Drei Tage ist es eigentlich schon her, und dank der Nachrichtenagentur ddp hat eine ansehnliche Anzahl von Medien ihr Layout mit der Meldung ausgefüllt, wer die Gewinner des vergangenen Sonntags auf der lit.Cologne waren. Doch die Verleihung des »Deutschen Hörbuchpreises 2007« war ein Event, wie die Marketeers des WDR nicht unterließen zu betonen. Außerdem freut uns eines ganz besonders: Hörbücher waren 2006 das Medium mit den höchsten Zuwachsraten im deutschen Buchhandel, nämlich mit einem satten Plus von 17,2 % gegenüber 2005 (Quelle: Media Control GfK International). Damit das so bleibt und damit der Freudentaumel nicht vom Leipziger Buchmesse-Geklingel übertönt wird, weisen wir an dieser Stelle nochmal entschieden darauf hin: Es gibt famose unpopuläre Hörbücher!
Deutscher Hörbuchpreis 2007: Kostbares für auf die Ohren
Download- und Lesetipp: Gastarbeiter der Sprache
»Fremdwörter gehen als solche, und wenn sie hunderttausend Mal eingebürgert heißen, nie in Gut und Blut über. Ein Fremdwort bleibt immer ein Blendling ohne Zeugungskraft.«
Wer mag das gesagt haben? Goethe? Bastian Sick? Oder doch Adolf Hitler?
Buchhandel stellt Leser unter Generalverdacht
Die Musikindustrie hat ihr Image mit der Kampagne »Raubkopierer sind Verbrecher« bereits ruiniert. Durch Werbespots und Warnungen vor Kinofilmen und auf DVD wird dem ehrlichen Konsumenten unterstellt: »Auch du bist im Grunde genommen ein kriminelles Subjekt, wenn du nur die Gelegenheit dazu hättest! Wage es bloß nicht!« Das ist nicht gerade die Behandlung, die man als zahlender Kunde erwartet.
Nun schlägt auch der Buchhandel diesen Weg ein und stellt Buchleser unter Generalverdacht. Wie heise online berichtet, will die »Arbeitsgruppe Piraterie« des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels just auf der Leipziger Buchmesse darüber informieren »was beim Kopieren erlaubt und was nicht erlaubt ist«. Selbst vor dem unsinnigen Begriff »Piraterie« schreckt man dabei nicht zurück. Bereits vor einiger Zeit fiel der Börsenverein mit falschen Behauptungen unangenehm auf.
Gefunden im Rolling Stone: Plappern on demand
Ein Zug durch die Gemeinde der Stummler und Stammler
Zwischen Bastian Sick und Guidoknoppisierung, »Rund-Hairum«-Friseuren und »Lecker Kuttelsuppe«, »Gaspreis-Rebellen« und dem »Migrationshintergrund« erfasst Rolling-Stone-Autor MICHAEL RUDOLF in seinem kommenden Buch »Atmo. Bingo. Credo« die Schrecken der neuen deutschen Standort-Lingo. Einige erlebnisorientierte Beispiele in Dummgeschwätz für die Lexem-affine Zielgruppe samt Mitnahme-Effekten.
Vanity-Verlage: Hinter den Kulissen der Abzocker
Sie werden Zuschussverlage, Dienstleistungsverlage oder neuerdings auch Vanity-Verlage genannt. Dabei haben diese Firmen mit Verlagen wenig gemein, denn ihr Geschäftsmodell ist einfach: Wenn der Autor zahlt, wird das Buch gedruckt. Die schwarzen Schafe der Branche locken mit Milchmädchenrechnungen und abenteuerlichen Versprechungen, was mögliche Verkaufszahlen angeht. Wie die Wirklichkeit ausschauen kann, haben wir bereits vor Jahren hier berichtet. Doch immer wieder liest man von erschütternden Fällen, wie z.B. von einer 18-jährigen Schülerin, die zu einer Auflage von 10.000 Exemplaren überredet wurde. Die Eltern haben’s bezahlt. Es dürften vermutlich mehrere 1.000 Euro gewesen sein.
