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Der Roman »Hard Land«: Dancing with my Wells!

Der Roman »Hard Land« von Benedict Wells mit einem Musikabspielgerät aus den 1980er-Jahren
Der Roman »Hard Land« von Benedict Wells mit einem Musikabspielgerät aus den 1980er-Jahren

»Hard Land«, der neue Roman von Benedict Wells, wirkt so, als habe ihn ein Schreibroboter verfasst. Selten wurde ein Buch so uninspiriert, so tot und so vorhersehbar ins Herz von Instagram geschrieben. Ein garantierter Bestseller.

Wie die Fliesenausstellung im Baumarkt

Dass in diesem Roman nichts lebe, nichts echt und alles nur geklaut sei, kann man eigentlich gar nicht behaupten. Doch beim Lesen hat man den Eindruck, jeden Satz schon einmal anderswo besser, origineller und das erste Mal gelesen zu haben.

»Hard Land« wirkt wie die Fliesenausstellung im gehobenen Baumarkt. Jeder Quadratmeter ein Muster für etwas größeres Ganzes und in seiner Gänze dennoch künstlich. Jeder Quadratmeter ausgelegt, um zu gefallen, um die Illusion zu erzeugen, dass man im eigenen wohlig gewärmten Bad stehe und Hits aus den 80ern trällert.

Ein Roman wie Formatradio mit dem Besten aus den 80ern und dem Besten von heute. Ein Roman, von dem die Leser:innen sagen werden,  »er hat mich berührt«.

Exemplarisch für die Größe von »Hard Land« aber auch für die Einfallslosigkeit ist der erste Satz des Romans, der da lautet:

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.

Ein großartiger erster Satz. Er macht durch seine Gegensätze neugierig. In diesem Satz liegt der ganze Roman, liegen die ganzen folgenden 337 Seiten. Allein das »In diesem Sommer« lässt Sehnsucht und Erinnerung an selbst Erlebtes aufkommen. Der Teppich für eine ganz große berührende Geschichte ist ausgelegt.

Nicht geklaut, nur »mitgenommen«

Aber auch: ein abgegriffener und verbrauchter Satz. Hat man ihn nicht schon Dutzende Male irgendwo anders gelesen? Kann man nicht jeden Roman auf solch einen Einleitungssatz bringen? In diesem Sommer lernte ich schwimmen, und mein Vater flog zum Mond. In diesem Sommer starb meine Katze, und ich lernte Miriam kennen. In diesem Sommer studierte ich, und ich schloss einen Pakt mit dem Teufel. In diesem Sommer verliebte ich mich, und ich fuhr in einem Lada durch ein Maisfeld.

Und: Tatsächlich ist der Satz geklaut – oder vielmehr »mitgenommen«. Das gibt Benedict Wells im Nachwort zu. Der Satz ist im Original von Charles Simmons aus dem Roman Salzwasser von 1999.

Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.

»Ich hoffe, es wird mir verziehen«, schreibt Wells. Aber natürlich. Das macht den Autor (Jahrgang 1984) doch umso sympathischer und nahbarer, wenn er indirekt zugibt, dass er kein Meister des ersten Satzes sei.

Genauso wie der erste Satz ist der ganze Roman.

Wir befinden uns in der amerikanischen Provinz, in der Kleinstadt Grady, wir sind in den 1980ern. Für Sam ist die Schulzeit bald vorbei, dann wird er und dann werden alle anderen in seinem Alter raus aus der muffig-verklemmten Enge in die weite Welt gehen. Alles wird anders werden nach diesem Sommer. Aber davor wird Sam sich verlieben und seine Mutter sterben.

Benedict Wells komponiert alles perfekt. Er lässt Sam einen Aushilfsjob im örtlichen Provinzkino annehmen, was dem Autor die Möglichkeit gibt, viele Filme der 80er und der Jahre davor zu referenzieren. Sam lernt Gitarre, und nicht nur das eröffnet die Möglichkeit, viele Songs und Hits aus dieser Zeit zu referenzieren. Bei der Beerdigung seiner Mutter wird er schließlich zur Verwunderung aller vor dem Altar mit seiner Gitarre den Billy-Idol-Song »Dancing with myself« schreien. Welch ein Bild, welch eine Symbolkraft. Und irgendwie auch eine Referenz an Marty McFlys Gitarrenauftritt aus dem 80er-Film »Zurück in die Zukunft«. Alles ist hier dicht gepackt. Was ist noch Referenz, was ist »mitgenommen«? Dancing with my Wells!

