Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der fünften Runde (April '02 - Mai '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Anne Tyler eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Atemübungen«. Fischer Taschenbuch 10924. ISBN 3-596-10924-8. 8,45 EUR: Cover: Atemübungen

Sie verschloss den Umschlag, schrieb die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie hinunter an die Ecke und steckte ihn in den Briefkasten.

Der Umschlag
von Marianne Wolerts, 50825 Köln (Deutschand)

Er: "Wo ist mein Gras?"
Sie: "Woher soll ich denn wissen wo dein Gras ist?"
Er: "Es lag noch vor einer Stunde hier auf dem Schreibtisch?"
Sie: "Wo auf dem Tisch? Wahrscheinlich hast Du’s geraucht und nicht gemerkt!"
Er: "Boah, Scheiße, ich weiß es doch ganz genau, ich hatte es hier in einem großen Umschlag liegen, soviel kann ich gar nicht geraucht haben, ich hab‘s doch erst heute morgen gekauft."
Sie: "Welchen Umschlag, sag mir sofort was für ‘nen Umschlag du meinst?"
Er: "Na hier auf dem Tisch lag der Umschlag, hier ist er doch unter den Zeitungen– nein das ist er nicht, warum nimmst du ihn mir jetzt weg? Das ist meiner...was ist da drin?"
Sie: "Ach du lieber Himmel. Ich wußte, daß ich einen Fehler gemacht hab, ich wußte es, ich wußte es, scheiße, und ich hatte es mir doch so gut überlegt..............."
Er: "Was hast du? Was ist denn jetzt schon wieder los?"
Sie: "Wir müssen sofort hier weg!"
Er: "Wie, wir müssen hier weg?"
Sie: "Ja sofort, stell keine Fragen, pack deine Sachen"
Er: "Du machst mir Angst, erzähl mir sofort was passiert ist –Nein gib mir lieber den Umschlag! Los gib ihn her, ich will wissen was da drin ist!"

An das Polizeipräsidium
Ruhrstr. 27

17547 Bielefeld

Sehr geehrte Damen und Herren
Hiermit möchte ich meine Bewerbungsunterlagen zum Dienst als Polizeibeamtin einreichen....

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Erledigt
von Margret, Dingle, Co. Kerry (Irland)

Fast lautlos fällt der
folgenschwere Brief. Sie seufzt.
Daneben hebt ein Hund sein Bein.

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Die Rechnung ist aufgegangen
von Malte Bremer, 78056 VS-Schwenningen (Deutschand)

28 Wörter

Sie verschloss den Umschlag,
schrieb die Adresse drauf,
und bevor sie es
sich anders überlegen konnte,
ging sie hinunter an
die Ecke und steckte
ihn in den Briefkasten.


44 Silben

sie ver schloss den
um schlag, schrieb die
a dres se drauf,
und be vor sie
es sich an ders
ü ber le gen
konn te, ging sie
hi nun ter an
die E cke und
steckt te ihn in
den brief ka sten


44 Vokale, in trauter Harmonie

e a e au
e a e i
e u ie o
e ie e a
e i ie i
u o u e
e i ie i
e ie e a
e u ie o
e a e i
e a e ü


28 Wörter + 44 Silben (oder Vokale)=
72 Nichtvokale, in aufsteigender Folge

1 mal ch und 1 mal h und 1 mal m und 1 mal n und
2 mal ck und 2 mal f und 2 mal k und 2 mal ss und 2 mal v und
3 mal l und 3 mal sch und
4 mal b und 4 mal g und
5 mal t und
8 mal s und
9 mal d und 9 mal r und
13 mal n

Die Rechnung ist aufgegangen: wie gut, dass sie es sich nicht mehr anders hatte überlegen können!

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Großartig
von JeepCreep, 22765 Hamburg (Deutschand)

Sie verschloß den Umschlag...

