Das Literarische Quartett: »Soll ich auch ’ne Meinung haben?«

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Und Handke hinter allen: Das Literarische Quartett vom 18.10.2019 (Foto: ZDF)
Und Handke hinter allen: Das Literarische Quartett vom 18.10.2019 (Foto: ZDF)

In der kommenden Sendung am 6. Dezember 2019 wird Matthias Brandt zu Gast sein. »Wer dann nicht zuguckt, ist blöd«, sagte Volker Weidermann am Ende der Sendung vom 18. Oktober 2019. Gast war die Autorin Sibylle Berg. War man auch diesmal blöd, wenn man die Sendung nicht gesehen hat? [mit Nachtrag]

Am Anfang standen Peter Handke und die Frage von Volker Weidermann, die vielerorts und gerade auf der Frankfurter Buchmesse diskutiert wird: Darf man Peter Handke den Literaturnobelpreis verleihen? Kann man den Autor Handke von der offenbar politisch verwirrten Person trennen, die während der Jugoslawienkriege trotzig Partei für die Serben ergriff, Verbrechen verharmloste und die auf der Beerdigung des als Kriegsverbrecher wegen Völkermords angeklagten Slobodan Milošević eine Rede hielt? Angefacht wurde die Diskussion von dem aus Bosnien und Herzegowina stammenden Träger des Deutschen Buchpreises Saša Stanišić, der am vergangenen Montag seine Dankesrede dazu nutzte, gegen die Nobelpreisvergabe an Handke zu wettern: »Er [Handke] erwähnt die Opfer nicht. Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert so was, dass so was prämiert wird.«

Es geht um die alte Frage, ob man die Person und das Verhalten des Künstlers von seinem Werk trennen kann. Thea Dorn lobte das Werk, Volker Weidermann gestand ein, dass er zwar unmittelbar nach der schwedischen Preisverkündung auf Spiegel Online schrieb, dass der Preis für Handke in Ordnung sei, dass er jedoch nach Stanišić’ Rede beschämt gewesen sei, wie einfach sein eigenes (weidermannsches) Urteil gewesen sei.

Mit der Frage »Soll ich auch ’ne Meinung haben?« tat Sibylle Berg dass, was die meisten tun sollten, die in diesen Tagen mitdiskutieren, denn sie gestand: »Ich hab’ keine Meinung.« Sie kenne das Werk Handkes zu wenig. Sie folge eher den Menschen wie Stanišić, die es betreffe und die es erlebt haben, sie selbst wisse vieles nur aus dritter Hand. Handke wirke auf sie persönlich wie ein »schlecht gealterter Pop-Literat«, weil sie Handkes Spätwerk für »Unerträglich« halte. Das sei aber ihre Privatmeinung.

Christine Westermann merkte völlig zu Recht an, dass in der ganzen Diskussion leider das ausgezeichnete Buch »Herkunft« von Saša Stanišić etwas untergehe.

Der Name Olga Tokarczuk, die in diesem Jahr den Literaturnobelpreis für 2018 nachträglich zugesprochen bekam, fiel im Quartett nicht.

Die Ausgabe des Literarischen Quartetts vom 18. Oktober 2019 kam diesmal nicht aus dem Foyer des Berliner Ensembles, sondern wurde am 17. Oktober direkt in der Messehalle 3 der Frankfurter Buchmesse aufgezeichnet. Dort steht normalerweise das Blaue Sofa, auf dem während der Messe Autorengespräche im Halbstundentakt geführt werden. Das Sofa wurde für das Quartett beiseite geräumt (es steht ja für eine längst vergangene Literatursendung) und durch vier Sessel ersetzt. Der Raum war groß, die Akustik hallig und auch der Fernsehton war vom beständigen Grundrauschen der Messehallen durchsetzt. Man fühlte sich daher beim Anhören und Anschauen der Sendung mit dem ständigen Wechsel der Kameraperspektiven und -fahrten selbst wie ein Messebesucher, der nicht wirklich Zeit und Muße hat, sich im Vorbeigehen dieser Bühnendiskussion so ganz zu widmen, denn schließlich gibt es in den Hallen noch so viel zu sehen. Eigentlich hat man Zeit und Muße gar nicht.

Nichts Neues ist über den Stil der Diskussion zu sagen als das, was an dieser Stelle nicht schon in den vielen Besprechungen der Sendungen zuvor gesagt wurde: Frau Dorn redete in dieser Sendung besonders gern und viel, die üblichen »Ich-finde-Meinungen« wurden von allen in den Raum gestellt, und es wurde oft widersprochen. Es wurde wie üblich mehr gegeneinander geredet als über die Bücher.