Nun ist einer dieser »Verlage« den Bach runtergegangen. Am 31. Januar 2007 wurde das Insolvenzverfahren gegen Mein Buch oHG eröffnet. Mit Sprüchen wie »Bücher schreiben ist ein Ausdruck von Freiheit. Lassen Sie sich keine Grenzen setzen.« schmierte man den Kunden Honig ums Maul – und wollte doch nur ihr Geld. Das Blog »Pfade durch den Buchmarkt-Dschungel« dokumentiert nun anhand eines realen Briefwechsels, wie der Verlag die Kunden zur Veröffentlichung überredet hat.
Ein herzliches Willkommen all denen, die neu sind
Egal, ob Sie von stern.de, von der Computerwoche oder von einer der zahlreichen anderen Online-Publikationen kommen, die den aktuellen dpa-Artikel von Annika Graf über Literatur-Websites veröffentlicht haben: Herzlich Willkommen im literaturcafe.de!
Bei uns können Sie über hundert Textkritiken von Malte Bremer lesen und so aus den Fehlern anderer lernen. Natürlich empfehlen wir Ihnen auch unseren Podcast. Neben unserer monatlichen Radiosendung können Sie dort auch Interviews mit Elke Heidenreich, Roger Willemsen und anderen bekannten und unbekannten Autoren hören.
Unser Menü ist sehr reichhaltig. Am besten Sie setzen gleich mal ein Lesezeichen (Bookmark) in Ihrem Browser oder abonnieren unseren Newsletter oder den RSS-Feed. So verpassen Sie nichts. Sie können in literarischen Reiseberichten schmökern und in einer gewaltigen Zahl an Gedichten und Kurzgeschichten. Im Bereich Literarisches Leben finden nicht nur Autorinnen und Autoren wertvolle Tipps wie z.B. zur Normseite, zu Literaturwettbewerben und zu dreisten Abzockversuchen.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß im literaturcafe.de und hoffen, dass Sie nicht das letzte Mal hier sind. Wie gesagt: Gleich das Café zu den Favoriten des Browsers hinzufügen.
P.S.: Kompliment an die Netzeitung! Trotz ihres Namens hat sie es tatsächlich geschafft, im Artikel zu den Literaturportalen im Netz keinen einzigen Link zu setzen.
Textkritik: Nacht – Lyrik
Nacht
Michael Bolz
Es tut noch nicht weh
Dass Du aufgehört hast
Mich zu lieben
Es tut noch nicht weh
Vielleicht aber kann ich
Es nur nicht fühlen
Weil ich dich auch
Nicht lieben kann
Zusammenfassende Bewertung
Aufgeblasener Firlefanz
Warum veröffentlicht jemand so etwas? Ich stelle mir vor, dass derlei Ausflüsse nur aufgeschrieben werden von Menschen, die entweder überhaupt keine Gedichte lesen oder nur solche, denen sie zufällig in Hausfrauenmagazinen und 08/15-Tageszeitungen begegnen oder in Lebensratgebern. Dort ist nichts interessant: Form & Inhalt haben nichts miteinander zu tun, ausgelutschteste Floskeln stolpern wichtigtuerisch auf verkrüppelten Versfüßen herum, Liebesdefekte und Jahreszeitenkitsch fressen sich, wenn sie sich nicht gar reimen, und sollen die Gedichte ganz »modern« sein wie zu Zeiten des Sturm und Drang (grob zwischen 1760-1790, zugegeben: nach Christi Geburt), wird weltmännisch auf Reime verzichtet und werden bedeutungslastigste Zeilentrennungen kreiert: Voilà, fertig ist das Kunstwerk, drei Minuten wertvollster Lebenszeit wurden dafür ohne Rücksicht auf Verluste geopfert bzw. in die Pfanne gehauen.