Alles in diesem Roman hat man an anderer Stelle schon einmal in einem anderen Buch gelesen, in einem anderen Film gesehen. Mitunter hat man den Eindruck, man liest mit »Hard Land« einen Roman, dessen Verfilmung man schon längst gesehen hat.

Konservativ und mit dem Besten von heute

Einen Roman in die 1980er zu verlegen, ist ebenfalls nicht originell. Einige aktuelle Werke junger Autor:innen wie z. B. Cloris gehen diesen Weg. Denn nur dort, in einer Zeit ohne Smartphone, WhatsApp und Social Media, kann man Geschichten von Sehnsüchten und Veränderungen noch unbefangen erzählen. Man könnte auch »konservativ« sagen.

Man muss es eigentlich ebenfalls nicht sagen, dass dieser Roman zur Gattung des »Coming-of-Age« gehört. Aber der Roman macht es. In »Hard Land« wird das Genre selbst erklärt. Er ist seine eigene Lektürehilfe, indem die Schüler im letzten Schuljahr einen Gedichtzyklus des einzigen bekannteren Schriftstellers aus Grady interpretieren müssen. Dieser Zyklus trägt ebenfalls den Titel »Hard Land«, was wieder einer der bemerkenswert gekonnten Kniffs von Benedict Wells ist.

In Bildern und Situationen, doch nie in der Sprache gleitet Wells in Kitsch ab. Und indem er auch schwarze, schwule und queere Charaktere auftreten lässt, mischt der Autor das Beste von heute in den Text. Die Zielgruppe wird es lieben, wird tief berührt aus der Technikschublade der Eltern den Walkman rauskramen und neben dem Buch fotografiert auf Instagram in eine weitere quadratische Fliesenform bringen.

Nein, das Buch wurde nicht von einem Schreibroboter geschrieben, es scheint vielmehr so, als habe Benedict Wells mit »Hard Land« die Bestsellerformel entdeckt.

Wolfgang Tischer

Benedict Wells: Hard Land: Roman. Gebundene Ausgabe. 2021. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257071481. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
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Benedict Wells: Hard Land – Hat der Autor die Bestsellerformel entdeckt?

Benedict Wells: Hard Land – Hat der Autor die Bestsellerformel entdeckt?

11 Kommentare

  1. Spannend spannend, wie man den vielleicht ähnlichen Inhalt in ganz anderen Worten und auch ganz anders ausdrücken kann,aber das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen uns!
    Ich habe das Buch gestern ausgelesen, erscheinen wird meine Besprechung nächste Woche im „Literaturgeflüster“ und ich habe damit begonnen, daß ich nicht ganz sicher bin, ob das jetzt das beste Buch ist, das ich in diesem Jahr gelesen habe und, daß ich es mir auf die deutsche Buchpreisliste wünsche!
    Dann habe ich dazu geschrieben, daß ich nicht ganz sicher bin, ob es nicht vielleicht ein wenig kitschig oder als zu konstruiert empfunden werden könnte und dann gleich, das ist der beste erste Satz, den ich gelesen habe.
    Dann habe ich nachgegooglet, ob es eine William Morris und einen George Simmons mit einem Roman namens „Salzwasser“ gegeben hat, beide Namen waren mir unbekannt und während des Lesens war ich die ganze Zeit unsicher, ob das Buch wirklich in den Achtzigerjahren spielt?
    Ich wurde 1953 geboren und habe 1984 meine Tochter Anna bekommen und empfinde diese Zeit immer noch als sehr produktiv und fortschrittlich, aber diese Coming of age-Geschichte erschien mir sehr retro und ich dachte, die ganze Zeit an die fünfziger oder sechziger Jahre.
    Der Salinger wird glaube ich darin auch erwähnt und natürlich ist das Buch gut konstruiert und natürlich könnte man denken, alles schon gelesen, der Salinger hat sein Coming of age, glaube ich in den Fünfzigerjahren beschrieben.
    Trotzdem oder gerade ist es ein verdammt gut geschriebenes Buch, auch wenn es wirklich am Computer konstruiert geworden ist. Auf diese Idee bin ich nicht gekommen, dazu bin ich wahrscheinlich zu naiv, habe mir aber gedacht, ich bin gespannt, was die Rezensenten dazu meinen?
    Die bei Amazon sind bis jetzt begeistert, Wolfgang Tischer wieder kritisch, jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht und wo wir das Buch noch überall finden werden?
    Den „Fänger im Roggen“ würde ich denen, die es noch nicht gelesen habe, auf jeden Fall empfehlen, dann auch die „Glasglocke“ und vielleicht auch das „Hasenherz“ von John Updicke, also seien wir gespannt!

