es ist Freitag und dennoch beginnen die Listen immer noch am Mittwoch und ich muss mich durch die Listen scrollen.

Auf der Startseite fehlt der simple Link: Was jetzt gerade läuft. Nicht einmal im Veranstaltungskalender gibt es diese Funktion. Ich muss erst mal Datum und Uhrzeit wählen, anstatt einfach »jetzt« anklicken zu können.

Überhaupt ist der Veranstaltungskalender sehr rudimentär und unübersichtlich und im Grunde genommen nur eine Linksammlung. Denn die technische Basis besorgen die Aussteller meist selbst und die heißt in der Regel Zoom oder YouTube. Einiges kann ich direkt anklicken, anderes ist nur nach Registrierung möglich.

Also schaue ich erst einmal bei der prominent platzierten ARD-Buchmessenbühne vorbei. Die wurde diesmal in der riesigen Festhalle aufgebaut in der Hoffnung, dass an den verstreuten Tischen zumindest einige Zuschauer Platz finden. Doch am Montag vor der Messe wird angesichts der steigenden Zahl von Corona-Infizierten auch die Bühne ohne Zuschauer auskommen müssen.

Die gleichen Fragen, die gleichen Antworten

Da sitzt also an diesem Morgen Denis Scheck und stellt für ihn herausragende Bücher vor. Kann man immer wieder hören. Anschließend interviewt Scheck seinen Freund Heinrich Steinfest und es amüsiert mich, dass sie sich auf der Bühne duzen und sich wahrscheinlich Fragen stellen, die sie sich schon unzählige Male auf so vielen Bühnen gestellt haben.

Denn auch das wird durch das Digitale offensichtlich: Viele(s) hat man schon bei anderen virtuellen Veranstaltungen gesehen. Klaus Brinkbäumer mit seinem USA-Buch? Letzte Woche schon bei Zeit online gesehen. Jan Böhmermann? Schon vier oder fünfmal in anderen Sendungen gesehen.

Auf der realen Messe komme ich eher zufällig an den ganzen Bühnen von ARD, FAZ, Zeit, Spiegel, Arte und 3sat vorbei und bleibe manchmal stehen. Doch durch das Digitale sind alle Bühnen mehr oder weniger gleichzeitig verfügbar. Es wird einem bewusst, wie sehr sich die mediale Berichterstattung immer wieder auf die gleichen nur 20 bis 30 Titel fokussiert. Für einige der Autorinnen und Autoren könnte ich mittlerweile einspringen, da ich ihre Antworten schon kenne, weil sie sich natürlich auch nicht für jeden Interviewpartner Neues ausdenken und weil diese auch immer die gleichen Fragen stellen.

Bei den Konferenzen fehlt das Beste

Am Nachmittag begebe ich mich daher einmal in den Bereich der Fachkonferenzen. Hier ist es, wie auch auf realen Konferenzen: Oftmals unglaublich banale Vorträge, oftmals auch vor der Webcam abgelesene Vorträge. Und alles im gewohnten Wohnzimmer-Look von Zoom. Bei echten Konferenzen verlasse ich meist schnell den Konferenzraum, weil es die besseren Gespräche in der Lobby gibt. Hier klicke ich auch schnell weg. Aber es gibt die Lobby nicht. Vieles, wie z. B. eine Veranstaltung des Gastlandes Kanada über den dortigen Buchmarkt, höre ich nur mit einem Ohr. Oftmals bin ich nur dabei, um zu sehen, wie Technik und Rückkanal organisiert sind. Jeder kocht hier mit Wasser.

Für den Abend dann habe ich mich für »The Hof« angemeldet (Ich muss zugeben, dass ich dabei ständig an »The Hoff« denke), einem »Networking-Event« dass die abendlichen Gespräche im Frankfurter Hof digital nachbilden soll. Abends in den Hotels und auf den Messe-Partys finden ja angeblich immer die wirklich wichtigen und guten Begegnungen der Messe statt.

Die digitale Ersatz-Party: The Hof

Um 22 Uhr geht es los. »Gehostet« wird der Abend vom Journalisten Felix Zeltner, der in New York sitzt. Keynote-Speaker des Abends ist Buchmesse-Urgestein und »Publishing Perspektives«-Chefredakteur Porter Anderson. An die 50 Menschen sind bei Zoom dabei. Es gibt sogar Live-Musik. Der simulierte Abend an der Hotelbar dauert nur rund eine Stunde. Er beginnt mit einer kurzen Meditation einer Yoga-Lehrerin. Augen schließen, tief einatmen und sich vorstellen, man wäre in einer Messehalle. Zum Abschluss dann wird man zweimal mit kleineren Gruppen in sogenannten »Break-Out-Sessions« zusammengewürfelt. Davor, so stelle ich fest, verlassen viele fluchtartig die digitale Zusammenkunft. So nah wollen sich einige offenbar dann auch digital nicht kommen. Ich finde es amüsant, bin beim zweiten Mal in einem Raum mit einem Verleger aus Bangladesch, einer Agentin in London und Verlagsmitarbeiterinnen in Australien und Moskau und zwei Besuchern aus den USA. Das ist ganz amüsant, wenngleich man sich nicht wirklich kennenlernt. Digitaler Smalltalk eben, und auf einmal habe ich doch so ein Gefühl von »Internationaler Buchmesse«. Es ist fast schon rührend, wie der ältere Kleinverleger aus den USA sich darüber freut, dass das hier seine erste Frankfurter Buchmesse sei und er die digitalen Möglichkeiten ganz toll findet. Danke, Frankfurt!

So endet also auch der digitale Messetag mit der besten Veranstaltungen erst nachts.

Und alle beteuern wir uns zum Abschied in bester Smalltalk-Manier, dass wir uns dann nächstes Jahr hoffentlich alle real in Frankfurt treffen.

Wolfgang Tischer

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