Man darf seinen Liebsten, seinem Tagebuch, seinen engsten Freunden nach Seelenschmerz und Herzenslust Weisheiten und Belehrungen und Wahrheiten zusammendichten und zusammenreimen, die wissen es zu schätzen (»Ist ja rührend« oder »Der gute Wille zählt« oder »Gut getroffen« oder »Das reimt sich ja sogar«) – aber allerhöchste Obacht, wenn Liebste und Freunde und Tagebücher raten: »Mensch, mach da doch ein Buch draus« (oder heute, ganz modern: »Stell es doch ins Internet, damit es alle Menschen lesen können!«). Dass viele bedauerlicherweise auf dieses Geschwätz reinfallen, kann man im Internet nachlesen: Man suche nur einmal nach »Liebesgedicht«; da bietet Google über 230.000 Treffer an, von denen viele zudem ganze Deponien von Liebesgedichten verstecken; man kann sich sogar Liebesgedichte basteln lassen, und die sind bestimmt nicht schlechter als die eigenen Ergüsse …
Die Kritik im Einzelnen
Stimmt! Bislang ist alles eitel Sonnenschein, auch wenn das Gedicht Nacht heißen zu müssen die feste Überzeugung hegt. zurück
Jetzt bin ich aber mal gespannt, womit die Nacht noch nicht aufgehört hat: mit dem Verdunkeln? Dem Kuscheln? Dem Auspeitschen? Jedenfalls ist es nett, dass mal jemand mit der Nacht spricht! zurück
Na sowas, da bin ich aber platt: Die Nacht ist/war philantrop (ich wollte – gelahrt als ich bin – zunächst homophil schreiben, aber der Begriff engt zu sehr ein), zumindest das lyrische Ich (hier ist es Empfänger der Liebe, nicht Sender (um grammatische Missverständnisse zu verhindern)) hat sie arg lieb gehabt. zurück
Was noch nicht ist, kann immerhin werden; das wäre für die Nacht zumindest ein kleiner Trost. zurück
Jetzt wird es dank dem Enjambement erneut ungeheuer spannend: Was mag wohl folgen? Was könnte das lyrische Ich können? Der Nacht die doppelte Ration Liebe einschenken? Licht anmachen, um sie zu ärgern? Rollläden runter lassen und sie im Schlafzimmer einsperren? zurück
Logisch: Wenn das lyrische Ich Es nicht fühlen kann, kann Es auch nicht wehtun; was aber ist mit dem Über-Ich? Hat das gar nichts dazu zu sagen, z. B. »Lass endlich die Finger von der Nacht, freu dich doch, dass die geschnallt hat, dass sie dich immer viel zu finster angeschaut hat!« zurück
Was ist das für ein kümmerlich-kleines d im dich? Wo ist persönliche Anrede Du geblieben? Ist die Nacht auf und davon, also nicht mehr direkt ansprechbar? Handelt es sich gar um zwei verschiedene Ansprechpartner, nämlich ein menschlich-lebendiges Du und das Nacht-dich (oder umgekehrt)? Liebt das lyrische Ich zwar die Nacht, nicht aber den anderen Menschen (gewiss, das Du bzw. dich könnte ein Kaugummi sein, das hat sogar etwas Sinniges, da in dem Skiffle-Song Does your chewing gum lose its flavour on the bedpost over night Kaugummi und Nacht in einen engen Zusammenhang gebracht werden!)? Ich befürchte jedoch, dass hier schlicht und einfach ein Rechtschreibfehler vorliegt! Auch der – unfreiwillige – Humor, der hier anklingt (»Du mich auch!«), hülft dem Text nüscht! Und dass hier erneut via Enjambement zumindest Spannung zu erzeugen versucht wird, war zu erwarten; klappt aber irgendwie so gar nicht! zurück
Gefreut hätte ich mich, wenn die Zeile gelautet hätte: Nicht fühlen kann, denn die Nacht ist schlechterdings nicht zu begrabschen:
Vielleicht aber kann ich
Es nur nicht fühlen
Weil ich dich auch
Nicht fühlen kann
… auch nicht lieben hingegen ist blödsinnig, denn die Nacht oder das Kaugummi oder das menschliche Wesen hat das lyrische Ich geliebt, sonst hätten die drei damit nicht aufhören können. Aber das steht satte 6 Zeilen vorher, und man kann sich schließlich nicht an alles erinnern, was man so im Laufe seines Lebens geschrieben hat! zurück
Maltes Meinung: Ein exemplarisch schlechtes Gedicht
Autorinnen und Autoren können ihre Werke an unseren Textkritiker Malte Bremer schicken. Dieser bespricht die Gedichte oder Geschichten dann öffentlich. Dabei geht es in unserer Rubrik »Maltes Meinung« nicht darum, schlechte Autoren vorzuführen, sondern die Textkritiken sollen für andere Schreiber eine Hilfe sein, ihre Arbeiten kontinuierlich zu verbessern und sie auch selbst immer wieder kritisch zu überarbeiten: lernen aus den Fehlern der anderen.