("Großartig. Morgen abend wieder zur Ausstellung der Unbelehrbaren, der uneinsichtigen Denkmaschinen. Sie werden sich - wie immer - mit gefalteten Armen, häßlichen Socken und exotischen Zigarettenmarken ihre billigen Kassengestelle die Nase hochschieben und fernab mittendrin stehen. Man paßt sich an. Man muß es.")

..schrieb die Adresse drauf,...

("Sie werden sich streitbar machen, einander fremd sein, aber doch nicht frei. Man darf bloß nicht glauben, es sei ungezwungen. Sie werden gar nicht merken, wie verharrt sie sind - so wie sie es nie merken. Und danach schlurfen sie wankend nach Hause, ihre Klamotten stinken nach Rauch und am nächsten morgen gibt's Kaffee - schwarz.")

...und bevor sie es sich anders überlegen konnte,...

("Vielleicht muß es ja so sein. Was sind schon die Alternativen ? Es ist doch lange zu spät, der Weg wird sich nicht mehr großartig teilen, ein paar kleinere Verästelungen hie und da, die Dich letztenendes doch wieder auf den Hauptpfad zurückführen. Du wirst Dich kurz umschauen, um zu sehen was Du verpaßt hast und unbeirrt weiterziehen.")

...ging sie hinunter an die Ecke...

("Sie werden Dich mustern. Sei ganz duselbst, sei ganz natürlich und vor allen Dingen, sei streitbar. Breche aus aus dem Gefüge, das den Sinn hält, aber sei kontrolliert dabei; sonst bist Du das nächste Mal nicht mehr dabei. Sei anders, aber suche Dir Deine Andersartigkeit aus dem Katalog aus. Sag was Dir gefällt, aber benutze nicht die Worte, die daheim verboten waren.")

...und steckte ihn in den Briefkasten.

("Alles ist gedacht und das Filtrat niedergeschrieben. Nun gehen diese Zeilen auf die Reise. Vielleicht erreichen sie mich noch rechtzeitig, damit ich mich morgen an sie erinnern kann. Ich werde sie lesen, in mich hineinnickend schmunzeln und denken: 'Großartig.' ")

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Fundsache
von Heike Rau, 07318 Saalfeld (Deutschand)

Anna sitzt am Tisch in ihrer Küche und starrt entgeistert auf die schwarze Lederbrieftasche, die sie vor nicht einmal einer halben Stunde im Park gefunden hat. Sie öffnet sie schließlich und zählt einhundert Euro in kleinen Scheinen auf den Tisch. So ein Glück, gerade jetzt. Sie steht nämlich mal wieder kurz davor, ihren Dispo-Kredit in Anspruch nehmen zu müssen.
Aber sie entdeckt auch ein Foto von zwei kleinen Kindern, die mit ihrer Mutti an einem kleinen See stehen und Enten füttern. Jetzt ist Anna neugierig geworden; sie möchte wissen, wem diese Brieftasche gehört. Vorsichtig fischt sie den Ausweis heraus. Das Foto zeigt einen dunkelhaarigen Mann, der ihr auf Anhieb sympathisch ist. Die angegebene Adresse verrät ihr, dass er nicht aus dieser Gegend stammt. Vielleicht ist er beruflich unterwegs oder besucht Freunde hier. Anna überlegt, ob sie es wagen kann, das Geld einfach zu behalten. Aber das schlechte Gewissen regt sich. Vielleicht braucht er es, mit den zwei Kindern, ja genauso dringend, wie sie selbst.
Sie seufzt und steckt die Brieftasche schließlich in einen Briefumschlag, den sie aus einer Schublade geholt hat. Doch dann zögert sie, das Porto kostet auch Geld. Anna nimmt einen zehn Euro Schein aus der Brieftasche und ersetzt ihn durch einen gelben Memo-Zettel, auf den sie "Zehn Euro Finderlohn für mich" schreibt.
Sie verschließt den Umschlag, schreibt die Adresse drauf, und bevor sie es sich anders überlegen kann, geht sie hinunter an die Ecke und steckt ihn in den Briefkasten.

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