  2. Kleine Ergänzung: „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten Mondlandung, nahm meine Mutter sich das Leben.“ ist der erste Satz von dem ebenso lesenswerten Roman „Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk, der es schafft die Handlung in Deutschland spielen zu lassen…

  3. Hab ich auch gelesen und wir wissen jetzt, wie wir in zukunft unsere Romane beginnen, damit wir den besten ersten Satz Test bestehen!
    Ich denke, das Buch und das, das ich gerade ausgelesen habe, „Die Erfindung der Sprache“, drücken wahrscheinlich sehr schön das Dilemma oder den Zustand, in dem sich die Autoren, die mit ihren Romanen berühmt und gelesen werden wollen, befinden!
    Denn es wurde ja schon so viel geschrieben, so viele Coming of Age-Romane, so viele schöne erste Sätze, etcetera!
    Angst ist jetzt offenbar Corona bedingt das große Thema, die schöne Sprache und die literarischen Anspielungen und natürlich muß es spannend zgeschrieben sein, damit sich die Leser die drei- vierhundert Seiten auch antun!

  4. Ich mag es sehr, dieses „Hard Land“, und es ist mir egal, wenn es am Computer entstanden ist. Vielleicht werden in Zukunft alle Bücher so geschrieben. Mich führt das Buch zusätzlich zum Genuss des Lesens zu Erkenntnissen über meine Jugend, die sonst vielleicht für immer für mich verloren gewesen wären.

    Könnte es sein, dass ältere und „studierte“ Autoren diesem jungen Spund, der ohne Umwege schon zu Schulzeiten seine ersten Romane plante, den Erfolg neiden? Das muss man ja als Kollege aushalten, was der so liefert. Und noch ist er nicht einmal 40 Jahre alt. Was schreibt der erst in 20 oder 30 Jahren? Ich bin gespannt auf weitere Literatur von Benedict Wells und wünsche ihm viel Erfolg dabei.

  5. Richtig, siebenunddreißig Jahre ist nicht mehr jung und der Roman ist, glaube ich, sehr gut, wenn er auch vieles enthält, was man wohl schon woanders gelesen hat, was heutzutage auch nicht mehr möglich ist, etwas völlig Neues zu schreiben und am Computer wurde er wohl nicht wirklich geschrieben, zumindestens wahrscheinlich nicht so, wie es Daniel Kehlmann in seinem Experment beschreibt, trotzdem Salinger, lesen wenn man es noch nicht gemacht hat!

  6. Das Buch „Salzwasser“ ist übrigens von Charles Simmons, wie Benedict Wells selbst auf Seite 285 schreibt und wurde dort bereits Turgenews „Erste Liebe“ entlehnt. Benedict Wells eine kleine Hommage übelzunehmen und dann auch noch den Autor falsch widerzugeben, wirkt wie die gesamte Rezension schlicht missgünstig. Zu Unrecht! „Hard Land“ ist ein wunderbarer Roman.

    • Danke, für den Hinweis. Natürlich »Charles«. Ich habe das im Text korrigiert. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Sie dann bedauerlicherweise aufgehört haben, die Rezension zu lesen, da Sie jetzt mit falschen Behauptungen arbeiten, die sie danach windmühlenartig bekämpfen, um die Kritik (und eigentlich den Kritiker) zu diskreditieren. Dabei besteht dazu kein Anlass. Dass Wells die Quelle des ersten Satzes im Nachwort benennt, habe ich als sympathisch bezeichnet. Wer sollte es ihm übel nehmen? Umgekehrt nehme ich es Ihnen nicht übel, dass Sie einer Kritik, die Sie selbst nicht teilen, Missgunst unterstellen. Das passiert oft. Das ist nicht originell, das ist quasi Kritikerkritikstandard. Was natürlich sehr schön analog auf die Wells-Beurteilung zurückführt. (wt)

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