Wer Texte zur Begutachtung an Malte Bremer schickt, der weiß, was sie oder ihn erwartet. Über 100 Gedichte und Kurzgeschichten hat Malte ausführlich besprochen. Wer hier im Archiv aufmerksam stöbert und liest, der kennt Maltes Bremers Stil, seine Beobachtungen von Details und seine oft auch ironische Art. Denn es soll ja auch Spaß machen, die Kritik des Textes mit Gewinn zu lesen.
Man sollte also meinen, dass die Qualität der Texte, die zwischenzeitlich bei uns zur öffentlichen Besprechung eingehen, sehr hoch ist und die Autorinnen und Autoren an den vielen guten und schlechten Beispielen gelernt haben.
»Woyzek« und »Kabale und Liebe« als kostenloser Download
Eine Woche lang, vom 16. bis zum 25. März 2007, bieten SWR2 und MDR Figaro zwei hochkarätig besetzte Hörspiele kostenlos zum Download an. Beim SWR ist eine Neuaufnahme von Büchners »Woyzek« zu haben und der MDR stellt Schillers »Kabale und Liebe« zum Download bereit.
Unter dem Reihentitel »Klassik: Jetzt!« haben sich die Hörspielredaktionen von SWR und MDR an zeitgemäße und zugleich sehr textnahe Neuproduktionen herangewagt. Beide Sender haben je fünf deutsche Bühnenklassiker neu produziert – mit bekannten Schauspielern wie Fritzi Haberlandt, Ulrich Matthes oder Matthias Habich. Regisseur dieser Produktionen ist Leonhard Koppelmann. Alle zehn Stücke sind seit 18. Februar bis 9. April 2007 immer sonn- und feiertags ab 18.20 Uhr in SWR2 zu hören. Der MDR sendet ab 13. März drei Produktionen der Reihe. Zur Leipziger Buchmesse im März 2007 erscheinen alle zehn Produktionen bei Argon als Hörbuch-Edition. [via Hörbuch- und Podcast-Blog]
Neuer Service: Kommentare per eMail
Ab sofort gibt es einen neuen Service bei den Kommentaren zu unseren Notizen und Berichten. Wer zu einem Beitrag einen Kommentar abgibt, kann sich über weitere Kommentare anderer Besucher per eMail informieren lassen. Das ist sehr praktisch und hilfreich, denn wer viel im Netz herumsurft, verliert schnell die ein oder andere Diskussion aus den Augen. Mithilfe einer übersichtlichen Verwaltungsfunktion erhält man zudem schnell einen Überblick, zu welchen Notizen solche eMail-Erinnerungen aktiv sind. Selbstverständlich lassen sich diese Erinnerungen auch wieder deaktivieren.
»Ein von den Medien aufgeblasener Chatraum mit Animation«
Man darf vom Newsletter der Frankfurter Buchmesse sicherlich keine journalistische Qualität erwarten. Schließlich schreibt man dort Pressemeldungen der Verlage ab und verkauft sie, als habe sich die Redaktion des Newsletters tatsächlich beispielsweise in Second Life umgesehen, um Verlagen und Autoren Marketingmöglichkeiten aufzuzeigen. Wäre man wirklich dort gewesen, so würde man nicht schreiben, dass die Hörlounge des DAV im NEON-Club zu finden sei. Das stand zwar in der Pressemeldung, stimmt aber nicht mit der fiktiven Wirklichkeit von Second Life überein. Wäre man dort gewesen, hätte man’s gemerkt.