Und wie immer wurden Christine Westermann und ihre Buchauswahl von den anderen niedergemacht. Dabei, so konnte man denken, hatte sie diesmal sicherlich nichts falsch gemacht, indem sie das Werk »Winterbienen« von Norbert Scheuer ausgewählt hatte. Ein Buch aus dem ehrwürdigen C. H. Beck Verlag, das immerhin neben »Herkunft« auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. Aber nichts da, das Buch und Westermanns Wahl wurden niedergeredet. Dorn und Westermann stritten (»Aber Thea!«). Nur Sibylle Berg wollte »versuchen, freundlich zu sein«, denn was sie bei der Zusage zur Sendung nicht bedachte habe, sei, dass sie als Schriftstellerin über die Bücher anderer urteilen müsse und sie es eigentlich »scheiße finde«, wenn Autoren über Autoren reden. Sie habe sich beim Lesen des Scheuer-Romans unglaublich gelangweilt und frage sich, wie so ein Buch offenbar eines der besten der Saison sein könne. Wir würden uns, so Berg, in unfassbar stürmischen Zeiten bewegen und dann schreibe jemand wie Scheuer wieder einmal einen Roman, in dem im Nazi-Deutschland des Jahres 1944 ein Deutscher einen Juden rettet. Wenn das im Leben so oft geschehen wäre wie in den Büchern, hätte man keinen Holocaust gehabt, spitze es Berg zu.

Zum ersten Mal wurde in der Sendung mit »Sabrina« von Nick Drnaso eine Grafic-Novel besprochen (Berg: »Das ist ein Comic für Erwachsene«), die Berg deshalb ausgewählt zu haben schien, weil weniger Text gelesen werden musste, der übrigens – was in der Sendung nicht erwähnt wurde – von Karen Köhler und Daniel Beskos übersetzt wurde. Warum man aber dieses Buch lesen und anschauen sollte, konnten die Vier nicht vermitteln. Interessant war Thea Dorns Urteil über die Zeichnungen, die »ein bisschen so aussehen, wie diese Sicherheitskarten im Flieger«, piktogrammartig und seelenlos.

Nora Bossongs Roman »Schutzzone« fiel ebenfalls* durch. Berg: »Mir ging es schauderhaft.« Im Roman habe sie furchtbare Sätze mit Zettelchen markiert, die nun zahlreich und für die Kamera gut sichtbar im Buch steckten.

»Metropol« von Eugen Ruge – ebenfalls Deutscher-Buchpreis-Gewinner 2011 mit »In Zeiten des abnehmenden Lichts« – kam dann am Ende der Sendung überaus gut weg. Das übliche Ich-fand-Urteil von Weider- und Westermann lautetet zumindest übereinstimmend »unglaublich eindrucksvoll«.

Wir schreiten weiter. Zwei Tage geht die Messe noch. Mal sehen, was die Bühne am Nachbarstand bietet.

Wolfgang Tischer

* Nachtrag vom 21.10.2019:

Man hat mich völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass durch diesen Satz und speziell das Wort »ebenfalls« der Eindruck entsteht, dass »Sabrina« von Nick Drnaso in der Quartett-Diskussion nicht gut weggekommen sei. Das ist falsch! Tatsächlich wurde die Grafic Novel von allen Vieren gelobt. Das missverständliche »ebenfalls« im Satz wurde gestrichen.

Doch es waren der seltsame Schlusssatz der Sabrina-Diskussion (»Depressive Teletubbies auf hohem intellektuellem Niveau«), die negative Bewertung Thea Dorns der grafischen Umsetzung, die etwas unpassenden Bemerkungen zum Autor und Frau Westermanns (trotz des Lobes) nicht einordenbare Aussage, dass dies ihre erste aber wohl auch letzte Grafic Novel gewesen sei, die in der Gesamtschau nicht unbedingt dazu verleiten, motiviert zu diesem Buch zu greifen, zumal in weiten Strecken der Diskussion wieder einmal Handlung nacherzählt und Elemente des Schlusses gespoilert wurden. Jedoch wird der Rezensent die Kritik zum Anlass nehmen, Sabrina käuflich zu erwerben und sich das Buch näher anzuschauen.

Link ins Web:

Die in der Sendung vom 18.10.2019 besprochenen Bücher:

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