Demnächst eröffnet auch die zum Douglas-Konzern gehörende Online-Buchhandlung BOL einen virtuellen Shop in Second Life. Aktuell wird noch fleißig gebaut. Die Eröffnung ist für den 16. März geplant. Wir waren heute schon einmal dort und haben bei den Bauarbeiten zugesehen. Interessant und bemerkenswert, dass man den BOL-Shop mit eigenen Mitteln und Mitarbeitern verwirklicht, denn für die Umsetzung ist der hauseigene Web- und Grafikdesigner zuständig, der sich die Baukenntnisse selbst beigebracht hat. So versenkt wenigstens BOL keine weiteren externen Mittel in der digitalen Welt.
Ganz anders die Europäische Union, die offensichtlich demnächst Steuergelder für den digitalen Mumpitz ausgegeben will. Gebt doch statt dieser Spielerei jedem EU-Bürger ein Eis aus, empfiehlt zu Recht medienrauschen.de.
Zum Glück gibt es beim Handelsblatt noch Journalisten, die sich nicht an der medialen Sexorgie beteiligen. Thomas Knüwer schreibt in seinem Weblog über das wahre Leben im zweiten: Auch wenn die Firmen auf die sparsam vorhandene mögliche Kundschaft zugehen, die sich angeblich in Second Life tummeln soll: Je näher sie auf die Konsumenten zugehen, desto schneller hauen die ab. Die meisten Firmenvertretungen sind ganztägig leergefegt und bieten ein traurig-peinliches Bild. … Damit will ich nicht sagen, dass Second Life nicht ohne Faszination ist. Aber letztendlich ist es ein von den Medien aufgeblasener Chatraum mit Animation.
Die Pinguine schreiben nicht mehr
Nach nur sechs Wochen stellt Penguin Books das Mitschreibprojekt A Million Penguins ein. Mithilfe einer Wiki-Software sollte hier jeder an einem gemeinsamen Roman mitschreiben. In Weblogs und der Fachpresse wurde das Projekt gerade noch als Beispiel für die schöne neue Internetwelt der Verlage gefeiert, bei der die Leser aktiv beteiligt werden und so die »Markenbindung« verstärkt wird. »Verlage werden sich daher immer mehr zum Informationsmoderator entwickeln müssen«, mutmaßt eine Forschergruppe um Professor Figge von der HTWL Leipzig in der aktuellen Ausgabe des buchreport. Und auch die anderen beliebten Phrasen der PR-Berater durchziehen den Artikel.
Aber wie schon bei Second Life sieht die Wirklichkeit anders aus, als sie die Web 2.0-Fetischisten erträumen. Man kann schon froh sein, wenn die Projekte den Monat nach der entsprechenden Pressemeldung überleben. Die schönen neuen Marketingkonzepte, die die Berater derzeit den Verlagen und Autoren verkaufen (wollen), funktionieren offensichtlich nicht in der Praxis.
Virtuelle Film- und Buchtournee: Nessa Altura war zu Gast im literaturcafe.de
Nach einem Erdbeben sind 17 Schülerinnen und Schüler, ihr Deutschlehrer und ein Referendar unter den Trümmern ihres Schulgebäudes begraben. Vier Schüler der Klasse gelten als vermisst, und man muss annehmen, dass sie tot sind. Die Schüler beginnen, sich Geschichten zu erzählen, um das Warten auf Rettung erträglicher zu machen. Eine Handlung, die natürlich nicht zufällig an Tausendundeine Nacht oder das Dekameron erinnert.
»Die 13. Klasse« heißt das Buch, das die Geschichte(n) der Schüler beinhaltet. »Ein Roman von Nessa Altura« lautet der Untertitel, und die mehrfach ausgezeichnete (Krimi-)Autorin Nessa Altura, begrüßten wir am 8. März 2007 im Rahmen ihrer virtuellen Buch- und Filmtournee im literaturcafe.de.
Die 13. Klasse – ein Filmsplitter zum Buch von Nessa Altura
Ein Erdbeben erschüttert den Bodensee-Raum. Das Gebäude des Bodensee-Gymnasiums in Lindau stürzt ein. Ein Lehrer, ein Referendar und 17 Schüler sind zwischen Gebäudeteilen und in nahezu vollkommener Dunkelheit gefangen. Vier Schüler der Klasse antworten nicht mehr.
Um ihre Angst zu vertreiben und die Zeit bis zur hoffentlich bevorstehenden Rettung schneller verstreichen zu lassen, beginnen die Überlebenden, sich Geschichten zu erzählen. Später, nach ihrer Rettung, schreiben die Schüler die Geschichten auf und veröffentlichen sie als Buch. Die Schüler starten zudem ein Weblog über ihr Buchprojekt und stellen kleine Filme in Videoportalen online, die für ihr Buch und ihre Geschichte(n) werben sollen.
Hier ist einer der Filme zur Erzählung »Alles ihre Schuld«, die Anna Echtern im Buch erzählt:
[sevenload T6ZTG3W]
Aber ist das alles wirklich so passiert? Gibt es diese Schulklasse? Oder ist alles nur eine Erfindung der (Krimi-)Autorin Nessa Altura? Am Donnerstag ist Nessa Altura im Rahmen ihrer virtuellen Buch- und Filmtournee hier im literaturcafe.de zu Gast, um über das Projekt zu berichten und Fragen zu beantworten. Das literaturcafe.de ist ihre zweite Station. Wer noch mehr über die Autorin und das Projekt wissen will, der sollte bei Bernd Röthlingshöfer reinschauen, bei dem Nessa Altura ihre Tournee am Dienstag begann.
Brave New World: Die repetitive Banalität von Second Life
Wer derzeit in den Medien nur die Berichte über die digitale Parallelwelt Second Life liest ohne sie einmal gesehen zu haben, der könnte den Eindruck gewinnen, dort etwas zu verpassen. Dass dem zum Glück nicht so ist, darüber haben wir bereits in unserer letzten Podcast-Folge gesprochen. Second Life ist ein typisches Hype-Thema, wie es sie in den Zeiten der sogenannten New Economy zahlreich gab. Dennoch kann es hilfreich sein, diesen Hype auch als Autor oder Verlag zu nutzen, um auf die eigenen Bücher aufmerksam zu machen. Auch hierzu haben wir Tipps in unserer letzten Podcast-Folge gegeben. Der Hörbuchverlag DAV ist ein gutes Beispiel dafür, wie weit Schein und Realität tatsächlich auseinanderliegen.
Einen sehr guten Eindruck, wie langweilig und banal diese Pixelwelt tatsächlich ist, gibt die britische Autorin Jenny Diski in einem ausführlichen Bericht, den sie für die NZZ geschrieben hat: »Second Life« ist nichts als Wiederholung. Es ist eine virtuelle Welt des Kaufens und Verkaufens, von Konsum und Profit, üppigem Dekor und politischer Apathie. Was Sie in dieser alternativen Welt kriegen, sind Kasinos, Stripteaselokale, Häuser, Wohnaccessoires, Kleider, Schmuck, Autos, Motorräder und Läden, in denen all diese Dinge an Cartoon-Figuren verkauft werden; Figuren, die ihre realen Besitzer repräsentieren und in Häusern auf dem virtuellen Land «leben», das sie gekauft haben, ihre Interieurs herausputzen, ihre Kleider, Frisuren und Schmuckstücke wechseln, ihre Autos fahren, in den Kasinos spielen und nackte Go-go-Girls beglotzen – vielmehr weibliche Cartoon-Figuren, die ihre gepixelten Brüste und Schamteile nach altbewährter, routiniert-lüsterner Manier darbieten. Bildung gibt es auch. Tutoren erklären, wie man aus Pixeln Dinge machen kann, und amerikanische Colleges offerieren Kurse für ihre zahlungspflichtigen Studenten. Von Sokrates in der Agora allerdings keine Spur.
Kritiker werfen solchen Berichten zwar immer wieder vor, die Faszination von SL erschließe sich nicht nach einmaligem Herumwandeln, sondern beginne meist erst dann, wenn man dort Grundbesitz erwerbe und beginne, sein eigenes digitales Heim zu bauen. Erst wer dort also Geld ausgibt, hat die Chance glücklich zu sein. Brave New World!

